Tapeten oder Putz

26.02.2018 Gollum603



Hallo,

ich besitze eine alte Jugendstilvilla von ca. 1896.
Das Mauerwerk ist wie folgt aufgebaut:
Außen Klinker im Blockverband (24cm)
Innen Klinker einfach, ich glaube als Läüferverbund oder ähnlich
Dazwischen mehrere Zentimeter Luftschicht.

Nun habe ich das Probpem das an einigen Stellen, speziell in den Ecken und den Außenwänden der Wetterseite im Erdgeschoss, mit Schimmelansatz zu kämpfen habe.
Mir ist schon klar das es bei einem Haus dieses alters durchaus normal ist.
Die generelle Frage ist nun ob Rauhfasertapete an den Wänden dieses Schimmelprozeß sogar begünstigt eventuell?

Hintergrund der Frage ist, das wir vor einigen Jahren einen Anbau gemacht haben und diesen nur mit Zementputz verputzt haben, dann gestrichen, keine Tapete.
Okay, die verputzte Wand ist eine 30 Ytong, aber dennoch kam bei mir so die Frage auf ob man auch im alten Teil des Hauses auf Tapete verzichten sollte?

Wir wollen bald einige Räume renovieren und eh die Tapete runter haben. Was meint ihr...neue wieder rauf oder besser die Wand hinterher nur mit Silikatfarbe (atmungsaktiv) streichen?

Gruß aus Schleswig-Holstein,
Mirco





Normal sollte Schimmel nicht sein. Egal ob auf Raufaser oder Putz.

Auch spielt der Wandbelag nur eine untergeordnete Rolle.

Die Problemstellen die du beschreibst können durch schlechte Wärmeverteilung im Raum begründet sein.

Die von den Heizkörpern abgegebene Konvektionswärme vermag es oft nicht ausreichend die Raumecken zu umspülen, da die warme Luft zur Raummitte drängt.

Auch im Erdgeschoss bleiben die unteren Wandoberflächen oft deutlich kühler.

Je nach Witterung und Raumklimasituation kann es sein das an diesen Stellen der Taupunkt unterschritten wird und Wasserdampf aus der Raumluft kondensiert. Hier kann möglicherweise Schimmel günstige Lebensbedingungen vorfinden. Höhere Temperatur und höherer relativer Feuchtegehalt der Raumluft lassen auch die Taupunkttemperatur ansteigen.

Um das jetzt wie ein Sachverständiger herauszubekommen, statte man sich mit einem Infrarot-Thermometer (Elektro- oder gutsortierter Baumarkt um die 20 Euro) aus. So eine kleine Wetterstation für die Raumluftfeuchte hat man ja meist schon zu hause. Ansonsten lässt sich mit einem Haarhygrometer die relative Luftfeuchtigkeit schneller und oft genauer bestimmen.

Die momentane Witterung bietet ja gerade geeignete Rahmenbedingungen für solche Untersuchungen.

Die notwendige Sachkunde und Möglichkeit der näherungsweisen Berechnung von absoluten Wassergehalt und Taupunkttemperatur bekommt man beispielsweise hier.

http://www.pb-schilling.de/baubiologie/luftfeuchte-rechner/


Auch besteht die Möglichkeit. dass durch Baumängel Wasser an der Fassade ins Mauerwerk eindringt. Hier sollte man das Äußere betrachten und auch die Funktionalität der Dachentwässerung mit in den Blick nehmen.


Zur Verbesserung der Wärmeführung können folgende Hinweise herangezogen werden.

http://www.temperierung.net/temperierung/effekte-der-temperier-methode-bei-heizkörperheizung-einfache-maßnahmen-zur

Auch Heizleisten können hier mehr hilfsweise die Situation verbessern helfen.

Eine gute Lösung kann die Installation einer Wandheizung sein. Hier wird ein Verbundrohr auf einer Innendämmung verlegt und mit Lehm- oder Kalkmörtel eingeputzt. Durch Einbettung von Armierungsgewebe und durch Überzug mit einem dünnen Feinputz wird es fertiggestellt.

Mit einem "Rücklaufbegrenzer" (RTL) kann dies auch in bestehende Heizungsanlagen problemlos integriert werden.

Dadurch das die Wärme immer am Ort des Verlustes ausgeglichen wird, gehören Kondensationsprobleme (zumindest im Winter) der Vergangenheit an.

Das Entfernen der Tapeten sowie die Renovation mit mineralischen Farben kann ebenfalls helfen die Situation zu verbessern.

Der verringerte Anteil an organischer Substanz, die Ätzwirkung (Kalk oder Wasserglas) sowie die zumeist günstigeren Sorbtionseigenschaften können helfen.

Hier haben zumeist Naturstoffe die günstigeren Eigenschaften. Allerdings kann genauso gut ein Schurwolleteppich das Raumklima "positiv" beeinflussen.

Für geeignete Anstrichmaterialien ist der Baumarkt meist nicht die beste Quelle. "Atmende Farben" sind eine Erfindung vom Marketing und haben mit der Realität, wie ein Blick ins Biologiebuch zeigt nichts zu tun.


Jedenfalls sind solche Hinweise selten Kennzeichen umfassender Verbraucheraufklärung.

Wie gesagt, bei Interesse liefert das Forum genügend und gerne auch noch zu vertiefende Information und Hilfestellung.



Kalte Oberflächen...



