Verarbeitungsunterschiede/Preisunterschiede Kalkputz und Rotkalk

03.08.2012 lilalu



Hallo zusammen,
seit Monaten lese ich gerne hier im Forum. Nun sind wir mitten in der Sanierung.
Ich möchte gerne überall im Haus innen Kalkputz haben.
Nun habe ich ein Angebot von einem, der Rotkalk anbietet.
Gerne hätte ich *reinen* Kalkputz mit Luftkalk.
Wie unterscheidet sich die Verabeitung eigentlich? Ist Luftkalkputz schwieriger, also kostenintensiver, da mehr Arbeitsaufwand?
Viele Grüße, sonja





Hallo Sonja,

Du meinst Rotkalk von Knauf-Marmorit. So weit ich das sehe, sind die Rotkalkprodukte weitestgehend mit Verarbeitungseigenschaften verbessernden Kunststoffzusätzen oder aber Zement verschnitten. Von den Kosten für die Aufbringung sehe ich weniger den Unterschied als in den Anforderungen an das Können des Verarbeiters.

Gruß aus Berlin,



Kalkputz



"Reiner" (was auch immer das sei) Luftkalkputz ist als werkgemischter Trockenmörtel nicht zu haben. Der Grund ist die bessere Handhabungssicherheit der werksseitigen Mischungen im Gegensatz zum selbst hergestellten Kalkmörtel.
Bei kleineren Mengen und im hauseigenen Gebrauch ist selbstgemischter Kalkmörtel trotzdem billiger und anwendbar, wenn man putzen kann und sich mit dem Material etwas auskennt.
Für Ihre Zwecke sind fertige Mörtel geeigneter.
Ihre Gebrauchswerteigenschaften sind besser als bei reinem? Luftkalk und die Verarbeitung ist billiger.
Welcher Mörtel genau (der Hersteller spielt nur beim Preis und der örtlichen Verfügbarkeit eine Rolle)in Frage kommt hängt von den konkreten Bedingungen bei Ihnen zu Hause ab.

viele Grüße



Es gibt doch ...



... auch genug maschinengängige Kalkputze, die den Vorstellungen genügen. Für erfahrene Verarbeiter, noch von alter Schule, dürften die doch absolut kein Problem sein, zumindest keines, was einen kostenpflichtigen Mehraufwand rechtfertigen würde. Es gab hier im Forum schon genug Erwähnungen geeigneter Kalkputze, einfach mal suchen.
Ob die nun 100% reinster Luftkalk sind, oder ob doch irgendwas für die Verarbeitung beigemischt ist, dürfte sich aus der Deklaration ergeben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Hersteller wie Solubel, Gräfix, Kessler u.a. ihre Reputation leichtfertig durch dubiose Zusätze aufs Spiel setzen.

Inwiefern die Industrie-Monopolisten wie Knauf Einfluss auf Verarbeiterfirmen nehmen, um denen die ausschließliche Verarbeitung ihrer Produkte zu versüßen, weiß ich allerdings nicht. Vielleicht gibt es Angebote, die man einfach nicht ausschlagen kann.

Im Übrigen glaube ich nicht, dass die modernen Industrieputze nur so eingestellet sind, damit unerfahrene Laien damit besser arbeiten können, wie es hier schon öfter mal behauptet wurde. Ich glaube, das betrifft eher die Putzerkolonnen auf Großbaustellen, wo quasi jede Sekunde zählt.





Rotkalk ist ein Mörtel der Mörtelgruppe P II nach DIN V 18550, demnach ein Kalkzementmörtel. Dieser ist einfach zu Verarbeiten (wenn man putzen kann), ähnlich Mörtel der Mörtelgruppen P III und P IV. Die Verarbeitung von Kalkputzen der Mörtelgruppen P I erfordert einiges an Erfahrung, hier ist insbesondere auch auf die Nachbearbeitung zu achten. Hier wird zwischen Luftkalk (ohne hydraulische Bestandteile), hydraulischem Kalk (mit geringen bis mittleren Anteilen an hydraulischen Bestandteilen) und hochhydraulischem Kalk (mit hohen Anteilen an hydraulischen Bestandteilen). Die Unterschiede sind Ihnen ja bekannt, ich hatte Sie ja auch schon auf diese Tricksereien hingewiesen. Kalkputz hört sich ja schon einmal gut an. Der von mir empfohlene Handwerker wird wohl einen Putz der Mörtelgruppe 1c anbieten, vermute ich mal.

Hier wird immer so schnell geantwortet, deswegen überschneiden sich sicherlich immer einige Antworten. Ich stell es trotzdem mal rein.
Gutes Gelingen wünscht,

Bernd Kibies



Reiner Luftkalkputz als Fertigmischung



Uns liegt ein Technisches Merkblatt der Herstellers Gräfix vor (auf Anfrage im April 2012 erhalten per Mail direkt aus dem Werk), der einen reinen Luftkalkputz anbietet:

gräfix® 61bio

Es handelt sich danach um wirklich reinen Luftkalkputz ohne Zement und sonstige Zusätze.


