Fragen zur Bauphysik beim Innenausbau

10.08.2021 Martin


Ich bin per Zufall auf dieses Forum gestoßen und hoffe, dass hier einige Experten mir weiterhelfen können.
Ich bin gerade dabei das Dachgeschoss eines ca. 140 Jahre alten Hauses bewohnbar zu machen.
An der Giebelwand ist vor ein paar Jahren die Zinkblechverkleidung gegen eine Vorhangfassade ausgetauscht worden und soll auch vorerst bleiben.
Auf der Innenseite der Giebelwand war eine Ständerkonstruktion aus Holzlatten, die mit Styroportplatten ausgefüllt und mit Nut- und Federbrettern verkleidet war.
Diese Konstruktion habe ich nun komplett entfernt und gesehen, dass ein Teil der Wand mit Gipsputz verputzt ist (hier hatte man sich wohl in den 60ern einen Raum eingerichtet); der andere Teil ist unverputzt und das Fachwerk z.T. mit Brettern aufgedoppelt, um wohl eine fluchtende Wand herzustellen.
Ich habe nun vor, im Trockenbau eine gerade Innenwand zu erstellen.
Ich dachte dabei an eine Konstruktion aus 10cm starken Profilen mit 12cm Steinwolle gedämmt.
Die Profile wollte ich mit 15mm OSB-Platten beplanken und darauf 10mm Gipskartonplatten verschrauben.
Jetzt meine zwei Fragen zur Bauphysik:
Sollte ich hierbei einen Mindestabstand zur Außenwand einhalten, damit das Fachwerk nicht anfängt irgendwann zu vergammeln, oder kann ich das Profil mehr, oder weniger direkt im Kontakt zur Außenwand erstellen?
Ist hier eine Dampfbremsfolie erforderlich, oder ist diese durch die Beplankung mit OSB-Platten verzichtbar?
Der Zustand des Fachwerks ist optisch schon jetzt nicht mehr toll (Splintholzkäfer etc.) aber vom Kern her noch in Ordnung, soll aber auch an dieser Giebelwand nicht sichtbar sein.
Ich wäre dankbar, wenn ich hier sachkundigen Rat finden könnte.
Auch für andere Ideen einer Innenwandkonstruktion bin ich dankbar.
Diese sollten nur erschwinglich sein, da mein Budget leider nicht unendlich groß ist. ??

Ich danke schon mal für euer Bemühen und eure Hilfe.
Martin



Giebelwand dämmen



wie soll der Raum genutzt werden?
Eine Vorsatzschale in dieser Stärke ist als kritisch anzusehen. Gemeinhin wird bei Wandaufbauten mit Fachwerk von einer diffusionsoffenen Bauweise, ausgegangen. Es stimmt, die OSB ist als Dampfsperre zu betrachten, selten gelingt es allerdings, diese so einzubauen, dass sie wirklich dicht ist, vor allem an den Anschlüssen zu den Fenstern und einbindenden Wänden.
Bei 120 mm Dämmung besteht die Gefahr, dass die Fachwerkwand so auskühlt, dass sich zwischen Dämmung und Fachwerk Kondensat bildet, die MIWO säuft dann ab und kann kapillar nicht austrocknen.
Andererseits will ich nicht verschweigen, dass berichtet wird, dass solche Aufbauten, wie Du sie vorhast, durchaus auch über Jahre schadensfrei bleiben. Aber wie gesagt, die jeweils vorliegenden Parameter kann man in der Komplexität nicht vorhersagen, dass ist wie bei Schrödingers Katze, dass Ergebnis siehst Du nur, wenn Du nach ein paar Jahren nachschaust.



Danke



für die Auskunft. Ich habe mal weiter hier und im Netz gestöbert und stelle fest, dass Trockenbau gut und schön ist, aber im Fachwerkhaus eher Schwierigkeiten macht. darum lasse ich mich gerne davon überzeugen von der Variante Abstand zu nehmen. Ich denke nun eher daran, den alten Gipsputz abzuschlagen (klingt stellenweise sowieso hohl) und einen Lehmputz als Grundputz aufzutragen und dann mit Holzfaserplatten zu dämmen (auf den Grundputz aufgeklebt) und diese dann wiederum mit einem Lehmputz zu verputzen.
Ist das eine bessere und nachhaltigere Lösung? Wenn ja, wie dick sollte ich dämmen, wenn ich den Raum als Wohnzimmer nutzen möchte?
Und kann ich in dieser Konstruktion auch die Elektroinstallation verlegen? Ist dabei etwas besonderes zu beachten?
Ich entschuldige mich für die vielleicht etwas einfältigen Fragen, aber ich bin mit dieser Problematik das erste mal konfrontiert und komme mir schon fast etwas töricht vor, bei all den Experten, die sich hier zu tummeln scheinen. Aber ich möchte es lieber ein mal richtig machen, als hinterher teures Lehrgeld für meine Fehler zahlen zu müssen.



