Verschalung der Wetterseite mit Außendämmung bei bestehender Innendämmung ?

30.06.2020 Flocke



Hallo zusammen.
Wir leben seit ca. 2 Jahren in einem Fachwerkhaus, das um 1900 gebaut worden ist und in dem über die Jahre viele "Alleskönner" am Werke waren. Wir sind mit unseren Kindern total glücklich in unserem Haus, das vor 2 Jahren von uns innen komplett gestrichen wurde und mittlerweile toll eingerichtet ist. Das schreibe ich vorweg um deutlich zu machen, dass große Baumaßnahmen im Innenbereich finanziell und organisatorisch eigentlich momentan nicht in Frage kommen.

An unserer Wetterseite platzt viel Putz ab und auch die Balken müssten laut Zimmermann überarbeitet werden. Daher haben wir uns für einen Behang mit Schiefer im Giebel und Lärche (Rest) entschieden. Problem: Wir haben eine Innendämmung mit Gipskartonplatten und 16mm Glaswolle - ohne Dampfsperre. Wenn man durch die Steckdosenöffnungen guckt (auch mit Endoskopkamera) und riecht, kann man erstmal keine Feuchtigkeit oder gar Schimmel feststellen, aber natürlich kann man nicht überall reingucken. Mir ist klar, dass so eine Dämmung nicht toll ist, aber ein Rausreißen kommt gerade nicht in Frage (siehe oben...).

Zwei Zimmerleute haben uns nun einen Behang ohne Dämmung empfohlen. Einer möchte gerne dämmen, um den Taupunkt "nach außen zu ziehen". In den Berechnungen (Glaser) wird deutlich, dass sich der Feuchteschutz durch die Maßnahme verbessern würde (Tauwasser jetzt 4,38kg/m2, mit Außendämmung 0,66kg/m2).

Ein Energieberater hat nun über das Glaser-Verfahren hinaus noch andere hygrothermische Berechnungen gemacht und kommt zu dem Schluss, dass die Außendämmung die Situation zwar verbessern würde, aber die Maßnahmen trotzdem nicht empfohlen werden können, weil die Innendämmung Mist ist.

Ich als Laie bin nun völlig verwirrt: Außendämmung jetzt sinnvoll oder nicht? Wenn es die Beschaffenheit der Wand verbessert, wäre sie doch gut. Dass sie nie super wird, weil die Innendämmung Mist ist, ist mir ja klar.
Kann mir da jemand weiterhelfen? Kann mich jemand vielleicht sogar hinsichtlich der Innendämmung beruhigen?

PS: geplanter Aufbau mit Außendämmung und der (leider) bestehenden Innendämmung:

Gipsplatte --> Glaswolle (160mm) --> Kalkgipsputz --> Lehmsteine (160mm) --> Steicofloc (80 oder 120mm) --> Pavatex Isoair (40mm) --> Unterkonstruktion Fichte --> Lärche / Schiefer



Faktenentscheidung



ich finde solche Entscheidungen sollten nach relativ klarer Faktenlage entschieden werden. Für die Außendämmung spräche, dass tatsächlich das Risiko, dass sich Kondensat an der Grenze zwischen Innendämmung und Fachwerk bildet, herabgesetzt wird. Und ja, hier ist Miwo schadensträchtig, da, wenn sie auffeuchtet eine Rücktrocknung lange dauert.
Voraussetzung für eine Dämmung unter der Vorsatzschale ( warum ist da Schiefer im Gespräch mit Blick auf die Finanzen?) ist, dass eine wirksam dimensionierte Hinterlüftung stattfindet. Daher vielleicht auf die 40mm Pavatex verzichten und lieber flexible Holzfaserdämmung mit Unterdeckbahn nehmen, das führt dann wenigstens bei der Außendämmung zu einer homogenen Materialauswahl und nicht zusätzlich zu einem weiteren Baustoffmix.
Interessant in diesem Zusammenhang wäre ja noch, die Begründung des Energieberaters mal genauer zu erfragen - was meint er denn damit, dass er Maßnahmen nicht empfehlen kann, weil die Innendämmung " Mist" ist ? Was genau passiert denn seiner Meinung nach, was zu Mist führt? Wenn sich dies erklären ließe, fiele die Entscheidung vielleicht auch leichter.
Welchen Umfang hätte denn die "Überarbeitung der Balken" annehmen müssen ? Es sollte wohl deutlich sein, dass die Balken in Ordnung sein müssen, bevor sie unter der Verschalung verschwinden! Auch sollte der Putz geprüft werden - Zementputz wäre hier bezüglich der Kapillaraktivität des Fachwerks und der Außendämmung natürlich vorher zu entfernen. Die Dämmung sollte hohlraumfrei aufs Fachwerk aufgebracht werden.



