Styroporverklebte Decke in Altbau-Whg. (ca. 1900) sanieren: wie risikoreich?

14.09.2006



Liebes Forum,

wir wohnen zur Miete in einer Altbauwohnung (Mietshaus, ca. 1900).
1 Zimmer wurde an der Decke vom Vormieter mit Deko-Styroporplatten verklebt, die wir entfernen möchten.

Im Detail:
- am Rand der Decke (also im Winkel) verläuft ein Gipsfries mit Löwenköpfen, ca. 25 cm hoch u. tief.
- das von diesem Fries umgrenzte Deckenfeld wurde mit besagten Styro.platten vollflächig verklebt.
- haben an einer kl. Stelle versucht, die Platten zu lösen, Ergebnis: der Kleber sitzt bombenfest, versucht man die Platten runterzureißen, kommt der ganze Putz mit, es sandet sehr stark.

Wir möchten das Styro. trotzdem entfernen, gehen davon aus, dass die Decke erneuert werden muss. Bevor wir aber einen Fachmann zu Rate ziehen, möchten wir uns als Laien vorab schlau machen.

Hauptfrage: was kann uns im schlimmsten Fall blühen? Ein schlichtes Neu-Verputzen, oder...???
Über die Machart der Decke wissen wir leider (noch) nichts, haben aber gehört, dass entweder das Rohrgewebe direkt auf den Balken aufgebracht sein kann, oder dass dazwischen noch eine Bretterschalung sitzt.

Haben auch gehört, dass man nach dem Styro.entfernen Gipsplatten anbringen könnte?

Das Fries soll übrigens auf jeden Fall erhalten bleiben.

Kurz gesagt: wir sind "nur" Mieter, unser Vermieter eher unkooperativ: im besten Fall erteilt er vermutlich die Erlaubnis, dass wir halt machen sollen, aber auch die Verantwortung tragen müssen...

Wer kann uns mit seinen Erfahrungen weiterhelfen?
Herzlichen Dank!

Susanne

P.S. weiss nicht, ob es wichtig ist:
der Gesamtzustand des Hauses ist nicht der allerbeste. Wir wissen z.B. dass bereits in der Wohnung über uns Balken erneuert werden mussten. Auch haben wir viele Risse i.d. Wänden, wenn auch eher feine (ca. 1-2 mm)



Schöner Wohnen ohne Styropor



Hallo Susanne,

direkt an den Balken wird das Rohrgeflecht wohl nicht befestigt sein. Macht 'mal eine kleine Probebohrung, dann werdet Ihr sicher eine dünne Schalung finden, an der die Rohrmatten vor dem Putzen befestigt wurden. Ich würde versuchen, mit einer (ggf. leicht angeschärften) Spachtel zwischen Platte und Putz zu stoßen, dann sollte der festsitzende Putz auch dranbleiben. Kleberreste, alte Farbe etc. kann man dann putzschonend mit einer Sanierfräse von Festool herunterholen (unbedingt mit Absaugung). Ich bin in Dresden ansässig und verleihe solch ein Teil.

Danach sollte es kein Problem für einen guten Putzer sein, einen dünnen Deckenputz aufzubringen. Von Gipskarton rate ich ab. Zum einen ist der Zustand der Schalung nicht bekannt, zum anderen belasten Gipskartonplatten die Balkenlage zusätzlich.

Bringt das Vorhaben auf's Papier und lasst Eueren Vermieter schriftlich die Zustimmung erteilen - sonst lauert möglicherweise später noch Ärger auf Euch.

Gutes Gelingen

wünscht

Thomas W. Böhme



Styroporverklebte Decke in Altbau-Whg. (ca. 1900) sanieren: wie risikoreich?



