Wärmedämmung aus Seegras

20.04.2006



Hallo,

wir haben ein ca. 100 Jahre altes Fachwerkhaus mit Ziegelausfachung gekauft und bei fachwerk.de schon viele hilfreiche Infos erhalten. Jetzt haben wir trotzdem noch eine Frage: Wir überlegen, eine Innendämmung mit Seegras vorzunehmen. Geplanter Aufbau von außen nach innen: 12 cm Ziegel/ Fachwerk, 16 cm handgestopfte Seegrasdämmung, 12 mm OSB-Platten, 8 mm Heraklith-Platten, 12 mm Lehmputz. Hat jemand Erfahrung mit Seegrasdämmungen und dem dafür notwendigen Aufbau?

Außerdem hätten wir gerne einen Tipp für Dämmstoffe alternativ zu Polysterol, die für die Fußbodendämmung im EG geeignet wären: auf Estrich sollen Ziegel gelegt werden.

Vielen Dank für die Antworten.
Mit Grüßen aus der Lüneburger Heide

Rüdiger Harms



artefact



Für Seegrasdämmeung frag doch mal bei artefact, Zentrum für Angepaßte Technik und Internationale Zusammenarbeit, 24960 Glücksburg, Tel 04631-6116-0 nach. Die haben Seegras als Dachdämmung vor etwa 15 Jahren (?) eingebaut, und können sicherlich Ihre Erfahrungen damit bewerten. Das Problem bei Seegras ist der hohe Salzgehalt, der hygroskopisch wirkt.

Als Wanddämmung im Fachwerk würde ich das nicht nehmen. Hier kommt es neben einem guten Dämmwert auch noch auf guten Feuchtetransport an. Hier würde ich deswegen immer einen kapillarwirksamen Aufbau wählen, z.B. Leichtlehm. Ist in der Summe auch nicht teurer als der in der Frage angegebene komplizierte und kapillar unwirksame Aufbau.

Als Fussbodenaufbau hat sich Blähton bzw. eine Platte aus lehmgebundenem Blähton bewehrt. Aber auch hier bedarf es eines komplexen Aufbaus.

Dafür ist eine umfassendere Beratung nötig.

beste Grüsse und gutes Gelingen,
jh



klassischer Fall



Hallo

Sie schreiben:
Aufbau von außen nach innen: 12 cm Ziegel/ Fachwerk, 16 cm handgestopfte Seegrasdämmung, 12 mm OSB-Platten, 8 mm Heraklith-Platten, 12 mm Lehmputz.

Das ist ein klassischer Fall von Innendämmung!
Da hätte ich Bedenken! 1. Kondensation / 2. Effektivität - zu viele Schichten und unkalkulierbare Übergänge - je mehr desto störungsanfälliger!

für den Fußboden: Luft und Fichtendielen

für den Rest: Strahlungsheizungsarten überlegen!

Viel Erfolg

FK



Seegras



Guten Morgen,

sämtliche Bedenken meiner Vorschreiber bzgl. Salzgehalt und zu komplexem/unkalkulierbarem Aufbau teile ich voll und ganz. Sie handeln sicher in der besten Absicht, etwas ökologisch Gutes zu tun, wenn Sie Seegras (Posidonia oceanica)verwenden:
Das Gegenteil ist aber der Fall, weil Seegrasnutzung ein klassischer Fall von Raubbau ist: wird es gefischt, besser "unterwasser gemäht", werden damit wichtige Lebensräume sofort zerstört. Seegraswiesen sind die Kinderstuben der Fische.
Wird es vom Strand abgesammelt, wie es z.T. in Spanien geschieht, stört dies den Küstenaufbau und leistet der Erosion Vorschub. Seegraswiesen sind auf mäßig warmes bis kühles Wasser angewiesen und deshalb nicht nur von Ignoranz
("furchtbar diese Algen hier am Strand") sondern auch vom Klimawandel bedroht.

Ich habe den Sinn einer so gewaltigen innendämmung aber noch nicht begriffen. Oder haben Sie einen Holzständerbau oder Holzrahmenbau, der anstelle von gemauerten Gefachen eine Wärmedämmung besitzt, die nach innen mit einer Deckelschalung (hier: OSB) abschließen soll ?

Für den Fußboden gibt es, wie schon angedeutet, viele Lösungen. Als unverrottbare Dämmstoffe lasssen sich noch Schaumglas (teuer), Leichtbeton (Thermozell z.B.) oder Kombinationen anführen.



Seegrasdiskussion



Hallo allerseits,

vielen Dank für die bisherigen Antworten. Bei artefact habe ich angerufen, leider haben sie die Dämmeigenschaften nach dem Einbau nicht wieder überprüft.
Seegras wurde kürzlich in die Liste der geförderten Dämmstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen aufgenommen. Es handelt sich dabei um an den touristischen Stränden angeschwemmtes Seegras, das dort sowieso eingesammelt wird. Die Idee daraus Dämmstoffe zu machen, ist Teil eines EU-Projekts, bei dem verhindert werden soll, dass das eingesammelte Seegras weiter ungenutzt auf der Mülldeponie landet. Nach den Angaben der Vertreiber handelt es sich um einen traditionellen Dämmstoff, den früher die Fischer entlang der Ostseeküste an ihren Häusern eingesetzt haben. Außerdem schreiben sie, dass Seegras neben vielen anderen positiven Eigenschaften auch gute Diffusionseigenschaften besitzt, d. h. die Feuchtigkeit auch schnell wieder abgibt (nachzulesen unter http://www.seegras-innovation.de). Insofern weiß ich nicht, was ich nun von den hydroskopischen Eigenschaften von Seegras halten soll. Alternativ denken wir an Schilfmatten im Lehmbett. Nachteil: bauphysikalisch schlecht berechenbar. Auch Wandheizungen erscheinen mir interessant.

Viele Grüße von Rüdiger Harms



Seegras



Hallo,

interessant was Sie da schreiben: "wird sowieso eingesammelt", klar: aus Ignoranz, wie gesagt. Das hat etwa dieselbe Wirkung als wenn man an der Nordsee Strandhafer rupfen würde. Wir hacken auch "sowieso" Wälder ab, bauen Straßen, verbrauchen Erdöl etc...
Die Förderung nachwachsender Rohstoffe ist in diesem Fall einer der typischen Fälle, in denen die EU-Wirtschaftsförderung sich einen feuchten Kehricht um die Umweltschädlichkeit ihres Tuns stört (der flächendeckende Kahlschlag von Korkeichen in Portugal ist noch so ein Fall), auch ein "nachwachender" Rohstoff, bloß bald wächst da bald nichts mehr.
Die Berechenbarkeit von Dämmschichten halte ich für einen Fetisch: Auch bei konventioneller Dämmtechnik ist die Baustellensituation keine Laborsituation (in situ vs. in vitro). Die Seegrasfraktion hat sich nur fixer um die Zertifizierung gekümmert. Da man beim Schilfrohr aber auf langjährige Erprobung zurückblicken kann, sind die Rechenwerte sicher zuverlässiger als beim Seegras. M.E. besteht kein Zweifel, daß es dämmt, und das ist wichtig. Außerdem ist es überputzbar.

Wandheizung hält die nass werdende Wand trocken, sie ist überflüssig, wenn die Wand trocken bleibt. Sie ist schon gar keine Energiesparmaßnahme.

Aber ich hab immer noch nicht erfahren, wie Ihre Wand denn tatsächlich aussieht.

mit grüßen vom Niederrhein





Mehr zum Thema Seegras kannst du bei www.seegras-innovation.de erfahren. Herr Scharf hilft dir da gerne weiter.

mfg Jan