Dem Technischen Merklatt sind die folgenden Angaben entnommen:

Werk-Trockenmörtel auf Kalk-Basis mit Kalksteinbrechsand bis 1,6 mm.
Frei von verarbeitungsbeeinflussenden Zusätzen (z.B. Methylcellulose), ohne Zugabe von Kunststoff- und Kunstharzanteilen.
Er ergibt einen diffusionsoffenen Kalkputz mit den Bestandteilen Luftkalk als Bindemittel, Kalksteinbrechsand und QuarzSand als Zuschlagstoffe.

• Natürliche Rohstoffe
• 100% emissionsfrei
• frei von organischen Stoffen
• ohne Weichmacher
• ohne Biozide
• ohne Konservierungsstoffe
• zementfrei
• VOC-frei
• ideal für Allergiker
• antiseptisch und schimmelpilzhemmend

Verwendung:
Kalkputz für diffusionsoffenen Innenputz, der aufgrund seines Clean-Air Effekts ein gutes Wohnklima schafft.
Die Feinteiligkeit des Putzes stellt dabei ein großes Mikroporenvolumen zur Verfügung, überschüssige Luftfeuchtigkeit wird absorbiert und bei Bedarf wieder an die Raumluft abgegeben.



Wir haben (leider) noch keine praktischen Erfahrungen mit diesem neuen Produkt sammeln können, wohl aber mit dem "normalen" Gräfix 61er mit und ohne Haare.
Beide v. g. Sorten ließen sich einwandfrei verarbeiten.



Luftkalkputz



Da ist die Werbemaschine also wieder weiter gelaufen. Die Industrie bietet eben an was gefragt wird, egal ob das besser oder schlechter ist als die anderen Produkte. Es steht etwas von "verarbeitungsfördernden Inhaltsstoffen" im Produktdatenblatt, allerdings nicht welche (vielleicht ist die Internetseite von Gräfix überholt, ich lasse mich dann gern korrigieren).
So rein ist dieser Kalkputz also auch nicht, von wegen keine Zusätze.
Wer einen CS I braucht und die erforderliche Zeit samt Nachbehandlung einplant kann damit natürlich auch arbeiten. Die Frage ist nur ob ein Kunde die Mehrkosten auch bezahlt. Die Gebrauchswerteigenschaften für den Nutzer ändern sich bei ein paar Prozent Weißzement oder Ziegelmehl im Putz jedenfalls nicht.

Viele Grüße

p.s. Interessant wäre den Mehrpreis zu wissen, den man für dieses bio im Namen extra bezahlen muß.



Gräfix 61bio



In dem Technischen Merkblatt, das uns als doc-Dokument mit Stand Oktober 2010 vorliegt, steht nichts von "verarbeitungsfördernden Inhaltsstoffen".
Als Inhaltsstoffe werden angegeben: Luftkalk / Kalksteinbrechsande / Quarzsand (Volldeklaration)

Hinweis: Dieses Technische Merkblatt ist (aus welchen Gründen auch immer) auf der Website von Gräfix NICHT eingestellt!

Die Angabe "... verarbeitungsfördernden Zusatzstoffen ..." findet sich hingegen in den Technischen Merkblättern zum "normalen" Gräfix 61 / Gräfix 61 Haar / Gräfix 61 fein / Gräfix 61 Haar grob.

Also bitte nicht verwechseln!



Gräfix Kalkputz



Ich habe noch mal in die Produktübersicht von Gräfix geschaut, da ist dieser "Bio"- Putz nicht drin.
Ob sich sowas verkauft bleibt abzuwarten, höchstens als Nischenprodukt für private Anwender. Da auch nur solange bis die merken das man sich so einen Putz für viel weniger Geld selbst mischen kann.
Lustig finde ich die Liste mit dem was alles nicht drin ist. Als ob ein Fleischer für alkoholfreie Leberwurst wirbt.

viele Grüße



Selber mischen macht Laune ... ?



Klar kann Mann oder Frau jedweden Mörtel oder Putz selber anmischen. Ist an sich nicht das Problem, wenn die entsprechende Rezeptur bekannt bzw. verfügbar ist und wenn die notwendigen Stoffe beschaffbar sind.
In der Regel fangen die Probleme beim Beschaffen des richtigen Sandes an, denn Sandgruben sind in einigen Regionen rar, wenn überhaupt noch vorhanden, und die Zeiten, wo Baustoffhändler verschiedene Sandsorten / -qualitäten lose auf dem Platz hatten (ich kenne die noch), dürften wohl seit einiger Zeit vorbei sein. Und wenn ein Fuder Sand geordert wird, muss dies schließlich auch noch an geeigneter Stelle abzukippen und zu lagern sein.
An Kalk als Sackware zu kommen, ist da schon etwas leichter, kann aber auch dauern bzw. relativ hochpreisig sein, wenn der Händler des Vertrauens die in der Regel nicht lagermäßigen Produkte in kleinen Mengen beschaffen muss (sofern er dies überhaupt tut).
Insbesondere bei kleineren Vorhaben, gerade im privaten Bereich, ist der Erwerb von ein paar Säcken Fertigmörtel / -putz m. E. da schon leichter zu bewerkstelligen, d. h. anwenderfreundlicher. - Aber das ist halt meine persönliche Meinung.



