Aus Alt mach Effizienzhaus

29.11.2009



Wir überlegen, ein schönes altes Haus von 1912 mit Küppelwalmdach zu kaufen und mit KfW Kredit zum Effizienzhaus zu sanieren. Der ursprüngliche Plan war, irgendein unscheinbares Haus aus den 60igern oder 70igern hier in Varel zu kaufen und mit einer Baufirma kernzusanieren. Jetzt haben wir aber ein charmantes Bürgerhaus mit scheinbar noch sehr gut erhaltenen Massivholzdielen unter diversen Teppich- und Parkettböden. Einen richtigen Keller gibt es nur unter dem Flur (gewölbte Kellerdecke mit Eisenträger), sonst ist unter allen anderen Räumen ein Kriechkeller von ca. 60 cm.

Die Baufirma schlägt vor, die einwandfreie alte Geschoßdecke im Erdreich komplett mit Dielen und Balken rauszureissen und als Bauschütt in den Kriechkeller zu schmeissen um dann den Kriechkeller weiter mit Sand zu befüllen. Darauf kommt eine Bodenplatte aus Beton mit Isolierung um die thermische Hülle zusammen mit Wärmeverbundsystem für die Fassade und neues Dach herzustellen. Im ersten Stock soll direkt auf die alten Dielen Stahlfaserestrich gegossen werden um auf beiden Etagen eine Fußbodenheizung zu ermöglichen.

Meine Fragen, die ich nach vieler Recherche hier auf Fachwerk.de u.A. noch nicht schlüssig beantworten kann:

1. Ist es irgendwie möglich, im Erdgeschoß die alte Geschoßdecke bzw. Kriechkeller für ein Effizienzhaus ausreichend zu isolieren, ohne die alten Dielen erst rauszunehmen?

2. Wenn ich die alte Dielen rausnehmen und nachher neuverlegen lassen will, kann das wirklich das Dreifache von dem kosten, was neue Dielen kosten würden? (würde mir erzählt, kann ich mir aber nicht vorstellen. Wie teuer ist eine Restaurierung vom Fachbetrieb eigentlich?)

3. Sollten wir uns für die Bodenplatte und Fußbodenheizung entscheiden (FBH ist uns wichtig), kann man auch alte Dielen auf die FBH nachher verlegen?

4. Wäre es möglich, FBH auch ohne Bodenplatte im Erdgeschoß zu installieren? Wie würde so ein Fußbodenaufbau aussehen? Diffusionsoffen kann das natürlich nicht mehr sein, da die FBH eine Isolierung braucht.

5. Wird der Stahlfaserestrich im ersten OG den alten dielen-Fußboden stärken oder gar überlasten?

Dankbar für jegliche Hinweise und Ratschläge,

Matt



Da



solltet Ihr erstmal die Baufirma wechseln. Bauschutt gemischt mit Holz einfach im Gebäude verbuddeln ist einfach Pfusch, und zwar vom übelsten.
Der Beschreibung nach ist an diesem Haus noch nicht allzuviel herumgebastelt worden. Ihr solltet Euch einen altbauerfahrenen Planer suchen und ein Gesamtkonzept für eine dauerhafte und funktionierende Lösung erarbeiten.
Das, was Ihr da vorhabt, ist ein schwerwiegender Eingriff in das gesamte bauphysikalische System des Gebäudes. Da gibts wirklich eine Menge falschzumachen.
Das ist ungefähr so, als würde man einen VW-Käfer der 60er Jahre auf den technischen Stand eines heutigen Golf GTI bringen wollen.
MfG
dasMaurer



Warum Pfusch?



Danke für die schnelle Antwort,

mir ist das Ganze genauso suspekt wie dir, siehts aus. Wenn wir aber weiterhin ohne Ahnung wie die Sache "richtig" anzugehen wäre diverse Planner, Architekten und Baufirmen ansprechen, haben wir keine Möglichkeit zu beurteilen, welche davon eine angemessene Sanierung vorschlagen und welche nicht! Was würdest du persönlich mit so einem Haus machen?

