Fachwerkschäden durch Renovierung nach 12 Jahren?

23.09.2002



Hallo! Vor kurzem besichtigte ich ein Fachwerkhaus meiner Eltern, da es neu gestrichen wurde. Dabei fiel mir gerade an der Nordseite der schlechte Zustand der Balken auf (teilw. morsch). Aufgrund der Erkenntnisse aus dieser und anderer Webseiten mache ich mir nun Gedanken, ob das Haus nicht falsch renoviert wurde und erhebliche Bauschäden womöglich schon eingetreten sind. Bis ca. 1990 wurden am orginalen Wandaufbau (Fachwerk, Lehmgefache/wenige aus Bimsstein, vermutlich Kalkputz) kaum Änderungen vorgenommen. 1990 wurden die Außenwände von Innen mit Styropor und Gipskartonplatten belegt. Von Aussen wurde seinerzeit vermutlich eine Kunstharzfarbe auf Balken und Gefach (jetzt Zementputz) aufgebracht. Ebenso wurde eine Gaszentralheizung installiert. Vor kurzem wurde dann mit "Dinova Acryl 2000" neu gestrichen. Ich frage mich jetzt, wie größerer Schaden für die nächsten Jahre abgewendet werden kann bzw. ob nur noch eine komplette Sanierung mit ökologischen Baustoffen helfen kann. MfG Marcus Hamm



Um Himmels willen !!!!



das ist ja geradezu grausam , was diesem Haus angetan wurde! Die Wärmedämmung von innen mit Styropor ist so ziemlich die sicherste methode, ein jahrhundertealtes Fachwerkhaus in kürzester Zeit kaputtzukriegen.Durch die Styroporschicht verlagert sich der Taupunkt, d. h. der Punkt an dem Wasserdampf sich in Flüssiges Wasser verwandelt, in die Wand, es kann aber dort nicht weg, es kann nicht verdampfen. Die Brühe läuft also innen am Styropor herunter , kann nicht wegtrocknen, die Balken fangen an zu faulen. wenn dann noch von außen so undurchlässige Materialien drauf sind wie Zementputz und Kunstharzfarbe, muß die Feuchtigkeit ja in der Wand bleiben. Da sind auch jahrhundertealte Eichenbalken machtlos. Also, ganz schnell runter mit dem Styropor !Alle Baustoffe im Fachwerkhaus müssen wasserdampfdurchlässig sein, es dürfen keine stark zementhaltigen Putze verwendet werden, auch Farben müssen "atmen " können.Auch in unserem haus hat der energiesparende Vorbesitzer eine wand von innen mit Styropor verkleidet, nach 10 Jahren war ca. ein Drittel der Holzsubstanz weggefault! Also nochmal: Runter mit dem Zeug!
Hat das damals ein "Fachbetrieb" gemacht? Wenn ja, würde ich mir den mal vorknöpfen !

Wünsche Euch viel Mut und Power !



nicht nur innen!!!



ich kann mich der vorbeschriebenen aussage nur anschliessen; muss jedoch noch hinzufügen, dass wahrscheinlich nicht nur die materialien im inneren für die schädigungen verantwortlich sind, sondern vor allem auch nach der beschreibung, die auf der aussenseite;
zementputz ist eine sehr harte und dampfsperrende angelegenheit (man verwendet in auch aufgrund seiner hydraulischen eigenschaften im wasserbau); weiterhin wirkt die kunstharzfarbe wie ein "gummistiefel";
wie es dem Gebäude zur zeit ergeht, was es für weitere auswirkungen ergeben kann, kann man leider über dieses medium nicht einschätzen, da man keine ferndiagnose über den zustand des "patienten" treffen kann, so dass eine Begutachtung vor ort, durch einen sachverständigen von unserer seite dringend zu empfehlen ist; dieser sollte eine schadensaufnahme durchführen und ein sanierungskonzept mit einem sanierungs-drehbuch aufstellen





