Alte Handschrift / Segensspruch für das Haus gefunden

26.02.2006



Hallo,
heute möchte ich hier keine Frage stellen, sonderen einfach mal berichten, wie ich in unserem Haus bei Renovierungsarbeiten eine alte Handschrift auf Papier fand.

Es war, als reiche mir jemand durch die Jahrhunderte hindurch die Hand, ich bekomme noch heute eine Gänsehaut !
Vor ca. 5 Jahren machte ich mich daran, im Wohnzimmer die Deckenbalken freizulegen, die der wohlmeinende Vorbesitzer mit Styroporplatten zugepappt hatte. Bei unserem Einzug 1992 musste alles schnell gehen und so ersetzten wir damals lediglich Styropor durch Gipskarton und fertig. Nun sollte aber das Wohnzimmer "so richtig" schön gemacht werden.

An einem der beiden dicken Balken waren die Risse im Holz mit Lehm bzw. Putz zugeschmiert und ich popelte diese Füllung mit einem Schraubenzieher heraus. In einem besonders großen Ritz steckte dahinter ein klein zusammengefaltetes Stück Papier, ich warf es achtlos in den Müll. Im nächsten Moment dachte ich :"Äh, wieso steckt da jemand Papier in den Spalt und schmiert das ganze vorne zu ?" und sofort holte ich das Ding wieder aus dem Müll.

Es war wirklich sehr klein zusammengefaltet und leider zerbröselte es beim auseinanderfalten ein bißchen. Als ich dann erkannte, dass es sich um eine uralte , kaum leserliche Handschrift handelte, traf mich fast der Schlag. Je mehr ich entziffern konnte, um so mehr "berührte" mich die ganze Sache.
Offensichtlich wurde beim Bau unseres Hauses oder später dieser Text ganz bewusst im Balken versteckt. Es handelt sich dabei um eine Art Segensspruch, der das Haus und/oder die Bewohner vor Schaden bewahren soll, er bezieht sich dabei aber wohl auch auf ein stattgefundenes schlimmes Ereignis. Anhand der Bauart unseres Hauses und der Dorfgeschichte kann man davon ausgehen, dass unser Haus um 1600 erbaut sein muss, kurz vor Beginn des 30jährigen Krieges. In unserer Gegend und speziell in unserem Dorf war dieser mit schrecklichen Ereignissen, Kampfhandlungen, Plünderungen usw. verbunden, außerdem wütete in jenen Jahren die Pest, so dass das Dorf für einige jahre völlig unbewohnt war. Es ist denkbar, dass der Segensspruch NACH diesen Ereignissen angebracht wurde. Genau lässt sich das leider nicht mehr feststellen.
Ein Fachmann auf dem Gebiet alter Handschriften half mir , den Text endgültig zu entziffern . Zeitlich lässt er sich vom Schriftbild und anhand der Papierqualität eindeutig auf den Zeitraum um 1600 +/- 50 festlegen. Die merkwürdigen Zahlenreihen und Abkürzungen auf dem Blatt deutete der Fachmann als heidnische Symbole, um den Teufel abzuwehren. Christlicher Glaube und heidnische Bräuche lagen damals noch dicht beieinander.

Hier der gesamte Text :
Dir sei welcherlei das ist so helf dir
god und der lieb herr iesu hrist +++
dich haben die falschen Zungen verraden
und ver sprochen das haben die heilligen
3 Zungen gerochen god vatter god sohn
und god heilliger geist der wolle dir
weiter helfen zu deinem gesunden
Blut und fleisch so war das ist so helf
dir got und der lib her iesu hrist+++
xxx(unleserlich) alle morgen den glauben 5 mal
xxx (unleserlich)dem xxxmorgen der erst morgen B

Am linken Bildrand befinden sich Zahlenreihen sowie 2x die Buchstaben U.U. oder N.N.

Die Handschrift wurde eingerahmt und hängt seitdem (vor direkter Sonneneinstrahlung geschützt) in unittelbarer Nähe des Fundortes im Wohnzimmer. Ich hatte sie nur einmal kurz außer Haus mitgenommen, dabei war war mir aber gar nicht wohl....bin gewiss nicht abergläubisch, aber dieses kleine Stück Papier gehört zum Haus und da muss es auch bleiben :-)



Alte Handschrift



Hallo,
ich finde das faszinierend, wie oft alte Häuser ihre Geschichte erzählen. Dies sollte man auf jedenfall bewahren. Denn ich finde schon, dass dies auch ein Segen sein kann für weitere Bewohner vieler Gebäude. Früher hatte ja ein Haus eine ganz andere Bedeutung als heute. Es sollte über Generationen weiter gegeben werden.
Bei uns in unserer Heimat, der Schweiz, malten die Menschen oft ihre Lebensgeschichten in Form von Fresken an die Wände und diese Bilder und Schriftzüge erzählten schon so einiges.
Hoffentlich bleibt uns eher modernen Menschen noch lange die ursprüngliche Dorf- und Stadtgeschichte erhalten.
Mit freundlichen Grüssen
Veronika Klepac



Glückwunsch



Hallo Claudia,

Deine Beschreibung berührt mich, allein vom Lesen.