Putz



Das mag sicher regional unterschiedlich sein.
Ich habe heute in meinen Weinkeller (klingt etwas hochtrabend) ein paar Putzreparaturen gemacht.
Auf dem Grundstück liegt immer eine Fuhre (einen Multicar) Sand 0-4, den ich für Wegebau, Putz, zum Mauern usw. nach und nach aufbrauche. Etwas mit dem Handsieb abgesiebt, etwas Weißkalkhydrat (ein halber Sack steht noch vom letzten Keller Streichen herum) und schon habe ich einen Eimer Putzmörtel.Das Mischungsverhältnis etwa 1:3 sollte sich herumgesprochen haben.
Kosten: Die Fuhre Sand 20,- €, der Sack Kalk 3,50 vom Baumarkt.
Sand gibt es in der Kiesgrube oder im nächsten Betonwerk, nach Körnung fraktioniert.
Wer ein Haus, ein Grundstück hat wird so was immer liegen haben und sich selber behelfen können.
Bei größeren Flächen, Zeitdruck und mangelnder Erfahrung rate ich auch immer zu Fertigmischungen und zwar mit verarbeitungsfördernden Zusätzen.
Zum "Bio"- Putz:
Technisch gesehen überflüssig aber umsatzfördernd.
Das was verlangt wird wird produziert egal ob es Sinn macht oder nicht. Es kommt auch keiner auf die Idee, an der Tankstelle reines Benzin ohne Zusätze für Auto betanken zu verlangen.
Wenn- dann würde es verkauft werden.

Viele Grüße



Gräflix Kalkputze



Siehe Luftkalk.de

Gruss
Nicole



Gräflix Kalkputze



Siehe Luftkalkputz.de

Gruss
Nicole



Aha



dankeschön für die vielen Antworten!
Ich habe ja nicht automatisch was gegen Zusätze, wenn Sie sinnvoll sind und ökologisch und gesundheitlich unbedenklich.

Ich kann das so schlecht beurteilen, was das wirklich für mein Haus bedeutet. (Übrigens müssen wir aus Zeitmangel und Können Verputzen lassen ---sonst würde ich bestimmt selber mischen)
So ein Rotkalk oder ein Luftkalkputz, etwa von Solubel. Was macht das für einen Unterschied *an der Wand* für das Raumklima?
Die Handwerkerfirmen sagen mir, dass es für sie leichter ist, zu nehmen, was sie kennen und schnell Nachschub bekommen etc. Verständlich.

Hat das Jemand schon mal *erfahren*?
Wobei das ja so schwer zu sagen sein wird..Ich bin aber mal gespannt auf Eure Antworten.
Viele Grüße, Sonja



Innenputz



Für das Raumklima macht es keinen Unterschied, ob Kalk- oder Gipsputz bzw. ein geringer Anteil Weißzement im Kalkputz. Die Sorptionseigenschaften und der Diffusionswiderstand sind in etwa gleich.
Das Raumklime wird durch Heizen und Lüften maßgeblich beeinflußt, über den Putz können allenfalls ein paar Feuchtespitzen in der Raumluft ausgeglichen werden.
Das machen Möbel und Raumtextilien übrigens auch.
Emissionen werden in weitaus höherem Maße durch Möbel, Kleidung, Anstriche und Tapeten, Bodenbeläge, Elektrogeräte usw. hervorgerufen.

Viele Grüße



Auswirkungen von Putzen auf die Raumluftfeuchte



In dem unter
http://www.claytec.de/fileadmin/user_upload/pdf_download/lehmputz_raumklima.pdf
abrufbaren Bericht sind u. a. die Auswirkungen unterschiedlicher Putze auf die Raumluftfeuchte m. E. recht gut und verständlich erläutert und dargestellt.

Insbesondere aus der Abbildung 4 auf Seite 6 des v. g. Berichtes, die das Sorptionsvermögen der unterschiedlichen Putze zeigt, ist ersichtlich, dass Kalk- / Kalkzementputze mit einer maximalen Wasserdampfssorption von etwas über 20 g/m² den Gipsputzen mit hingegen knapp unter 10 g/m² merklich überlegen sind.
Die besten Ergebnisse bringen in diesem Zusammenhang erwartungsgemäß die Lehmputze mit max. fast 70 g/m², i. M. annähernd 50 g/m².

Die Wasserdampfdiffusionswiderstandszahlen µ1 / µ2 der Putze sind wie folgt anzusetzen:
- 10 / 10 bei Gipsputz
- 15 / 30 bei Kalkputz
- 15 / 35 bei Kalkzementputz
- 5 / 10 bei Lehmputz



Dankeschön



für die vielen Antworten. Das hat mir weitergeholfen!