Abriss eines denkmalgeschützten Fachwerkhauses

28.04.2007


Hallo,
alle eingefleischten Fachwerkhaus-Fans sollten das wohl nicht lesen.
Im Zuge einer Stadtsanierung, fragt uns das Stadtbauamt, ob wir daran interessiert wären, das Haus abreissen zu lassen und etwas versetzt wieder neu aufzubauen, um das Stadtbild an dieser Ecke zu verbessern Natürlich waren wir sehr geschockt. Unser Fachwerkhaus ist sicherlich nicht das Schönste, aber es ist bereits 400 Jahre alt und wie gesagt unter Denkmalschutz (Klasse unbekannt).
Ich frage mich, ob irgendjemand auch schon mal mit dieser Frage konfrontiert worden ist. Lt. Stadtbauamt besteht natürlich kein Zwang, aber ich frage mich, was ich von denen erwarten kann (finanzielle Zuschüsse) usw., zumal der Gedanke an einen Neubau annehmbar wäre, allerdings finanziell von uns nicht tragbar.Ich weiß das die Stadt vom Bund Gelder für die Sanierung bekommt.
Wäre schön, wenn jemand Infos hat, denn ich möchte keinen Fehler machen.
Danke vorab.



das ist ja irre



- da steht ein haus 400 jahre an der gleichen stelle und im jahr 2007 weiß stadtplaner müller-meier-schulze ganz genau, wie die schöne stadt auszusehen hat! man weiß nicht recht, ob man sich die tränen des amüsements oder der trauer zuerst aus dem auge wischen soll.
generationen großartiger theoretiker haben sich über die ideale stadt gedanken gemacht - ausnahmslos jeder ist gescheitert - aber in der oberfränkischen provinz weiß man ganz genau, wie es geht. ein kniefall vor so viel größenwahn! nein, sicher ist es anders: die außerirdischen sind gelandet und haben die macht übernommen!
oder sind die gründe ganz profaner natur: straße breiter, nette parkplätze und eine gut gepflegte grünanlage (auch stiefmütterchen-wüste genannt)?
ansosnten ist die sache doch einfach: wenn die öffentliche hand etwas will, was sie durch schlichte enteignung offenbar nicht durchsetzen kann und was über die gesetzlichen möglichen belastungen des einzelnen hinausgeht - sollen sie doch bluten (mit unseren steuern, nur am rande)! klären sie das doch einfach im vorhinein, machen sie einen Vertrag und dann kan das unheil seinen lauf nehmen. frei nach dem größten sachsen aller zeiten: "den irrsinn in seinem lauf, hält weder ochs noch esel auf1"



Das war klar



das so eine Reaktion die Erste sein wird, trotzdem Danke.
Ich fühle mich auch nicht gut dabei, aber trotzdem wäre es nett, wenn jemand mit Erfahrungswerten bzw. Infos antworten würde.



Abriß ist irreführend



Früher kam es häufiger vor, daß Fachwerkhäuser "umgezogen" sind. Man hat die Ausfachungen herausgenommen und das Dach abgedeckt. Dann konnte man die Holznägel ziehen und das Tragewerk zusammenlegen und an anderer Stelle wieder aufbauen. Gründe für Hausumzüge gab/gibt es viele.
Wenn das bei Ihnen, wie Bettina Ingenkamp schon andeutete, aus städtbaulichem oder verkehrstechnischem Grund auch so ist, dann ist es zumindest kein "Abriss" im Sinne von: Das Haus soll auf die Müllhalte. Die o.g. Gefühle und Emotionen kann ich nur unterstreichen.

Bitte geben Sie etwas genauer die Gründe an, warum das Haus an jetziger Stelle nicht bleiben kann und/oder soll. Auch die Verfahrensweise sollten Sie uns noch näher bekannt geben. Bei einem Denkmal sind freilich Auflagen zu erfüllen.

Vielleicht kann auch das Haus, wenn die Schwellbalken in Ordnung sind, im Ganzen, also ohne Demontage angehoben und verrollt werden. Die Interessengemeinschaft Bauernhaus e.V. hat (historische) Erfahrungen damit. Nehmen Sie mal Kontakt auf:
www.igbauernhaus.de
Daß Ihnen diese ganze Geschichte nervt und nicht einfach wird, will jeder gern glauben.
Freundliche Grüße
D.Fr.



Leider unklar ausgedrückt



habe ich mich wohl in meiner Frage. Der Wiederaufbau soll natürlich ein Neubau werden und nicht das Versetzen des alten Hauses.Die Stadt wünscht also den Abriss und dann etwas versetzt den Bau eines NEUEN Hauses. Dies auch um Grundstücksgrenzen neu zu strukturieren (ich müsste ca. 30m² Grund dazukaufen) und um wie gesagt, insgesamt besser ins neue Bild zu passen. Es wird auf dem Nachbargrundstück ebenfalls abgerissen und neu gebaut (dies ist allerdings kein Denkmalgebäude). Unser Stadtteil ist seit kurzem Sanierungsgebiet und es wird vom Bund gefördert, dass alles einfach "schöner" wird.
Ich habe das Gefühl, ich bin mit meinem Problem einfach im falschen Forum, trotzdem vielen Dank für Ihre Antwort Herr Fröhlich.