Hallo und vielen Dank für Deine Antwort,

was Du vorschlägst, haben wir bereits gemacht:
mit Spachtel versucht, eine Styro.-Platte abzuheben.
Es ist nicht möglich, die Platten runterzuholen, ohne dass SEHR viel sehr stark sandender Putz mitrunterkommt. Der Kleber ist fast vollflächig verklebt, und sitzt bombenfest.
WIEVIEL nun tatsächlich an anderer Stelle maximal noch mitrunterkommen kann, wissen wir nicht... z.B. Teile des Strohs, das evtll. auch noch UNTER die am Rande der Decke sitzenden Friesleisten reicht??? Das war eben genau meine Frage ans Forum - sehe aber ein, dass das aus der Ferne schwer zu beurteilen ist.

Wir hoffen natürlich, dass im schlimmsten Fall, wenigstens das Rohrgeflecht erhalten bleibt, auf dass dann ein neuer Putz aufgebracht werden könnte (die Idee mit den Gips-Platten finden wir ebenfalls nicht so gut).

Es kann übrigens anscheinen durchaus sein, dass das Rohrgeflecht ohne Schalung direkt auf den Balken befestigt ist.
Diese Art der Decke wurde manchmal gemacht, zumindest sagte uns das der Vorbesitzer dieses Hauses (es wurde vor einigen Jahren weiterverkauft. WO das in diesem Haus der Fall ist, wusste er leider nicht...).

Gruß
Susanne



Hallo Susanne,



wie dick sind die Platten eigentlich? Mit Heißluft schmilzt das Zeug doch zu fast Nichts zusammen und lässt sich dann abkratzen. Vermutlich wird ja auch der Kleber weich und geht auch ab.

Es sollte aber besser eine regelbare Heißluftpistole und keine Lötlampe sein, weil ggf. brennbar:-)

Grüße

Thomas W. Böhme



Heißluft



Von einer Behandlung mit der Heißluftpistole ist dringend abzuraten. Welche Stoffe dabei entstehen ist ungewiss: Blausäure, Dioxine, Styrol, und je nach dem welche Flammschutzmittel enthalten sind brom- und chlororganische Verbindungen. Da hat man ganz schnell aus der Wohnung eine echte Sondermülldeponie gemacht.
Wenn dann bitte mechanisch mit Cuttermesser, Spachtel etc. herunterholen.
Viele Erfolg!



Styroporverklebte Decke in Altbau-Whg. (ca. 1900) sanieren: wie risikoreich?



Hallo!

sorry - das mit der Heißluft halte ich für keine geeignete Lösung.
Dabei entstehen garantiert giftige Dämpfe.

Bleibt nur der mechanische Weg.

Mal gesetzt den Fall, es wird nicht nur der Putz dabei stark beschädigt, sondern auch die Rohrmatten:
wäre es sehr schwierig, diese - evtll. auch nur stellenweise - zu erneuern und dann neu zu verputzen?

Liebe Deckenspezialisten: habt Ihr eine Meinung dazu?

Wie gesagt weiß ich nicht, ob die Rohrmatten auch unter das umlaufende Stuckfries runterreichen. Falls ja, ist mir aber nicht klar, ob das noch ein zusätzliches Problem darstellt oder unerheblich ist...?

Gruß
Susanne



Schmelzen, nicht verbrennen!



Polymerisiertes Styrol enthält ganz bestimmt keine Blausäure, und so heiß, daß sich der Kram zersetzt, wobei wohl kaum Dioxine entstehen, sollte es ja eben nicht werden, deshalb: regelbare Heißluftzufuhr. Dann entsteht auch kein Styrol. Ich hab's gerade an einer PS20 Platte getestet: Es entsteht da ein gelbliches Kügelein und kein Gestank. An Styrol wird nur soviel frei, wie in unpolymerisierter Form in der Platte sein könnte, also fast nichts.
Durchzug kann aber natürlich nicht schaden. Noch ist es warm. Und wer mit einer Atemschutzmaske arbeiten will, kann das ja vorsichtshalber tun. Ich würde darauf verzichten.

Und aus gasförmigen Stoffen entsteht ganz gewiss keine "Sondermülldeponie".

Vielleicht hat aber jemand eine weniger realitätsferne Lösung für den mechanischen Abtrag als Cuttermesser?

Grüße

Thomas W. Böhme



Hallo Susanne,



nun haben sich unsere letzten Antworten gekreuzt.

