Lehmputz ohne Plastikgewebe möglich?

23.06.2018 Zwergnase



Hallo liebe Lehmputz-Erfahrene,
demnächst ist der Innenausbau in meinem alten Fachwerkhaus dran, es kommt Wandheizung an die Außenwände und an 2 Hausseiten auch Innendämmung mit Holzweichfaserplatten 60 mm (die anderen beiden Wände Außendämmung mit Isofloc, Lärche-Verschalung). Und dann drin alles schön mit Lehm verputzt.
Meine Frage ist, ob es auch möglich ist, ohne das Plastikgewebe zu Verputzen und trotzdem die Risse in den Griff zu kriegen.
Ich habe hier schon einiges gefunden zu Rissen und habe verstanden, dass man auftretende Risse nachbearbeiten kann. Mein Lehmbauer sagt aber, es würden ohne Gewebe immer wieder Risse an den Stellen auftreten, wo die Holzweichfaserplatten aneinander stoßen.
Ist das so? Dass nach dem Nachbearbeiten später wieder neue Risse auftreten? Im Zusammenhang mit der Wandheizung vielleicht?

Ich finde es so schade, das Wissen zu haben, dass ich in meinem schönen mit Naturmaterialien sanierten Häuschen in jedem Raum von einem Plastikgeflecht umgeben sein werde.

Würde mich sehr freuen, dazu einige Meinungen zu hören,
danke und liebe Grüße von Andrea



Lehmputz ohne Plastikgewebe möglich?



Hallo Andrea,

deine Bedenken bezüglich des "Plastikgeflechts" kann ich absolut verstehen. Zum Verarbeiten sind die Dinger zwar echt super, aber in meiner eigenen Bude möchte ich sowas auch nicht haben :-)

Dein Lehmbauer hat Recht: auf ein Armierungsgewebe solltest Du nicht verzichten. Die Gefahr, dass sonst Risse entstehen, ist tatsächlich groß.

Aber natürlich gibt es natürliche Alternativen (wie fast in jeder Situation auf dem Bau), z.B. Armierungsgewebe aus Flachs oder Hanf.

Die natürliche Variante ist wesentlich kostenintensiver als die andere. Oder anders ausgedrückt: Plastikgeflecht ist zu billig.
Auch ist ein natürliches Gewebe nicht so einfach anzubringen - manchmal kann das sogar ein echter Kampf sein! Dein Lehmbauer würde also neben dem höheren Materialpreis wohl auch einen höheren Preis für die Verarbeitung verlangen, zu Recht.
Aber wenn's einmal hängt ist es ein tolles Material, das seine Funktion erfüllt und für ein besseres Gefühl sorgt.
Wer in so eine Dämmung investiert sollte eigentlich an der Armierung nicht sparen.

Frohes Bauen! :-)

Lehmbauer Marc



Jute statt Plastik



Moin..
Mit etwas Übung und Handwerklichem geschick kann man Wandheizungsflächen sehr gut mit Jute einlegen ,es Streiten sich allerdings die gelehrten ob man sie Feucht oder trocken in den Frischen Putz einlegen sollte,und Ob diese Jute eine Baustoffzulassung hat ist auch so ne Frage...

Ich hab vor 25 Jahren noch relativ Regelmässig Jute Verarbeitet und war und bin sehr zufrieden mit den Ergebnissen.

Ein wenig mehr mühe macht halt der Zuschnitt,,eine wirklich gute Schneider schere hilft..und man sollte mit etwas mehr verschnitt rechnen als bei Kunststoffgewebe

wenn man zb einen Lehmofen verputzt kommt man um Jutegewebe kaum drumherum und das wird auf den Vorgeheizten, vorgenässten Ofen in den Frischen Putz Nass eingelegt und schwindet dann im gleichen Mass und Zeitraum wie der Lehm zum Produkt Unterputz Gewebearmiert,bestenfalls Rissfrei...
.,aber wie gesagt alles blanke Theorie und jeder macht es anders:)

Flachsgewebe wäre mir glaub ich zu Kostenintensiv und Hanfgewebe hatte ich noch nie in der Hand..

gutes gelingen wünscht Flakes...



Armierungsgewebe



@ Flakes: Hanf- und Jutegewebe sind sich ziemlich ähnlich.