Konkreter...



Danke erstmal für die schnelle und umfangreiche Antwort.

Schiefer ist nur ein kleiner Bereich im Giebel. Passt einfach zu dem Haus und war wohl früher auch so. Historisch also passend.

Pavatex hatte die Firma vorgeschlagen. Ich frage noch mal nach Vor- und Nachteilen.

Der Energieberater sagt zwar, dass sich durch eine Außendämmung die Feuchtigkeitssituation verbessern würde, dass aber die Innendämmung ohne Dampfsperre mit Glaswolle das hohe Risiko beinhaltet, dass es an der Innenseite kondensiert und dann schimmelt.
Ich habe gerade noch mal mit ihm telefoniert und er rät mir, die Innendämmung zu entfernen. Wieder das Problem: Frisch eingezogen, alles schön gemacht, keine offensichtlichen oder erkennbaren Schimmel-Probleme und jetzt soll ich alle Außenwände rausreißen?!?



Schimmel



ja, das Risiko besteht, aber es ist viel größer ohne die Außendämmung. Wenn er mit einem anderen Hygrothermischen Verfahren gerechnet hat ( habt Ihr das bezahlt ?, dann stünde Euch auch das genaue Ergebnisblatt zu), wird der doch die Risikoentwicklung mit und ohne Außendämmung ermittelt haben. Ohne AD wäre der Taupunkt vermutlich an der Innenseite der Fachwerkaußenwand bzw. an der MIWO , mit AD nach meiner Verständnis zwischen Außenseite des Fachwerks und Außendämmung bzw. innerhalb der Fachwerkwand. Bei kapillaraktiven Baumaterialien und guter Hinterlüftung sollte die Feuchte aber sommers entsprechend abtrocknen können. Daher sprach ich von faktenbasiert, der Energieberater sollte in der Lage sein, entsprechende Berechnungen vorzulegen, sodaß ihr eine Entscheidungsgrundlage habt. Und wie gesagt, wenn ihr das bezahlt habt, habt ihr auch ein Anrecht auf die Ergebnisse und nicht nur auf lapidare Aussagen. Gibt es zwischen Innendämmung und Fachwerkwand ( womit ist die ausgefacht?) noch einen Hohlraum oder ist die ID direkt auf die Innenseite der Außenwand befestigt?



Energieberatung


Energieberatung

Die Energieberatung erfolgte mit dem Ziel, KFW-Mittel für die Außendämmung zu beantragen. Da wir dieses genauere Verfahren nie angefordert haben, haben wir es (zumindest bis jetzt) auch nicht bezahlt. Die Daten dazu habe ich, kann sie aber nicht genau interpretieren. Klar ist wohl: Die Entwicklung mit Außendämmung ist deutlich besser, aber das Risiko von Schimmel etc. immer noch zu hoch.

Zwischen Innendämmung und Fachwerkwand ist teilweise nichts (im Obergeschoß), teilweise wohl Lehmputz und teilweise ein großes Fragezeichen (EG). Ich habe mal ein Foto angehängt, dass ich von der Vorbesitzerin habe und dass den Zustand vor der Sanierung (von außen) zeigt. Von innen gibt es keine Fotos. Manchmal frage ich mich, ob es die aus gutem Grund nicht gibt...