Gruß,

Matt



Rubrik "jegliche Hinweise":



1. Lohnt sich KfW-Kredit?

Nach meiner unmaßgeblichen Erfahrung aus allerdings zig Beratungs-Fällen irgendwo habe ich noch nie gefunden, daß die Kostenvorteile einer an CO2-Erfolge geknüpfte KfW-Förderung/-Kreditverbilligung den damit zwangsweise verbundenen Baukosten-Mehraufwand gedeckt hätte. Ganz im Gegenteil: Es waren immer recht lachhafte Beiträge.

Der wahre Finanzierungsvorteil entsteht genau andersrum: Verzicht auf all den Effizienzsteigerungs-Unsinn.

2. Wirtschaftlichkeitsberechnung erforderlich

Um hier die richtige Wahl zu treffen, genügt also die Kostenbetrachtung, allerdings im Rahmen einer Wirtschaftlichkeitsberechnung. Dann können auch die Kosten außerhalb der reinen Baufinanzierung berücksichtigt werden.

3. Energiesparen gem. Energieeinsparungsgesetz EnEG und EnEV

Bei wirtschaftlicher Betrachtung entpuppen sich sehr viele Energiesparhits als reine Geld- und Energieverschwendung. Mal ganz abgesehen vom technischen Wahnsinn dank Schadensförderung. Und verstoßen krass gegen das Energieeinsparungsgesetz (EnEG § 5), Grundlage der EnEV. Deswegen bietet EnEv § 25 die Befreiung für unwirtschaftliche Maßnahmen. Und das können doch sehr viele sein.

4. Was tun?

All das soll nun keineswegs heißen, daß man kein sinnvolles Update als Altbau 2.0 durchziehen könnte. Vor allem die Heizung (Stichwort Hüllflächentemperierung / Strahlungsheizung) kommt dafür vorrangig in Frage, ebenso eine behutsame FensterINSTANDSETZUNG.

5. Wer hilft?

M.E. sind für wirtschaftlich vertretbare Sanierungsmaßnahem die direkt vom Auftragsumsatz abhängig lebende Unternehmen nicht unbedingt die richtigen Berater.

Sogar bei Architekten soll sich hin und wieder beobachten lassen, daß deren pflichtgemäße Treuhänderschaft gegenüber dem Bauherren auf recht wackeligen Beinen steht. Nicht nur beim für den ahnungslosen Bauherren honorarpflichtigen Durchreichen der kostenlos empfangenen Umsatzmaximierungsplanung der Baustoffproduzenten / Bauindustrie / Handwerkerfreunde (erkennbar am das VOB-Neutralitätsgebot verletzenden Passus "oder gleichwertig" im Leistungsverzeichnis, könnte vor der Auftagserteilung bei abgefragten ReferenzLVs für die typischen Saniergewerke wie Putz / Anstrich / Steinrestaurierung / Dämmung / Dachdeckung / Bodenbelag/Fenster usw. leicht abgeprüft werden ...).

Einiger dem zwingenden EnEG-WirtschaftlichkeitsGEBOT hohnsprechender Energiesparunsinn wird ja auch unter Architektenregie durchgezogen.

6. Die Ausreden

Der arglose Bauherr zahlt die Schwindelplanung - und wird mit dem Hinweis "die EnEV fordert das" / "da haben wir gute Erfahrung mit gemacht" (im Durchreichungsfall) mächtig gewaltig aufs Kreuz gelegt. Wohlfeile Ausreden für derartige honorarerhöhende Verstöße, die gem. BGH-Urteil selbstverständlich Schadensersatzpflicht auslösen, sind Legion.

7. Tipp

Mein Tipp: Angemessenes Update des ehrwüdigen Hauses im Sinne einer gesetzestreuen Harmonie von Substanzschonung, Energiesparen und Kostensparen. Das spart Bausubstanz und Nerven.



Gut Ding will Weile haben!



Allgemein sind Häuser aufgrund des vorhandenen Baumaterials, der Heizmöglichkeiten und der Bautradition gebaut. Das spielt alles zusammen. Deshalb ist die Idee, eine Bauernkate zu einem Effizienzhaus "upzudaten", meist nicht glücklich. Es ist auch nicht sinnvoll, einen Landrover zu einem Lupo umzubauen, obwohl beides Autos sind.

