Fachwerkscheune; hier: Austausch eines horizontalen Balkens

04.04.2015 Araucano



Bei der Besichtigung eines Anwesens mit einem Wohnhaus und einer Scheune (beide in Fachwerkbauweise) ist mir in der Scheune folgendes ins Auge gefallen. Die Struktur der Scheune ist bis auf eine Höhe von etwa drei Meter an drei Seiten mit Bruchsteinmauerwerk und darüber mit Fachwerk. Nur eine Seite (Stirnseite) ist vom Grund bis zum Giebel in Fachwerk ausgeführt worden. Und an dieser Stelle stellt sich die Problematik:der unterste horizontale Balken hat sich über die Jahre etwa von der Mitte des Balkens nach außen gebogen und die darüber liegende Struktur "mitgenommen". Auf etwa gleicher Höhe wie das Bruchsteinmauerwerk liegt ein weiterer horizontaler Balken. Dieser hat sich aber nicht verzogen. Die darüber liegende Struktur ist inklusive Ausfachung intakt.

Die obere Struktur wird derzeit behelfsmäßig mit einer Stützkonstruktion aus massiven Holzbalken gehalten, so dass keine Gefahr besteht, dass diese Wand und andere Teile der Scheune einstürzen.

Die Frage bzw. die Herausforderung vor der ich stehe, lautet: Wie kann man das Problem beseitigen? Sollte ich den nach außen verzogenen horizontalen Balken "einfach" austauschen und dann die darüber liegende Struktur dadurch wieder ins Lot bringen? Oder sollte ich lieber diesen Teil analog der restlichen drei Wände bis auf etwa drei Meter Höhe gegen Bruchsteinmauerwerk austauschen?

Ich sollte ergänzen, dass das Wohnhaus und die Scheune mitten in der Altstadt stehen und diese als Gesamtanlage unter Denkmalschutz steht. Ich vermute daher, dass wohl der ursprüngliche Zustand hergestellt werden muss, sprich: Ständerwerk mit Ausfachung. Die Alternative als Bruchsteinmauerwerk müsste wohl dem Denkmalschutz zur Genehmigung vorgestellt und abgesegnet werden.

Was meint die "Community" zu der Problemstellung und gibt es eventuell andere Vorschläge als Lösungsansatz?

Herzliche Grüße an alle und ein großes Dankeschön für eure Antworten und Ratschläge!

Andrés



Bilder



Hallo Andrés

Kannst du bitte mal Bilder posten?
Ist die Seite, die wieder instand gesetzt werden soll sichtbar von der Straße?
Zieh am Besten mal einen örtlichen Zimmermann zurate was hier möglich ist um die obere Holzkonstruktion zu schützen und die Abstützung zu entfernen.
Statik spielt ja auch eine Rolle. Außerdem würde ich mich erkundigen warum dies geschehen ist. Ggf. Hat sich der Boden gesenkt oder die Balken sind nicht groß genug für das Gewicht konzipiert.
Das zweite würde erklären warum 3 Seiten Bruchsteinmauern sind. Weil dort die Balken schon nachgegeben haben....

Viele Grüße



Fachwerkscheune; hier: Austausch eines horizontalen Balkens



Hallo Phil-Alb,

vielen Dank für die schnelle Antwort! Leider habe ich von dieser Stelle (noch) keine Bilder. Diese werde ich bei der nächsten Besichtigung mit einem entsprechenden Gutachter machen. Über die Bodenbeschaffenheit kann ich nicht viel sagen und daher bleibt noch festzustellen, ob an der betreffenden Stelle der Grund nachgegeben hat. Ausschließen kann ich das natürlich nicht. Unter dem betreffenden Balken war ein Fundament zu sehen. Ob dieses Fundament sich abgesenkt hat und dadurch der Holzbalken nicht mehr richtig auflag und sich dadurch horizontal nach außen verzogen hat, ist im Bereich des Möglichen.