Nein - Kein falsches Forum



Nein Sie sind nicht im falschen Forum.! Wir wohnen alle im falschen Land. Die historischen Werte sind tatsächlich nichts mehr wert. Bettina Ingenkamp hat das schon eher deutlich geschrieben.
Die Fragen, die sich mir jetzt stellen: Wieviel ist Ihnen denn selbst Ihr 400 Jahre altes Haus wert? Haben Sie die Kraft, gegen Ihre Stadtverwaltung zu kämpfen? Wie geht Ihre Stadt mit ihren eigenen Denkmalen um?
Die IGB hatte ich Ihnen schon empfohlen, s.o.. Im nächsten "Holznagel", der IGB-Vereinszeitung, kann das Thema veröffentlichst und überregional bekannt gemacht werden - wenn Sie es wollen. Fordern Sie einige Probeexemplare an. Wir hatten im Februar erst einen ausführlichen Beitrag dazu aus der "Zeit" übernommen und bundesweit veröffentlicht. 100.000 Denkmale gingen in wenigen Jahren den Bach runter. Ohne Not.!

Nachdenkliche Grüße D.Fr.



Unsere Stadt muß schöner werden



koste es was es wolle. OK ich möchte mich nicht dazu auslassen, aber einen Tip habe ich noch. Nehmen Sie doch mit Ihrem zuständigen Denkmalamt Kontakt auf. Die stehen Ihnen bestimmt mit Rat und Tat zur Seite, ich hoffe es. Vorausgesetzt Sie wollen überhaupt noch in dem Haus weiter Leben.

Die sonnigsten Grüße aus Baden
D. S. Dawids



Ich würde für mein altes Haus kämpfen!



In wenigen Jahren werden alle finden, daß Ihr altes Haus das Schönste am gesichtslosen neuen Platz ist! 400 Jahre Geschichte wegwerfen - für was? Sie werden in kürze der einzige sein, der ein Haus mit Würde und Charakter hat - und wenn Sie länger im Forum lesen, werden Sie feststellen, wieviel Kummer Leute mit neuen Häusern haben können, ganz abgesehen davon, daß ich von einem Null-acht-fuffzehn-Haus auch auf Null-acht-fuffzehn-Bewohner Schließe.

Das bißchen Unbequemlichkeit im alten Haus (ich habe auch in einem Haus von 1612 gewohnt) würde ich gerne in Kauf nehmen.

Ich halte den Daumen, daß Sie die richtige Entscheidung treffen!

Gruß

Beate



Hallo,



dem Tenor der Antworten möchte ich mich anschließen.

Was soll das werden, der Neubau eines 400 Jahre alten Hauses 30 Meter weiter links? Es ist kein altes Haus, aber die bescheuerte Kopie dessen.

Ich denke dabei gleich an die "Alt"stadt von Nürnberg, die freilich nicht freiwillig abgerissen wurde - gesichtslose pseudoalte Häuser.

Vorsicht, wenn irgendein amtlicher Dümmling von Stadtbildverbesserung faselt; wenn Ihr das nicht selbst durchstehen wollt, verkauft an einen, der das Haus erhalten will.

Kämpferische Grüße

Thomas



Vielen Dank



für Eure Reaktionen.
Falls ich mich wieder trauen sollte, werde ich Euch berichten wie das ganze ausgeht.
Viele Grüße aus dem Frankenland sendet
Aytümen
P.S. An Herrn Harald Vidrik: ...deshalb die Neverending Story (siehe mein Anliegen)





Hallo

nicht gleich wieder weglaufen! Die Antworten bringen doch nur die Fassungslosigkeit angesichts eines solchen Anliegens zum Ausdruck und sollen dich nicht angreifen. Da sowas keine Standardsituation ist gibt es wahrscheinlich wenige (keine?)denen es genauso gegangen ist. Ich weiß nicht warum den Stadtplanern dein Haus nicht gefällt (sind das Stadtplaner oder Leute vom Straßenbauamt?). Bevor ich mit der Stadt über einen Neubau verhandeln würde, würde ich mal anfragen wie es mit Zuschüssen z.B. für einen frischen Anstrich oder Ähnliche Dinge aussieht. das kommt sowohl für die Stadt wie auch für dich günstiger. Ich würde nicht darauf vertrauen ein neues Häuschen umsonst von der Stadt dahin gebaut zu kriegen. Zuerst bekommt man vollmundige Versprechungen, dann ist das Haus weg, aber immer noch kein Geld in Sicht und du bist die (?) gelackmeierte. Und Rede mal mit denen vom Denkmalamt, die meisten beissen nicht und dann hättest du vielleicht noch einen Verbündeten, oder mit den IG Bauernhaus Leuten.
Stell doch auch mal ein Bild von deinem Haus und der zu "verschönernden" Ecke hierein.
Falls du Argumente suchst um dein Haus zu verteidigen werden sicher alle hier dir gerne helfen.
Also bitte noch nicht weglaufen.
Gruß
dorothée



Sag ich doch...



