Fachwerk-Innenwand

07.06.2011



Hallo Fachmänner, ich brauche Ihren Rat. Ich möchte im Wohnzimmer eine 6m lange und 2,50m hohe Wand als Fachwerkwand gezimmert und gemauert haben. Dies ist nur Zierde, diese Wand wird vor die tragende Wand gesetzt. Habe mir schon schöne alte Abrisssteine besorgt und weiß jetzt nicht, nimmt man da neue Balken oder kann man auch verwitterte Balken so trimmen, dass sie alt aussehen? Womit behandelt man sie denn dann? Gibt es noch Wichtiges zu beachten? Vielen Dank



Fachwerkinnenwand



Hallo Frau Birkholz,
da gibts mehrere Lösungen. Das kommt auf den Geschmack und den Geldbeutel an.
Grundsätzlich ist es gut so eine Wand aus trockenem Holz zu bauen. Da kommen dannfolgende Lösungen in Frage:
I KVH-Holz: das ist richtig trocken und auch aus Viertelhölzern geschnitten. Zählt zu den "künstlichen" Hölzern, da kurze Stücke mittels einer Verzahnung in der Länge aneinander geleimt werden. Die Hölzer haben immer eine kleine Fase (gebrochene Kante) Ich finde das sieht blöd aus an den Stellen wo Riegel an Stiel und Stiel an Rähm bzw. Schwelle stoßen. Gibts soviel ich weiß in Tanne/Fichte und Kiefer. Falls es auch KVH Eiche gibt wäre das neu für mich. Geht vom Abbund her am leichtesten und schnellsten.
II Kammergetrocknetes Holz: Da würde ich Hölzer nehmen die aus einem Viertel des Stammes gesägt wurden, da während des Trocknungsprozesses Risse entstehen. Verdrehungen, die in der Trockenkammer entstehen können machen die Arbeit für den Zimmerer auch ein wenig schwieriger.
Bei meinem Holzlieferanten gibts keine Eiche kammergetrocknet. Obs irgendwo anders anders ist weiß ich nicht. Für Viertel-(oder Kreutz-) Holz und Kammertrocknung muss ich Aufpreis zahlen. Douglasie würde hier auch möglich sein. Von Lärche würde ich abraten, da die ausharzt.
III Recyclingholz: Da steckt viel Arbeit drin die bezahlt werden muss (teilweise durch Eigenleistung zu reduzieren) Säubern, entnageln, sortieren. Und der Abbund ist schwieriger und zeitaufwändiger, da davon auszugehen ist dass kein Holz gerade, rechtwinklig, scharfkantig, unverdreht ist. Ich würde da nicht gerade einen Jungzimmerer der immer nur Neubauten gemacht hat dranlassen.
Innenwände wurden meistens in Nadelholz ausgeführt. In meiner Gegend (Vorpommern) in Kiefer. In Ihrer Region (Brandenburg?) vermutlich auch.
Zur Oberflächenbehandlung:Das ist auch Geschmacksache: Ich würde nur Ölen (Leinölprodukte) Zusätzlich wachsen machts noch schicker. Farbpigmente könnten auch noch dazu.
Ich hoffe mit meiner Auskunft geholfen zu haben.
MfG
Ralph Schneidewind



Potemkinfachwerk



Hallo Christiane,
ich hoffe Sie sind sich auch der anderen Arbeiten bewusst, die so eine Wand mit sich bringt.
Zu Ihrer Erinnerung zähle ich mal einige Probleme auf:

1. Der Raum wird kleiner.
Etwa 1 m² wird an Wohnfläche fehlen.

2. Der Raum wird dunkler.
Ich nehme an das bei einer 6 m langen Außenwand auch ein Fenster dabei ist. Die größere Laibungstiefe kostet Belichtung. Bei einem Fenster sind die Laibungen und das Fensterbrett mit zu erneuern. Das wird unnatürlich aussehen, da in Fachwerk nie solche großen Laibungstiefen auftreten.

3. Installationen.
Wenn Sie Steckdosen, Telefon- oder TV- Dosen an der betreffenden Wand haben und ein Heizkörper unter dem Fenster ist, müssen die versetzt werden.