Und so sieht die Innendämmung aus:


Und so sieht die Innendämmung aus:

Und so sieht die Innendämmung (Fotos aus dem OG) aus:



Außendämmung



also, wenn das Ergebnis des verwendeten Verfahrens ( ich vermute WUFI) ist, dass das Risiko von Schäden mit Außendämmung geringer ist und ihr gegenwärtig keinen Rückbau innen vornehmen wollt bzw. könnt, ist doch eigentlich die Sachlage klar. Zudem wäre es ja möglich, den Rückbau innen stückweise vorzunehmen ( z.B. im Zuge notwendiger Renovierungsarbeiten in ein paar Jahren) und dann habt ihr bereits eine funktionierende Außendämmung und könnt innen dann mit Lehm- oder Kalkverputz eine ordentliche Wandbekleidung herstellen. Ich sehe gerade das Foto der Innendämmung, sieht aus wie doppelte GK-Beplankung. Wenn ihr auf geringe Luftfeuchte achtet, vor allem in Küche und Bad , minimiert ihr das Risiko von Feuchteintrag in die Wandkonstruktion erheblich.



DANKE!



Vielen Dank! Das bestätigt mich. Außendämmung somit auf jeden Fall.

Auf gute Lüftung achten wir sowieso. In der (nagelneuen) Küche hängen (leider) auch Schränke an der Außenwand, aber im unteren Bereich ist für Rohre usw. auch Luft gelassen. Das könnte ja jetzt von Vorteil sein.

Werden in den nächsten Jahren wohl um einen Rückbau nicht drumrumkommen. Sehr ärgerlich, aber man muss der Realität wohl ins Gesicht sehen.

Gibt es irgendwelche Möglichkeiten der Schimmelkontrolle außer Öffnung der Wand?



Lüftung



ich meine nicht nur die Lüftung hinter den Schränken, sondern generell die Lüftung der Wohnräume, vor allem im Winter. Ich habe in den gefährdeten Räumen wie Kü, Bad und Schlafzimmer Raumfeuchtemesser stehen bzw. hängen.
Eine Schimmelkontrolle ist anders kaum möglich, aber es wäre eine Variante, in den betreffenden Räumen tatsächlich an unauffälligen Stellen mittels Dosenbohrer Kontrollöffnungen herzustellen, die mit einer Abdeckkappe für Verteilerdosen verschlossen wird und die winters und im Frühjahr zu Inspektionen genutzt wird. Es gibt auch Feuchtemeßgeräte mit Fühler, die man installieren kann.
Geht es bei der Wandbekleidung eigentlich nur um die Wetterseite oder alle Wände?



so viel ich gesehen und gelesen habe …



sind die Fakten einigermassen klar.

Ich würde wie folgt vorgehen:
- überprüfen der FW-Hölzer und deren Instandsetzung (kein Silicon, Schaum etc.)
- Gefacheputz falls er zementär ist weg und Gefacheholstellen ausbessern (Lehm oder Luftkalkmörtel)
- Putzträger (Babbitz, Schilf … kein Streckmetall o.Ä)
- vollflächiger Egalisierungsputz (Lehm oder LKM)
- 2 Lage Putz wie vor und Holzfaser- oder Schilfplatten einbetten ˜5 - 6 cm … mir würde das reichen evtl doppelt??
- Latten 6x6 längs (Hinterlüftung gewährleisten)
- Traglatten für Lärchenschalung - quer / oder Schalung für Schiefer

Fertig

Irgendwann können Sie dann Zimmer für Zimmer das Glasfaserfiasko Rückbauen und mit Lehmputz oder LKM einen neuen Innenaufbau machen

Für alle derartige Sanierungsarbeiten von A bis Z empfehle ich eher ein ordentliches Gesamtkonzept als ein digitales Frage-Antwort Stückwerk

Gutes Gelingen

Florian Kurz



Herr Kurz



mit dem Gesamtkonzept haben Sie recht. Aber ich kann die Familie verstehen, da haben die nun schon einen , sogar KFW-zugelassenen, Energieberater und was liefert der ?: Die Aussage, eine Miwo-Innendämmung ist Mist. Und so geht es vielen in der Republik. Ich finde, es sollte nicht nur eine Verantwortung der Verbraucher/Bauherrren geben, sich die Referenzobjekte von den Planern zeigen zu lassen, sondern auch eine Verantwortung der Planungsbranche, für die Qualifikation der dort Tätigen Standards anzustreben. Und da wird es eben fraglich, ob man einen Energieberaterstatus in ein paar Wochenendkursen machen kann.



