Prophi-laxe am Hohler Zahn

20.06.2012



Hallo in die Runde,

Ausgelößt durch einen Beitrag im gestrigen Regionalprogramm
mal kurz diesen Link:

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/religionen/1630405/
(Artikel relativ weit unten)

Wenn man bei Google nach "Gedächtniskirche berlin Hydrophobierung" stößt man auf ein Herstellerdockument in dem recht selbstbewußt von einem hervorragenden Funktionieren der Hydrophobieren an diesem Bauwerk die Rede ist (Referenzliste). Zum gleichen Fazit kommt dieser Fachartikel:

http://www.baufachinformation.de/zeitschriftenartikel.jsp?z=2007099006371

...wobei sich angesichts von Bildern schalenförmig ablösender Gesteinsschichten (habe leider keinen Videostream gefunden) schon irgendwie an Realitätsnähe zweifeln läßt. ... Ignoranz oder eher ein Fall wie dieser:

http://www.gedaechtniskirche.de/9317.php



Was läuft falsch? Unterscheidet sich das Herangehen heutiger Hydrophobierungsmaßnahmen wesentlich von denen der 80er und 90er?


Gruß aus Berlin,





Ich möchte mal versuchen, es allgemeinverständlich auszudrücken.
Hydrophob sind alle Oberflächen auf denen der Randwinkel eines Wassertropfens größer 90 Grad ist. Man kann also mit ganz vielen Beschichtungen einen hydrophoben Effekt erzielen. Leider ist der hydrophobe Effekt nicht von Dauer und auch an die Oberflächenbeschaffenheit des Baustoffes gebunden.

Für die Steinkonservierung wird zur Hydrophobierung zumeist KSE mit hydrophoben Grup-pen eingesetzt. KSE stellt die Anbindung an den Kornverband sicher und die hydrophoben Gruppen sind für die Wasserabweisung notwendig. Je nach dem wie sich die hydrophoben Gruppen zusammensetzen, je unterschiedlich ist deren Beständigkeit (z.B. UV-Beständigkeit). KSE hat die negative Eigenschaft, dass das amorphe SiO2 schrumpft. Irgendwann geht dann die Bindung verloren und das amorphe SiO2 klappert sinnlos im Poren-raum herum. Hierdurch ist der Porenraum aber bereits angefüllt und bei erneuter Festigung oder Hydrophobierung dringt das Mittel weniger ein und irgendwann ist die Oberfläche eines porösen Baustoffs halt dicht. Im Zuge von Kristallisationsdrücken oder Hydratationsdrücken (Eis und Salze)und oder unterschiedlicher E-Modul in den Oberflächen kommt es in der Folge zu massiven Schäden.

Die Idee der Hydrophobierung ist eine sehr gute aber leider mit den zur Verfügung stehen-den Mitteln nicht dauerhaft, reversibel oder schadlos umzusetzen.
Eine Hydrophobierung ist der unwiderrufliche Beginn vom Ende (ebenso eine Festigung mit KSE). Die Frage ist allein, wie lange sich das Ende herauszögern lässt.

Aber: Die Steinkonservierung ist ein riesiges Geschäft – keiner weiß Bescheid und alle ma-chen mit.

Gruß
Jens





Hallo Jens,

vielen Dank für die sehr anschauliche, fachliche Erläuterung!

Um so mehr verstärkt diese mein Kopfschütteln über die gezeigte Tunnelblickmentalität eines Fachartikelautors der praktisch die abbröckelnde Gesteinsschicht in den Händen noch lauthals triumphierend ruft: ... „Aber die hydrophobierende Wirkung hält immer noch! Nach 20 Jahren!“ ... Das ist schon kein Galgenhumor mehr, oder?


Das die große Chemiefirma welche damals das Mittelchen für die Hydrophobierung lieferte, und es damals vielleicht auch noch nicht besser wissen konnte, heute immer noch mit derartig bewiesenen Misserfolgen wirbt, werte ich jetzt mal als Versehen. Eines würde mich aber dennoch interessieren:

Was meint Ihr? Für wie hoch würdet Ihr in etwa das Schadenspotential durch ebenfalls überwiegend hydrophob eingestellte Fassadenfarben beziffern, die heutzutage allenthalben von wenig bis gar nicht bauphysikalisch vorgebildeten Firmenvertretern selbst namhafter Häuser an den Mann oder die Frau gebracht werden? Unabhängig vom wesentlich geringeren kulturhistorischen Wert normaler Hausfassaden. Würdet Ihr aus eurer Erfahrung heraus die dort verursachten volkswirtschaftlichen Schäden für höher oder für niedriger bewerten als Schäden die durch normale Bewitterung entstehen?

... Freilich eine recht philosophische Frage, deren Antwort im Endeffekt sicher auch nicht so einfach zu pauschalisieren ist.



Philosophisch ausgedrückt...



... möchte ich allgemein anmerken, dass, wenn die Menschheit nie etwas Neues ausprobiert hätte/ausprobieren hätte müssen, wir immer noch mit Bärenfell gewandet in Höhlen sitzen würden und Hirsche an die Wand malten...
Sackgassen und Irrtümer gehören dazu...

Sebastian Hausleithner





Klar Sebastian! Aus Fehlern wird man Klug! Das einfachste und wirkungsvollste Prinzip des Lernens! ...

Hier geht es letztendlich auch nicht um Verurteilung, sondern eben genau darum die richtigen Schlüsse zu ziehen!

Gruß aus Berlin





Hallo Stephan,

das Thema ist weitaus komplizierter, als dass man es pauschalisieren kann.
Ich habe bislang nur von reinen Hydrophobierungsmitteln gesprochen. Für poröse Baustoffe sind diese in der Regel penetrierend und genau dort liegt das Problem.
Für hydrophob ausgestattete Anstriche gilt das nicht, weil diese Oberflächenbeschichtungen sind und nicht tief den Porenraum eindringen. Hydrophob ausgestattete Anstriche liegen quasi auf der Oberfläche. Bindemittel und hydrophobe Gruppen bleiben und wirken in der Beschichtung (so die Theorie) ? .
Damit kommen wir aber schon zum nächsten Thema. Beschichtungen können nämlich auch falsch eingesetzt werden, nur lässt sich dies auch nicht pauschalisieren. Selbst eine handwerklich gut ausgeführte Ölfassung auf Naturstein , wie wir diese bereits aus dem Mittelalter kennen, hat ihre Vorteile. Heute schreien alle nach „atmungsaktiven“ Beschichtungssystemen ... reine Hysterie. Aber ich schweife vom Thema ab.
Es geht einzig und allein darum, Wasser dort von den Oberflächen abzuhalten, wo es Schäden bewirkt. Das geht mit reinen Hydrophobierungen oder Beschichtungen mit und ohne hydrophober Ausrüstung.
Will sagen: Jedes Material und jedes System ist nur so gut wie deren sinnvolle Anwendung. Hierzu muss man die Problematik verstehen und wissen, wie Systeme aufgebaut sind und wirken.
Beispiel: Wer reines KSE zur Festigung von Kalkstein oder auf KSE basierende Hydrophobierungen auf Kalkstein verwendet, weiß nicht worum es geht und lässt sich allein durch die Begrifflichkeiten wie „Festigung“ oder „Hydrophobierung“ leiten.
Gruß
Jens