Erneuter Streit um den "richtigen" Energiepass

Diskutiere Erneuter Streit um den "richtigen" Energiepass im Forum Sanierung allgemein im Bereich - Bauminister Wolfgang Tiefensee (SPD) und Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) einigten sich unlängst auf ein fadenscheiniges Optionsmodell...
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Bauminister
Wolfgang Tiefensee (SPD) und Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) einigten sich unlängst
auf ein fadenscheiniges Optionsmodell, welches die Wahlfreiheit zwischen der
bedarfs- oder verbrauchswertbasierten Methode zur Erstellung von
Energieausweisen vorsieht (siehe auch Beitrag "Tiefensee und Glos beim nächsten Trippelschritt für Energieausweise im
Gebäudebestand
" vom 7.4.2006) und eine Vergleichbarkeit der
Energieeffizienz von Gebäuden erschwert (siehe Grafik weiter unten). In der
Praxis dieser Beliebigkeitslösung wird sich vermutlich ohnehin dann der
kostengünstigere "Verbrauchspaß" etablieren, der den Verbrauch von Öl, Gas oder (Heiz-)Strom
der vergangenen Jahre zugrunde legt. Umweltminister Sigmar Gabriel monierte nun in einem Brief an
die beiden Kollegen, der verbrauchsorientierte Ansatz sei "zur Bewertung der
Gesamteffizienz eines Gebäudes völlig ungeeignet".



Der Umweltminister argumentiert, dass der Energieverbrauch nicht
nur vom jeweiligen Nutzerverhalten - wie Temperaturniveau, Zahl der tatsächlich
beheizten Räume, Lüftungsverhalten, Nutzung durch Single oder Familie - beeinflusst sei;
es kämen
auch Schätzungen und Korrekturen zum Tragen, "die im Belieben des (Haus-)Eigentümers"
lägen. Zudem verfehle der "Energiepass light" das eigentliche Ziel der
zugrunde liegenden EU-Richtlinie, "fundierte gebäudebezogene
Modernisierungsempfehlungen" zu erhalten, die die so genannte zweite Miete und
die Umweltbelastung senken könnten. Hierzu bedürfe es zwingend einer
Bestandsaufnahme der baulichen und anlagentechnischen Gegebenheiten des
Gebäudes.



zur Erinnerung: In der Diskussion geht es um den so
genannten "Verbrauchspaß" auf Basis des gemessenen
witterungsbereinigten Verbrauchs bzw. den "Bedarfspaß", der den Energiebedarf rechnerisch unter
Normbedingungen ermittelt.



<center>



<img src="http://www.baulinks.com/webplugin/2006/i/0216-ifeu2.gif" style="border: 1px solid rgb(0, 0, 0);" alt="Verbrauchspaß, Bedarfspaß, Energiepaß, Energiepass, Verbrauchspass, Bedarfspass, Energieeffizienz, Energiekosten, Energieverbrauchskennwert, Energieverbrauchskennwerte, Heizkostenabrechnung, ifeu-Institut, Gebäuderichtlinie" border="1" vspace="3" width="400" height="264">

<span style="font-size: 10px;">Bild vergrößern</span>

<span style="font-size: 10px;">Vergleich der Heizenergieverbrauchs- und
Bedarfskennwerte von 99 Einfamilienhäusern (siehe auch Beitrag "Energiepaß:
erhebliche Abweichungen bei Verbrauchs- vs. Bedarfsmessung
" vom
5.2.2006)</span>
<hr>
</center>
In Deutschland sind die gesetzlichen Grundlagen
für die Einführung des Energiepaßes mit der
Novellierung des Energieeinsparungsgesetzes (EnEG)
gelegt. Nur fehlen

noch die Ausführungsbestimmungen und Richtlinien für den Energiepaß. Sie
sollten zwar bis 1. Januar 2006 vorliegen und in Kraft getreten sein. Wegen der
Bundestagswahlen und der langwierigen Koalitionsverhandlungen wurde dieser
Termin zunächst
bis ins
späte Frühjahr 2006 verschoben
 - inzwischen wird es aber vor 2007 mit dem
Energiepaß in Deutschland wohl nichts werden.



