Gasalarm - oder - wie man meinen Rasen ruinierte.



Abendstimmung

Wenn man vier Jahre alt ist, sind Feuerwehrleute das Größte. So auch für meinen Sohn, der natürlich Feuerwehrmann werden will. Denn die fahren große Autos, haben Äxte und Schläuche, sind stark und dürfen mit dreckigen Schuhen ins Haus. „Maaamaaa! Die Feuerwehr ist draußen!“, rief er ganz aufgeregt durchs Haus. „Hmm“, sagte meine Frau. „Die fahren bestimmt zu einem Feuer.“ „Nöö“, entgegnete mein Sohn, „die sind bei uns auf dem Hof!“

Es ist immer wieder beeindruckend, wenn die Feuerwehr vorbeifährt und mit Martinshorn und Blaulicht ordentlich Randale macht. Wenn sie aber nicht vorbeifährt, sondern anhält, verliert die Sache ganz plötzlich ihren Reiz. Das Einzige was dann noch beeindruckend ist, ist der Blutdruck, den der menschliche Körper aushält, ohne das es hässliche Spritzer an der Wand gibt. Erst als die Worte meines Sohnes den Gehörgang meiner Frau hinter sich gelassen haben und mit voller Wucht ins Großhirn einschlugen, entfalteten sie ihre maximale Wirkung. Ein Blick aus dem Fenster erledigte dann den Rest: Die ganze Straße war in blaues, blinkendes Licht getaucht. Vier Feuerwehrautos, ein Notarztwagen und die Polizei. Kurz gesagt, dass volle Programm – das ist bei Gasalarm wohl normal.

Nun denkt man in einer solchen Situation natürlich zunächst an ein Feuer oder auch einen Terroranschlag. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Boing 767 in unsere Scheune eingeschlagen ist, war sehr gering, daher lag die Sache mit dem Feuer näher. Meine Frau hielt sich zum Zeitpunkt der Offenbarung im ersten Stock auf. Es musste also zunächst das Erdgeschoss erreicht werden, damit Frau und Kinder der vermuteten Flammenhölle entkommen können. Sie sammelte unseren Nachwuchs ein und lief die Treppe hinunter. Es muss eine Art Vorahnung gewesen sein, aber die Haustür wurde vor 250 Jahren direkt neben der Treppe eingebaut und dadurch konnte sie diese jetzt öffnen, bevor sie die letzte Stufe nahm und direkt ins Freie springen. Da stand er vor ihr - ein Feuerwehrmann in voller Atemschutzausrüstung. Sowohl er, als auch meine Frau wichen vor Schreck zurück. Der Feuerwehrmann hat nicht mit meiner springenden Frau gerechnet und meine Frau nicht mit einer Sauerstoffflasche auf zwei Beinen. „Haben sie einen Gastank?", brachte die Sauerstoffflasche noch hervor.

Ich saß zu dieser Zeit schwer arbeitend im Büro. Als das Telefon klingelte, war meine Frau, nicht direkt ruhig, eher beherrscht panisch am anderen Ende. „Die Feuerwehr ist da! Bei uns strömt Gas aus!" Ich hasse nichts mehr als unbewiesene Behauptungen und so entgegnete ich ihr: „Ja, ja. Wer sagt denn das?" Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass diese Frage die Situation wenig entspannte. „Die Feuerwehr, mein lieber Mann, die Feuerwehr!" Nun mal ehrlich, die Feuerwehr mag ja Ahnung von Feuer haben, aber Gas, erst recht mein Gas, das ist doch eine ganz andere Sache - außerdem hatte ich noch eine Menge Arbeit auf dem Tisch. „Halt mich bitte auf dem Laufenden", bat ich meine Frau, die daraufhin das Gespräch beendete.

Als das Telefon dann zum zweiten Mal klingelte und meine Frau mir - leicht unterkühlt - erzählte, dass sie und die Kinder Asyl bei einer Nachbarin bekommen haben, wurde es Zeit für mich, dann doch mal nach dem Rechten zu sehen - man weiß ja, die richtigen Prioritäten zu setzen. Zu Hause angekommen, waren der Notarztwagen, die Polizei und die Berufsfeuerwehr bereits abgezogen. Lediglich die freiwillige Feuerwehr, ein Gassachverständiger und jemand von der Gemeinde waren noch anwesend. Meine Frau eröffnete mir, daß wir zwar schon wieder ins Haus, jedoch noch kein Licht anmachen dürften. „Wer hat denn das gesagt?" - irgendwie kam mir die Frage bekannt vor. „Die Feuerwehr, wer denn sonst?!" - wer hätte das gedacht. „Die Feuerwehr, aha. Wie lange sollen wir denn kein Licht anmachen? So viel Kerzen haben wir auch nicht. Damit kommen wir nicht über den Winter." Sarkasmus wird häufig falsch verstanden. Na ja, Frauen fehlt halt in kritischen Situationen das richtige Gespür.

Ich wandte mich dem Gassachverständigen zu. „Das kommt nicht von deinem Tank. Ganz sicher nicht." Sein Urteil war nicht ganz uneigennützig. Er, der Spezialist für Gas und was sonst noch brennt, war es ja, der meinen Tank damals angeschlossen hatte. Wie konnte der da undicht sein – völlig ausgeschlossen. „Aber deinen Hof, den solltest du mal pflastern. Der Rasen ist jedenfalls hin." Alle sind, nach Gas schnüffelnd , über meinen Rasen gekrochen. Da wo heute morgen noch mein Rasen war, ist jetzt knöcheltiefer Schlamm - alles im Eimer. „Wir haben die Quelle des Gasgeruchs nicht gefunden, aber wahrscheinlich war da gar nichts. Hast' e echt Glück gehabt, das wäre teuer geworden. Echt teuer! Die Feuerwehr und all' das. Boah, das hätte echt Geld gekostet. Wir rücken jetzt ab. Wenn’s morgen noch riecht, ruf mich an und – Pflaster mal deinen Hof."

Wahrscheinlich war da nichts, die Quelle hatten sie nicht gefunden, ich solle meinen Hof pflastern und der Rasen war hin – das war ein toller Tag. Ach ja, ob wir wieder Licht anmachen dürfen, das wissen wir bis heute nicht.





GÖTTLICH im nachhinein.



Da kann ich...



...Jürgen nur Recht geben.
Irgendwie ist mir diese Geschichte damals entgangen, Hartmut.

Sonst könnte ich mich sicher daran erinnern.
Einfach köstlich!