Lehm, Stroh und Schimmel

15.12.2003



Hallo Forum, ich bin Sachverständiger für Innenraumschadstoffe und habe momentan den Fall einer allergischen Familie, die in einem vollständig lehmverputzten Haus wohnt. Aufgrund der Allergien habe ich den Lehmputz untersucht und festgestellt, dass er massiv verschimmelt war. Mein Verdacht ging in Richtung des verwendeten Strohs. Ich untersuchte dieses Stroh und stellte fest, dass es gleichfalls massiv verschimmelt war. Daraufin untersuchte weitere Putzproben und weiteres Stroh - alles mit dem gleichen Ergebnis. Nun meine Fragen: Ist es grundsätzich ein Problem auf das ich da gestoßen bin oder war alles nur Zufall (was ich allerdings nicht glaube)? Habe die Lehmputzhersteller Qualitätsnormen, was den mikrobiellen Befall angeht? Gibt es Richtwerte für Schimmel im Stroh? Wer hat ERrahrungen mit Schimmel in Stroh und Lehm und kann mir Tipps geben? Wie gehen die Fachleute im Forum mit diesem Problem um? Danke für die Antworten.

Dieter Küsters



Pilz liebt Lehm und Stroh!



Lehmputze und Stroh gehören nicht zu den pilthemmenden Materialien bzw Stoffen. Je nach Dämmung und Luftfeuchte sind Pilze vorprogrammiert. Selbst an an vollkommen pilzfrei aussehenden Wänden wurde schon im Putz eine extreme Verpilzung festgestellt. Im Inneren sollte grundsätzlich reiner Kalkputz (mit etwas Borsalz angerührt) Verwendung finden. Kalk gehört zu den pilzhemmenden Stoffen. gerade in der kalten Jahrenzeit bildet sich immer etwas Kondensat an der Außenwandinnenseite, selbst bei gut gedämmten Wänden, da die Luft dort immer ein paar Grad kühler ist, als im Raum!





Organisches Material, das feucht wird, ist diversen Zerfallserscheinungen ausgesetzt und dem Befall durch "Schädlinge" wie Schimmel. Zwar wirkt Lehm durchaus antibakteriell und in gewissem Maß auch fungizid, aber bei dauerhafter Feuchtigkeit und hohem organischem Anteil kann es zu den beschriebenen Befallserscheinungen kommen. Im Feuchtraumbereich sollte der organische Anteil jedensfalls gering gehalten werden, durch Kalk und geeignete Oberflächenbehandlung lässt sich Feuchtigkeit auch gut regulieren. Probat ist sicher auch die Kombination von Lehmputz und Wandheizung wegen der dauerhaften TRocknung. Übrigens wachsen Pilze wie Schimmel auch recht fröhlich auf vermeintlich sterilem Material: Unsere Mietswohnung ist stark von Schimmel befallen, der sich auf den Dispersionsfarben der Wände und auf Plastik (Fenster/Fensterdichtungen) pudelwohl fühlt.



???



Auf Plastik pudelwohl? Das ist ja erstaunlich. Wovon ernährt er sich denn dann?



Schimmel in Lehmputz



Guten Tag Herr Küsters,
ich habe die Beobachtung gemacht, dass Schimmel meist kurz nach dem Verputzen und erst recht kurz nach Einbringen von Holzleichtlehmdämmungen (Lehmummantelte Holzhackschnitzel) entsteht. Da, wie Sie ja auch wissen, Pilze eine gewisse Feuchtigkeit brauchen, ist die Baufeuchte als mittelbare Ursache meist beteiligt. Nach Austrocknung des "Rohbaus" auf normale Ausgleichsfeuchten ist das Problem in der Regel beseitigt. Bei allergische Reaktionen kann aber selbst ein abgestorbener Schimmel noch für Probleme sorgen. Bauschäden oder Havarien können als weitere Feuchtequelle auch in älteren, eigentlich ausreichend trockenen Gebäuden einen Schimmelbefall von Stroh im Lehm möglich machen. Mir persönlich ist bisher keine Gesundheitsbeeinträchtigung durch alten Schimmel in trockenen Lehmkonstruktionen bekannt geworden, ich halte sie jedoch für möglich (s.o.). Qualitätsnormen zu mikrobiellem Befall sind mir nicht bekannt, lediglich die Regel Holzleichtlehm nicht zu dick einzubauen, um ein zeitnahes Austrocknen zu ermöglichen und die Regel möglichhst nur in den Sommermonaten Leichtlehm und Lehmputze zu Verarbeiten um die zügige Trocknung zu gewährleisten. In den Herstellerrichtlinien der Fa. Claytec, Viersen finden sich ähnlich lautende Hinweise.
Mich würde sehr interessieren was Sie noch weiter herausfinden und wie Sie den speziellen Fall, sowie die Lehmbautechnik im allgemeinen dazu bewerten. Dieses Thema grenzt an den Randbereich meiner Tätigkeit als Holzschutzgutachter. Vielleicht haben Sie interesse an einem Austausch. Ich glaube aber in Ihrer speziellen Fragestellung nicht mehr Hinweise geben zu können als hier geschehen. Mit freundlichen Grüßen Ulrich Arnold



