Innendämmung mit Holzfaserdämmplatten und Rigips?

04.07.2020 Dphilip



Hallo liebe Fachwerk-Community,

bald ist es soweit und meine Frau und ich sind stolze Fachwerkhausbesitzer. Wir haben uns in ein denkmalgeschütztes Haus von 1743 in der Nähe von Gifhorn/Wolfsburg verliebt und unterschreiben bald den Kaufvertrag.

Es sieht so aus, als wäre das Haus im Erdgeschoss von innen mit Styropor gedämmt, was wir natürlich ändern wollen. Da unser Budget nicht besonders groß ist, wir aber handwerklich nicht unbegabt sind, möchten wir gern möglichst viel in Eigenleistung renovieren.

Nach einigen Recherchen haben wir uns auf Holzfaserdämmplatten als Dämmmaterial festgelegt, sind uns aber in 2 Punkten unsicher:
1) Wie wird die Dämmung an die Wand angebracht, gibt es hierfür Kleber o.Ä.?
2) Besteht die Möglichkeit, statt einem Kalk- oder Lehmputz auch Rigipsplatten von Innen an die Holzfaserdämmung anzubringen? Das glatte Verputzen ganzer Wände trauen wir uns nicht zu. Wie könnte man die Rigipsplatte an der Holzfaserdämmplatte befestigen, gibt es hier auch Kleber?

Vielen Dank vorab und beste Grüße
Philip



Rigips VS Holzweichfaser



Moin..
Ich mach es mal Kurz..
Nein das geht nicht.
Wenn man sich ein Denkmalgeschütztes Haus anlacht dann hat man auch die Verantwortung das Bauwerk zu Erhalten.
Mit welcher Dämmung und mit welchem Putz gearbeitet wird ,kann man eh erst sagen wenn das Styro runter ist und die Holzschäden beseitigt wurden.
erst dann sieht man Wandfusspunkte und Schwachstellen,und andere Überaschungen..

Es gibt übrigens Putzbetriebe Die Sowohl Untergründe für Dämmplatten erstellen als auch Nachher die Vom Bauherren angebrachten Dämmplatten Verputzen...Das ist meißt günstiger als es 2 mal zu machen:)

Apropos 2 mal machen ,,all diese Maßnahmen müsst ihr natürlich auch mit dem Denkmalschutz abstimmen.

gutes gelingen und einen Rigipsfreien Aufenthalt wünscht Flakes..



RÜckfrage



Hallo, danke für die schnelle Antwort.
Könnten Sie das genauer erläutern, was genau gegen das Vorgehen spricht? Bauphysikalisch sollte doch nichts dagegen sprechen, Rigips einzusetzen?



Rigips



Mit Verlaub......der gesunde Menschenverstand spricht dagegen.
Man kauft sich ein denkmalgeschütztes Fachwerkhaus, möchte richtigerweise Styropor durch Holzfaser ersetzen, um dann im Nachhinein potthässlichen „toten“ Gipskarton an die Wand zu klatschen....!?
Das passt zum Fachwerk wie Hackfleisch und Nutella....

Mit etwas handwerklichem Geschick bekommt man jede Wand verputzt und selbst wenn das etwas krumm und schief aussehen sollte, fügt sich das um Welten besser ein als Rigips.



Naja



Geschmäcker sind verschieden.
Nicht jeder möchte langweiligen Putz an der Wand, Papiertapeten haben auch etwas für sich.
Mir geht es hier nicht um Ästhetikfragen, sondern bauphysikalische Argumente.