4. Statik
So eine Wand wiegt über zwei Tonnen, das klebt man nicht so einfach an die Wand oder stellt es auf den Fußboden. Man sollte sich ein paar Gedanken machen, wie die Last abgetragen wird.

Jetzt zu Ihrer Frage:
Ob Sie neue Hölzer nehmen und Sie auf alt trimmen oder alte Hölzer wieder Aufarbeiten bleibt Ihrem Geschmack überlassen.
Echt wird keine der Varianten aussehen. Fachwerkaußenwände wurden früher übrigens immer innen verputzt.

Was ich mir vorstellen kann, ist eine originale Fachwerkwand aus einem Abbruch zu bergen und Sie so vor dem Verfall zu retten. Noch besser, wenn man zu dem ehemaligen Gebäude eine Beziehung hat. So eine Wand dann zu erhalten, indem man sie bei sich wieder aufstellt ist etwas anderes als so etwas ohne einen Bezug und die dazu gehörende Geschichte nachzubauen. Das ist aber meine rein persönliche Ansicht.

Viele Grüße



Fachwerk-Innenwand



Hallo Herr Schneidewind,
vielen Dank für Ihre Ausführungen, das hat mir schon sehr weiter geholfen, werde mich dahingehend beim Holzhandel nach Preisen und vorhandenem Material erkundigen. Welches Öl und Wachs würden Sie empfehlen?

Hallo Herr Böttcher,
auch Ihnen vielen Dank für Ihre schnelle Antwort. Wenn man als Frau in eine Männerdomäne eindringt, muss man sich eben kleine Seitenhiebe gefallen lassen wie „vorher Gehirn einschalten“ Trotzdem freue ich mich, dass Sie mir noch einmal die möglicherweise auftretenden Probleme aufgezählt haben. Damit habe selbst ich (Frau) mich schon beschäftigt.
Die Idee mit der Rettung einer vom Verfall bedrohten Fachwerkwand ist toll, Gebäude und auch Gegenstände mit Geschichte sind auch für mich etwas Erhaltenswertes und Schönes. Leider haben wir in Brandenburg sehr, sehr wenige Fachwerkhäuser und davon wüsste ich auch keins, was gerade abgerissen werden muss, somit fällt eine Beziehung dazu auch flach. (Sicher hätte auch der Denkmalschutz was dagegen, wenn ich mir da ne Wand weg nehme) Ich möchte aber gern eine Beziehung zu meinem kleinen, noch nicht sehr schönen Haus aufbauen und bei der Veränderung und Gestaltung mitwirken. Da dachte ich, ich wende mich an Euch Fachleute, so schlecht eingeschaltet ist doch mein Hirn gar nicht oder?

Also ich freu mich auf diese Wand und wenn sie fertig ist, schicke ich Ihnen ein Foto.
Nochmals vielen Dank und liebe Grüße
Christiane Birkholz



Altholzwand



Hallo Christiane,
dies ist ein teuren Eingriff, Gemütlichkeit durch Wände herzustellen, die es so nicht gab (nur bei ganz armen Landbewohnern habe ich innen die Fachwerkwände gesehen). Sicher gibt es auch bei Ihrem Haus Bauteile, die Geschichte und Atmosphäre herstellen können und vielleicht sowieso erneuert werden müssen (Böden, Treppe, Fenster?). Hier kann mit historischen Bauteilen Wirkung erzielt werden.
Als Material würde ich Altholz vorziehen, allerdings ist so eine Wand in einen Raum nicht fachgerecht zu montieren, da die Höhe für die Zapfen fehlt.
Bei den Abrisssteinen achten Sie bitte auf die Herkunft, also wo diese verbaut waren. Denn die Belastung durch Salze (Vieh, Erde) ist zuerst nicht sichtbar, aber im ungünstigen Fall bald zu riechen.
Anbei ein Beispiel, wo eine Wand für den Dachbodenausbau aus alten Hölzern einer Scheune gefertigt wurde.
Übrigens: das Motto von Herrn Böttcher gilt für alle Leser, Sie wurden nicht gezielt angesprochen ...