grundsaetzliches Problem



...gerade bei der Verwendung von stroharmiertem Lehm stellt sich Schimmel ein, deshalb sollte grundsaetzlich dieses Material in den Sommermonaten verarbeitet, bzw. sehr sorgfaeltig getrocknet werden. Richtwerte sind auch mir nicht bekannt, in verschiedenen Lehmbaufibeln finden Sie jedoch Hinweise dazu...





Auch in Wintermonaten ist eine Verarbeitung möglich, nur sollte dann permanent gelüftet werden, so daß ständig Luftaustausch möglich ist!



Rohdichte ist entscheidend



Hallo, zuerst zu Deiner Frage Dirk, auf Kunststoffen fühlt sich Schimmel "pudelwohl", weil erstens Feuchtigkeit, die erstmal auf der Oberfläche ist nicht einziehen kann und lange nicht verdunstet. 2. Kunststoffe enthalten oft diverse Additive, z.B. Weichmacher, die nicht an die Kunststoffmoleküle chemisch gebunden sind und dadurch permanent aus dem Kunststoff diffundieren. Diese Additive sind in der Regel irgendwelche Kohlenwasserstoffe, von denen sich Pilze sehr wohl ernähren können. Zu dem Schimmel habe ich in meiner Lehmbibel von Minke nachgesehen. Eigentlich ist Lehm nicht besonders gut für Schimmel, weil er die Feuchtigkeit "aufsaugt" und damit dem Schimmel entzieht. Aber das Stroh ist Schuld. Minke meint, es ist riskant, Strohleichtlehm mit einer Rohdichte unter 600 kg/m3 zu verwenden. Bei einer 30 cm dicken Strohlehmwand bleibt der Kern noch Monate feucht, weil das Stroh sehr hygroskopisch ist. Der Strohlehm in historischen Fachwerkhäusern hat eine Rohdichte über 1200 kg/m3. Das gab es diese Probleme nicht. Je dünner die Wände desto geringer das Problem, weil sie schneller austrocknen können. Fazit: dicke Wände mit viel Stroh gibt viel alten oder neuen Schimmel. Wie schon gesagt, dass ist nicht auf meinem Stroh, äh Mist gewachsen. Ich habe aber alten Strohlehm verarbeitet, der lange in Wasser gelagert war und schon ziemlich eklig aussah. (weil ich nicht dazu gekommen bin weiterzumachen). Ich habe damit aber trotzdem noch die Wand weitergeputzt. An der Stelle, an der ich ihn verarbeitet habe (ca. 50 cm2) "blühte" ein paar Wochen eine Schimmelpilz. Sah schon fat schön aus. Jetzt ist er weg. Ich schätze durch den Lehm und das Heizen war das Wasser weg. Ach ja beim Abfegen der alten Lehmwand mit vielen Unebenheiten und Rissen hatte ich massive Allergieprobleme. Mein Arzt stöhnte was von "typisch alte Lehmwände". Ich schätze; die Sporen haften auf ewig in den Rissen im Lehm und man kann das Problem nur durch Überputzen mit Lehm ohne organische Materialien lösen.

Viele Grüße





Schimmel ist überaus genügsam. Schon ein leichter Niederschlag an der Wand aus dem Küchendunst reicht als Nahrungsgrundlage völlig, Feuchtigkeit vorausgesetzt. Und feucht bleibt Plastik eben eher als Lehm oder Kalk.