Lehmputz und Holzweichfaser



Ich habe mich vor meiner Renovierung sehr mit den Thema beschäftigt. Interessante Studien dazu gibt es vom Fraunhofer Institut im Kloster Benediktbeuren und an der Fachhochschule Rosenheim. Auf den dortigen Studien bauen viele der Artikel im Denkmalschutzbereich auf. Auch bei Ubakus wurde erklärt warum diese Methode gut funktioniert, auch wenn das einfache Verfahren der Feuchtigkeitsberechnung (Glaser) da andere Werte ausgibt.

Zur Sicherheit werden in vielen Fällen nur 4 cm HWP vorgeschlagen, da kommt man dann mit Fachwerkwand auf einen U-Wert von ca. 0,8 W/qmK. An einzelnen Wänden habe ich bei mir dann wegen Ausgleich auch 6 cm verwendet, bzw. 4 cm HWP plus noch einmal so viel Strohlehmputz. Nach inzwischen 4 Jahren sind meine Erfahrungen positiv, auch wenn das nur schwer kontrolliert werden kann. Von der Theorie her würde ich im Zusammenhang mit einer Wandheizung vermuten, dass auch 6 cm und mehr, wie es hier von einigen Fachkollegen empfohlen wird ebenso möglich sind.

Nachteil der Verarbeitung sind die langen Trocknungszeiten. Jede Schicht muss trocken sein vor weiter gearbeitet werden kann. Also Grundputz mit Ausgleich, 2-6 Wochen Trochenzeit; HWP verkleben und erste Schicht Lehm, da habe ich dann auch 2 Wochen gewartet bevor ich den Oberputz mit Armierung aufgetragen habe. Das ganze natürlich nur im Sommer, da nur dann eine Durchtrocknung von Fachwerk und Lehm gewärleistet werden kann.

Gerade bei Wandheizung an den Außenwänden sind diese immer warm. Damit ist die Temperatur sehr angenehm, auch wenn der U-Wert nicht so hoch ist.

Viel Erfolg



Re: Danke



"Ich denke nun eher daran, den alten Gipsputz abzuschlagen (klingt stellenweise sowieso hohl) und einen Lehmputz als Grundputz aufzutragen und dann mit Holzfaserplatten zu dämmen (auf den Grundputz aufgeklebt) und diese dann wiederum mit einem Lehmputz zu verputzen."
Genau das ist der richtige Weg um ein Fachwerk von innen schadenfrei zu halten.

"Wenn ja, wie dick sollte ich dämmen.....?"
Energetisch und vom Kosten-Nutzen-Faktor her gesehen ist die beste Lösung sich die Dämmung von einem versierten Energieberater individuell berechnen zu lassen. Eine erfahungungsbasierende Faustregel sagt, dass man ein Fachwerk i. d. R. ohne genaue Berechnung bis 6 cm Dicke dämmen kann. So strömt noch genug Wärme nach außen dass kein Kondensat in der Dämmebene, bzw. zwischen Dämmebene und Fachwerk ausfällt.

Gipsputz muss hinter einer Innendämmung komplett entfernt werden, da der bei eventuellem Kondensatausfall verfault. Dazu kommt, dass Gips auch wegen seines sauren Milieus (s chwefelhaltig) ein super Substart für Schimmelwuchs ist.
Wird das Fachwerk von innen zunächst vollflächig mit Lehm verputzt, kann diese Lehmschicht anstehende Feuchtigkeit auch hinter den Balken aus dem Holz "saugen" und in der Fläche verteilen. Deshalb sollte man diese Ausgleichsschicht (mit der die Wand auch so eben gemacht wird, dass die Dämmplatten angeklebt erden können) lieber etwas dicker machen, als zu dünn. Heißt, ca. 3 cm dick..
Diese Schicht MUSS komplett durch getrocknet sein, bevor die Dämmplatten angeklebt werden!!! Wartet man diese Zeit nicht ab und klebt die Platten auf den noch feuchten Putz, dauert es zu lange bis die Feuchtigkeit durch die Dämmung weg getrocknet ist. Die HWF-Platten können in dieser Zeit von hinten verrotten.
Die HWF-Platten werden dann vollflächig auf die Wand geklebt. Wobei mind. 80% Kontaktfläche hergestellt werden muss, um eine vollflächig bis zur Wandoberfläche durch gehende Kapillarität zu gewährleisten. Den Kleber zieht man dazu mit einer Zahntraufel auf (wie beim Fliesenlegen). Die Dämmplatten werden zusätzlich mit Dämmstoffdübel in der Wand verdübelt.
Es ist einfacher die E-Installationen in die Dämmplatten zu verlegen. Um z. B. ein Kalbe zu verlegen, braucht man dazu nur mit der Handkreissäge einen Schnitt in die Platten zu sägen, in den man dann das Kabel rein drücken kann. Löcher für UP-Dosen kann man mit einer Lochsäge bohren. Die Dosen kann man dann mit Lehmkleber in den Dämmplatten fixieren.

