Ziegelmauerwerk



Nun stelle ich mal eine Frage ins Forum und hoffe um Aufklärung:

Auf dem Foto einer Bastion (ca. 15. Jhr. Italien) sieht man starke Verwitterungsspuren des Ziegelmauerwerkes.
Die Ziegel wurden regelrecht aufgelöst, nur der Mörtel blieb stehen.

Was ich nicht verstehe ist, warum diese Zerstörung an den eher trockeneren Bereichen unter der geschlossenen Maschikulation stattfand und nicht an den Bogenkämpfern, wo Niederschlagswasser am Mauerwerk herunterlief.
Eigentlich müßte man doch glauben, das gerade das Regenwasser in Verbindung mit Luftschadstoffen solche Zerstörungen anrichtet.
Kann eine schwache Säure überhaupt solche Schäden am Ziegel anrichten?
Warum ist dann der Kalkmörtel nahezu unversehrt?
Was gibt es sonst, das Keramik so zerstört?

Viele Grüße





Hallo Herr Böttcher,

ein ähnliches Schadensbild, nur noch nicht soweit fortgeschritten ist auch an der Bastion der Engelsburg/Rom zu sehen.
Ich verstehe das Ganze wie folgt: Es läuft zwar etwas Wasser an den Bögen herunter und trifft auf weiter unten auf das zurückliegende Mauerwerk, die Menge scheint aber nicht ausreichend zu sein um das Mauerwerk dauerhaft derart zu zerstören wie in den daneben liegenden Bereichen.
Wenn man sich Ihr Bild etwas genauer anschaut sind im Mauerwerk, etwas über dem oberen ausgebildeten Kranz Öffnungen im Mauerwerk zu erkennen, die vermutlich zur Entwässerung des begehbaren Bereiches auf der Bastion gehören. Genau unterhalb der Öffnungen - unter dem Natursteinkranz - sind auch die Auswaschungen zu beobachten.
So das Wasser ist nun also an den richtigen Stellen unterwegs und rinnt über die Jahrhunderte hinweg über den zementhaltigen Mörtel. Dieser liefert hygroskopisch wirkende Salze, eine folgende Vergipsung usw. => es folgt ein Abplatzen und Auswaschen geschädigter Bereiche. Ein übriges gibt die Luftverschmutzung hinzu.

So, jetzt bin ich mal gespannt, was hier noch vorliegen kann.

Gruß aus Wiesbaden,

Christoph Kornmayer



Die Öffnungen



oberhalb des Kranzes können nicht die Ursache sein, da sie nur unterhalb jedes zweiten Bogens zu finden sind und da darüber das Mauerwerk auch verwittert ist. Ich versuche es mal mit folgender These:
Der Regen wusch aus dem über den Bögen befindlichen Mauerwerk den Kalk aus dem Mörtel, der sich dann genau da ablagerte, wo das Regenwasser konzentriert ablief. Dieser Kalk bildet genau an diesen Stellen eine Schutzschicht vor der sonst stärker in Erscheinung tretenden Verwitterung. Möglicherweise wurde das Mauerwerk oberhalb der Bögen einmal erneuert, so daß es weniger verwittert ist.



Kommt mir irgendwie bekannt vor ....



Hallo Herr Böttcher,

um welche Bastion handelt es sich denn hierbei?

Gruß aus Wiesbaden,

Christoph Kornmayer





Baujahr hin oder her,
der Mörtel scheint hydraulisch abbindende Anteile zu enthalten.

Die Qualität der verwendeten Ziegel scheint minder zu sein,
zu weich gebrannt oder ungeeigneter Lehm/Ton.

Viele Grüße,
Philipp Kawalek



Ziegelmauerwerk



Die Bastion befindet sich am oberen Stadttor von Colle di Val`d.Elsa, Toscana (ca. 15 km von San Gimignano entfernt).
Über die Qualität der dort verwendeten Steine kann ich natürlich nichts sagen; aber die in der Gegend verbauten Ziegel aus der Renaissance die man sehen und anfassen kann, sind von hervorragender Qualität, ebenso der Mörtel.
Nur einzelne Ziegel wittern stärker ab; bei Feldbränden nicht vermeidbar.
Eine komplette Auflösung in Teilbereichen einer Mauer habe ich noch nicht gesehen, immer nur einzelne Steine.