Nährböden



Guten Tag, Nachtrag: Es gibt sogar Schimmelsorten, die auf Glas! wachsen können. Kunststoffe können wie schon gesagt wurde evtuell als Nährboden dienen, auch kunstharzvergüte Putze und Rauhfasertapete wird gern angenommen. Oft reicht auch eine hauchdünne Staub- und Fettschicht aus der Raumluft als Nahrung aus. mfG. Ulrich Arnold



Lehm, Stroh und Schimmel - Danke für die Antworten



... also scheint meine Annahme bestätigt, dass das Stroh das Problem ist!!!??? Aber wenn die Hersteller um diese Problematik wissen - warum wird dann Lehmputz immer noch als gesund bezeichnet?? Gerade für Allergiker ist das doch gerade unverantwortlich! Gibt es alternative Zuschlagstoffe? Was ist mit Flachs, anderen Fasern wie z.b. Kokos, Sisal o.ä?? Hat jemand Erfahrungen? Warum prüft kein Hersteller das Stroh als Rohstoff auf Mikroorganismen. Ich habe bei meinen weiteren Recherchen herausgefunden, dass es durchaus stark unterschiedliche Qualitäten an Stroh gibt - auch gering verschimmeltes. Das liegt wohl an der Phase der Ernte, wie lange das Stroh auf dem Feld lag, ob es zwischendurch nass geworden ist und an den anschließenden Lagerbedingungen - es ist doch woh l ein unbedingtes MUSS, dass hier eine gewisse Qualität sicher gestellt wird. Oder wie seht ihr das?



Lehm, Stroh und Schimmel



Herr Arnold hat völlig Recht. Die Bautrocknung ist der wesentliche Faktor, das Stroh ist nicht das eigentliche Problem. Wir hatten an unserer Leichtlehmstampfwand massiven Schimmelbefall. Wenn dann dieser Lehm nicht vollständig durchtrocknet dann werden auch nachfolgende Aufbauschichten zunächst vom Schimmel befallen. Wir haben die Schüttung im November / Dezember ausführen lassen und problemlos mit Bautrocknern (nicht mit Gebläsen, Rißgefahr !) diese schimmligen Wände getrocknet. Danach Lehm-Grobputz ohne Zuschlag und Lehmfeinputz ohne Zuschlag. Somit haben Sie ca. 2 cm Schicht ohne Zuschläge und, wenn es keine Feuchtigkeitsquelle im Bereich der Wand gibt, garantiert keinen Schimmel !

Ich habe zwar gesehen, daß es nun auch Lehmstrukturputze mit Zuschlägen gibt, aber ich würde davon absehen. Fazit : Verarbeitungsfehler.





salute, früher hatten wir soetwas mir claytecprodukten.haben dann frau nierenberg (spezie für schimmelpilze ) vom bakteriologischen institut in berlin dahlem konsultiert. fazit: pilze wachsen überall ach auf basisch oder sauren grund. baue ich organische sachen ein beschleunigt man das ganze weil die Pflanze die pilze und das futter mitbringt.fakt ist, der Pilz ist schon da wird aber erst bei zu langsamer trochnung sichtbar und in der menge potentiert. wird die fläche abgebrannt, ist nur die oberfläche sauber der pilz aber immernoch da.dort kann er sich bis zu 3 jahren einigeln und beim nächsten feuchteschub wieder erwachen und dann wieder einigeln.......
seitdem verbauen wir nur noch organische beimischungen bei schichtdicke unter 5 mm wenn austrocknung innerhalb von 3 tagen gewährleistet ist.zudem haben wir unseren eigenen lehmputz mit einem extrem absorbtionsfreundlichen tonkristal ausgestattet( siehe unsere seite prüfzeugniss tu-berlin.) der ist in der absorbtionsgeschwindigkeit und im totalen speichervermögen der beste in deutschland.für wände haben wir ein vollautomatisches trokenspritzverfahren aus dem silo entwickelt welches mit ca 2masse% wasser auskommt und wände aus dem schlauch bis 20 cm erlaubt. da verdurstet jeder schimmelpilz
fazit: möglichst trocken und möglichst nichts organisches.
mfg der lehmputZÄHR



zu Hr. Küsters 16.12.03



Guten Tag, die Feuchtigkeit ist natürlich das Hauptproblem, die Zuschläge aus Stroh sind dann die Nebensache. Ich denke dass die Menschen heutzutage empfindlicher auf Sporen usw. reagieren als noch vor einigen jahrzehnten. Trotzdem haben wohl die meisten Leute keine Gesundheits-Probleme bei den dikutierten Bauweisen. Das die Gefahr von Allergischen Reaktionen usw. besteht ist meinerseits unbestritten. Aufgrund meines Nachtrags zu Nährböden denke ich, dass man kaum Alternativen hat. Irgendeine Eigenschaft ist immer ungünstig, egal welchen Baustoff man wählt. Viele Dinge werden in der "Ökobauszene" jedoch sehr einseitig gesehen. Was man hören will und in die vorgefasste Meinung passt, das wird unkritisch geglaubt, andere Argumente und wissenschaftliche Belege werden dagegen nicht akzeptiert. Als weiteres Beispiel dazu "Mondphasenholz". Man darf auch nicht vergessen zu hinterfragen, wer woran verdient.
Trotzdem halte ich Lehmbau und andere alternative Bauverfahren für gut und oft die bessere Wahl, man muss sich aber auch über die Schwächen klar sein und sie bei der Entscheidungsfindung berücksichtigen.
mfG. Ulrich Arnold





