Denkmalschutz kontra neuer Dachstuhl

05.09.2003



Hallo Forenmitglieder!

Wir haben derzeit ein ziemliches Problem mit dem Denkmalschutz in NRW:
Unser Haus (Bj. ca. 1850) braucht dringend ein neues Dach. Die alten Pfetten (Firstpfette, 2x Mittelpfette, Fusspfette) sind sehr stark von Insekten durchbohrt oder schon weggerottet. Teilweise beträgt die Durchbiegung der Mittelpfetten mehr als 50 mm. Auch eine Binderkonstruktion ist schon recht angegriffen. Die aufliegenden Sparren sind nur dünne Fichtenstämmchen, teilweise nicht einmal vollständig geschält. Ihr Zustand gleicht dem der Pfetten. Eine Dämmung ist weder aus Platzgründen noch aus statischen Gründen möglich. Bei einem Treffen mit dem örtlichen Denkmalpfleger schlug dieser vor, unter das vorhandene Dach einen neuen Dachstuhl zu setzen. Das hieße konkret: Altes Dach abdecken und abbauen, neuen Dachstuhl einziehen, altes Dach wieder aufbauen und eindecken. Mal abgesehen von den Mehrkosten im Vergleich zu einem neuen Dach und dem Verlust an Deckenhöhe / nutzbarer Raumfläche halte ich diese Lösung für wenig intelligent - um es einmal höflich zu formulieren.
Ein Bekannter sagte mir, daß man historische Bausubstanz nur so lange bewahren muß, wie sie intakt ist. Das hieße, wenn man den alten Dachstuhl aufgrund von Baufälligkeit einmal abgerissen hätte, wäre man nicht mehr dazu verpflichtet, in in gleicher Weise wieder aufzubauen. Meine Frage an das Forum lautet daher: Stimmt das? Oder anders gefragt: Muß ich beim Sanieren 1:1 alt gegen neu austauschen, oder reicht es, wenn das neue Dach nachher wieder die gleich Form wie das alte Dach hat?

Für eine baldige Antwort - auch Links oder Literaturangaben - wäre ich sehr glücklich! Bereits im voraus herzlichen Dank für die Mühe!

MfG
Thomas M.



Altes Dach



Die Fragen, die Sie stellen, sollte Ihnen eigentlich der Denkmalpfleger beantworten. Das ist richtig: was einmal weg ist, kann nicht mehr geschützt werden. Aber Denkmalschutz ist auch vorbeugende Gefahrenabwehr und soll das Verschwinden der denkmalwerten Teile eben verhindern: durch das Gesetz, durch Androhung hoher Bußgelder, aber eben auch durch fachkundige Beratung, Vermittlung von Kompetenz und vielleicht auch Geld.
Neben alldem haben wir aber auch eine Bauordnung, die den Eigentümer verpflichtet, seine Gebäude instand zu halten. Wenn das so wie der Denkmalpfleger vorschlägt, nicht möglich ist, ist der Vorschlag nicht realisierbar.
Mein Rat: Bewaffnen Sie sich mit einem in diesen Dingen erfahrenen Architekten oder Statiker aus Ihrer Gegend und suchen Sie den Konsens mita dem Denkmalamt. Das funktioniert meiner Erfahrung nach meistens.



alter Dachstuhl



Hallo Herr Mispagel,
bei einem denkmalgeschützten Gebäude gibt es wie überall immer mehrere Möglichkeiten wie man gegen Schäden vorgeht.
Eine geläufige ist z.B. den Dachstuhl zu ertüchtigen, d.h. der vorhandene Dachstuhl wird von einem mit historischen Dachtragwerken erfahrenen Statiker begutachtet und dieser stellt fest welche Maßnahmen zu treffen sind um den Dachstuhl zu verstärken, damit er seine Aufgabe erfüllen kann. Hierbei wird der Dachstuhl belassen und dort wo nötig ergänzt bzw. repariert.
Ich kann gut verstehen, daß der Denkmalschützer die von Ihnen gewollte Neukonstruktion nicht befürwortet, denn es ist ja seine Aufgabe Denkmäler zu schützen und nicht zum Abbruch freizugeben.
Die von Ihnen genannten Durchbiegenungen der Mittelpfetten von 5 cm sind meines Erachtens nicht seht dramatisch. Es gibt viele Dachstühle, bei denen die Besitzer mit wesentlich höheren Durchbiegungen leben. Die von Ihnen vorgesehene Neukonstruktion würde dazu führen, daß die Kenntnis von der ursprünglichen Konstruktion Ihres Dachstuhles komplett verlorengeht udn nicht mehr nachvollziehrbar ist, ebenso wie die vielen kleinen Details wie Bearbeitungsspuren und zimmermannsmässige Holzverbindungen, die wir ja gerade an den alten Bauwerken so lieben sind nicht mehr da.
Viele Grüße Johann Müller



Denkmalschutz-neues Dach



Dieser "Denkmalschützer" (nicht nur der) scheint noch aus Zeiten zu stammen, als Fachwerkhäuser von Ärzten und anderen Freiberuflern zwecks Steuerminderung saniert wurden. Aber auch die werden wohl rarer, das hat sich aber noch nicht in allen Denkmalschutzbehörden rumgesprochen und das ist auch der Grund, dass heute der Zusatz denkmalgschützt mehr Stigma als Prädikat ist. Viele Häuser werden in den nächsten Jahren nahezu unverkäuflich werden oder einfach vergammeln, denn wer kann sich schon solche "Sanierungsmaßnahmen" leisten. Ich wünsche Euch viel Erfolg und in Hessen sagt ein alter Vers:
"wer viel fragt (die Behörden), bekommt auch viel Antwort" (von Behörden, Statikern, Architekten, Hochbau-Ingenieuren). Ich halte es mit meinem Zimmermann und bin heute beim 3 Fachwerkhaus gut damit gefahren.



Kein wirklicher Tipp...



... aber es kommt halt drauf an, ob es noch was zu schützen gibt. Wenn der Dachstuhl zum Großteil nur noch aus Holzmehl besteht, fragt man sich das wohl zu recht.
Und ungeschälte Fichtenstämme sind ja wohl weniger schützenswertes Baugut, als historischer Pfusch!
Vielleicht können Sie ja mal mit dem Herrn vom Amt einen Ortstermin machen und ihm ein wenig Angst wegen Einsturzgefahr etc. machen.
Mal sehen, wie er sich so fühlt unter gammeligen Balken rumzulaufen ;-)

Grüße, Rainer



Denkmalschutz kontra neuer Dachstuhl



Habe ebenfalls ein sehr altes Fachwerkhaus von 1667 in Nordhessen und die Schäden am Dach waren ähnlich. Wurden allerdings vom Vorbesitzer bereits verstärkt, um das Dach überhaupt noch zu halten. Ein Abriß sollte auch hier verhindert werden. Ein Ortstermin mit Denkmalschutz, Zimmermann und Architekt hat hier Wunder bewirkt. Ein neuer Dachstuhl ziert jetzt unser Haus. Am Objekt sieht es häufig für den Denkmalspfleger dann doch anders aus und er überdenkt seine Entscheidung. Viel Erfolg mfG Thomas R.