Schließlich hast Du ja diesen Mist nicht verbockt; der Stadt fehlen ja scheinbar jegliche Maßstäbe. Stell doch bitte Bilder ein.

Neugierige Grüße

Thomas



Ich bin auch aus Oberfranken - Kreis Kronach



Hallo Frau Aytuemen (oder ist das der Vorname?),

ich kann mich meinen Vorrednern nur anschließen - bleiben Sie doch weiter im Forum. Ich und viele andere haben hier wirklich Hilfe bekommen.

Ich bin übrigens auch aus Oberfranken, allerdings Kreis Kronach. Unseren Denkmalschützer kann ich wirklich nur loben! Ich habe von ihm immer gute und realisierbare Vorschläge bekommen. Er schaut immer auf meinen Geldbeutel und hat schon mehrmals eine billigere Variante vorgeschlagen, als ich selber im Auge hatte.

Auf der homepage von Forchheim habe ich den zuständigen Mitarbeiter gefunden:

Heinz Heid
Telefon: 09194/723-411
Fax: 09194/723-474
E-Mail: Bauamt@lra-fo.de

Allerdings schließe ich auch aus der homepage, daß der Kulturbegriff in Forchheim etwas überholt ist. Bei der spärlichen Aufzählung kultureller Angelegenheiten kommen Burgen und Museen vor. Daß der Erhalt gerade auch der Häuser der gewöhnlichen Sterblichen ein Wert an sich ist und, wenn überhaupt, nicht nur ein Leckerli für die Touristen, scheint noch nicht überall bekannt zu sein. Trotzdem würde ich mich als erstes an den Denkmalschützer wenden.

Lassen Sie sich nicht entmutigen und nehmen Sie die im Forum gebotenen Hilfe ruhig in Anspruch. Als zweites würde ich mal meine Quadratmeter nachmessen und ausrechnen, dann mal im Internet nachforschen, was denn der Quadratmeter Neubau kostet - aber echte Zahlen, keine geschönten. Dann noch die diversen anderen Kosten - Planung des neuen Hauses, Abbruch und Entsorgung des alten Hauses, Genehmigungen, Umzug und Wohnung in der Zwischenzeit, neue Vorhänge, Einbauküche usw. Mit diesem Betrag würde ich dann auf den zuständigen Beamten zugehen und sagen, wenn Sie schriftlich und notariell verbrieft den Ersatz dieser Kosten in Höhe von mindestens den ausgerechneten Kosten zugesagt kriegen, daß Sie dann mal drüber nachdenken würden. Ich fresse eine Putzfrau mitsamt dem Besen, daß das Ding dann gegessen ist.

Wie ist denn der Kulturteil Ihrer Zeitung? Falls er gut ist, können Sie den Kulturredakteur vielleicht mal fragen, was er von dieser "Ortsverschönerung" hält.

Die Denkmallioste des Kreises Forchheim finden Sie auf http://www.blfd.bayern.de/blfd/region.php?id=213928

Viel Erfolg!

Beate Scharf



Schön, dass



so viele mit Informationen ankommen.
Eines bitte nicht vergessen, der Abriss ist kein Zwang (wär' ja noch schöner).
Fotos stelle ich demnächst rein (muss ich noch üben ;-)
Ja, Aytümen ist der Vorname, aber kein Problem, Frau Scharf.
Schön, das aus der Nähe auch jemand schreibt. Kronach ist nicht weit. Ich habe am 10.5. einen Termin, und werde mir das mal anhöre und melde mich dann wieder.
Bis dahin eine "Gute Zeit" wünscht
Aytümen



Hab das gerade...



...bei "Damals, vor zwei Jahren" gelesen. Weiß jemand, wie die Nummer ausgegangen ist oder vielleicht schreibt Aytuemen selbst nochmal was dazu. Wäre interessant. Eine Entscheidung sollte ja zwischenzeitlich gefallen sein.

Gruß Patrick.





Hallo Aytuemen,

und wie geht es Dir mit der Entscheidung?

Viele Grüße

Beate



Gut dass er vom Tisch ist,



die Kosten einer Translolaktion sind heftig, da hätte die Stadt wohl einiges bezahlen müssen.

Grüsse