Tiefensee und Glos haben sich mit ihrem Ansatz ganz
offensichtlich an den Interessen der <nobr>Immobilien-</nobr> bzw.
Wohnungswirtschaft orientiert. Diese favorisiert die einfache
Verbrauchserhebung, für die das betreffende Gebäude noch nicht einmal vor Ort
begutachtet werden muss. Die Kosten
für eine solche Light-Version liegen vermutlich bei unter 100 Euro. Die Berechnung
eines Bedarfspasses, wie er von Energieberatern, Verbraucherschützern und auch
der Bauwirtschaft gefordert wird, könnte dagegen mehr als 300 Euro kosten.



GdW sowie Haus & Grund sind irritiert



Glücklich über das Optionsmodell zeigen sich nun der
Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen e.V. (GdW) sowie die
Eigentümerschutz-Gemeinschaft Haus & Grund irritiert ob des Widerstandes aus dem
Bundesumweltministerium. Haus & Grund appelliert an die Bundesregierung, den
Vorschlag von Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee und Bundeswirtschaftsminister
Michael Glos umzusetzen. Das von Tiefensee und Glos vorgeschlagene Optionsmodell
stelle einen vernünftigen Ausgleich zwischen den diskutierten Varianten dar und
sei bei den Eigentümern auf breite Zustimmung gestoßen, behauptet Haus &
Grund-Generalsekretär Dr. Andreas Stücke. Nach vierjähriger Diskussion solle das
jetzt gefundene empfindliche Gleichgewicht zwischen den unterschiedlichen
Interessen nicht zerstört werden.



GdW-Präsident Lutz Freitag verweist auf einen von den
Spitzenverbänden der Immobilienwirtschaft durchgeführten Praxistest, wonach dem
"bedarfswertbasierten Energieausweis - entgegen der immer wieder behaupteten
Objektivität dieser Variante des Energieausweises - große Mängel in Bezug auf
die Zuverlässigkeit und Vergleichbarkeit der Ergebnisse nachgewiesen" wurde.
Demnach wiesen die bedarfsbasierten Energieausweise der beauftragten und bei der
Deutschen Energieagentur (dena) gelisteten Aussteller eine Abweichung der
Kennwerte für den Primärenergiebedarf um bis zu 60 Prozent für ein und dasselbe
Gebäude aus.



Verbraucherzentrale und Mieterbund begrüßen Gabriels Vorstoß



Im Streit um den Gebäudeenergiepass hatten der Bundesverband der
Verbraucherzentralen (vzbv) und der Deutsche Mieterbund die von
Bundeswirtschaftsminister Glos und Bundesbauminister Tiefensee favorisierte
Lösung ohnehin schon scharf kritisiert. Das Glos-Tiefensee-Modell werde
wirkungslos bleiben und sei ein Kniefall vor der Immobilienwirtschaft, hatten
beide Organisationen erklärt. Umso mehr freut sich nun vzbv-Vorstand Prof. Dr.
Edda Müller über den Widerstand des Umweltministeriums: Er sei "die einzig
richtige Reaktion auf einen drohenden politischen Kompromiss, der Mieter und
Hauskäufer im Regen stehen lässt, weil die Wohnungswirtschaft Klarheit
fürchtet."



Dr. Franz-Georg Rips, Direktor des Deutschen Mieterbundes (DMB)
befürchtet, dass wir auf dem besten Wege seien, "die Chancen des Energiepasses
mutwillig zu verspielen. ... Die Chancen bestehen darin, den Wohnungsbestand in
Deutschland energetisch zu verbessern, damit Arbeitsplätze zu schaffen und
Klimaschutz aktiv zu betreiben."



Vor allem das Argument, Bedarfspässe seien unvertretbar teuer,
ist nach Auffassung von Mieterbund und vzbv schlicht falsch. Ein Bedarfspass
lasse sich nach ihrer Ansicht für einen Preis von 100 bis 150 Euro in einem
vereinfachten Verfahren erstellen. Der Pass müsse nur beim Vermieten oder
Verkaufen einer Wohnung - bezogen auf die Immobilie insgesamt - ausgestellt
werden und habe eine Gültigkeitsdauer von zehn Jahren. Ein solcher Geldeinsatz
sei angesichts der positiven Wirkung qualitativer Energieausweise für niemanden
unzumutbar. Diesen Mehrkosten steht ein Vielfaches an Einsparung bei den Nutzern
aufgrund der niedrigeren Heizkosten gut sanierter Wohngebäude gegenüber.



<div align='right'>Siehe auch: ausgewählte weitere Meldungen:
 
Thema: Erneuter Streit um den "richtigen" Energiepass

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