@pope



Da haben Sie wohl recht … 

Dieser Glauben, dass ein Energieberater ein gottgleiches Wesen Medium ist … ist weit verbreitet … 

Die allermeisten haben ein "gesponsertes" Programm auf dem Rechner … geben "felsenfeste" Daten ein und erhalten … wie durch Zauberhand eine Antwort … 

Allerdings hat der hier arbeitende Berater in der Aussage recht, dass eine derartige MiWoDämmung innen "Mist" ist … 

Meines Erachtens ist jegliche Dämmung "Mist" weil eigentlich KEINE sich amortisiert … und eigentlich das allermeiste irgend wo irgend wann mal als Sondermüll entsorgt werden muss … (Jetzt höre ich schon das Geschrei der ÖkoDämmer, dass deren Dämmungen biologisch abbaubar sei … die sollten aber mal mir 300 m2 alter 12 cm Holzfaserdämmung zur Deponie fahren und dann die Rechnung ansehen … )

Alles kostet Geld, und ist wirklich alles an Ökodämmerei CO2-neutral in der Gewinnung, Herstellung, bis hin zur Entsorgung????? … und wie lange hält das Zeug … 

Mein Vorschlag mit den 6 cm HFPlatten aussen ist kein muss … sollte aber in Anbetracht der Innendämmung drauf gemacht werden als Feuchtepuffer … 

Man muss immer abwägen, welche Massnahme an diesem oder jenem Gebäude wirklich sinnvoll ist … vom Aufwand … von den Kosten und der zu erwartenden Nachhaltigkeit und Langlebigkeit … 

Gutes Gelingen

Florian Kurz



Herr Kurz



ich kenne Ihre grundsätzliche Einschätzung zum Dämmwahn und habe auch die Schriften von Konrad Fischer studiert, stimme partiell zu. Aber wie bei Allem, finde ich das die Menge, das Maß entscheidend ist. Und ja, die Gesamtbilanz sollte bei Allem mehr in der Vordergrund treten. Da sind ja auch die Kosten nicht berücksichtigt, die durch Wasserverschmutzung bei der Herstellung, der Ölentsorgung bei den Herstellungsmaschinen, die Wiederaufforstungskosten bei der industriellen Nutzung unserer Wälder etc. entstehen.
Und Sie haben recht, an ein kostengünstiges Recycling glaube ich auch bei den Holzfaserprodukten nicht, kompostieren jedenfalls würde ich das nicht, jedenfalls den Kompost dann nicht auf meine Beete streuen. Aber ans Recycling denkt ja die Industrie ( und auch der Verbraucher) beim Bewerben der Lithiumbatterien als Mobilitätsnonplusultra der Zukunft nicht.



Fachwerkdämmung


Fachwerkdämmung

Dass Außendämmung sich positiv und risikomindernd auswirkt ist sicher klar.
Das gilt auch bei vorhandener Innendämmung.
Abreißen würde ich hier erst mal nichts.
Nach erfolgter Außendämmung kann gelegentlich die Holzfeuchtigkeit an den Innenseiten von kritischeren Bereichen wie Schwellen und Eckständern überprüft werden-
mit langen Meßsonden oder installierten Meßstellen ist das leicht möglich.

Wenn möglich ist Außendämmung mit Stegträgern oder KVH,
darauf Unterdachplatten,
dazwischen Zellulosedämmung,
dünne Konterlattung,
Schalung und
Schieferverkleidung

am besten, da hiermit jeder Hohlraum zum ziemlich zerklüfteten Mauerwerk voll ausgefüllt wird,
was auch bei flexiblen Holzfaserdämmplatten nicht annähernd so gut möglich ist.

Die Feuchtigkeitsaufnahme und -abgabe sind dabei auch deutlich besser.
Bei Rhombusverkleidungen wie auf dem Foto ist die Hinterlüftung viel besser und ggf partieller Brettaustausch viel leichter