Der neue Trend zum alles-selber-machen




Das hier ist keine Frage aber eine interessante Geschichte die mir kürzlich untergekommen ist.
Es geht um den ungebrochenen Trend alles am Haus selber machen zu wollen, inklusive statischer Sachverhalte und komplexer bauphysikalischer Probleme.

Die Geschichte des hl. Obius
Der hl. Obius wurde um 300 in der römischen Provinz Germania Superior, im Civitat (Verwaltungsbezirk) Vangionum in der Stadt Borbetomagus geboren. Er war Suto, Schuhmacher und hieß Vibius Tullianus Obius.
Als besonders eifriger Christ nahm er aktiv am Bau der neuen Kirche teil und vernachlässigte dabei nicht nur sein Geschäft und die Familie sondern auch den Bau seines eigenen Hauses. Um Geld für den Kirchenbau zu sparen baute er sein Haus in Eigenleistung statt wie damals üblich einen Baumeister zu beauftragen.
Als ein Stützbalken für ein Lehrgerüst des neuen Gotteshauses fehlte ging Vibius in sein unfertiges Haus und baute dort einen passenden Balken aus um ihn für die Kirche zu nutzen. Dabei brach sein Haus ein und begrub ihn.
Seine Mitbürger waren sehr unglücklich, aber auch erstaunt über seinen großen Glaubenseifer. Als sie seine Leiche aus dem Schutt des Hauses befreiten waren alle sehr ergriffen denn auf seiner zerschmetterten Brust lagen zwei herausgebrochene Holzstücke in Kreuzform. Die Bürger waren von diesem heiligen Zeichen sehr ergriffen, beteten und begruben ihn in der neuen Kirche wie einen Märtyrer. Bald kamen Gläubige aus dem Umkreis und ferneren Städten um Vibius um Hilfe zu bitten wenn es um den Bau oder die Renovierung Ihrer Häuser ging. Die ortsansässigen Architekten und Bauunternehmer sahen es gar nicht gern das die Bürger jetzt ihre Häuser lieber selber bauten.
Statt auf die Hilfe eines Architekten oder Baumeisters zu setzen vertrauten sie lieber auf den Beistand des Vibius der sehr schnell den Ruf eines Volksheiligen erhielt.
Es sollen auch mehrere Wunder auf Grund von Fürbitten an ihn zustande gekommen sein. So erzählte man sich das ein armer Bauer vom Stamm der Vangionen nach einer Wallfahrt zum Grab des Vibius endlich seinen Schweinestall aus Flechtwerk fertiggestellt bekam ohne das die Schweine ihn vorher umgerissen hatten. Ein Bürger von Borbetomagus mauerte einen Türbogen auf ohne das er anschließend gleich wieder einstürzte, solche Wunder wurden ihm zugeschrieben. Sogar die Heilung eines gebrochenen Beines trotz Hinzuziehung eines Arztes der das Bein schiente hatte ein Gebet an ihn bewirkt. Wann , ob und wo seine Heiligsprechung erfolgte lässt sich in den späteren Wirren der Völkerwanderung leider nicht mehr nachvollziehen. Auch das Gedenken an den Heiligen verschwand bei der Zerstörung seines Gotteshauses und mehreren Wellen von Plünderungen und Brandschatzungen durch germanische Stämme und die Hunnen im Laufe der Zeit.
Im späteren Bischofssitz war der Name des hl. Vibius unerwünscht, man wollte sich nicht mit der erstarkenden Zentralbürokratie des Vatikan anlegen, da keine Nachweise über eine Heiligsprechung oder über Wundertaten zu finden waren. Mit Reliquien ließ sich mehr Geld verdienen. Nur im Volksglauben erinnerte man sich noch vage an ihn. Seltsamerweise wurde in den Erzählungen nur noch der Nachnahme des heiligen Mannes überliefert, vielleicht weil auf seiner Grabplatte der Vor- und Gentilnahme nicht mehr zu lesen war. So etwas passiert oft wenn Pilger den Namen auf der Grabplatte streicheln und küssen. Es war in der Spätantike nicht unüblich, die Leute der besseren Unterscheidung wegen nicht nur mit dem Vor- und Gentilnahmen zu rufen, da konnte es schon mal passieren das da gleich drei Mann „hier!“ schrien und man dann zum Drittnamen überging. Der wurde genau für diesen Zweck gebräuchlich. Es gibt also genug Gründe warum aus Vibius dann Obius wurde.
Auch die Wiederentdeckung seiner Geschichte ist dem Zufall zu verdanken, ein Archivar fand sie im Kloster St. Gallen praktisch nebenbei als er bemerkte das auf Rechnungslisten des Klosters ein verblasster Text im Hintergrund zum Vorschein kam als er die Pergamente reinigte. Pergament war teuer und wurde früher oft mehrfach verwendet. Man schabte die ursprüngliche Tinte der Originalschrift ab und verwendete das Pergament neu.
Erst in letzter Zeit beginnt man sich wieder der Tradition des Selberbauens zu erinnern und verschafft so einer zu Unrecht in Vergessenheit geratenen Figur unserer Geschichte eine späte Genugtuung; in der Form des Namens OBI an vielen Baumärkten- auch wenn das wohl ein Zufall ist. Dort werden viele Mitbürger wenn auch unwissentlich zu Jüngern des hl. Obius- ein schöner Brauch!



