Restaurierung hausgiebel von 1572

22.11.2011



Hallo liebe Fachwerk Community,
im Frühjahr werden wir nun den letzten Brocken der Renovierung unseres schönen Fachwerkhauses angehen.

Auf der linken Gebäudeseite befindet sich ja dieser Vorbau (Unflucht?). Wie könnte man die Abdeckung oben gestalten um diesen 'Dachpappeüberhang' zu ersetzen?

Wie kann so etwas früher im Original ausgesehen haben?

Vielen Dank für Ideen & Ratschläge.



Hausgiebel



Ein interessantes Beispiel, wie sich die Geschmäcker der letzten Jahrzehnte an diesem Giebel verewigt haben.
Da kommt es auf das bisschen Pappe auch nicht mehr an, wenn es funktioniert. Länger wie die Grundschwelle des Anbaues wird das jetzige Dach sicher halten.
Als Ersatz wäre Zinkblech möglich.

Viele Grüße





Holzschindeldach



Holzschindeln



sind zwar schön, aber in unserer Gegend wohl nie vorgekommen.
Ich hätte historische Dachpfannen gewählt. Der Anschluss an den Rähm ist aber sicher eine fachlicher Herausforderung.
Was sagt den der Herr Dr. K. vom DS in H., oder ist der bei Euch nicht mehr zuständig?
1572 ohne detaillierte DS Vorgaben, das kann ich mir nicht vorstellen.

Götz



"Nicht ungeschehen, aber ungesehen"



Moin CB,

ich würde die Bleche einfach passend zum FW lackieren.

Gruss, Boris



Utluchtgestaltung



Vielen Dank für die zahlreichen Antworten. Holzschindeln fänden wir persönlich auch am schönsten, ist aber wirklich nicht typisch für unsere Gegend (wo ja ganze Giebel als 'Schaumburger Mütze' mit Pfannen bedeckt werden), daher lassen wir das lieber.
Der Herr vom DS (nicht Hannover sondern Stadthagen ist zuständig) hatte keine genauen Ideen & Vorstellungen; die Ausführung sollte lediglich 'typisch' erfolgen. Eigentlich zeiht sich die typische Utlucht in unserer gegend ja auch noch ein Stockwerk höher und besitzt einen eigenen spitzen Giebel) Daher werden wir uns mal auf die Suche nach historischen Dachpfannen begeben, wobei uns der Anschluss auch etwas Sorge bereitet. Aber die gesamte Fassade ist ja in vielen Umbauten & evtl. durch Brandzerstörung dermaßen ungleichmäßig & unstimmig in sich, das setzt einen ja nicht ganz so unter Druck :-)
Mittlerweile habe ich den korrekten Begriff für den Vorbau -nämlich Utlucht' auch gefunden und sie wurde nachträglich angesetzt und schneidet im oberen Bereich sogar die Inschrift ab - deren Entzifferung war auch schwierig, ist nun mittlerweile aber gelungen (da sind doch tatsächlich in früheren Jahren Buchstaben falsch ausgeführt).
Wir sind gespannt, was uns unter der derzeitigen Farbe (es scheint dicker Lack zu sein) erwartet...
beim Neuanstrich schwanken wir noch zw. Leinölfarbe (Histolith) und Disp. farbe (Sikkens Cetol HLS)- die beiden Malerfachbetriebe gehen da meinungstechnisch auseinander.
Seitens DS ist uns beides erlaubt. Hierzu Tipps?

@ Hr. Böttcher...muss ich mich um die Grundschwelle sorgen ??? Wie ist das gemeint?

Den Sandsteinsockel wollen wir übrigens freilegen. Gibt es da Hinweise?

Vielen Dank für Ihre Meinungen. Wir haben 2 Fachwerk-erfahrenen Fachbetriebe an der Hand...aber wir möchten auch die richtigen Fragen stellen können :-)

Grüsse,
Claudia B.



