Mal wieder Sanierungsfragen

27.01.2021 Moritz L

Mal wieder Sanierungsfragen

Wir haben letztes Jahr, etwas blauäugig, ein Fachwerkhaus nahe Neumünster, Schleswig-Holstein gekauft.
Es handelt sich um eine L-förmige, ehemalige Bauernkate. Die ehemalige Scheune/Stallung mit Kappendecke wurde 2001 aufwendig saniert und zu vermietetem Wohnraum umgewidmet. Die Wohnung im Haupthaus steht seit geraumer Zeit leer und ich war guter Dinge, sie mit einer Renovierung wieder hübsch zu bekommen.

Die Zeit seit dem Kauf habe ich damit verbracht, Angebote einzuholen und in mühsamer Detektivarbeit Informationen über den Istzustand zusammenzutragen.

Aus den mir vorliegenden alten Ansichten und Planungsunterlagen ergibt sich folgender, sicherlich unvollständiger Wissensstand zum ursprünglichen Aufbau:

L-förmiges, ehemaliges Bauernhaus mit ehemals Wohnbereich und Scheune, vmtl. spätes 19. Jahrhundert.
Aufbau:
Grundwasserstand 5m unter Terrain
Feldsteingründung
2 Kriechkeller
Eichenholz-Balken und Stiele
Sattelwalmdach auf relativ leicht gebautem Kehlbalkendachstuhl aus teilweise nur grob behauenen Stämmen; ursprünglich sicherlich Reet gedeckt
im Scheunen-/Satteldachbereich 11,5/24cm Vollsteinmauerwerk, 12cm Luftschicht, Kappendecke, darüber Holzständerwerk

Über die Jahre wurden diverse Veränderungen vorgenommen:

Umbau Wohnhaus 1977:
-Fundamente 30/30/80 Betongüte Bn 100 = unbewehrt
-Bodenaufbau 10cm Unterbeton + 3cm Hartschaum + 4cm Estrich
-Horizontalsperre Bitumenpappe, Vertikalsperre Isolieranstrich
-Blechdach
-Innenwände Kalksandstein

Ausbau der alten Scheune 2001:
-Punktfundamente 30/30/80 bzw. Streifenfundament mit konstr. Bewehrung
DG:
-12cm Wärmedämmung WLG 040 zwischen Holzständerwerk, 1,25cm Gipskarton
-Trennwände 11,5/17,5cm Kalksandstein, 1,5cm Kalkzementmörtelputz bds.
-Zwischenwände 11,5 KSL zw. neuem Holzständerwerk, 1,5cm Kalkzementputz bds
-nicht tragende Wände 10cm Gasbeton, 1,5cm Putz bds
-Trenndecken oberseitig 4cm Dämmung, 4cm Zementestrich schwimmend
-Dachschrägem 14cm MiWo WLG 035, 0,2mm Dampfbremse, Lattung, Gipskarton
-Sparrendach 15*

Austausch des Blechdaches und der Dachrinnen 2005

Zumindest teilweise Innendämmung mit Gipsfaser-Polystyrol (4cm)-Verbundplatte

Treppeneinbau DG mit unsachgemäßen Balkenkürzungen und unsachgemäßen Holzverbindungen

Aufmauern einer 11,5cm Vollziegel-Vorsatzschale, 15cm Luft, Maueranker vor das Sichtmauerwerk an 3 Hausseiten

Vmtl. Neuerrichtung einer Fachwerk-Veranda vor dem ehemaligen Dielentor

Um so mehr Fakten ich zusammentrage, um so mehr weiß ich, dass ich nichts weiß!
Dem versuche ich zwar mit der Lektüre diverser Bücher und vieler Seiten und Artikel hier im Forum zu begegnen, habe aber inzwischen verstanden, dass es bei einem über so viele Jahre gewachsenen Konstrukt wie einem Fachwerkhaus die eine Lösung „One fit‘s all“ nicht gibt.
Meine Sorge, ein fragiles Fließgleichgewicht durch unsachgemäße Eingriffe zu stören, wächst mit jedem Wissensfetzen, den ich aufsammele, aber auch mit jeder Handwerkermeinung, die ich höre.

Mein erste Bitte an die Experten der Community ist daher eine Empfehlung, an wen ich mich in unserer Region wenden kann um fundierte Beratung zu erhalten.

