Einfache Holz-Dachschalung ohne Unterspannbahn?

04.09.2006



Hallo an Alle!

Die Dacheindeckung (und teilweise auch der Dachstuhl) meines kürzlich erworbenen Bauernhaus (Bj. wahrscheinlich 1844) hat durch den langen Leerstand diverse Schäden und muß neu gedeckt werden. Bis jetzt besteht die Eindeckung lediglich aus den auf den Dachsparren verlegten Traglatten und den Dachziegeln (teilweise Kronendeckung, teilweise Spließ-Einfachdeckung).
Da der Dachraum später ab und an auch nutzbar sein soll (mit gewissen Komforteinbußen etc.) würde ich die Dacheindeckung gern wie folgt erneuern:
Direkt auf die Dachsparren eine dicke Holzschalung (ca. 3cm). Darauf dann die Konterlattung zur Hinterlüftung, die Traglattung und zu guter letzt Biberschwänze (Segmentschnitt, Berliner Format). Innen möchte ich zwischen den Sparren Schilfrohr-Putzmatten auf der Holzschalung anbringen und mit Lehmputz verputzen. D.h. die ganze Dachstuhlkonstruktion soll sichtbar bleiben, da es sich um einen sehr schönen Dachstuhl mit ausschließlich Holznagelverbindungen handelt.

Jetzt meine Fragen:
Kann ich bedenkenlos auf die Unterspannbahn verzichten? Hinterlüftung ist ja durch die Konterlattung gewährleistet. Wäre eine Nut-Feder Verbindung der Dachschalung ratsam?
Sollte zur Sicherheit die Dachschalung von außen imprägniert werden (z.B. mit Woodbliss, HM1, Leinöl, Borsalz, o.ä.)? (Nein, ich möchte keine imprägnierten oder bituminierten Holzweichfaserplatten verwenden!!!)

Meine Wunsch ist ein vollkommen natürlicher Dachaufbau ohne irgendwelche "Dämmungen", Kunststoff- oder Bitumenbahnen, -sperren, -bremsen o.ä.
Der von mir oben genannte Dachaufbau sollte doch ohne weiteres die eventuelle "Feuchtebelastung" durch Flugschnee, bei Sturm eingetriebenes Wasser oder Wasserdampf von innen vertragen, richtig?!?
Wie schon erwähnt bin ich gern bereit, gewisse Komforteinbußen (Kälte im Winter, Wärme im Sommer, u.ä.) in Kauf zu nehmen.

Über eure zahlreichen Meinungen, Tipps, Hinweise, usw. bin ich schon jetzt dankbar!!!

Viele Grüße
Rico



Wasser sucht sich seinen Weg



Hallo Rico

Unter die Ziegel "eingetriebenes" Wasser sollte auch ohne Schaden für das Dach von der Dachhaut weggeleitet werden.
Daher halte ich eine wasserabweisende bzw. abführende Oberfläche für sinnvoll. Dies lässt sich mit diversen "atmungsaktiven" Materialien erreichen. Dein angedachter Aufbau scheint dies nicht zu können.

L. Parisek





Hallo Lutz,

danke für deine Antwort!
Ich dachte eigentlich, daß diese geringen Mengen "eingetriebenen" Wassers durch die Hinterlüftung problemlos abtrocknen können??? Oder reicht das nicht aus? Die "atmungsaktiven" Materialen zur "Wasserabführung", die du empfiehlst, sind leider alle "künstlicher" Natur - und da hab ich eine natürliche Abneigung dagegen entwickelt...

Gruß
Rico



Gekünsteltes



Hallo Rico

Der Sinn der zweiten "Entwässerungsebene" liegt in der durch die Verbauungen entstandene optisch abgeschirmte Dachinnenfläche und der daraus nunmehr resultierenden mangelnden Kontrollmöglichkeit auf Unversehrtheit der Ziegeldeckung auch bei kleinen Undichtigkeiten.