Wenn man so ein Gewebe vorher anfeuchtet wird es vom Gewicht her und vom Arbeitsaufwand schwerer. Aber sinnvoll ist es sicherlich.

Vom Preis her hast Du Recht, Flachsgewebe ist da schon noch mal eine Nummer teurer als Hanf oder Jute - lässt sich aber auch etwas einfacher verarbeiten.

Viele Grüße

Lehmbauer Marc

PS: "Baustoffzulassung" ... Who cares? Solange man weiß, was man tut, ist das doch wurscht.



Alternativen



Jute- oder Flachsgewebe ist sicher, schon um einiges teurer, aber eben kein Kunststoff. Wenn man den nicht haben will, ist Jute oder Flachs die echte Alternative. Ohne Gewebe auf Holzweichfaserplatten zu arbeiten ist völlig unsinnig. Reißt immer und ist ein handwerklicher Mangel. Auch dickere Putzschichten auf z.B. Mauerwerk sind wegen der Schwindrisse besser mit Gewebe als ohne. Im übrigen gelten für die Ausführung der Arbeiten die einschlägigen DIN Normen 18350 und die Lehmbauregeln des dvl. Da kann man sich umfassend belesen. Auch die entsprechenden Unterlagen der Hersteller sind sehr gut gemacht, kann ich nur empfehlen. Gruß aus Taucha Andreas Wugk, Stukkateurmeiser und Fachkraft Lehmbau



Plastikgewebe?



Nur berücksichtigen, dass reines Glasfasergewebe ein mineralischer Baustoff ist und kein Kunstsstoff.
Ausgasungen wie bei weichmacherenthaltenden Kunststoffen sind nicht möglich.
Wenn irgendwann alles rückgebaut werden sollte läßt sich Glasfasergewebe gut trennen und ggf wiederverwenden.
Ob techn. Nachteile, geringere Rißverhinderungseigenschaften, höhere Wahrscheinlichkeit von Nachbearbeitung der Putzflächen und höhere Kosten die Verwendung von anderen Materialien sinnvoll machen muß sicher abgewogen werden- auch aus ökologischen Gründen.

Andreas Teich



Plastik



oder Latexummanteltes recycelte Glasfaser?

Grüße Gerd



Danke für die tollen Antworten und Polymerausrüstung von Glasgewebe



Vielen Dank an dieser Stelle für die vielen tollen und schnellen Antworten!
Ich habe mal nach den Preisen von Flachs- und Jute-Armierung gegoggelt, hui. Und bei Jute fiel mir auch gleich die Frage nach Ort der Herstellung und Pestizidbelastung ein... Wozu ich nirgendwo Angaben gefunden habe.
Mein Lehmbauer ist auch nicht begeistert von der Verarbeitbarkeit solcher Gewebe.
Und dass es nicht so verschiebefest ist wie die festen Putzgewebe kann ich mir sehr gut vorstellen.

Bei Claytec-Glasgewebe habe ich die Angabe gefunden, "Drehergewebe aus Glasseidengarn/Roving, appretiert mit Polymerausrüstung". Polymer heißt dann wahrscheinlich Polyethylen oder etwas in der Richtung. Naturkautschuk wär ja schön, aber dann würde es bestimmt dabeistehen. Ich habe das als Frage mal an die Firma gesendet.

Viele Grüße von Andrea



Nachsatz



Hallo Gerd und Andreas,
wo gibt es denn reines Glasfasergewebe oder latexummantelte recycelte Glasfaser?

Danke sagt die eben zu eilige Andrea



Alternativen



Hallo Andrea,
Reines Glasfasergewebe gibt es nicht, die Fasern sind immer mit einem Kleber zusammen gehalten. Die häufigsten Kunststoffe, die dafür verwendet werden, sind Polyethen (PE), Polypropen (PP), Polyvinylchlorid (PVC), Polytetrafluorethen (PTFE), Polyacrylnitril (PAN) und Polymethacrylsäuremethylester (PMMA)
Bei dem claytec-gewebe wird, wenn ich nicht irre, PP verwendet. Vorteil ist, dass keine Weichmacher benötigt werden. Bei der Entsorgung später, die nach heutigem Stand meist thermisch erfolgt, entsteht neben etwas Wärme"nur" noch CO2 und H2O und ist dadurch so ziemlich das sauberste Produkte. Und das rissfesteste noch dazu.