Da sich über den Winter die wetterseitige, letzte unverschalte, Fachwerk-Außenwand deutlich verschlechtert hat und die Gefache bereits dabei sind sich herauszulösen, ergeben sich jetzt mit akutem Handlungsbedarf auch akute Fragen.
Laut Einschätzung von Maurer und Zimmerer müssen Schwellbalken und Stiele komplett getauscht werden und somit anschließend komplett neu ausgefacht werden. (Auch hier bin ich für eine Expertenmeinung dankbar) Wenn ich jetzt die Wand fachgerecht mit Eichenholz, Vollziegeln und Kalk-/Lehmmörtel neu aufbauen lasse, stellt sich mir die Frage, ob ich erneut Feuchtigkeitsprobleme bekomme, wenn die einzige wirklich diffusionsoffene Wand als „Ventil“ fungiert?

Bodenplatte und Innenschale waren bisher trocken. Sogar an der eben beschriebenen Wand, an der von außen jede Menge Fehler gemacht wurden (Zementmörtel) ist das bunt zusammengewürfelte Vorsatzmauerwerk relativ trocken. Gilt hier „Never change a running system“ oder muss ich zwingend versuchen, die Diffusionsoffenheit wieder herzustellen?

Die äußere Vollziegel-Vorsatzschale vor dem übrigen Fachwerk dient m.E. nur als Schlagregenschutz und wirkt sich durch Verstärkung der Konvektion energetisch vermutlich ungünstig aus. Macht hier, von den Kosten bei 15cm Luftschicht abgesehen, eine Zellulose-Einblasdämmung Sinn oder verrottet mir die Zellulose am Übergang zur Aussenschale?

Muss ich bei trockenem Betonboden einen diffusionsoffenen Fußbodenaufbau wählen?

Viele komplexe Fragen! Ich hoffe, dass ich dennoch auf Eure Erfahrungen bauen darf!

Vielen Dank und ganz herzliche Grüße aus Schleswig-Holstein,

Moritz



Schadhaftes Fachwerk Wetterseite


Schadhaftes Fachwerk Wetterseite

2.Ansicht



Schadhaftes Fachwerk Wetterseite


Schadhaftes Fachwerk Wetterseite

Zementmörtel



Schadhaftes Fachwerk Wetterseite


Schadhaftes Fachwerk Wetterseite

Holzschäden



Schadhaftes Fachwerk Wetterseite


Schadhaftes Fachwerk Wetterseite

Orginal-Mörtel hinter dem Zement, Insektenbefall



Dazugehörige Innenschale


Dazugehörige Innenschale

nach Entfernung der Verbundplatten



nach Entfernung der Verbundplatten


nach Entfernung der Verbundplatten

Detail



Außen-Vorsatzschale


Außen-Vorsatzschale

Hinter der Verblendung



Außen-Vorsatzschale


Außen-Vorsatzschale

Stiel beschädigt?



Schadhaftes Fachwerk Wetterseite


Schadhaftes Fachwerk Wetterseite

Schwamm?



Sanierungskonzept



Erst mal - mein Beileid zu dem Zustand.
Bei dem Umfang der Baustellen/schadträchtigen Verbauungen an dem Gebäude würde ich erst mal empfehlen einen sachkundigen Planer oder Berater (ggf. der IGB) hinzuzuziehen und zu überlegen, was du wie machen und finanzieren (kfw, Förderung usw.) willst.
Da jetzt Detailantworten zu einer so umfangreichen Sanierung zu geben, liegt meiner Ansicht nach weit außerhalb der Möglichkeiten eines Forums.

Viel Glück dabei - M.Mattonet, Ingenieurbüro Bergisches Land.



Weitere Anlaufstelle



Kennst Du die IG Bauernhaus? Das ist ein Netzwerk, in dem sich regional Erfahrene über den Erhalt von Bauernhäusern austauschen.
https://igbauernhaus.de/die-igb-in-ihrer-naehe.html
Viele sind auch als Laien eingestiegen und können oftmals erste Panikanfälle gut verstehen aber auch abmildern. Ich würde erst mal versuchen, darüber einen Kontakt zu finden. So lassen sich auch qualifizierte Gewerke finden, mit denen andere gute Erfahrungen gemacht haben. Nicht jeder Handwerker oder Ingenieur ist in der Lage, sich in Altbausubstanz reinzudenken. Diese Häuser verzeihen viel, sind auf Reparierbarkeit angelegt - erlauben aber nicht jeden modernen Komfort.



Vielen Dank..



...für Eure Antworten. Dass ich mir Expertenrat zur Projektierung suchen möchte, hatte ich ja schon geschrieben. Vielen Dank für die Anregung bzgl. der IG Bauernhaus.

Beste Grüße,

Moritz