Aber wenn verputzen, dann mit Lehmputz?



neue Innendämmung



Wenn Ihr eine neue Innendämmung anbringen wollt, ist es ratsam, ein Gesamtkonzept zu erstellen, welches als Erstes die Aufnahme der Bestandssituation beinhaltet. Dann werden Nutzungsvorstellungen, Heizkonzept und bauliche Voraussetzungen zusammengeführt. Uns ist ja nicht einmal der Wandaufbau bekannt ! Wie die Holzfaserplatten an der ( wie auch immer aufgebauten ?) Wand befestigt werden, hängt vom Untergrund ab. Muss erstmal eine Ausgleichsschicht mit Lehmmörtel hergestellt werden? Dann können die Platten gleich in diese Schicht eingedrückt und gedübelt werden.
Nur nebenbei: Der Ausdruck "Verlieben" ist hier nicht angebracht. Wen ich liebe, den achte ich in seiner Eigenartigkeit und wertschätze ihn so wie er ist. Zudem ist Liebe ein interaktiver Prozess. Was Ihr wollt, ist das Haus zu besitzen und es nach Euren Vorstellungen zu verändern.



Also ehrlich



Sorry, aber das finde ich ganz schön anmaßend.
Ich habe bisher noch keine sachlichen Argumente, sondern nur selbstüberhebliche Meinungen gehört.

Ja, wir haben ein Fachwerkhaus gekauft und wollen unser Bestes tun, dessen Zustand langfristig zu schützen.
Daher fliegt ja auch als erstes der Styropor-Pfusch raus.
Ich habe aber noch kein bauphysikalisch sinnvolles Argument gehört, warum keine Rigipsplatten o.Ä. angebracht und tapeziert werden sollten.
Unser Objekt hat innen auch jetzt schon keine historischen Einbauten mehr (Türen, Fliesenspiegel etc., alles recht neu) - wieso sollten wir jetzt also innen auf moderne Baustoffe verzichten?


Bitte nicht falsch verstehen, ich suche wirklich fachmännischen Rat in diesem Forum und lasse mich gern überzeugen, doch noch auf Lehmputz o.Ä. umzuschwenken.
Ich möchte die Argumentation lediglich nachvollziehen können aus bautechnischer Sicht und nicht blind drauf vertrauen.



Dann eben die Bauphysik



Es freut mich immer wenn sich Leute informieren, engagieren und erst recht wenn sie es für Fachwerkhäuser tun. Glückwunsch also zur Hauswahl und hoffentlich werden eure Träume alle wahr.

Zu eurer Frage ...
Die besten und dauerhaftesten Ergebnisse hatt man bei einem konsequent diffusionsoffenen und kapillaraktiven Aufbau. Die wenigsten Problem bei Dämmmaßnahmen hat man in der Regel bei einer Außendämmung.
Ihr möchtet hier eine Innendämmung anbringen. Die Maßnahmen für glatte Wand ist hier einfach aus jedem Onlinevideo und ein wenig Übung zu erlernen. Man hat entweder einen geeigneten Untergrund oder stellt diesen nach Rückbau mittels eine Lehmausgleichsschicht her. Dann werden die Platten mit einem entsprechenden Lehmkleber und zusätzlichen Verschraubungen an der Wand befestigt.
Die kritischen Bereiche sind Übergänge, Fußpunkte und Anschlüsse an berührende und durchdringende Bauteile und Bauelemente. Allgemeingültige Regel die immer gelten gibt es hier nicht, da muss man schlicht wissen was man tut oder sich beraten lassen.