Sehr gern gelesen!



Danke für diesen gelungenen Ausflug in die Geschichte des Heimwerkers. Die Kirche lag nicht zufällig am Hornbach?



Nicht unerwähnt...



dürfen freilich auch die Proteste gegen den Missbrauch des Namens des heiligen Obius bleiben. Werden doch seit kurzem Messestände der Baumärkte von verstörten Bürgern mit leeren Kleinstverpackungen beworfen. Eine brandaktuelle Studie des Heimwerkerkanales von DIY pro in Zusammenarbeit mit CASH-CONTROL löste diese Unmutsbekundungen aus. Angeprangert wird darin die umgekehrt reziproke Preisgestaltungsmaxime aller Baumärkte. Nach dem Grundsatz: "Weniger kostet mehr" steigt der Stückpreis einer Schraube um so mehr, je kleiner die vorportionierte Abgabemenge ist. Freilich hat schon Dr. Oetker mit seinem Backpulver aus billigsten Zutaten ein Vermögen gemacht. Allein zeigen sich die backfreudigen Hausfrauen als weitaus weniger renitent als die (bis zum heutigen Tage völlig quotenignoranten) Heimwerker.

Auszumachen sind in dieser Umbruchphase 2 Trends. Zum einen bilden sich Einkaufsgemeinschaften zum kollektiven Erwerb von Kleineisenteilen. Sie organisieren sich ähnlich den Kleingärtnern. Zum Beginn jeder Spartenversammlung singen sie die Vereinshymne: "Gemeinsam schraubt es sich besser". Zum anderen finden sich von Fundamentalaktivisten immer wieder launige Anleitungen, den Handel ganz zu umgehen. Gern gelesen wird zum Beispiel die reich bebilderte Anleitung von Torsten Tümpler, wie man seine Schrauben selbst feilt.

ARGUS - Ihre Agentur für den unverfälschten Blick auf das Baugeschehen.

Wir bleiben dran.



Wie gestern bekannt wurde...



hat sich auch der Pabst zu dem Problem geäußert. Mit apostolischer Strenge mahnte er:

"Urbi et OBI"



Thomas, wesentliches vergessen:



wurde die im 2.Halbsatz vom Papst angehängte Mahnung: Ora et labora



Das bist Du ja,



vermutlich lt. Fachwerksnamen, Insider :-)

Deshalb bitte ich auch bei Dir um Entschuldigung, den "Pabst" falsch geschrieben zu haben. Sächsisch korrekt ist das natürlich der Babst.

Franziskus verstände das als Spaß, da bin ich mir sicher.



Um Entschuldigung bitten



musst Du nicht, hat nichts mit Schuld zu tun. Und ja, es ist ein sehr menschlicher Papst.



Aber, aber ich lese z.Z. sehr oft..