Die betreffende Wand liegt direkt an der Grundstücksgrenze zum Nachbar und von der Straße nur bedingt sichtbar. Sobald ich Bilder von der Stelle erstellt habe, werde ich diese hochladen. Denn Du hast ja vollkommen Recht: Bilder sagen mehr als tausend Worte!

Österliche Grüße,

Andrés



Die Schwelle



ist nicht nach innen angebunden. In Fachwerkkonstruktionen gibt es in der Regel durchgehende Schwellen innerhalb des Hauses die das hinauswandern der Wände verhindern. Das kann auch eine aussteifende Wand sein. Evtl. gab es früher eine Schwelle nach Innen knapp über Bodenhöhe die irgendwann mal im Weg war und keiner wusste mehr warum sie da ist. Das kommt merkwürdigerweise relativ oft vor.

Die alten Fundamente stützen Bewegungen zur Seite aber nicht ab. Ein modernes Betonfundament mit Bewehrung dürfte das Problem beseitigen oder man macht eben innen eine angebundene Schwelle oder eine aussteifende Wand.

Hab das mal in einem alten Fachwerkhaus gesehen, da hat eine Wand im Erdgeschoss mit einem Meter Stärke zur Seite nachgegeben, weil eine paar Querbalken in der Scheune einem neuen Badeinbau 20 Jahre vorher im Weg waren.

Gruß Herbert



Fachwerkverformungen



sind nicht selten das Ergebnis unzulässiger Eingriffe in die Konstruktion. Wenn einzelne Fachwerkteile entfernt werden, weil sie bei Nutzungsänderungen im Wege sind -beliebt im Dachstuhl- kann sich die Statik des gesamten Gefüges verändern.

In Ihrerm Falle halte ich es aber eher für möglich, das hier punktuell eine dauerhafte Überbelastung der Grund gewesen ist oder sich das Fundament abgesenkt hat, eventuell durch Veränderung der hydrologischen Verhältnisse. Scheunen sind zudem meistens ungenügend fundamentiert. Für diese Erklärung würde auch sprechen, das die restliche Konstruktion offenbar intakt geblieben ist.

Stellen Sie ein paar Fotos ein, die auch die Umgebung zeigen. Solche Veränderungen müssen im Gesamtzusammenhang gesehen werden.

Die Denkmalbehörde wird auf einer Wiederherstellung des ursprünglichen Zustandes bestehen. Ein Ersatz der Fachwerkkonstruktion durch Massivmauerwerk wird wohl nicht genehmigt werden.



Scheune; hier Fachwerverformungen



Hallo Herr Pickartz,

ich habe mir schon gedacht, dass ich hier wieder von Ihnen höre und wie immer mit einem fundierten Kommentar. Auch allen anderen Kommentatoren meinen herzlichen Dank dafür!

Eine Absenkung des Grundes kann durchaus die Ursache der Verformung sein und dann eventuell in Kombination mit einer punktuellen Dauerbelastung. Wie so oft, ist hier wohl das Zusammenspiel einiger Faktoren für den Schaden verantwortlich.

Das Objekt befindet sich in etwa 100 bis 200 Meter an einem Fluss. Ich nehme stark an, dass dies die Änderung von hydrologischen Verhältnissen wesentlich beeinflussen kann.

Bedingt durch das an drei Seiten der Scheune genutzte Bruchsteinmauerwerk könnte die Denkmalschutzbehörde gegen einen Ersatz des Fachwerkes durch eine Bruchsteinmauer in gleicher Höhe wie die restlichen drei Seiten eventuell zustimmen. Doch stehen die Gespräche mit der entsprechenden Behörde noch aus und das Ergebnis kann sowohl eine Ablehnung als auch eine Zustimmung sein. So oder so wäre das für mich kein "kriegsentscheidende" Argument, denn ich bin mit beiden Lösungen einverstanden. Also lasse ich mir deshalb keine grauen Haare wachsen, denn die kommen auch so (oder sind schon da)!

