Ich suche zu Baustellenseilen weitere Hinweise

08.07.2008



Hallo allerseits,

ich suche zur Geschichte der Baustellenseile weitere
Hinweise. Gerade begegnete mir ein Text aus dem
19.Jahrhundert, der sich sehr interessant auswerten
ließ. Vielleicht hat jemand Hinweise auf noch frühere
Texte, etc.
Die Seilerei als Thema wird recht spannend sein
müssen, nicht nur, weil regional viele Seilereien
arbeiteten, sondern auch, weil deren Seile bei
Baustellen sicherlich eingesetzt wurden. In Montabaur
hatten wir eine Seilerei. Aber bislang wissen wir
wenig über den Vertrieb der Seile.

Grüße
Karl-Ludwig Diehl
Deutsches Gewölbemuseum

-----------------> Anhang:

Das Baustellenseil im 19.Jahrhundert: die vielen Arten
der Seile und ihre Verwendung


Man müßte sich damit beschäftigen, in welchem Umfang
die Seile auf den Baustellen im Laufe der Geschichte des
Bauwesens zum Einsatz kamen. Im Jahre 1861 schrieb
jemand zu den Baustellenseilen:

"Die Seile gehören zu den nützlichsten und am häufigsten
gebrauchten Gegenständen auf dem Bauplatze und sind
für die Arbeiten auf demselben so wichtig, daß es wirk-
lich Unrecht ist, wenn sich der größte Theil der Architek-
ten und Bauunternehmer so wenig damit beschäftigt, de-
ren Beschaffenheit und Leistungsfähigkeit näher kennen
zu lernen; selbst die Arbeiter sind dabei interessirt, denn
von der Festigkeit und der zweckmäßigen Anwendung der
Seile hängt es ab, daß Unfälle verhütet werden, bei denen
sie der Beschädigung am meisten ausgesetzt sind." (1)

Würden wir einen interkulturellen Vergleich ziehen kön-
nen, was auf Baustellen zum Ziehen und Binden genom-
men wurde und wird, dürfte sich das Bild vom Seil oder
von dem mit dem Seil Vergleichbaren interessant vervoll-
ständigen. Doch bleiben wir beim Seil. Woraus besteht
das Seilwerk?

"Das wichtigste Element eines jeden Seilwerks ist das
Kabelgarn, d.h. die mittelst einer leichten Drehung bewirk-
te Verbindung einer gewissen Quantität von Hanffäden.
Man gibt diesem Kabelgarn einen Durchmesser von 1 bis
6 Millimeter, und aus deren bündelförmigen Verbindung
entstehen Litzen, welche zu einem Seile zusammenge-
dreht werden." (2)

Aus Kabelgarnen aus Hanffäden waren also im 19.Jahrhun-
dert die Litzen für die Seile gebündelt worden, aus denen
wiederum die Seile gedreht worden sind. Hanffäden werden
zu Kabelgarn, Kabelgarn wird zu Litzen, Litzen werden zu
Seil. Bei den Seilen unterschied man damals zwei Arten:

"Es gibt zwei Arten von Seilen, einfache und zusammen-
gesetzte. Die ersteren entstehen durch das Zusammen-
drehen einer gewissen Anzahl von Litzen und sind die ge-
wöhnlichen Seile; die zweiten, Greling genannt, haben
einfache Seile als Litzen; ihre Litzen sind also selbst von
zusammengedrehten Litzen gebildet, und aus diesem
Grunde werden sie Kardeele genannt." (3)

Es wird zwischen Seil und Greling unterschieden. Die Sei-
le werden aus Litzen gedreht, die Grelings werden aus
den Seilen gedreht. Einfache Seile werden dann zur Litze,
aus denen dickere und festere Seile gedreht werden. Sol-
che Litzen aus gedrehten einfachen Seilen wurden zu Kar-
deelen. Man fragt sich, woher die Worte kommen, mit de-
nen alle Teile der einfachen und zusammengesetzten
Seile benannt werden.

Es ist nicht uninteressant zu lesen, daß im Jahre 1861
zwei Arten von einfachen Seilen unterschieden wurden,
weil sie aus zwei verschiedenen Arbeitsvorgängen her-
vorgingen:

"Die einfachen Seile werden auf zweierlei Art bearbeitet,
und zwar gibt es solche, die bloß von Litzen gedreht wer-
den, und solche, wo ein Herz die Mitte einnimmt; man
vermehrt auf diese Weise ihre Dicke, nicht aber ihre Kraft."
(4)

Wenn man liest, daß dieser Kern des Seiles, hier Herz
genannt, "von nicht gedrehtem Hanf" oder "von einem nicht
mehr brauchbarem Seil" gemacht ist, kommen Zweifel, ob
sich die Verwendung eines solchen Seiles lohnt. Es sollte
offensichtlich dick aussehen, würde aber schnell in Fäulnis
übergehen und, was noch schlimmer ist:

"Man darf im Allgemeinen dem auf diese Weise herge-
stellten Seilwerk nicht vertrauen". (5)