.. man bekommt keine Handwerker mehr. Es fehlt der Fachmann/Frau.
Noch schlimmer wird es wenn es etwas komplizierter sein soll oder auch nur eine Kleinigkeit auszuführen ist. Da rentiert sich doch die Anfahrt nicht...usw.
Oder es kommt zu Preisgestaltungen die einen staunen lassen.



Mhhhh...halt Stop!



Guten Morgen, da muss ich nun aber eine Lanze für die Selbermacher brechen - gewiss nicht für alle aber sicher für einige.
Ich habe selbst viel, ich würde sogar sagen sehr viel, an unserem Haus/Hof selbst gemacht und das werde ich wohl auch so beibehalten.
Dabei lernt man unheimlich viel und wenn es häufig nur ist, wie es nunmal nicht geht. Ob das immer billiger war, als wenn es ein Fachmann gemacht hätte? ich denke nicht. Als Laie, zumindest trifft das bei mir zu, neigt man eher zum überdimensionieren, man kennt ja eben die Auslegungsverfahren nicht oder kann sie nicht anwenden.
Schneller ging es so auch nicht, dass kann ich mit Bestimmtheit sagen. Aber ich kenne mein Haus, von unten bis oben. Wenn ich was umbauen will, weiß ich ziemlich genau was mir in oder hinter einem Bauteil begegnet.
Aus meiner Erfahrung kann ich nur jeden ermutigen selbst Hand anzulegen!
Das wichtige ist vielleicht, seine Grenzen zu (er)kennen und im Zweifel auf den Fachmann zu vertrauen.

Fliesen legen würde ich z.B. nicht selbst wollen. Da ist der Fachmann sicher schneller, das Ergebnis ist vorhersehbar und ihm macht es i.d.R. auch noch Spaß, mir nämlich gar nicht.

Umgekehrt muss man auch noch sagen, und auch das habe ich empirisch ermittelt:
Nicht jeder Fachmann mit entsprechendem Nachweis entpuppt sich auch als solcher! Hier gibt es auch "schwarze Schafe". Wer sieht denn schon, wie die el. Leitungen unter der abgehängten Decke verlegt sind?
So ganz pauschal kann man denke ich weder die Selbermacher verteufeln, noch die Fachleute in den Himmel loben. Die Wahrheit wird wohl in der Mitte liegen.

Viele Grüße



Nochmal lesen, Michael:



Das Ganze ist erstens zum 1. April gestartet, und zweitens geht es nicht gegen das Selbermachen, sondern gegen die Selbstüberschätzung.

Ohne all die Fragen von Bauherren, was Sie wie selber machen, planen, vorbereiten können, wäre das hier eine klitzekleine und langweilige "Koryphäenrunde", oder gar nicht existent.



:-)



Das Datum.......da habt Ihr mich erwischt :-)
Meine Aussage lass´ ich dennoch so stehen



@ Edmund



Tja, das gibt es auch. Ein handwerkerfreundliches Land ist das ja hier auch nicht unbedingt. Die Konzerne werden gefördert, ohne dann wenigstens auch angemessene Steuern durchzusetzen. Verluste werden hier realisiert, Gewinne irgendwo anders. Der Mittelstand hingegen wird mit unsinniger Bürokratie genervt und mit immer neuen Abgaben abgezogen. Der kann ja steuerlich nicht in's Ausland fliehen. Die Schule unterbietet sich jedes Jahr auf's Neue, und deshalb gibt es immer weniger geeignete Azubis. Und die die könnten, wählen einen Schreibtischjob. Die Vorstellung, daß Arbeit etwas mit einem produktivem oder gar schöpferischem Prozess zu tun haben könnte, nistet in immer weniger Köpfen. Stattdessen wird bald Jeder Jeden verwalten. Bürokratische Onanie nenne ich das. Und deshalb gibt es tatsächlich in vielen Gewerken Wartezeiten wie beim Augenarzt.

Klar wählt dann der Handwerker nach seinen eigenen Kriterien aus, für wen er arbeitet. Nicht immer wird das der fetteste Auftrag sein. Auch ein fachlich interessantes Projekt oder Bauherren, die wirklich an einem konstruktivem Miteinander auf Augenhöhe interessiert sind, wären ein Entscheidungsgrund.

Grüße

Thomas




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