Hausgiebel



Die linke Schwelle am späteren Anbau (aus dem 16.Jhr. ist der garantiert nicht, sieht eher nach der Ära saM KWII aus)liegt im Spritzwasserbereich auf einem vorstehenden Sockel. Das hält kein Holz lange durch.
Wie sieht das eigentlich innen aus, sind das ein oder zwei Stockwerke unterhalb der Traufe?
Die ganzen Proportionen verwirren mich und damit meine ich nicht nur den (halten zu Gnaden m.E. scheußlichen linken Vorbau).
Die rechten beiden Fenster müssten so eine Brüstungshöhe von ca. 30 cm haben. Entweder gehören die Fenster darüber zu einem Zwergengeschoss oder das EG wird von Riesen bewohnt; wie kommt man sonst an diese Fensterreihe?
Der Sinn der beiden kleinen Lichtbänderchen oberhalb des Torbogens erschließt sich mir auch nicht, was beleuchten und belüften die eigentlich für einen Raum? Dann erscheinen mir (rein gefühlsmäßig!) die Schmuckelemente der Fassade wie ein Sammelsurium von verschiedenen Gebäuden.
Das Gewände des Torbogens ist unsymmetrisch (Höhe der Gewände); die Eingangstür dahinter sieht eher nach 3. Reich aus.
Sehr seltsam finde ich auch die Reaktion des DS bei der Fassade. Ich hätte mir eher vorgestellt das der bei dem Baualter und dem jetzigen Zustand wie ein Schamane mit hochrotem Kopf herumgehüpft ist.

Viele Grüße



sicher war das alles einmal anders,



aber beim DS in unseren Breiten hört die Geschichte eines Hauses eben nicht 50 Jahre nach der Erbauung auf.

Da muss man manchmal mit "Bausünden" der vergangenen Zeit leben. Dieses scheint ein ganz besonders schwieriges Beispiel zu sein.

Sämtliche (!) Fenster(öffnungen) sind nicht von 1572.

Der Vorbau ist natürlich auch nicht von 1572, der könnte ebenso wie das zurückgesetzte Türelement aus der Zeit sein, in Fachwerk eine vermeintlich deutsche Tugend war.

Der gesamte obere Giebel ist auch jünger: siehe
1. Bemalung re am Ortgang
2. die Stiele oberhalb des Rähm passen gar nicht zu den Stielen darunter
3. Tor/oder Tür (s.o.)
4. Die Ornamentfüllung im "Zwergengeschoss" könnte gut ein Stockwerk höher gewesen sein.

Das Dach lässt vermuten, dass es hinter der Fassade deutlich moderner zugeht.

Die beiden Lichbänder sind ortstypisch, sie sollten Licht in die Diele (eigentlich Halle) wenn das Tor zu ist. Das ist aber wohl sehr lange her.

Dieses Haus hat viel zu erzählen.
Leider sind die historischen Gebäude in unserer Gegend durch die oft notgedungene Einfachheit der Konstruktion, durch Brand und auch durch Kriege nicht so gut erhalten, wie es das französische, preussische, östereichische oder bayerische Protektorat über lange Zeit ermöglicht hat.

Wie bei manchen anderen Gebäude in der Region auch, die wesentlich jünger sind, als dieses Haus, sollte sich die Diskussion nicht allein mit dem handwerklich oder technisch machbaren, sondern auch mit dem historisch wünschenswerten beschäftigen.

siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/Leineschloss

Ich wünsche dem Besitzer viel Fingerspitzengefühl für dieses Gebäude,

Gruß Götz

p.s. am meisten stören mich die beiden benachbarten Fassaden.