Es wurde nach Gewicht verkauft. Die ordentlich gedrehten
Seile wurden im laufenden Meter angeboten. Nicht alle
Seilstärken wurden im Bauwesen gebraucht. Die einfa-
chen Seile konnte man in unterschiedlichen Stärken be-
ziehen:

"Die einfachen Seile haben drei oder vier Litzen, selten
mehr; jede Litze besteht aus 2 bis 60, 80 und selbst 90
Fäden, je nach der Stärke und dem Durchmesser, den
das Seilwerk haben soll." (6)

Wenn die Litzen aus 2 bis 90 Fäden bestanden haben sol-
len, wirft sich die Frage auf, wie das gemeint ist. Eingangs
war zu lesen:

"Das wichtigste Element eines jeden Seilwerks ist das
Kabelgarn, d.h. die mittelst einer leichten Drehung bewirk-
te Verbindung einer gewissen Quantität von Hanffäden."
(7)

Wenn Litzen, die aus Kabelgarn gedreht wurden, aus 2 bis
90 Fäden bestehen konnten, so ist diese Erklärung irgend-
wie unklar, da übergangen wird, wieviele Hanffäden zu Ka-
belgarn gemacht werden, um daraus Litzen aus 2 bis 90
Fäden zu drehen. Vermutlich ist gemeint, daß 2 bis 90 Ka-
belgarne zu Litzen gedreht wurden und unterschiedliche
Seilstärken ergaben.

Wenn man liest:

"Das beim Bauwesen gebräuchliche Seilwerk besteht
aus: Leinen, Handseilen, Rüstseilen, Zugtauen, starken
Tauen" (8)

läßt sich erahnen, wie unterschiedlich Hanfseile Verwen-
dung fanden. Nicht zu jeder Seilart ist im Text aus dem
Jahre 1861 ihr Zweck genannt, also wozu sie verwendet
wurde.

"Die Leinen sind kleine einfache Seile von 3 bis 5 Milli-
meter Durchmesser, bestehend aus drei nach Art der Lit-
zen gedrehten Fäden." (9)

Was alles wird man mit ihnen auf den Baustellen gemacht
haben? Die Verwendung der Handseile wird jedoch erklärt:

"Die Handseile, die man gewöhnlich zur Verbindung der
einzelnen Theile der Mauergerüste verwendet, haben ei-
nen Durchmesser von 15 bis 18 Millimeter und bestehen
aus 4 Litzen von je 6 Fäden, und ihre Länge beträgt 2 bis
5 Meter." (10)

Die Mauergerüste wurden auch noch im 20.Jahrhundert
mit Seilen zusammengebunden. Wenn man heute eine
weltweite Untersuchung der Baustellen vornähme, dürfte
man noch bei sehr vielen Baustellen auf zusammenge-
bundene Baugerüste stoßen. Erheblich stärker sind Rüst-
seile:

"Der Durchmesser der Rüstseile variirt zwischen 27 und
34 Millimeter, und ihre Litzen, 4 an der Zahl, haben 7 bis
10 Fäden." (11)

Vermutlich waren damit Baugerüstteile zusammenzubin-
den, die erheblich beansprucht wurden. Auf den Baulei-
tungen, die alltäglich mit Seilen umzugehen hatten, wird
man den Wert der unterschiedlichen Seilarten gut gekannt
haben.

"Die Zugtaue haben 47 Millimeter Durchmesser und ha-
ben 4 Litzen von je 60 Fäden." (12)

Um Steine auf Baustellen hochzuziehen, die ungewöhnlich
schwer waren, verwendete man auch dickere Zugtaue. Die
dann üblichen wurden so aufgeteilt:
- 54 Millimeter Durchmesser mit 4 Litzen von 60 Fäden.
- 68 Millimeter Durchmesser mit 4 Litzen von 72 Fäden.
- 81 Millimeter Durchmesser mit 4 Litzen von 90 Fäden.
Noch stärkere Taue seien damals auf Baustellen unüblich
gewesen. (13)

Es finden sich im Text viele Hinweise, worauf bei Seilen zu
achten ist, wenn man sie für Baustellen erwirbt, wie sie ge-
lagert werden müssen, daß sie lange haltbar bleiben, und
wie sie unterhalten werden müssen, damit sie möglichst
lange nutzbar bleiben. Schäden waren auszubessern, wenn
sie auftraten. Vom Einteeren oder Einfetten der Seile wurde
dringend abgeraten, um die Bruchfestigkeit nicht zu beein-
trächtigen. Zur Festigkeit von Seilen waren viele Versuche
gemacht worden, aus denen ein Tabellenwerk hervorging.
Es galt ein einfacher Satz als Hinweis für den Praktiker:

"So besitzt ein dickes Seil verhältnißmäßig weniger Stär-
ke als ein Seil von geringerem Durchmesser; der obschon
merkliche Unterschied verdient aber dennoch keine ern-
ste Berücksichtigung, wenn man erwägt, daß man der
Vorsicht wegen dem Seilwerk nicht mehr als die Hälfte
der Last, welche den Bruch erzeugt, zumuthet. (14)