Natürlich könnte man z.B. gewachste Holzweichfaserplatten als "künstliches Material" bezeichnen, aber da müssten wir wohl auf die meisten Baumaterialien verzichten.

Deine Grenzziehung "künstlich" ist mir, wie du siehst, noch nicht so ganz klar.

Gruß

L. Parisek



Definition "künstlich"



Hallo Lutz,

das "künstlich" beziehe ich auf das Material an sich.
Bei deinem Beispiel gewachste Holzweichfaserplatten sind für mich ein Teil der Inhaltsstoffe künstlich, die Holzfaser dagegen natürlich... Weißt du was ich meine?!

Zitat:
" ... aber da müssten wir wohl auf die meisten Baumaterialien verzichten."

In letzter Konsequenz: Ja!



Deine Argumentation verstehe ich aber auch noch nicht ganz:

1. Das "eingetriebene" Wasser (oder besser die Feuchtigkeit - Wasser klingt nach so schrecklich viel) muß ohne Schaden für das Dach von der Konstruktion weggeleitet werden. Reicht dafür die Hinterlüftung nicht aus??? Die Holz-Dachschalung und den Rest "meiner" Konstruktion sehe ich dabei als äußerst "störungstolerant" an. Was mir die Haare zu Berge stehen lassen würde, wäre eine diffusionsoffene Unterspannbahn - die über die Jahre diese Eigenschaft garantiert verlieren wird - und dann als "Kondensatfalle" ganze Arbeit leisten wird...

2. Du schreibst, daß der Sinn der 2. Entwässerungsebene (die ich mir wie oben beschrieben vorstelle) auch durch die mangelnder Kontrollmöglichkeit der 1. Entwässerungsebene von innen gegeben ist. Kann man nicht von außen kontrollieren? Wenn ich in meinem Hof stehe sehe ich jeden einzelnen Ziegel, der fehlt oder kaputt ist...

Falls ich irgendetwas falsch interpretiert habe, berichtige mich bitte!

@all die anderen "Experten" und "Nichtexperten" im Forum:

Gibt es - außer von Lutz - keine weiteren Meinungen, Anregungen usw.???

Gruß
Rico



Dachraum als Dachraum belassen



und den Jahreszeiten entsprechend nutzten.Auch wir hatten die Absicht, den Dachraum zu Isolieren und wurden von vielfätigen Meinungen,Problemen,Kondensatanfall etc.verwirrt.Durch das Forum bin ich auf die Bücher von Eisenschink gestoßen,auch die Denkansätze von C.Fischer und F.Kurz haben mich zum nachdenken gebracht.Da wir den Dachraum (ca60m²) bei unserem alten Fachwerkhaus nicht wirklich als Wohnraum brauchten, haben wir alles so belassen wie es war.(Pfanne/Lattung/Bitubahn als 2.E-Ebene/Sparren.Wir haben lediglich 2 kl.Dachfenster eingesetzt und nutzen diesen Raum als Trockenspeicher,Rückzugszimmer,Pc-Raum und in den Sommermonaten als Schlafgelegenheit für uns oder die Kinder.
Vorteil von keiner Isolierung: Jederzeit event.Schäden sichtbar, im Sommer abends sehr schnell auf angenehme Temperatur abgekühlt, im Frühjahr / Herbst sehr schnell tagsüber auf angenehme Temperaturen erwärmt.Einfach himmlisch bei Gewitter,Sturm etc. da man die Natur hautnah erleben (hören) kann.Man muß abwägen, was man will.Wir haben für uns eine Lösung gefunden.Viel Spaß beim nachdenken und hoffentlich die richtige Entscheidung.
w.spix



Grundsätze



Hallo Rico

Die von Hans-Willi empfohlene Nichtverbauung des Dachstuhls ist angesichts deiner fundamentalen Ansprüche zweifelsohne der beste Weg.
Es gibt die interessante grundsätzliche Aussage renomierter Bausachverständiger: "Hölzerne Dachstühle sind eigentlich nicht zum Ausbau geeignet"

Wenn du zum Sinn der 2. Entwässerungsebene noch Verständnissfragen hast, kannst du mich gerne anrufen. Die Kontrollmöglichkeiten der 1. Entwässerungsmöglichkeiten auf Unversehrtheit sind bei Verbauungen wirklich stark eingeschränkt, denn der Großteile der Schäden an Ziegeln besteht aus bodennahem Standpunkt kaum einsehbaren Rissen, Brüchen und Verschiebungen.