Frohe Ostern,

Andrés

P.S.: Wie schon erwähnt, folgen zeitnah Bilder des Objektes und insbesondere der "Herausforderung"



Fachwerkscheune; hier: Gesamtobjekt in Nidda



Ich habe gestern das Objekt zusammen mit einem Gutachter, Herrn Hubertus von der Heid, nochmals besichtigt. Sein Fazit über das Gesamtobjekt bestehend aus Wohnhaus, Scheune und Nebengebäude, hat mich davon überzeugt, meine Suche nach einem passenden Objekt fortzusetzen. Um es kurz zu fassen, zitiere ich nur einen markanten Satz aus seiner Beurteilung: "Ich würde das Objekt noch nicht einmal geschenkt nehmen!"

Zum Kaufpreis (mit EUR125.000,00 inseriert) kämen nach seiner Schätzung noch mindestens über EUR300.000,00 dazu. Wer eventuell auch auf dieses Objekt aufmerksam werden sollte, kann mich gerne bzgl. der Einzelheiten der Beurteilung ansprechen.

Allen anderen, die mir bis dato hier geantwortet haben, spreche ich meinen herzlichen Dank für deren Zeit und Mühe aus.

Mit herzlichen Grüßen an die Gemeinde,

Andrés

P.S.: Ich erspare mir das Hochladen der versprochenen Bilder, da wir von einem Kauf Abstand nehmen.



Da war doch einmal was mit Tod dem Fachwerkhaus und Gutachtern, oder?



Sorry, ist ein Insiderwitz.

Hartmut



Da war doch einmal was mit Tod dem Fachwerkhaus und Gutachtern, oder?



Zur Klarstellung:
Der Gutachter hat zwar klar gesagt, dass er das Haus noch nicht einmal geschenkt haben wollte. Doch ebenso klar sagte er, dass man das Gesamtanwesen durchaus retten könnte, jedoch stellt sich dann für den Kaufinteressenten die Frage, ob er (oder sie) bereit ist, die Zeit und finanziellen Mittel aufzuwenden, um das Anwesen im alten (neuen) Glanz erstrahlen zu lassen. Das muss ein jeder für sich selbst entscheiden. Für mich war die Entscheidung klar und schnell getroffen: ich kann mir das einfach nicht leisten. So einfach ist das. Hätte ich eine siebenstellige Summe als Eigenkapital zur Verfügung wäre das etwas anderes. Frage ist dann nur, ob ich dann nicht selbst ein (Fachwerk-)Haus bauen würde.

Gruß,

Andrés



Nun ja, was aber hängen bleibt ...



ist die kurze und knappe Aussage:

"Ich würde das Objekt noch nicht einmal geschenkt nehmen!"

Ist halt alles eine Frage der Geisteshaltung. Wenn ein Gutachter diesen Satz fallen lässt, kann er sich den Rest doch sparen, oder? Haben Sie den Gutachter denn mal gefragt, was er den Besitzern raten würde? Abreißen? Siehe Video.



Nun ja, was aber hängen bleibt ...



Ich verstehe durchaus, dass dieser negative Eindruck entsteht, wenn man das liest, was ich in sehr komprimierter Form wiedergegeben habe. Dies allerdings auch nur, weil ich hier kein 30-seitiges Gesprächsprotokoll anfertigen wollte. Beim Gutachter handelt es sich auch um jemand,der in seinem Fach anerkannt ist und mit Sicherheit an der Erhaltung des historischen Bauwerks interessiert ist. Nicht umsonst hat er mindestens ein Projekt im bekannten Freilichtmuseum Hessenpark durchgeführt. Auf der anderen Seite ist im bewusst, dass es einen hohen Kraft-, Zeit- und Kapitalaufwand benötigt, um das betreffende Objekt so zu sanieren, dass es zum einen bewohnbar ist und zum anderen der Nachwelt erhalten bleibt. Wenn Sie, lieber Hartmut, das nötige "Kleingeld" haben und an dem Objekt interessiert sind, lassen Sie es mich einfach wissen. Das Objekt wird mittlerweile für EUR90.000,00 angeboten. Also.... worauf warten Sie noch?

Gruß,

Andrés