Stickstoff im Strohlehm. Welche Auswirkung hat es auf das Holzfachwerk?

22.09.2009



Hallo.
Ich habe vor kurzem von einem Bekannten erfahren, daß ein zu hoher Stickstoffgehalt im Strohlehm, verursacht durch übermäßiges Düngen der Landwirte, zu Fäulnis der Fachwerkstäbe führt.
Ist diese Behauptung Ernsthaft zu nehmem?
Wenn Ja welche Grenzwerte sollte man einhalten und wie kann man den Stickstoffgehalt im Stroh messen.

Viele Grüße Ralf Lichtenberg



Nein,



diese Behauptung ist nicht ernstzunehmen.

Stickstoff (N) entsteht bei der Verrottung organischen Materials. Leider bietet Stoh bei der Rotte nicht genügend Stickstoff, um nachhaltig in der Landwirtschaft damit zu wirtschaften. Deshalb wurde die 3-Felder-Wirtschaft erfunden(Stichwort Leguminosen)

Lehm im Bauwerk verrottet nicht.
Stickstoff ist das beste Konservierungsmittel (siehe Millionäre, die sich in Flüssigstickstoff einlegen lassen, um irgendwann mal wiedergeboren zu werden)

Ich verzichte gern auf solche "Bekannte", die nix können außer Panik machen

Gruß...J.



Ok.



Ich sorge mich auch nicht um den Lehm, sondern um das vom Lehm umgebene Holzfachwerk.
Ist es also auszuschliessen das Stroh aus überdüngter landwirtschaftlicher Produktion das Wachstum von Pilzen im Bauwerk fördert und die daraus Resultierende Fäulnis und Verrottung des Holzfachwerks hervorruft.

Ralf.



Hier spricht der Biologe:



Stickstoff ist notwendiger Bestandteil aller Gewebe, die noch wachsen oder Stoffwechsel betreiben. Im Stroh ist allerdings kaum mehr etwas davon enthalten, da die Pflanze allen Stickstoff wieder aus dem Halm herauszieht, wenn das Wachstum abgeschlossen ist. Für die Pflanze ist Stickstoff in pflanzenverfügbarer Form wie Bargeld für einen Händler: Sofort investieren! Das gleiche Prinzip gilt auch für Holz. Holz von Bäumen nährstoffreicher Standorte ist nicht stickstoffreicher, allerdings wachsen die Bäume schneller.

Für Fäulnis, korrekt Abbau organischen Materials (Fäulnis ist unter Luftabschluss, d.h. wenns stinkt) ist kein Stickstoffgehalt der abgebaut werdenden Substanz nötig. Zum Glück, sonst würden weder Stroh noch Holzabfälle noch all die Zweige und Nadeln im Wald verrotten. Die abbauenden Mikroorganismen können den erforderlichen Stickstoff zum Teil mit Bakterien aus der Luft erzeugen, wo Stickstoff allgegenwärtig ist, zum Teil heranschaffen, was z.B. Pilzfäden tun. Holzwürmer haben z.B. in ihrem Darm Bakterien, welche dies besorgen.
Zum Abbau organischer Substanz ist Wärme und Feuchtigkeit erforderlich, Stickstoff nicht. Deshalb ist auch Trockenfleisch haltbar, trotz extrem hohem Stickstoffgehalt.

Es dürfte schwer halten, Stroh aus nicht überdüngten Feldern aufzutreiben. Getreide wird überall stark gedüngt - der Landwirt will ja, dass das Korn wächst.
Aber, wie bereits ausgeführt, der Stickstoffgehalt im Stroh ist gering und steht nicht im Zusammenhang mit einer Überdüngung. Um den Vergleich mit dem Händler nochmal zu bemühen: Sie können ja auch nicht auf den Reichtum eines Händlers schliessen aus der Menge Bargeld, die im Geschäft herumliegt.

"Stickstoff ist das beste Konservierungsmittel (siehe Millionäre, die sich in Flüssigstickstoff einlegen lassen, um irgendwann mal wiedergeboren zu werden)" - geht auch mit jedem anderen Flüssiggas, das kalt genug ist, aber Stickstoff ist am billigsten.



Dünger



Guten Tag, Herr Paulsen hat schon wesentliches gesagt. Holzzerstörende Basidiomyzeten (dazu gehören die meisten holzzerstörenden Pilze) sind aerobe Organismen. das bedeutet sie benötigen Sauerstoff, weil sie atmen. Die eigentliche Energiequelle und Hauptquelle für den Biomasseaufbau der Pilze ist Kohlenstoff. Stickstoff über dem unteren Limit, dass für den jeweiligen Pilz nötig ist, kann den Pilz etwas stimulieren. Wir Menschen benötigen ja auch verschiedene Nährstoffe um uns optimal zu ernähren. Wichtig ist auch immer in welcher Form die Spurenelemente, die Pilzwachstum fördern können vor liegen. Für die Praxis ist der "Düngeffekt" unbedeutend, weil sich ausreichende Feuchtigkeit, Nährstoffe (=Fachwerkholz) und Temperstur viel stärker auswirken und Grenzkriterien sind ob überhaupt ein Befall einsetzen kann. Ob ein Befall der durch andere Unzulänglichkeiten einsetzt dann durch ein erweitertes Nährstoffangebot gefördert wird ist für die Praxis nicht relevant.
Mit freundlichen Grüßen Ulrich Arnold



handwerkliche Frage hinter her



...und aus welchen Überlegungen heraus resultiert nun eigentlich Deine Angst?
Willst Du den Lehmbau mit selbst gemischten Materialien bei Dir durchführen?
Da sollte man viel strenger auf den Rohstoff Lehm schauen.
Also Die Rohlehmmaterialien, die man sich kommen läßt.
Da ist viel mehr unliebsames Potentiel u.U. dabei, als einem lieb ist.
Eigene Erfahrung halt!

Handwerklicher Gruß
Udo



Angst habe ich keine mehr.



Die oben aufgeführten Beiträge haben mich beruhigt.

Ich habe Lehm bisher nur von Claytec benutzt.
Am meisten den Lehmunterputz (Erdfeucht) in dem ja schon Stroh drin ist. Je nach Vorhaben füge ich noch Strohhäcksel hinzu.
Ansonsten halte ich mich an alle Regeln der Kunst (soweit mir bekannt).
Ich war halt nur echt erschrocken über die Aussage mit dem überdüngten Stroh, weil ich schon mehrere Big Packs Lehm verarbeitet habe und bei einigen Anwendungen überwiegend zum Auffüllen und Ausbessern der Gefache zusätzliches Stroh hinzugefügt habe.

Ralf.