Viele Grüße



Kalk oder Nicht-Kalk



Hallo

Wie Herr Kawalek schon bemerkt, denke auch ich, dass da hydraulische Mittelchen drinnen sind. (Wie mein heiss-geliebter Zement)

die Schäden kommen denke ich von einer NACH-träglichen Sanierung!

Oder die Steine waren einfach nicht "gut"!

Kam ja auch bei den ALTEN vor, dass gemurkst wurde!

FK



Ziegelmauerwerk



Nun, eine nachträgliche Sanierung der Fassade fand in dem Bereich definitiv nicht statt, der Turm steht seit mehreren hundert Jahren so.
Die Steine haben sich regelrecht aufgelöst und sind nicht einfach abgescherbelt.
Was für mich so ungewöhnlich ist: warum wittern die Steine an der einen Stelle ab und einen halben Meter daneben nicht?
Es muß mit dem Niederschlagswasser zusammenhängen, aber wie ist die Wirkungsweise?
Da, wo Wasser herunterläuft sind sie intakt, an den trockeneren Stellen verwittern sie. Das hat nichts mit schlechter Steinqualität und Zementmörtel zu tun.
Der untere Turmschaft wird gleichmäßig beregnet, hier sieht man als Schäden nur einzelne herauserodierte zu weiche Steine. Das ist bei der Qualitätsstreuung bei Felbränden normal. Und da wurde sicher mit dem selben Zementmörtel gearbeitet wie oben.
Frostschäden kann man wohl auch ausschließen, in der Gegend friert es kaum. Und wenn, dann etwas Bodenfrost.

Viele Grüße



Salzanreicherung ?



in den Bereichen, wo das Wasser fließt, können die löslichen Bestandteile fortgeschwemmt werden, daneben, dort wo zuwenig Feuchte hinkriecht, dort werden die Salze akkumuliert und bilden die Salzschäden, - wäre mein Ansatz.



Ziegelmauerwerk



Danke, das klingt glaubhaft!
Eine interessante These.

Viele Grüße





Warum widersteht der Mörtel dem Salzangriff?
Wodurch wird so eine immense Salzbelastung verursacht?

Ich meine auch eine Art Sinterschicht wie von Karsten Hildebrandt beschrieben unter den Bogenkämpfer zu erkennen.
Diese sind übrigens Werksteine, möglicherweise aus Kalkstein, der hier dann als 'Opferanode' die Ziegel unter sich geschützt hat.

Zur Umweltbelastung habe ich was gefunden:
Seit 1331 wird hier Glas hergestellt.
Die Glasproduktion wurde im 20. Jahrhundert zur Kristallherstellung weiterentwickelt.
Diese ist eines der charakteristischsten Elemente der Stadt.
In den letzten Jahrhunderten war Colle als das Böhmen Italiens und später als "Stadt des Kristalls" bekannt.
In der Genossenschaft des Kristalls aus Colle di Val d´Elsa sind alle Kristallhersteller vereint.
Hier werden 95% der gesamten Kristallproduktion Italiens und 14% der Weltproduktion hergestellt.

Viele Grüße,
Philipp Kawalek



Ziegelmauerwerk



Da sieht man mal, so ein kleines brainstorming kann wirklich weiterhelfen.

Das mit dem Glas merkt man in der Altstadt an den Läden für geschliffenes Kristall.
Die Erklärung ist jetzt stimmig und ein leuchtend.

Von der Umweltverschmutzung merkt man jetzt nichts mehr, die Luft ist sauber.
Gewerbe gibt es weit weg am Rand der Unterstadt, so kommt man nicht auf die Idee, in einem industriellen Zentrum zu sein.

Die Altstadt ist übrigens wunderschön und nicht von Touristen überlaufen. Sie liegt sehr malerisch auf einem schmalen Bergrücken.
Man findet den Ort auf der Strecke Florenz- San Gimignano kurz hinter Poggibonsi.

Vielen Dank an alle, die mitgedacht haben.





Na das klingt ja gut. Das schaue ich mir doch mal im Frühling an.

Gruß aus Wiesbaden,

Christoph Kornmayer




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