Gruß

Lutz Parisek





@Hans-Willi

Danke erstmal für deine Antwort! Wie ich bereits geschrieben habe, soll auch bei mir der Dachraum nicht als Dauerwohnraum ausgebaut, sondern ähnlich eurer Nutzung temporär als Hobbyraum, Schlafgelegenheit, etc. herhalten - mit allen damit verbundenen "Komforteinbußen"! Soweit sind wir also auf gleicher Wellenlänge... :-)
Das einzige was mich an eurem Aufbau stört, ist die Bitumenbahn, weil künstlich. Apropos: Diese Bitumenbahn behindert doch ebenfalls die Kontrolle von etwaigen Schäden an der 1. Entwässerungsebene, sprich den Ziegeln, oder hab ich da was falsch verstanden?

Ich sehe übrigens in "meiner Konstruktion" die störungstolerante (weil hinterlüftete und nach innen mit Lehm verputzte) Holz-Dachschalung als 2. Entwässerungsebene an. Gleichzeitig dient diese als flächiger Untergrund für die innen zwischen den Sparren als Putzträger für den Lehmputz folgende Schilfrohrmatte. Warum das Ganze? Weil es schöner aussieht als direkt auf die Latten oder eine Bitumenbahn zu gucken...

Welches Buch von Eisenschink kannst du mir speziell zu dieser Problematik empfehlen? Scheint recht interessante Lektüre zu sein... Auch mich haben die Denkansätze von Herrn Fischer zum Grübeln gebracht und mich in "meiner Konstruktion" eigentlich bestärkt...



@Lutz

Sicherlich ist der Nichtausbau des Dachgeschosses in meinen Fall der beste (und einfachste) Weg, aber leider mag ich den Anblick von Ziegeln und Dachlatten von innen nicht sonderlich. Deshalb auch mein Ansinnen des Dachausbaus im Minimalprinzip ohne künstliche Materialien.

Der Sinn der 2. Entwässerungsebene ist mir schon klar, aber wozu dann eine Hinterlüftung, wenn ich doch sowieso eine - in welcher Form auch immer - wasserabführende 2. Entw.-Ebene einbauen soll?

And last but not least

Was passiert den, wenn ich in dem von mir beschriebenen Aufbau die Unterspannbahn über der Holz-Dachschalung weglasse?

Mit den Dingen auf den Grund gehenden Grüßen
Rico



Denaturierung



Hallo Rico

Zu deinen Fragen:
1. Es ist doch ganz klar, dass eventuell eingedrungenes Wasser auf der Schalung bis zum Stoß des nächsten Brettes nach unten läuft und dann genau an diesem Stoß der wie ein Schlitz in der Schalung ist, nach innen in den Raum läuft.
2. Die Hinterlüftung dient primär der Unterlüftung der Ziegel um durch eine unterseitige Trocknung eine Schädigung derselben zum Beispiel durch Frostabsprengungen zu verhindern.

Zu meiner Frage:
Was zum Teufel verstehst du eigentlich unter "künstliche Materialien" und wo ist die Grenzlinie zum "natürlichen Material" Ist die Grenze die "Denaturierung" von Stoffen?
(Bitumen kommt natürlich vor, gebrannte Ziegel nicht und weiter?????) Ich hab wirklich keine Ahnung was du da willst, ist das eine neue Glaubensrichtung? Willst du Gusto Gräser's Monte verita für dich neu entstehen lassen?

