Neckermannhaus

14.09.2010


Hallo.wir möchten uns ein Neckmannhaus von 1984 kaufen müssen wir bedenken haben?
Bitte um antwort im vorraus schon mal danke





Hallo,

die Bedenken bestehen fort, weil die einschlägigen Schadstoffe (Asbest, Formaldehyd, Lindan, Pentachlorphenol und seine Abbauprodukte) damals noch im Handel waren.
Grüße



Deshalb vor der Unterschrift ein wenig Geld in die Hand nehmen....



... und das Haus auf Schadstoffe hin überprüfen lassen.

Grüße aus Frangn

Frank von Natural-Farben.de



Stand vor kurzem vor ähnlichem Problem



Hallo Nicole,

ich kann die Bedenken verstehen, nicht ganz zerstreuen aber Dich ein wenig vorbereiten. Die Wahrscheinlichkeit ist recht gering, dass in 1984 noch die bedenklichen Materialien verwendet wurden aber nicht ganz auszuschließen. Besonders PCP (Pentachlorphenol), Lindan, DDT, Dioxine und geruchsintensive Verbindungen wie Chloranisole und Chlornaphtaline sollten die Bedenken hervorrufen. Ich empfehle Dir dringend die Hausstaubanalyse der Stiftung Warentest oder eines anderen Anbieters. Den Test der Stiftung Warentest habe ich benutzt und bin sehr zufrieden damit gewesen. Auf PCP, DDT und Lindan wird u.a. auch getestet und im Ergebnis waren die Stoffe entweder nicht vorhanden oder so gering, dass sie in diesem Maße auch in einem konventionell gebauten Haus vorhanden sein könnten (durch Einbringung von Möbeln, etc.). Wichtig ist bei diesem Test, dass die gesetzlichen Grenzwerte von der Stiftung Warentest nochmal unterboten werden, d.h. strenger bewertet werden und die Stiftung Warentest Handlungsempfehlungen und eine ausführliche Bewertung zu den Testergebnissen mitliefert. So kann man die Testergebnisse sehr gut interpretieren. Informationen auf der Seite von Stiftung Warentest habe ich jetzt auf die Schnelle nicht mehr gefunden, aber hier http://www.verbraucher.org/pdf/183.pdf steht noch das Bestellformular und eine Beschreibung der Tests. Eine Luftannalyse kannst Du auch machen lassen, ich habe mich aber entschieden mich auf Formaldehyd zu beschränken und den Test von Dräger "BioCheck-F" aus der Apotheke zu nutzen (kostet ca. 25 Euro). Damit bekommst Du auf jeden Fall schonmal einen überblick ob überhaupt ein Problem besteht oder Du das ausschließen kannst (so war es bei uns). Tiefer kannst Du dann immernoch bei Bedarf mit einem qualifizierteren Test gehen. Meine Erfahrung mit Baubiologen war die, dass die Baubiologen dem Haus entweder ohne es gesehen zu haben tödliches Potenzial unterstellt haben (Panikmache) oder es erkennbar war, dass sie nur ihre teuren Analysen verkaufen wollten aber nicht wirklich helfen.

Außerdem solltest Du Dir dringend die Bau- und Leistungsbeschreibung zum Haus ansehen. Die ist Bestandteil des Kaufvertrages gewesen und aus ihr geht hervor, wie der Wandaufbau ist und welche Materialien verwendet wurden. Ggf. kannst Du das auch dem Bauantrag (wenn noch vorhanden) entnehmen. Bei Spanplatten gibt es verschiedene Kategorien, welche unterschiedliche kritisch zu beurteilen sind. V20 Platten wurden oft im Innenausbau eingesetzt. Sie sind verleimt mit einem Formaldeyhd-Harnstoff-Leim, welcher sich laufend und besonders unter Wärme- und Feuchtigkeitseinfluss zersetzt und damit Formaldehyd in nicht unerheblichem Maße emittiert. V100-Platten sind Formaldehyd-Phenolharzverleimt. Phenolharzplatten sind begrenzt feuchtigkeitsbeständig und emittieren auch über Jahrzehnte hinweg nur sehr wenig (vernachlässigbare Mengen) Formaldehyd. V100G Platten sind auch Phanolharzplatten, aber haben zusätzlich eine Beimischung von Holzschutzmitteln, häufig PCP, Lindan oder auch Naphtaline (am häufigsten Naphtaline). Seitens Formaldehyd also unbedenklich, aber wegen den Holzschutzmittels stark bedänklich! Die Platten wurden meist außen eingesetzt und entwickeln unter Feuchtigkeitseinfluss einen stark unangenehmen Geruch (Süßlich-Muffig-Schimmlig), der sich stark an Textilien festsetzt. Dies ist unangenehm, aber noch nicht schädlich (so der derzeitige wissenschaftliche Stand). Trotzdem könnten auch Holzschutzmittel in den Innenraum gelangen, die dann wiederum schädlich sind. Die Hausstaubanalyse gibt aber hierüber Auskunft.
Außerdem wurden auch häufig Heraklith-Platten verbaut (Sauerkrautplatten). Diese bestehen aus Holzspäne, welche Magnesit- oder Zementgebunden sind und vollkommen unbedenklich sind. Heraklith-Platten dienten oft als Putzgrund für die Außenfassade, wurden aber auch im Innenausbau verwendet.

Mein Tipp: Mach eine Hausstaubanalyse bei der Stiftung Warentest, besorg Dir dringend den BioCheck-F aus der Apotheke und stöber in den Bau- und Leistungsbeschreibungen. Wenn V20 oder V100G Platten verbaut wurden, solltest Du Formaldehyd oder Holzschutzmitteln eine höhere Aufmerksamkeit schenken (je nachdem). Generell achte unbedingt auf unangenehme Gerüche. kannst Du diese nicht eindeutig!!! zuordnen, teste unbedingt auf Chlornaphtaline und die anderen oben bereits erwähnten Geruchsstoffe.

Aus eigener Erfahrung: Lass Dich nicht panisch machen und dadurch vielleicht ein wunderschönes Häuschen entgehen. So wäre es mir beinahe ergangen. Meins ist ein Bien-Haus (jetzt durch Fusion Bien-Zenker) aus dem Ende der 70er Jahre. Die Außenfassade besteht aus Heraklith-Platten magnesitgebunden und die Spanplatten sind phenolharzverleimte Platte. Die Tests haben die aus den verwendeten Materialien zu erwartende Ergebnisse bestätigt. Meine Schwiegereltern wohnen schon seit Jahrzehnten in einem Streif-Neckermann-Haus aus den 70ern und sind gesund und glücklich. Es muss also keine Katastrophe sein. Noch ein Hinweis: Wenn genug Kapital vorhanden ist, kann man die Fassade auch sanieren, beispielsweise nach dem System von Renopan (www.renopan.de). Nur so als Idee.

Hoffe Dir geholfen zu haben!

MfG



Aus Erfahrung anderer klug werden...



@Dominik

vielen Dank für den ausführlichen Bericht. Das zeigt, wie wichtig eine Untersuchung vor dem Kauf ist. Das mit den Baubiologen würde ich nicht pauschalieren. Aber klar ist, dass man nicht gleich in die Vollen gehen muss. Ein grober Test vorab ist der richtige, aber auch ein nötiger Schritt.

Grüße aus Frangn

Frank von Natural-Farben.de