Du solltest wirlich 'mal an einer kleineren Stelle erkunden, ob das Rohr auf eine Schalung aufgebracht ist. Das geht auch mit dem Bohrer: unter dem Putz müsste dann 20-25mm tief Holzmehl kommen und danach ein Hohlraum. Mach aber vorsichtshalber 3 oder 4 Löcher. Ich gehe davon aus, daß dort Schalung ist. Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, wie ein Putz an Rohrmatten zum Halten gebracht werden kann, wenn diese zwischen den Balken 60-80cm frei hängen.
Auf einer Schalung wäre das Rohr reparabel, es täte aber auch jeder andere Putzgrund, z.B. Rabitzmatten (das sind kleine Tonteile auf Drahtgewebe). Sollte dort wider Erwarten keine Schalung sein und das Rohrgeflecht stärker beschädigt werden, muß es vermutlich an den Stuckkanten sauber abgetrennt werden und ganz 'raus. Der dann erforderliche Deckenneuaufbau überschreitet vermutlich das, was Ihr in eine Mietwohnung investieren wollt...

An's Werk

Thomas W. Böhme



Styroporverklebte Decke in Altbau-Whg. (ca. 1900) sanieren: wie risikoreich?



Hallo Thomas,

was Du bzgl. der Heißluftmethode schreibst, klingt nicht so falsch, werde mal drüber nachdenken :-)

Nochmal zu der Decke, die NUR aus Rohrmatte ohne Schalung besteht:
Wie gesagt, unser ehemaliger Hausbesitzer behauptet das, er sagte, das nannte sich früher "Puffdecke" oder so ähnlich...
Ich frage ihn aber nochmal, ob er so 1 Decke hier im Haus wirklich gesehen hat.
Neulich meinte er, bei einem Wasserschaden hätte in einer der Whg.en mal richtiggehend die Decke "durchgehangen"...

Den Bohrtest werde ich machen!

Danke und Grüße,
Susanne



Heißluft



Sehr geehrte Susanne, sehr geehrter Herr Böhme,
bei der vollständigen Verbrennung von Polystyrol entsteht tatsächlich nur Wasser und Kohlendioxid (mal abgesehen von den Flammschutzmittel). Das Problem ist gerade das verschwelen. Hierbei kann sich Styrol, und in geringerem Maße Toluol und Benzol bilden, daß heißt es entweicht nicht nur das freie Styrol sondern es bildet sich erst durch die Verschwelung wieder Styrol. Styrol ist ein starkes Nervengift.
Im übrigen gibt es eine Reihe von Modellbauern, die dieses Material regelmäßig mit dem Heißdraht geschnitten haben und davon dauerhafte Schäden davongetragen haben.

Wenn Flammschutzmittel aus polybromierten Diphenylethern zugesetzt sind, und das sieht kein Mensch diesen Platten an, können sehr wohl Dioxine bzw. Furane (PBDD bzw. PBDF) entstehen. Ab welchen Temperaturen das geschieht wird in der Fachliteratur unterschiedlich angegeben. Dioxine sind nicht riechbar!! Außerdem lagern sich Dioxine an und sind nicht leicht flüchtig!

Blausäure (Cyanwasserstoff) ist in den Schaumkunststoffen nicht enthalten, kann aber bei der nicht vollständigen Verbrennung von PUR-Dämmstoffen entstehen.

Eine einfache Atemschutzmaske reicht bei der Verarbeitung nicht aus.

Die mechanische Methode (Cutter + Spachtel), auch wenn sie manchem realitätsfern vorkommen mag, habe ich selber schon ausgeführt. Es ist mühsam, keine Frage. Wenn dann noch Kleber auf dem Putz verbleibt ist zu überlegen mit einer Putzfräse den Rest abzunehmen, was aber zu einer Zerstörung des Putzes führen kann. Da hilft nur ausprobieren.

Fachliteratur: Kunststoffe, Umwelt- und Gesundheitsgefahren, Hrsg. Bremer Umwelt Institut e.V.; ISBN 3-9803930-2-X