Von Duhamel, Rondelet, M.Morin und einigen anderen
Autoren standen im 19.Jahrhundert Abhandlungen zu den
Seilen zur Verfügung, welche ein Durchdringen der Mate-
rie zu Fragen der Haltbarkeit zuliessen. So schildert Du-
hamel eine wesentlich geringere Haltbarkeit von feuchten
Seilen gegenüber völlig trockenen Seilen. Interessant
sind für den interkulturellen Vergleich sind Hinweise auf
Seile aus anderen Materialien:

"Man macht nicht allein Seile aus Hanf, sondern auch
aus Flachs, Baumwolle und andern Pflanzen, deren Fa-
sern sich spinnen lassen. Die seidenen Seile würden
unter allen diejenigen sein, welche den höchsten Grad
der Eigenschaften besäßen, die man von einem guten
Seilwerk verlangt; ihre Dauer, Geschmeidigkeit, ihre Stär-
ke und besonders ihre große Elasticität würden kostbare
Vortheile sein, wenn der hohe Preis dieses Stoffes es
erlaubte, Seile für den Bauplatz daraus anzufertigen.
Derselbe Fall ist es mit dem Flachs. Die Baumwolle z.B.
könnte zur Anfertigung gewöhnlicher Seile verwendet
werden, wenn die Fäden dieser Stoffe wegen ihrer Fein-
heit, ihrer geringen Länge und ihrer wenigern Zähigkeit
sich zur Anfertigung widerstandsfähiger Seile eigneten."
(15)

Amerikanische Schiffe waren damals mit Baumwollse-
gel und Baumwollseilen ausgestattet worden, was bei
den Seilern, die Hanfseile drehten, mit großer Aufmerk-
samkeit verfolgt wurde. Es heißt im Text vom Jahre
1861, sie hätten sich auf den Seereisen dieser Schiffe
bewährt und man müsse über ihren Einsatz auf der
Baustelle nachdenken:

"Wie dem nun auch sein möge, so können die baum-
wollenen Seile, da sie weniger steif und Feuchtigkeit an-
zuiehend sind als die von Hanf, in solchen Fällen vor-
theilhaft verwendet werden, wo die Steifigkeit und hygro-
metrische Eigenschaft der Seile in große Berücksichti-
gung genommen werden muß." (16)

Auch über "die metallenen Seile" wurde reflektiert. Man
wußte von ihrer Haltbarkeit, wenn sie aus eisernen Dräh-
ten gedreht waren, kannte sie von Hängebrücken, usw.
Aber eine Verwendung hatte sich auf den Baustellen
noch nicht eingestellt. Hingegen waren eiserne Ketten
schon häufiger auf Baustellen in Gebrauch gekommen,
um Lasten zu heben. Man riet jedoch von ihnen ab und
pries die Vorteile der Hanftaue für Hebevorgänge, da sie
größere Sicherheit böten.

Exkurse zu Seilarten lesen sich spannend. Da Seile eine
so große Bedeutung auf Baustellen hatten und vielleicht
auch immer noch haben, ist eine baugeschichtliche Be-
arbeitung des Themas angebracht. Der Literatur ist
nachzugehen.

K.L.

Dieser Text von Karl-Ludwig Diehl wurde in
http://groups.google.com/group/de.sci.architektur
und
http://groups.google.com/group/de.sci.ing.misc
zur Diskussion gestellt. Der Autor ist über folgende
Emailadresse erreichbar: baugeschichte (at) email.de

Anmerkungen:
(1)-(12) zitiert aus: o.A.: Ueber die Anwendung der Seile
auf den Bauplätzen. S.58-64 in: Allgemeine Bauzeitung.
Wien, 1861. S.58
(13) siehe: o.A., wie vor, S.58
(14) zitiert aus: o.A., wie vor, S.59
(15)-(16) zitiert aus: o.A., wie vor, S.63



Baustellenseile



Mit Rüstseilen habe ich als Lehrling noch gelernt, Stangengerüste zu bauen.
Die Seile waren ca. 1,20 m lang und hatten ein eingespleißtes Auge an einem Ende.
Zum Binden der Riegel an die Stangen gab es den Zimmermannsschlag, einen speziellen Knoten.

Viele Grüße



Baustellenseile



Ingenieurbüro Georg Böttcher | Georg Böttcher | 08.07.08
schrieb:

> Mit Rüstseilen habe ich als Lehrling
> noch gelernt, Stangengerüste zu bauen.

Mir sind Seile auch noch bekannt, allerdings
fehlt mir die genauere Erinnerung an Einzelheiten.

> Die Seile waren ca. 1,20 m lang und hatten ein
> eingespleißtes Auge an einem Ende.

Sie hatten ein Auge an einem Ende? Interessant.

> Zum Binden der Riegel an die Stangen gab es den
> Zimmermannsschlag, einen speziellen Knoten.

An den habe ich keine Erinnerung. Ich weiß
auch nicht, ob ich ihn je bewußt vermittelt
bekam.

K.L.Diehl