Wir haben auch den einen oder anderen Fund gemacht, leider war kein Hausspruch dabei. Dafür aber ein recht gut erhaltenes Lesebuch aus der Jahrhundertwende 1900 und einige andere Dinge. Auch dabei: das abgebrochene Unterteil einer Meerschaumpfeife. So eine, wie man sie aus Märchenbüchern kennt, wo der Lehrer pfeiferauchend im Lehnstuhl sitzt.

Aber als ich die alten Original-Bauunterlagen in Händen hielt (sie liegen im Staatsarchiv Detmold) war mir auch ganz merkwürdig zu Mute. Ich behandelte die Dokumente wie rohe Eier. Leider konnte ich sie nicht entziffern und muss mir nun jemand suchen, der mir dabei hilft, die Kopien zu "übersetzen". Diese Gefühl, dass man eine "Hand gereicht bekommt" kenne ich also sehr gut.

Alles Liebe für Euch und das Haus
Ulrike



Ist toll



so etwas zu finden, ich habe mich schon riesig über den Fund eines rohen Eies im Sand unter der Dielung gefreut, vor allem weil es auch noch heil geblieben ist. Vielleicht wurde es ja mal dort vergraben um der Fruchtbarkeit wegen.
Das bekommt natürlich auch einen "Ehrenplatz".Grüsse Kai



Transkriptionen



@Ulrike Nolte-
hab in Ihrer Antwort gelesen das sie jemanden suchen der ihre Fundstücke übersetzen kann!Kucken sie doch mal nach unter-suetterlinstube.org.Es handelt sich um ein Seniorenheim in Hamburg in dem sich ein kleiner Kreis aktiver Senioren der Übersetzung alter deutscher Schriften widmet.Finanziell kommt man mit einer Spende,was sich Anstandshalber ja auch gehört(!),gut weg und die älteren Menschen bekommen auch eine Wertschätzung die sie auch nach einem langen leben verdient haben!



@Thomas



Danke für den Tipp. Hatte die Seite schon gefunden und habe vor, mich dort hin zu wenden. Ich finde es klasse, wenn sich alte Menschen noch sinnvoll beschäftigen können.

Meine Achtung ist ihnen aber sowieso sicher. Wo kämen wir hin ohne unsere "Alten"?

Liebe Grüße
Ulrike



@Kai



bist Du sicher, dass das Ei schon soooo lange im Sand liegt? ;-)

Schmunzelnde Grüße
Ulrike



@Ulrike



Ja denke schon, jedenfalls kann ich mir es sonst nicht erklären wie es dort hin kam, Jetzt fällt es mir ein, es könnte natürlich auch der Osterhase gewesen sein. Ich fand es trotzdem ganz interessant und es war eine willkommene Abwechslung beim Sandschippen. Na wenn es dann auch H5N1-frei ist, wird wohl so sein. Grüsse noch aus Bergfelde, Kai



@ Ulrike und Kai



ich kenne tatsächlich den Brauch, dass man beim Bau eines Hauses unter der Schwelle ein Ei vergräbt. Und wenn es trocken im Sand lag, dann ist es eigentlich nicht verwunderlich, wenn es noch ganz ist.
Schon Wahnsinn, was man so alles finden kann !
Als wir unseren einen Kellerraum etwas tiefer ausbuddelten (Lehmboden), da fand ich eine regelrechte Abfallgrube mit Scherben und Knochen darin, in unmittelbarer Nähe der alten ebenerdigen Feuerstelle. Die haben nicht lange gefackelt sondern ihren Müll gleich an Ort und Stelle entsorgt.
Ansonsten fanden wir unter den Dielen etliche Mäusegerippe, Münzen, Zinnsoldaten, Knöpfe und andere kleine Alltagsgegenstände.
Aber wir haben noch längst nicht jeden Winkel unseres Hauses durchwühlt :-)
Wenn so ein Haus doch reden könnte ! Wieviel Menschen wohl hier gezeugt und geboren wurden, wieviele hier gestorben sind, wieviel Glück und Leid mag das Haus in den letzten 400 Jahren gesehen haben ?

Ich wünsche euch noch viele weitere Funde und erfolgreiche Recherchen !
Liebe Grüße, Claudia



@Claudia



Dein Haus spricht doch mit Dir - und Du verstehst es auch.

Mag sein, dass das für allzu realistisch denkende Menschen etwas spinnert klingt. Ich spinne gerne und höre unserem Haus auch sehr gerne zu wenn es mir mal wieder Patronenhülsen, eine Kugel in der Wand oder Mäusegerippe und tote Wespennester präsentiert. Knochen finden wir auch. Allerdings (noch) nicht neben der alten Feuerstelle. Dort liegen noch die alten Sandsteinplatten, die aber noch aufgenommen werden müssen.

Liebe Grüße
Ulrike

PS: das mit dem Ei rechne ich eher einem Tier zu, dass sich dieses als Nahrung geholt hat. Ob rohe Eier im Sand überdauern können, bezweifle ich etwas. Lerne aber immer gerne dazu.



@ Ulrike



ich war gerade mal neugierig und hab mir eure Homepage angeschaut. Wahnsinn, was für ein schönes Haus ! Es hat eine unheimlich schöne Ausstrahlung !
Da habt ihr ja noch einiges vor euch, hoffentlich geht es schneller als bei uns (wir sind 1992 eingezogen und noch laaaange nicht fertig ;-)