Gifafloor Presto: Erfahrungen, Statik

21.03.2021 ken_wood


Hallo zusammen,

ich möchte gerne in einem Zweifamilenhaus von 1928 mit zweischaligem Ziegelmauerwerk und Holzbalkendecken die vernagelten, teils sehr beschädigten Dielen entfernen und durch Gifafloor Presto 32 ersetzen. Im Internet findet man leider kaum Informationen zu dem System. Da es immerhin ein paar Treffer in diesem Forum gab, versuche ich es mal hier.

Kurzfassung meines Problems: Datenblatt sagt "Statische Berechnung bauseits". Statiker schaut sich Datenblatt an und sagt, dass das Gewicht der Platten kein Problem sein sollte. Platten stehen mittlerweile in der Garage, erst in weiterem Gespräch wird dem Statiker bewusst, dass die Platten schwimmend verlegt werden sollen. Plötzlich heißt es, das System dürfe grundsätzlich gar nicht auf Holzbalkendecken verwendet werden, da Dielen dort immer(!) zur horizontalen Aussteifung beitrügen und deswegen nicht durch eine schwimmende Bodenplatte ersetzt werden könnten. Eine Berechnung will er deswegen gar nicht erst angehen. Händler und Hersteller bestehen darauf, dass das System explizit zur schwimmenden Verlegung auf Holzbalkendecken im Altbau entwickelt wurde und sie solche Einwände höchstens mal in Einzelfällen bei "windschiefen, 300 Jahre alten Fachwerkhäusern" gehört hätten. Also Aussage gegen Aussage. Weiterer Statiker im Ort sagt: Wenn Statiker X das sagt, werde ich nichts anderes behaupten (Kleinstadt).

Ich sehe ein, dass es naiv war, die Platten zu bestellen, ohne dass eine Berechnung schwarz auf weiß vorlag. Dennoch: Es fällt mir schwer zu glauben, dass man dem System so pauschal jegliche vom Hersteller behauptete Daseinsberechtigung absprechen kann. Daher meine Frage: Hat hier jemand Erfahrung mit dem System und ist dabei vielleicht sogar auf eine ähnliche Fragestellung gestoßen? Ideal wären Hinweise zu Fachpersonen im Raum südöstliches Ruhrgebiet/nördliches Sauerland, die das System kennen und, falls nötig, auch eine statische Berechnung durchführen können.

Danke schon mal und viele Grüße!


weitere Details zum Haus etc. kann ich gerne noch beisteuern



Dielen als statische Elemente



Hallo ken_wood,

aktuell lief genau zu diesen Platten in einem anderen Beitrag eine kleine Diskussion (https://www.fachwerk.de/goForum.html?id=296115).
Deswegen habe ich mir das Datenblatt der Platte auf der website von Knauf mal kurz angeschaut.
Bitte tue das auch, dann weißt du schon viel mehr.

Was die Aussage des Statikers betrifft, aufgenagelte Bodendiele würden zur Aussteifung einer Decke dienen, ist m. E. Schwachsinn. Einzelne Bretter (wenn auch mehrere) mit 60iger Nägelchen auf Abstand (Fugen zwischen den Dielen) auf Balken genagelt, versteifen genau gar nix. Da kannst du jeden Zimmerer fragen.
Die verteilen nur Punktlasten auf mehrere Deckenbalken.
Wenn, dann müssen die Bretter/Dielen größere Scheiben sein, also z.B. OSB-Platten, o. ä., die eine bestimmte Mindestdicke und Mindestfestigkeit haben, um einem Verschub/Verzug entgegenzuwirken. Oder die Bodendielen müssten zumindest kraftschlüssig (also mit langen und vielen Nägel) und diagonal auf den Deckenbalken montiert sein.
Und das die eine Krähe der anderen kein Auge aushackt, ist ja bekannt. (Statiker X vs. Y)

Eine konkrete Lösung für deine Frage bezüglich eines funktionierenden Bodenaufbaus findest du im o. g. Beitrag unter den Überschriften "Alternative zu GK-Platte" und "OSB vs. Gipsfaserplatten als Boden" (die ist mit "aussteifenden" OSB-Platten.... ;-) .....).



