Mauer-Einsturz durch dichte Fugen?!

08.12.2013 Daniel Weiss



Hallo allerseits!

Als stets besorgter Besitzer eines Hauses mit Naturstein-Mauern bin ich bei diesem Artikel ein wenig stutzig geworden:

http://artern.thueringer-allgemeine.de/web/lokal/kultur/detail/-/specific/Mauer-zwischen-Schloss-und-Wohnhaus-hielt-Frost-nicht-stand-2136086269

Da wird behauptet, dass der Einsturz der abgebildeten Mauer durch eine neue "dichte" Verfugung verursacht wurde.

Meine Frage an die Community: Kann das wirklich die Ursache sein?! Wenn ja, wie könnte der genaue Ablauf/Mechanismus aussehen, der zu so einem Einsturz führt (an welcher Stelle verschiebt sich was wodurch)?


Für mich sieht die Mauer doch grundsolide aus: Mauerwerksverband ist gut, die Steine sind schön eckig (das sollte doch fast auch ganz ohne Mörtel stehenbleiben) und eine Abdeckung ist auch auf der Mauer oben drauf. Woher soll denn dann die große Feuchtigkeit kommen...

Würde mich freuen, eure Meinungen dazu zu hören!

viele Grüße
Daniel



Stützwand



So etwas passiert öfter als Sie denken.
Bruchsteinwände sind entweder zweischalig mit Füllung oder wie hier einschalig mit Hinterfüllung gemauert.
Die relativ dünne Wandschale wurde beim Aufmauern dahinter verfüllt, man nahm was gerade da war. Steinabschläge, Bauschutt, Trümmer... Das Material wurde entweder mit dünnflüssigem Mörtel abschnittsweise vergossen oder wahllos ohne Verband vermauert. Als Mörtel wurde manchmal sogar Lehmmörtel genommen, denn Kalk als Bindemittel war teuer.
Wenn von oben oder seitlich in diese Verfüllung Wasser eindringt sickert es durch das poröse Haufwerk nach unten bis es sich staut. Dann kann es nur durch die Fugen der äußeren Wandschale ablaufen. Wenn die zu dicht sind bildet sich im Winter Eis dessen Sprengdruck die Wandschale ausbeult. Irgendwann bei Tauwetter bricht dann die Schale ab.
Deshalb werden und wurden solche Stützwände:
Zum Hang hin geneigt gebaut (Schwergewichtsstützwände),
mit Entwässerungsöffnungen versehen,
Wasser oben von der Mauerkrone weggeleitet und die Verfüllung oben versiegelt.
Trotzdem sind alle Stützwände die nach diesem Prinzip gebaut wurden früher oder später vor solchen Schäden nicht gefeit, sogar Trockenmauern.
Wenn jetzt auch noch zwar in guter Absicht aber völlig verkehrt die Verfugung der Stützwand mit Mörtel ausgebessert bzw. erneuert wird dann beschleunigt sich der Vorgang nur der zur Zerstörung führt.

Moderne Stützwände werden nach anderen Prinzipien und mit anderen Materialien errichtet.



Dankeschön



Vielen Dank für Ihre schnelle und detaillierte Antwort! Ich verstehe die Problematik nun schon deutlich besser!

Ein paar Folgefragen hätte ich auch noch:

- "Zweischalig mit Füllung" verstehe ich. Aber wie genau kann ich mir "Einschalig mit Hinterfüllung" vorstellen? Gibt es diese Bauweise nur, wenn die Mauer an einem Hang steht? Oder auch bei freistehenden Mauern? Oder ist mit "einschalig" gemeint, dass es nur eine "schöne" Seite gibt und die andere mit irgendwelchem Schutt hochgezogen wurde?
Die Mauern in dem Artiel, den ich angeführt habe, sieht nach meinem Verständnis nach zweischalig mit Füllung aus. Dürfte eher eine freistehende Begrenzungsmauer als eine Stützmauer sein (hat unten auch noch einen erkennbaren Durchgang)

- Warum sickert Wasser, das in die Verfüllung eingedrungen ist, nicht einfch weiter bis ins Erdreich durch? Die Verfüllung ist ja schließlich nur ein inhomogener Haufen Schutt, der das Wasser nicht allzu lange aufhalten dürfte?

- Sie schreiben, dass bei Tauwetter die Schale abbricht. Kann man sich das so vorstellen, dass das Eis den Mauerwerksverband lockert aber erst der Druck des flüssigen Wassers dann die Schale nach außen schiebt?



Stützwand



Irrtum von mir, ich dachte das wäre eine Stützwand; die steht vor einem Hang.
Das hier ist dann eine zweischalige Wand, freistehend. Das Prinzip ist das gleiche: Wasser läuft oben über die Mauerkrone in die Wand und durch das Haufwerk der Füllung nach unten.
Schalennabrisse passieren auch bei einseitiger Belastung. Zum Beispiel wenn eine Betondecke nur auf die innere Schale aufgelagert wird, die verformt sich und reißt. Das kann sich noch verstärken wenn die außere Schale mit hartem Mörtel nachträglich verfugt wurde. Alte Bruchsteinwände sind durch den weichen, wenig tragfähigen Mörtel und regellosem Verband nicht gerade stabil.