Gruß

LUTZ



Monte verita 2



Wenn ich es mir recht überlege sollten wir vielleicht doch einen neuen Anfang wagen, auch ich habe die Nase voll.

Lutz





Guten Abend Lutz!

"...auch ich habe die Nase voll."

Ich hoffe doch nicht von mir!?

Zum Thema natürlich / künstlich:

Da wird es wohl keine allgemeingültige Grenze geben, sondern eher eine individuelle: Für mich ist aus Erdöl technisch gewonnenes Bitumen künstlich, aber Ziegel aus gebranntem, tonhaltigem Lehm eben nicht...
Andererseits fahre ich in meiner Freizeit eine Corvette, und die ist auch nicht aus natürlichen Materialien...
Ich würde sagen, nimm es als kleine (oder große) Macke von mir einfach hin! :-)

Peace!

Aber wie man sieht, habe ich nach so vielen Beiträgen von dir auch jetzt erst eine klare Antwort auf eine meiner Fragen bekommen:

1. Ist das ablaufende und zwischen die Stöße der Schalung laufende Wasser dein einziges Bedenken? Dies ließe sich ja ohne weiteres durch z.B. eine Nut und Feder-Verbindung verhindern... (Das war übrigens auch eine meiner Anfangsfragen, die mir bis jetzt noch nicht beantwortet wurden.)

2. Wäre dieses eventuell bis nach innen eindringende Wasser zuviel, als das es der darunterliegende Lehm aufsaugen und wieder abgeben kann?

3. Reicht die Hinterlüftung (Konterlatten 40/60) aus, um etwaige eingedrungene Feuchtigkeit die sich auf der Schalung niederschlagen könnte abzutransportieren?

Gruß
Rico

P.S. Sorry für die vielen bohrenden Fragen, aber ich bin nunmal ausgesprochen wissbegierig... ;-)
Achso, übrigens: Danke für den Tip mit diesem Gusto Gräser. Scheint 'ne interessante Type gewesen zu sein! :-)



geh mal auf Sancal.de



hier sind auch schon einige interresante Online-Infos über die Gesamtthematik Haus nachzulesen.Bzgl.der 2.Entwässerungsebene kann ich dir aus eigener Erfahrung berichten.Wir haben im Dachgeschoß über unserem ehem.Kuhstall die Decke verkleidet, da auch hier nur die Pfannen lagen.Sprich Nut-Federbretter mit Feder in Richtung First von unten unter die Sparren geschraubt.Bei den letzten starken Gewitterregen lief dann eingedrungenes Wasser wunderbar an den Profilbrettern ab, jedoch fand es an der Fußpfette eine Abtrofpkante, um dann entlang der Fußpfette in die Mauer zu laufen.Wir werden deshalb im Herbst von oben auf die Sparren eine Bitubahn aufbringen(muß sowieso neu gedeckt werden), damit ich die gleiche Funktion wie im Wohnhaus habe.Eingedrungenes Wasser (defekte Ziegel, große Regenmengen/Sturm) kann dann ungehindert in die Rinne laufen, ohne einen kostspieligen Schaden am Dachstuhl/Wand zu verursachen.Bzgl.deiner Optikbedenken haben wir im Wohnhaus die Bitubahn gekälkt, somit sieht diese wie eine weiße Verkleidung aus.Bei den sichtbaren Überlappungen der Bitubahn haben wir quer zu den Sparren "alte" Schalbretter befestigt, somit ist die gesamte alte Dachkonstruktion von innen sichtbar.Gefällt uns sehr gut und sieht echt urig aus.
Viel Spaß beim lesen und eine glückliche Hand für Eure Entscheidung.
Gruß/Willi



Unterdeckplatte



Sollte die Neueindeckung mit Dachsteinen erfolgen, so wäre es sinnvoller mit einer Holzfaserunterdeckplatte zu arbeiten. Preiswerter und wesentlich schnellere Dachschließung.
Außerdem hätten Sie damit bereits eine vollflächige Dämmebene auf Ihrem Gebäude.

Grüße Udo Mühle