Die Mutter aller Diskussionen zu dem Thema statische Scheibe



finden Sie hier:

Die Sache mit der statischen Scheibe (bei Dielenböden)

Sehr lesenswert!



Gifafloor Presto: Erfahrungen, Statik



Hallo und vielen Dank schonmal für die Antworten,

das Datenblatt hatte ich natürlich schon aufmerksam gelesen, allerdings kann ich (durch meine Laien-Brille) darin nichts finden, was direkt mit der Fragestellung zu tun hat.

Der verlinkte Thread ist in der Tat sehr lesenswert. "Mutter aller Diskussionen" trifft es ganz gut, mir raucht der Schädel (es geht mir bei dem Thema wahrscheinlich ähnlich wie der Fragestellerin dort). Was ich im Rahmen einer (hoffentlich nicht zu) optimistischen Lektüre mitnehme und was ja auch in der ersten Antwort schon anklang: Die Scheibenwirkung und/oder horizontale Aussteifung durch Dielen auf Holzbalkendecken dürfte in historischen Bauten meist eine eher geringe Rolle spielen, auch wenn sie sich in der Theorie nicht ganz wegdiskutieren lässt. Solange keine genehmigungspflichtigen Umbauten stattfinden, wäre bei einer Reparatur/Renovierung dann auch keine Scheibenwirkung herzustellen, die vorher schon nicht da war (Stichwort Bestandsschutz). Soweit kann ich es mir jetzt auf jeden Fall schönreden ... ;) Aber ich bin nun tatsächlich etwas optmistischer, dass es vielleicht doch wie geplant umgesetzt werden kann.

Nichtsdestotrotz hoffe ich, noch jemanden zu finden, der Gifafloor Presto schon in einem Projekt eingesetzt hat und selbst vom Fach ist oder dabei mit Fachleuten zusammengearbeitet hat. Mich würde wirklich sehr interessieren, wie dabei mit dieser konkreten Fragestellung umgegangen wurde.

Danke und viele Grüße!



Die beste Quint­es­senz....



....aus der "Mutter aller Diskussionen" war für mich der Satz: "Wo kein Kläger, da kein Richter"..... ;-)

Ich sehe es genauso, rein theoretisch/rechnerisch mag ein Dielenboden eine gewisse aussteifende Funktion haben. Mich würde interessieren, in wie weit diese in der Realität irgendwelche Belastungsgrenzen so beeinflusst, dass es tatsächlich zu Schäden kommt, wenn man einen solchen Boden entfernt, bzw. so verändert dass seine bisherige statische Auswirkung nicht mehr greift, z. B. bei dem genannten Thema Trittschalldämmung unter Dielenboden.
Überspitzt gefragt: Wie "baufällig" muss ein Haus sein, dass es deswegen einstürzt?
Klaro müssen Bauingenieure anders argumentieren/reagieren als reine Praktiker.
Bauingenieure müssen aber auch auf das berühmte l/300 achten, Praktiker im Altbau eher nicht.....
Ich habe schon in so vielen alten Häuser Dielenboden raus gerissen, bisher hat noch kein Kunde jemals irgendetwas reklamiert und es ist noch keines zusammengebrochen.
Ich kenne zwar dein Haus nicht und lehne mich deshalb jetzt mal weit aus dem Fenster, an deiner Stelle würde ich mir wegen dieser Diskussion keinen Kopf machen und den neuen Boden so einbauen wie du es willst.



Deckenscheibe



mich hat das auch viel beschäftigt und ich habe mir die Erkenntnis mitgenommen, dass dort, wo es aussteifende, in die Außenwände eingebundene Zwischenwände, gibt die Scheibenfunktion der Dielendecke vernachlässigt werden kann. Erst recht, wenn es Maueranker am Streichbalken bzw. an den Balkenköpfen gibt.