Btw., auf den websites von Claytec und Conluto gibt es frei zugänglich und zum kostenlosen Download ausführliche Arbeitsanleitungen zu diesem Thema.



Feuchte Fachwerkwand


Feuchte Fachwerkwand

Noch ein interessantes Detail aus meiner Renovierung. Offensichtlich war dieser Balken nach dem Verputzen von Innen zu lange Feucht und hat sich zu gut der Hälfte seiner Stärke aufgelöst bevor er trocknen konnte. Von außen war der Balken noch sauber im Fachwerk, es kann sich also nur um Feuchte von Innen handeln.

Nach den wenigen Bildern die vom Haus existieren, war dieser Balken über hundert Jahre im Fachwerk eingebunden. Es handelt sich um die Außenwand der Wohnstube, die vermutlich ursprünglich eine Bohlenwand hatte, jedoch vor über hundert Jahren durch ein Fachwerk in Nadelholz ersetzt wurde.

Ganz wichtig für den Wandaufbau im Fachwerk ist, dass über die Jahre die Wand austrocknen kann. Bei Regen gibt es Feuchtigkeit von außen, im Winter kommt die Feuchtigkeit von innen. Jeweils im Sommer kann der Wandquerschnitt wieder abtrocknen. Bei den Simulationen im Versuchsaufbau in Benediktbeueren werden diese Zusammanhänge anschaulich gemessen und simuliert.



Super,



das hilft mir schon mal sehr weiter; und offensichtlich bin ich gedanklich auf dem richtig Weg.
Die langen Trocknungszeiten vom Lehmputz haben mich erst einmal überrascht, sind bei kurzem Nachdenken aber auch logisch.
Da ich aber erst frühestens ab Oktober mit der Wand beginnen kann, stellt sich mir die Frage, ob ich einen Bautrockner nutzen kann, um die Abtrocknung des Putzes gerade im Herbst/Winter zu beschleunigen; oder laufe ich dabei Gefahr, dass der Putz womöglich reißt, oder nicht vollständig (gerade am Holz) durchtrocknet?
Überprüfen ließe sich ja die Restfeuchte des Putzes mit einem Feuchtemessgerät, oder?
Dummerweise kann ich nicht auf den nächsten Sommer warten. Also, was tun?.



Re: Bautrockner nutzen



Lehm reißt nicht wegen zu schnellen Trocknens. Im Gegenteil, feuchte Lehmbaustoffe sollen so schnell als möglich trocknen, damit kein Schimmel sprießt.
Die Trocknung hat auch weniger mit den Jahreszeiten als viel mehr mit der umgebenden Luftfeuchtigkeit zu tun. An einem trockenkalten Wintertag verdunstet Wasser schneller als an einem schwülwarmen Sommertag.
Man kann Bautrockner nutzen. Die brauchen allerdings viel Strom und sind nur effektiv, wenn alle Fenster und Türen des frisch verputzten Raumes dicht verschlossen sind. (man will ja nicht dem Herrgott die Füß trocknen...;-) ) Bautrockner trocknen Lehmputz auch nur "indirekt", weil sie die Feuchtigkeit "nur" aus der Raumluft holen. Dazu muss sie aber erst mal aus dem feuchten Lehm in den Raum verdunsten. In den meisten Fällen ist es effektiver wenn man die Fenster offen (nicht nur gekippt) lässt (Durchzug) und evtl. zusätzlich Ventilatoren (an kalten Wintertagen evtl. Heizlüfter) vor die nassen Wände stellt. Der Wind beschleunigt die Verdunstung an der Wand mehr als jeder Bautrockner.

"Da ich aber erst frühestens ab Oktober mit der Wand beginnen kann...."
Das ist kein Problem. Wir Verarbeiten nassen Lehm den ganze Winter durch. Jedenfalls so lange es frostfrei ist, bzw. der Lehm und die Maschinen nicht draußen einfrieren.

"Überprüfen ließe sich ja die Restfeuchte des Putzes mit einem Feuchtemessgerät, oder?"
Kann man machen, muss man aber nicht. Man sieht es wenn der Lehm trocken ( = hell ) ist. Selbst dicke Schichten trocknen ziemlich gleichmäßig durch. D. h., wenn die Oberfläche endgültig hell ist, ist die Schicht auch in der Tiefe so trocken, dass man weiter drauf packen kann.
Wenn man nicht weiß, wann das Material seine endgültige Trockenheit, sprich Farbe erreicht hat, macht man sich bei der Arbeit eine dünnlagige Probefläche, z. B. auf ein Brettchen. Die ist innerhalb 1-2 Tage durchgetrocknet. Oder, wenns ganz eilig ist, kann man sie auch im Backofen innerhalb weniger Minuten trocknen.



Danke



für die rasche Antwort.
Hier wird auch dem "Fachwerkneuling" kompetent und vor allem nicht "von oben herab" geholfen. Ein kompetentes Forum mit echtem Mehrwert!
Danke an alle Ratgeber.