Zu eurer Idee mit der Gipskartonplatte statt Lehm- oder Kalkputz auf der Innenseite.
Wie erwähnt sollte der Aufbau immer konsequent diffusionsoffen sein. GKB sind das - sogar "offener" als Holz.
Daneben sollten sie auch kapillaraktiv sein.
Die normale GKB ist recht gut in der kappilaren Aufnahme von Feuchtigkeit (nicht die grüne imprägnierte), fängt aber leider an, ihren Zusammenhalt bei erhöhter Feuchtigkeit, zu verlieren. Die Auffeuchtung geschieht leider recht häufig (siehe Anschlußbereiche oben) weil die GKB, schon ohne weitere Wandbeschichtung eine verzögerte Wasserabgabe hat. Sie hält schlicht die Feuchtigkeit in der Wand (was den Schimmel und die holzzerstörenden Pilze immer erfreut).
Achtung ... jetzt kommen wir zum entscheidenden Punkt ...!
Die Feuchtigkeitsabgabe, die Kapillarität und die Diffusionsoffenheit geht meist bei einer entsprechenden Beschichtung einer GKB gänzlich verloren.
Wo eine nicht gestrichene Rauhfasertapete auf der nassen GKB einfach ein herausragender Nährboden für Schimmel ist, ist die konventionell gestriche Raugfasertapete hoch dampfdicht und erzeugt den Schimmel zwischen GKB und Tapete (sieht man nicht - trotzdem Sch...).
Das gilt gleichsam für Schaum- oder Vinyltapeten, Glasfasertapeten, bedruckte zweilagige Papiertapeten usw. usw.
Einzig spezielle Vliestapeten die frei von PVC und Weichmachern und nur in geringen Mengen oder gar nicht mit zinnorganischen oder flüchtigen organischen Verbindungen belastet sind, wären denkbar, müßten aber dann auch mit entsprechenden Lehmfarben, Kalkfarben o.ä. gestrichen werden um die Diffusionsoffenheit weiter zu gewährleisten.
Das geht dann auch für ein zwei weitere Anstriche bevor sie ausgetauscht werden müßten.

Fazit:
- Man sieht sehr schön - die wenigen sinnvollen Vorgehensweisen ergeben optisch meist das Gleiche, wie bei einem Lehm- oder Kalkputz.
- Gewisse Putzfähigkeiten sind immer notwendig um erst den Untergrund zu erstellen.
Dann kann man auch direkt Putz aufbringen und umgeht viele Risiken und schadträchtige kritische Stellen die mir kein Onlinevideo aufzeigt.

Viel Spaß mit euren Hüsken - M.Mattonet, Ingenieurbüro Bergisches Land



Dann eben auch gesundheitliche Aspekte



ich wollte Euch nicht zu Nahe treten, sorry, wenn das falsch angekommen ist.
Es gibt noch weitere Argumente für Lehm/ kalkputz:
- die bessere Ökobilanz - da sind nicht nur die Energieverbräuche ( bei GK ca. 10 x höher als bei Lehm) bei der Herstellung gemeint, sondern vor allem die Kosten für ein späteres Recycling
- die Auswirkungen auf das Raumklima - hier sollte nicht nur die Feuchtaufnahme bedacht werden, sondern auch der Eintrag von Schadstoffen bzw. deren Minderung. Die heutigen Vorräge an natürlichem Gips sind begrenzt, weshalb in den GK viel REA-Gips verwendet wird, der stammt aus Entschwefelungsanlagen in Kraftwerken. Kalk ist basisch, er hat also die Fähigkeit, saure Luftbestandteile zu neutralisieren und wirkt desinfizierend. Lehm bindet Luftschadstoffe ebenso.
- die Problematik der Schlußbeschichtung wurde von Markus schon erwähnt.



Arbeitsaufwand



So ein altes Haus muss man erst kennenlernen. Das erlaubt oft nicht so viele der modernen Schnelllösungen. Man muss sich ein bisschen einlesen und nicht von dem Gelesenen und den vielen starken Meinungen wuschig machen lassen. :o)

Unser Häuschen ist innen auch komplett mit Styropor-Glasfaser-Gips Platten in den 80er Jahren gedämmt worden und mir rutschte sowas von das Herz in die Hose, als wir das entdeckten. Ich rechnete mit den schlimmsten Schimmel- und Bauschäden. Am Ende hatten wir nur minimal Stockflecken an zwei Ecken, da das alte Putzsystem und das sparsame Heizverhalten der Bewohner das Schlimmste verhindert haben.