Deshalb: zusammen mit einem Architekten, der an schonenden und umweltbewussten Sanierungen interessiert ist, ein Gesamtkonzept erarbeiten, die Heizung ist hier wesentlicher Bestandteil. Den Mann oder die Frau zu finden, ist vielleicht nicht einfach, aber es lohnt sich!
Wenn man die ungefähren Kosten und mutmasslichen Energieverbrauchsdaten (in kWh/Jahr) sowie die baulichen Konsequenzen mehrerer Varianten vorliegen hat, ist die Entscheidung meist leicht - wenn nicht, entscheidet man sich für die energiesparendere.
Wenn die Ausführungsplanung steht, dann erst Aufträge vergeben.

Dass eine Baufirma das Abbruchholz im Auffüllschutt belassen will, glaube ich trotz vorgeschlagener Hau-Ruck-Methoden nicht, da wurde wohl etwas falsch verstanden.



Holz im Auffüllschütt



Erstmal herzlichen Dank an alle für die Antworte bisher - ich möchte später näher darauf eingehen.

Erstmal zum Holz als Schütt: Das würde mir von meiner Frau so weitergegeben, ich habe dieses Kommentar nicht mit eigenen Ohren gehört. Sie ist sich jetzt auch nicht mehr sicher, ob sie das richtig verstanden hatte, kann sich also durchaus um ein Misverständnis handeln.

Gruß,

Matt



FBH und Holz



Hallo,
zunächst möchte ich mich auch erschreckt von der Idee zeigen, Holz als/mit Bauschutt im Keller zu entsorgen. Ich hätte sehr große Sorge, dass sich dadurch ein Schwamm bildet, der mich in ein paar Jahren im Erdgeschoss grüßt. Der Mix aus organischem Material + Kellerfeuchte scheint mir dazu nämlich ideal.

Betreuerfirma wechseln! Guten Rat und Adressen findest Du – falls nicht hier – auch bei der Interessensgemeinschaft Bauernhaus, unter www.igbauernhaus.de (auch wenn's kein Bauernhaus ist ;-).

Wir haben FBH unter Eichendielen. Da Niedertemperatur-Heizung reicht das nicht, um die Räume warm zu bekommen. Darum zusätzlich, nein, eher hauptsächlich Wandheizung (ein Kreislauf mit der FBH). Hätte auch auf die FBH verzichtet, wenn wir nicht so viele Fensterflächen hätten und ich da der Wandheizung nicht ausreichend vertraut habe.

Zum ersten Stock: wenn Ihr wirklich alten Pitchpine-Boden drin habt, auf keinen Fall mit irgendwas zugiessen! Dann lieber rausnehmen, teuer verkaufen, und irgendein Trockenbauplatten-Gedöns als FBH-Unterlage einbauen...

Hast Du die Option Wandheizung statt FBH schon in Erwägung gezogen? Grundsätzlich unbedingt zu empfehlen, Raumklima und Wärmegefühl sind einfach unschlagbar.

Viel Erfolg,
mag



Unschlagbar



könnten auch die Kostenvorteile sparsamerer Lösungen sein. Danach fragen kost nix, vor allem bei allen Extremveränderungen mit massiven Eingriffen. Wird ja gern empfohlen, weil es schick ist, kost aber dick! Und geht oft anders besser. Sag ich mal als Denkmalschützer und Ingenieur.

Interessanter Forumsthread vielleicht auch hier:

Wie heizen im Altbau?



Unser Haus ist auch Baujahr 1912...



...aus eigener Erfahrung und 13 Jahre wohnen darin, kann ich sagen: ein Effizienzhaus wird es nie.
Gehen Sie behutsam mit so einem Haus um.
Die teuersten Schönheitsoperationen können daneben gehen.
Es ist zwar etwas hart was bei den 7 Punkten bei K.Fischer steht, aber absolut nachvollziehbar.
Grüsse aus dem Leinebergland