Übrigens ist auch nicht jeder Schimmel eion Bösewicht. Ich denke da an meinen geliebten Camembert ... Die Belastung durch Schimmelsporen in Wohnräumen ist aber sehr wohl ein ernst zu nehmendes Problem. Der größte Übertäter heißt, glaube ich, Alternaria sonstwas, ein Schimmelpilz, der schwarz "blüht" und extrem allergen wirkt (Asthma etc.). Und der wächst wirklich vornehmlich auf modernen Naustoffen wie Raufasertapeten, Dispersionsfarben und den Gummidichtungen an Fenstern und Türen. Naturbaustoffe mag er gar nicht.



Lehm, Stroh, Schimmel,



sind im Lehmbau sehr eng beieinander liegende Dinge, man baut seit Jahrtausenden mit Lehm Stroh und tierischen Mist ohne derartige Probleme zu erfahren. Die Feuchtigkeit ist hier der Übeltäter, wenn der Lehm seine Gleichgewichtsfeuchte aus irgend einem Grund nicht herstellen kann, wird er zu Biotop.
Bei Ihrem Problem Herr Küsters, sollten Sie das Haus als Ganzes, Ihren Bewohnern und deren Wohnverhalten betrachten.



stroh, lehm und schimmel



stroh, lehm und schimmel
da sind die Verarbeiter wohl zu feucht gewesen. Ein häufiger Fehler bei der Verarbeitung ist das Wasser im Lehmgemisch - vorallem wenn es mit Pumpen gefördert wird, und keine Zeit da ist, die Massen zu trocknen. Da werden dann Heizlüfter hingestellt und die Wand etc "schaut" bald trocken aus. Denkste! Und weiter gehts. Schnell, schnell! Das geht mit Lehm nicht! Die Zeit kostet Geld! Und danach die Gesundheit! Beratung und ehrlicher Umgang von Bauherrn (Wunsch: schnell, schnell und günstig) - Architekt (bloß keine Verzögerung) Handwerker (schnell fertig schnell mein Geld)! Da muß mit offenen Karten gespielt werden, dann funktioniert das auch mit dem Lehm, dem Stroh und dem Wasser!
Danach den Schimmel wieder rausbekommen ist sehr schwer!
Florian Kurz



Lehm und Schimmel



Seit 1985 verarbeite ich Lehm - heftige Schimmelbelastungen hatte ich 2 mal - wobei hier die Feuchte nicht entweichen konnte weil die Bauherren schlecht gelüftet haben - da der Strohanteil schon vorher Pilzbelastet war kam es zu schnellen Reaktion, aufdass hin sind wir auf gedarrten Flachshäxel umgestiegen , zudem führen wir beim Verarbeiten ein exaktes Klimaprotokoll und stellen in den Räumen kleine Wetterstationen auf die den min-max Wert von Feuchte-Temperatur mit Uhrzeit anzeigen -zudem erhält der Bauherr ein Lüftungsleitfaden schriftlich überreicht !
Bei der beschriebenen Belastung sehe ich als Baubiologe wenig Möglichkeiten den Schimmel zu entfernen !
Wenn mir die Werte und die Pilzart mitgeteilt würde könnte ich genauere Aussagen zu der Sanierung machen !
Bei meinen beiden Schimmelfällen war das völlige austauschen der Putze die korrekteste Lösung - wobei ich damals mit schuld hatte durch zu wenig Aufklärung gegenüber dem Bauherren - seit wir die Protokolle und Leitfäden aushändigen ist die Gefahr gebannt !



Grölle Uwe Dipl.Ing. Lehmbaumeister



Hallo Herr Grölle,
mich Intressiert wie man den Titel Lehmbaumeister bekommt,
gibt es Lehmbaugesselen,Lehmbauer als eingetragener Handwerksberuf mit Lehrplan- Prüfungen usw. und wie man dann Lehmbaumeister wird ? Meisterprüfung wo und wann !
Meisterbrief usw.
Oder ist dass nur ein freier Titel ?