Der Arbeitsaufwand könnte bei Rigips durchaus auch erheblich größer sein.
Wenn Ihr die Holzfaserdämmplatten sorgfältig anbringt, dann ist das Verputzen nicht aufwändiger, als die Rigipsplatten anzubringen, zu verspachteln, zu schleifen, zu tapezieren und eventuell noch mal zu streichen. Könnte sogar deutlich billiger werden.
Meist sind die Wände in alten Fachwerkhäusern auch so klein dimensioniert, dass man sich an das Verputzen gut rantasten kann. Das ist nicht rocket science. Und wenn man Tapeten anbringen will, es gibt auch traditionelle Papiertapeten, die man auf Putz anbringen kann - die bekommt man aber nicht im Baumarkt für 19,99 im Design „Modernes Wohnen“.
Viel Spaß mit dem Haus!



Do it!



Ich hab die Holzfaserdämmplatten mit Lehmkleber hohlraumfrei mit Tellerdübel befestigt. Danach hast du eine fast glatte Wand (die kann schief sein aber von geraden Wänden muß man sich befreien). Ich habe mich vorher auch nicht an das verputzen getraut aber der Fachkräftemangel hat es gerichtet :-D Lehm ist ein absolut "verzeihendes" Baumaterial, es kann immer wieder korrigiert werden - gerade der Feinputz mit einem Schwamm. Das geht, ihr habt ja geschick ;-)

Für etwas anderes als "langweiligen" Putz gibt es noch Struktur Walzen.



Danke!



Vielen Dank für die ausführlichen und nachvollziehbaren Erläuterungen, das hilft uns sehr bei der Entscheidungsfindung.

Im Fokus stehen bei uns vor allem die Wände im Erdgeschoss, oben sind bereits andere Dämmmaterialien verbaut. Es geht um ca. 60m² Außenwandfläche. Was meint ihr, womit man da kostentechnisch rechnen muss (Material + Verputzer) ?



Rigips



Hallo Philip, das Prinzip einer diffussionsoffenen und kapilaraktiven Innendämmung besteht aus 2 " Feuchteflüssen: 1... Die warme gesättigte Luft will immer auf die kalte Seite und kann gut die Rigipsplatte durchdringen ..... dann trifft sie auf den kalten Wandbaustoff und kondensiert (es entsteht Wasser ) .....im selben Augenblick kommt es zum 2. "Feuchtefluss" nach dem Prinzip: Zuckerstein berührt Kaffee.
Da Rigips nicht genügend kapilaraktiv ist gibt es hinter der Rigipsplatte einen Wasserstau.... mit all seinen Konsequenzen. ... deshalb geht hier nur Kalkputz oder Lehmputz



Fachwerkhaus wegbaggern



Hallo Philip!

... ich finde es ja immer sehr paradox, wenn "stolze Fachwerkhausbesitzer" mit Gips bauen wollen.
Pope hat schon erwähnt, wo das Zeug herkommt, ich möchte es mal etwas zugespitzter formulieren: wer in sein Fachwerkhaus Gipsplatten einbaut, ruft gleichzeitig in die Welt hinaus: "Jaa, ich möchte dass der Braunkohlebagger stolzen Fachwerkhausbesitzern ihr geliebtes Fachwerkhaus unter den Füßen wegbaggert!"

Zum Thema verputzen: Holzfaserplatten mit Lehm zu verputzen ist nicht soooviel schwieriger als Gipskartonplatten zu spachteln.

Zum Thema dämmen: eine Dämmung mit Holzfaserplatten, oder irgendwelchen anderen Dämmplatten, herzustellen ist nichts, was man einfach mal so macht. Holzfaserdämmungen können zu gravierenden Schäden führen, wenn sie schlecht geplant und schlecht ausgeführt werden! Es ist keine Raketenwissenschaft, aber ein paar Punkte sollten beachtet werden. Wer keine Erfahrung mit solchen Dämmungen hat sollte sich jemanden zu Rate ziehen, der Erfahrung damit hat. Das Internet und auch dieses tolle Forum reichen nicht aus, um sich genug wissen anzueignen.
Sucht Euch einen Fachmann und lasst Euch auf einem Quadratmeter jeden Arbeitsschritt zeigen.

Eine Alternative wäre ein Lehm-Dämmputz. Wesentlich sicherer und wesentlich günstiger!

Viele Grüße

Lehmbauer Marc