Fassade, verputztes Fachwerkhaus

17.09.2019 stefha



Bin seit einem Jahr Eigentümer eines verputzten Fachwerkhauses von 1732. Bis jetzt konnte ich keinerlei Belege dafür finden, dass es jemals Sichtfachwerk gehabt hätte, das älteste Foto davon ist von 1911 und es ist vollflächig verputzt. An der nördlichen Giebelseite ist der Verputz stark beschädigt und fällt in quadtrametergrossen Fladen ab. In das haus wurde 30 Jahre lang nichts mehr investiert und davor, zu DDR-Zeiten war es auch nicht besser. Nun konnte ich den besten Verputzer/Stukkateur der ganzen Gegend dort (Raum Südthüringen, Itzgrundfranken, Heldburg) gewinnen, mir die Giebelseite neu zu verputzen. Er hat in seinem Kostenvoranschlag vor, auf die nach Abschlagen des alten, maroden Putzes freiliegenden Balken zuerst Bitumenbahnen (Dachpappe) aufzubringen, dann einen Putzträger und darauf dann vollflächig den neuen, diffusionsoffenen Verputz. Alles in Einklang und Einverständnis mit dem zuständigen Stadtplanungsarchitekten und dem Denkmalamt.
Nun lese ich im besten mir bekannten Fachwerkhaus-Buch "W. Lenze, Fachwerkhäuser restaurieren, sanieren, modernisieren", dass der Versuch, Balken mit diffusionsdichten Materialien wie Bitumen und Teerpappe zu "schützen", in der Praxis nur ins Unglück führt, da die Balken dann zu faulen und modern beginnen werden, da im Holz sitzende Feuchtigkeit nicht mehr nach aussen abtrocknen kann. Die Frage lautet: Soll ich dem Verputzer das mit der Teerpappe wohl besser ausreden? Wenn es hinterher zwar schön aussieht, aber unter dem Verputz das Haus wegmodert, habe ich nicht lange Freude daran und ruiniere mir obendrein das Haus.
Bitte um Rat,
Grüsse
Stefan



Klingt zumindest komisch.



Wenn der Verputzer eine logische Erklärung liefern kann, wieso denn die Teerpappe vorher drauf soll, wäre ich sehr gespannt.

Vollflächiges Verkleiden mit dichten Materialien ist immer schadträchtig (es ist ja keine Aussendämmung sondern nur eine dünne Bahn). Mindestens an den Stellen, an denen diese Verklebt / Genagelt / befestigt wird, entstehen mit der Zeit Undichtigkeiten, und wie Sie bereits sagten, kann eventuell eingetretene oder von Innen stammende Feuchtigkeit nicht mehr entweichen, egal ob darüber diffusionsoffener Putz (Welchen hat er denn empfohlen?) oder dichter Zement kommt.


P.S.: Manchmal denke ich, dass man vielleicht durch das Ganze Selbststudium und Internet etwas paranoid wird (wie die Online-Selbstdiagnose beim Arzt), was die Ausführungen von Handwerkern am Fachwerk angeht. Vielleicht sollte man einfach mehr in das Können Anderer vertrauen?

Wenn ich aber sowas wie hier lese, würde ich am Liebsten nochmal zur Berufsschule und nur noch alles selber machen ...

Viele Grüße
Alexander



Verputzart



Guten Morgen,
im Angebot steht: Kalk-Zement-Unterputz (wobei er wörtlich dazu sagte, dass er das anmischt mit Anteilschwerpunkt Kalkputz, weil Zement gehört nicht ans Fachwerkhaus. Weiter heisst es: Oberputz inkl. Putzgrund als Kratzputz Silikat 3mm erstellen. Die Bitumenbahnen nennt er "Trennschicht".

Ich selber bin handwerklich einigermassen begabter Orchestermusiker und mache das maximal mögliche selber, aber verputzen ist ein neues Wissensgebiet für mich. Vor einem Jahr hatte ich mir im Ort und Umgebung Häuser angesehen, die er gemacht hat, das sieht alles sauber und haltbar aus. Das mit dem Verputz wird erst in 2020 werden, der Verputzer ist gut, halt falsch, er ist der beste weit und breit, und sehr gesucht und auf Jahre hinaus komplett ausgebucht.
Ja, vielleicht sollte ich etwas mehr Vertrauen haben in den Fachmann.



Nachtrag



...ich hatte vergessen: Mit dem Versuch einer Aussendämmung bin ich beim Denkmalamt abgeblitzt, also wird es eine Innendämmung mit steicoflex Holzfaserdämmplatten und Lehmbauplatten. Wobei die Vorbesitzer in 2001 im derzeit als Büro vermieteten Erdgeschoss eine Fachfirma beauftragt hatten und die bauten Glaswolle mit Rigipsplatten drauf. Noch sind keine negativen Folgen zu sehen. Aber ich bin darauf gefasst, dass ich da eventuell nacharbeiten = verbessern muss. Ich sah in der Nachbarschaft ein Haus, wo man ab 4-2019 zu Renovierungszwecken innen alles herausgerissen hatte und im Schlafzimmer waren das Rigipsplatten ohne Isolierung auf einer Dachlatten-Holzständerkonstruktion, also einfach Trockenbauwand vor der Original(aussen)wand, und die Rigipsplatten hatten beim Herausreissen alle ein hübsches graues Fell (Schimmel) an der Rückseite...

Grüsse
Stefan



Wandansichten … 



Hallo

Es ist schwierig … 

Sie fangen mit dem Aussenputz an … dann kommt der Hinweis auf eine Innendämmung … 

Sie haben ein Denkmal, da greift die EnEv nicht … 

Den vom Handwerker vorgeschlagenen Aufbau würde ich auf keinen Fall machen … siehe Lenze … 

Ein … nein DER Großteil der normalen "Fachwerkhäuser" waren eigentlich IMMER verputzt, denn man wollte einerseits die Anmutung eines Passivhauses, andererseits war der Brandschutz besser und gleichermassen die baukonstruktive Seite war damit auch wesentlich optimaler dargestellt (Feuchteschutz, Regen … )

Alten Putz runter … neuen drauf mit einem geeigneten Putzträger (Ziegelrappitz) … und KEINERLEI Zementanteile im Kalkputz … das geht in die Hose … auch wenn der Handwerker was anderes sagt … 
Kalkputzaufbau 2 oder 3 lagig … Luftkalkmörtel … z.B. LKM Solubel … 

Innendämmung weglassen und Geld sparen … Temperierung als Heizsystem … Risiken minimieren … Konstruktion verbessern … 

Leider werden die guten Handwerker (und auch die Planer) immer weniger … denn die werden durch Lobbyismus und falsche Informationen verunsichert … und gehen dann meist den "Weg des geringsten Widerstandes" … ausbaden muss es leider der Bauherr … denn, wenn Sie als Bauherr sehn, dass eine Konstruktion versagt hat, ist es meist weit ab der Gewährleistung und die "unsichtbaren" Schäden sind eklatant … 

Gute Weitsicht und gutes Gelingen

Anamnese - Diagnose - Therapie

Florian Kurz