Guten Tag,
wir haben selbst einige Häuser saniert die erst vor relativ kurzer Zeit mit den sogenannten mordernen Baustoffen saniert wurden. Leider waren oft nach kurzer Zeit Schäden mir erheblichen Substanzverlust festzustellen. Häuser die 300 Jahre standen wurden unnerhalb 10 Jahre kaputtsaniert. Leider werden immer noch viele Sanierungen in diesen Techniken saniert.



bewusst anders Bauen



Hallo Herr Marcus Hamm,

um mal auf Ihre Frage einzugehen: Müssen tun Sie gar nichts, doch ich würde Ihnen nichts dringlicheres Raten, als zu einer ordentlichen Sanierung. Als erstes würde ich mir denjenigen vornehmen, der das ganze geplant hat. Wenn kein Planer mit im Spiel war, so sind die beteiligten Firmen heranzuziehen. Denn auch diese haben nach BGB eine 30 jährige Haftung, wenn die Ausführungen von denen vorgeschlagen wurde. Mit einem guten Anwalt und richtigen Gutachter, der auch was von seinem Fach versteht, ist da was zu machen.

Bei der Sanierung selbst sollten Sie nicht nur auf Diffusionsoffenheit von Baustoffen achten, dass wäre wieder zu kurzsichtig. Die kapillare Leitfähigkeit von Wasser ist um wesentliches wichtiger. Sie kennen doch bestimmt auch keinen, der den ganzen Tag in diffusionsoffenen Goretex-Klamotten rumrennt.

Der Putz außen muss runter, ebenso die Dämmung innen. Außen gehört ein guter Luft- oder Sumpfkalkputz ran, innen Lehmbaustoffe. Um es kostenmäßig im Rahmen zu halten können die Lehmbaustoffe auch idealer weise selbst eingebaut werden. Und übrigens: nicht alles ist ÖKO wo ÖKO draufsteht. Mehr unter www.gesundes-Bauen.com oder einfach mal anrufen.

Viele Grüße Michael Reisinger



Sanierungsschäden



Teile die bisher Ihnen entgegengebrachten Meinungen mit und muß dazu eben noch erwähnen, daß die Sanierung mit Lehmbaustoffen und auch natürlichen Baumaterialien immer noch stiefmütterlich belächelt werden. Wer mit derartigen Baustoffen und -materialien saniert, wird in userer lobbydenkenden Schnelllebezeit einfach noch als "Spinner hingestellt und belächelt. Auch mir als Lehmbaufachbetrieb geht es tagtäglich noch so, doch wenn sie meine Putzmaschine und die anderen Verarbeitungstechniken sehen und wie technisch
schnell und versiert die Verarbeitung mit Lehm sein kann, dann tritt erst einmal Stille ein und anschließend kommen dann plötzlich Fachfragen.
Der Lobbyismus, welcher schon vom Architekten über die sogenannten Fachhändler verbreitet wird, ist eigentlich der sichere Untergang unserer Regionalkultur, da Sie ja am eigenen Beispiel jetzt sehen, was uns die Massenindustrie Tag täglich vorsuggeriert und dann als Ergebnis beschehrt! Ich sage den Interessierten dann immer, daß sie sich erst einmal selbst Gedanken machen sollten, ehe sie zum sogenennten "Fachhändler" gehen oder auf das sogenannte "Wurfblatt" vom Baumarkt am Wochenende zu warten. MfG Lehmbude



Literaturtipp



Dieses Thema ("Renovierungssünden der 80er" oder so) wurde u.a. auch vom ZHD in Fulda sehr eingehend untersucht. Ein schönes Buch, das die Ergebnisse zusammenfasst und auch sehr ins Detail geht ist von Manfred Gerner "Schäden an Fachwerkfassaden", IRB Fraunhofer Verlag. Konnten wir gut gebrauchen. Viel Erfolg bei der "Rettung" Ihres Hauses wünscht