Historische Bausünden



Es ist absolut richtig, daß die Fassade sehr unausgewogen ist und proportional gar nicht zueinander passt. Die Urlucht ist natürlich nachträglich angesetzt worden; sie schneidet ja links das Medaillon des Erbauers und die Rankornamente ab. Die Haustür lag nach alten vorliegenden Bauunterlagen um 1900 noch in der Ebene der vorderen Toreinfassung und war eine grosses einfaches Brettertor.
Da der Schwellbalken über dem EG und dem niedrigen Zwischengeschoss (kleine Fensterreihe) mit starken Knaggen abgestützt und reich verziert ist, was wohl architektonisch nicht nötig gewesen wäre, geht man davon aus, daß ursprünglich ein ebenso reich verziertes Obergeschoss vorhanden gewesen ist (es gibt ja auch Ornamentreste am Giebeldreieck oben rechts)- man vermutet, daß ein Brand einmal das wohl auch höher gewesene OG zerstört hat und dann die Utlucht wahrscheinlich zeitgleich mit den Zwischenfenstern erbaut wurden. Utluchten wurden wohl erst zum Ende 16.Anfg. 17.Jh. gebaut
In einem alten Stadtbuch findet man die Information, daß in dem Haus Anfang des 17Jh. eine Schlachterei, dann ab Ende 17JH eine Zinngießerei und ab 1794 ein Nagelschmiede beheimatet war.
Vermutlich ist die petrolblaue Farbgebung auch nicht die Usprungsfarbe (hier durchforste ich gerade noch das Stadtarchiv)...aber Stand heute soll das nun farblich und bautechnisch erstmal auf Wunsch des DS so bleiben.
Herr Böttcher: da haben sie recht, bautechnisch haben wir noch so manche Ecke entdeckt, die man zwecks langfristigem Erhalt anders ausführen müsste, damit das Tropfwasser anders abläuft. Wenn das eine Westfassade wäre, wäre das alles schon hinüber...ist z.Gl. Osten. Das Haus ist innen komplett entkernt und neu aufgebaut worden; die letzten Arbeiten an der Fassade stammen wohl aus den 60er Jahren.
Von vorn betrachtet sind li & re der hohen Diele wirklich 2 so hohe Räume angelegt worden EG+Zwergenfenster. Diese haben einen 'Schlafboden' bzw. 'Kellerersatzboden' eingezogen bekommen. Nach hinten gibts dann 3m Deckenhöhe; das OG ist praktisch durch kl. Treppen höhenversetzt.
Die Strasse lag ursprünglich tiefer, daher ist die Brüstungshöhe im EG so 60cm. Der DS springt zum Glück nicht wie ein Schamane, denn die Vorbesitzer sind an dem Umbau des vorher abbruchreifen Hauses nämlich pleite gegangen...somit ist er froh, daß Haus in Händen zu wissen, die es erhalten wollen und möchte keine unnötigen Steine in den Weg legen...was ich einen vernünftigen Ansatz finde.
@Götz: wir geben unser Bestes. Ziel ist im ersten Schritt, Vorhandenes erhalten / aufarbeiten / Schäden beseitigen. Wenn wir uns davon dann finanziell erholt haben, wäre das 'historisch Wünschenswerte', nämlich alte Bausünden vielleicht wieder in den Originalzustand zu versetzen, eine für uns befriedigende und schöne Aufgabe. Und ja...die Nachbarn...brrrh

Ichhänge mal ein paar Umbau Bilder an; da sieht man gut, das ganze Ausmaß des Grauens...es ist aber übrigens drin nun alles neu, modern, offen mit tollem Garten mitten in der Stadt...nur halt vorne noch.



Fassade



Mit dem Foto bekommt das jetzt alles einen Sinn.
Da ist von dem ursprünglichen Haus bis auf ein paar Holzstücken, ein paar Lehmgefachen und der äußeren Form wohl nichts mehr übriggeblieben.

viele Grüße



Utlucht



Hallo!

Die Utlucht sollte wohl mal so ein Dach wie auf diesem Foto gehabt haben.
Hierbei handelt es sich um das Haus Echternstrasse 23, welches 1580 erbaut und in den 60er Jahren abgerissen wurde. Vom Stil her würde ich fast sogar behaupten, daß euer Haus sehr ähnlich ausgesehen hat. Eventuell sogar vom selben Zimmermann errichtet wurde.

Gruss aus Minden,

Oliver Rust