...können hier hauptsächliche Ursachen mit sein und dazu dann ein hoher Anteil an organischen Oberflächenbeschichtungen.
Tapeten, auch moderne Anstriche haben mittlerweile hohe organische Verbindungen und sogar als "Reinkalkputzprodukte" bezeichnete Putzwerkstoffe der Großindustrie, enthalten enorm viel Zellulose und sogenannte "Plastifiezierer" zur angeblich beseren Verarbeitbarkeit mit den Maschienen.

Es gibt aber auch noch die wirklichen reinen Kalkputzsysteme und auch die Anstriche mit reinen Kalk- bzw. Sumpfkalkfarben.
Eine genaue Analyse am Objekt ist aber notwendig und sollte erst danach die entsprechende Entscheidung mit fällen.

Wir können auch gern mal telefonieren.

FG Udo Mühle



Tapeten...



...haben an ungedämmten Außenwänden des Altbaues nichts verloren. Sie befördern erheblich die Kondensatablagerung und bieten auch noch dem Schimmel Nahrung.

Auch wenn das nicht zwangsläufig zu Schimmel führen muß, und andererseits auch untapezierte Ecken schimmeln können - ich sehe ein exponentiell höheres Risiko.

Beim Vorrichten sollten Sie also auf Tapeten an dieser Stelle verzichten. Die gefährdeten / befallenen Regionen sollten sehr gründlich abgewaschen werden, da auch der Tapetenkleber und alte Leimfarbenreste ein Problem darstellen. Wenn die Wand wieder wirklich trocken ist, sollten Sie die betreffenden Partien mit Lithiumwasserglas behandeln, am besten mehrfach. Das wäre dann eine gute Basis gegen Schimmel - erhöht die Wandtemperaturen aber natürlich nicht. Vielleicht denken Sie über eine moderate Innendämmung nach?

Grüße

Thomas



Schimmelvermeidung



An Ecken bestehen immer geometrische Wärmebrücken, ebenso werden hier mehr Verbindungssteine der beiden Mauerschalen eine stoffliche Wärmebrücke darstellen.

Kalk- und Kalkzementputze in Verbindung mit Silikatfarben vermindern das Risiko.

Tapetenkleister und Tapeten sind ein guter Nährboden für Schimmelpilze-allerdings nur in Verbindung mit Feuchtigkeit.
Wie schon vorgeschlagen wurde sollte das Raumklima und die Wandtemperaturen überprüft werden.

Eine Oberflächentemperatur von 12,6 Grad bei 50% rLF soll nicht unterschritten werden. Bei höherer Luftfeuchtigkeit kann auch diese schon zu hoch sein.

Ich habe in meinem großen Altbau mit mehreren Anbauten aus ähnlichem Baujahr noch nie Schimmel gehabt, obwohl der Wandaufbau ähnlich ist.
Ich habe allerding nur Kalk-/Kalkzementputze und Rein-Silikatfarben verwendet, Holzböden und Holzfenster.

Innendämmung ist ggf nicht nur energetisch sinnvoll sondern erhöht die Oberflächentemperaturen und sorgt so für Schimmelfreiheit.
Bei Fragen anrufen oder mailen

Andreas Teich



Wozu genau...



...soll der Fragesteller mit einem IR-Thermometer Werte einsammeln, die er nicht auswerten kann?

Der Nachweis, daß Kondensat entsteht, ist doch bereits praktisch erbracht.

Grüße

Thomas



Hallo,



"Mir ist schon klar das es bei einem Haus dieses alters durchaus normal ist"
Das stimmt so nicht!

Schimmel hat oft was mit kalten Oberflächen und ungeeigneten Baustoffen zu tun.

Grüße Gerd



Innendämmung



Vielen Dank für die zahlreichen Kommentare.

Ich habe tatsächlich schon mal das Haus mit einer Wärmebildkamera durchleuchtet und viele Wärmebrücken, speziell auch an Fensterecken und Türen entdeckt. Die Außenwände sind natürlich auch kälter als die Innenwände.

Tatsächlich haben wir vor Jahren in einem Raum auch mal eine Innendämmung an die Wand geklebt. Damals bestand diese aus einer Verbundplatte mit einigen Zentimtern Styroporartigem Materials und einer Rigipsplatte. An dieser Wand findet sich kein Schimmel und schon mit der Hand ist deutlich zu spüren das diese Wand wärmer ist als die Anschlußwand (auch Außenwand). Und genau in dieser Ecke schimmelt es regelmäßig dann weiter. In der anderen, ungedämmten, Außenwand sind zwei große Fenter eingelassen. wir wussten damals nicht wie man das dann mit Dämmung machen soll und haben gedacht nur die eine Wand zu dämmen bringt es dann schon...war wohl ein Irrtum.

Thema Innendämmung...was nimmt man da heute? Vollflächig an der Wand verklebt werden muss das dann wohl auch oder? Womit?
Und aus was "besteht" die Wand dann? Die jetzige Wand ist ja in Grunde Styropor mit Rigips...eine Katastrophe da was zu befestigen oder aufzuhängen. Ich hoffe moderne Systeme sind da stabiler?
Zudem wäre da noch die Frage des Plattenübergangs. Den Rigips musste ich ja spachteln mit Gips...nicht die beste Wahl an den kalten Außenwänden oder? Kann man die neuen Systeme direkt Streichen oder muss noch verputzt werden?

Sorry...Fragen über Fragen. Ich bin euch dankbar für eure Geduld und für das Teilen eures Fachwissens...Danke aus Schleswig-Holstein