Oh jeh, soooo viele Fragen...

12.05.2002



Hallo,

zuerst mal: Ich finde das hier eine tolle Seite mit vielen Infos, dies hat uns wirklich den "letzten Rest" zur Entscheidung für ein Fachwerkhaus gegeben :-)

Also: Wir haben "es" gesehen und wußten gleich, DAS ist es (obwohl wir noch nicht drinnen waren ;-)...

Na ja, jedenfalls haben wir noch Fragen, in der HOffnung, dass uns hier jemand helfan kann (ich nummerier die jetzt einfach mal, damit's beim Beantworten einfacher wird).

Noch ein Paar Infos: Ca. 200 Jahre alt, Anbau ca. 100 Jahre alt, die Fächer sind mit Tuftstein gefüllt, kein Denkmalschutz. Das Haus steht in Hessen.

1. Ausfachungen: Zumindest außen rum bei allen Fächern ist jeweils der Putz abgeplatzt. Putz abschlagen und alles frisch machen, oder die Fächer nur außenrum (bei den Holzbalken) neu verputzen? Eher den Putz abschlagen, oder?

2. Kann ich dann alles "bis in die Ritzen" mit Putz ausfüllen? (auch, wenn's ein bischen mehr ist???)

3. Man riet mir, aufgrund der "Energieverschwendung", die Innenflächen (in der Wohnung drinnen) zusätzlich zu dämmen. Momentan ist da Putz (Kalk?) drauf, der auch drauf bleiben soll, da wir nicht das Fachwerk Freilegen möchten. Aber fängt dann das Haus nicht an zu schwitzen??? Oder lieber so lassen?

4. Blöde Frage, aber kann man da Fensterbänke setzen? Oder müßte man die dann mit Säulen abstützen?

5. 3 Ausfachungen (mindestens) sind durchfeuchtet und müssen erneuert werden. Was fülle ich da rein?

6. Kunststoffenster oder Holzfenster? - Ich tendiere fast zu Kunststoffenstern, da man die nicht Streichen muß... Hat jemand ausschlagende Argumente für Holzfenster (außer das Aussehen)?

7. Man riet mir, die Balken außen zuerst sandzustrahlen. Wieviel bar muß so ein Gerät haben?

8. Wir möchten die Balken dann mit Bio-Holzlasur oder Leinöl streichen. Was sind jeweils die Vor-/Nachteile?

9. Wo kriege ich antike oder antik aussehende Fliesen für das Bad her? Hat da jemand eine gute Adresse?

10. Die Holzdielen sind noch top in Schuß und wir möchten in den meisten Zimmern auch Holzdielen behalten. Wegen der Ritzen riet uns der Zimmermann, neue Dielen drüber zu schrauben. Oder wäre es besser, wenn man die alten rausmacht, eine Dämmatte drunterlegt und diese dann wieder relativ ritzenfrei verlegt? Das Haus dürfte sich soweit gesetzt haben - nach 200 Jahren.

11. Kennt jemand ein gutes Buch über das Leben der bauern im 18./19. Jahrhundert? Interessiert mich halt, wenn ich in so ein Haus ziehe (schön, daß die Enkelin des Erbauers noch lebt, die auf diesem Hof groß wurde und viiiiiele Geschichten zu erzählen hat :-)

So, ich glaube, das wärs erstmal. Herzlichen Dank schonmal fürs Helfen!!!

Grüße Annette



Dann wollen wir mal...



Hallo Annette,

zunächst herzlichen Glückwunsch zum Haus! Doch jetzt, gleich zu den Fragen, soweit ich sie beantworten kann. Es werden sicherlich noch eine Menge weitere Antworten - speziell von den entsprechenden Mitgliedern der Community - kommen.


1) Bitte keine Flickschusterei. Wenn der Putz eh locker ist, dann komplett runter. Das Anputzen ist dann eh leichter.


2) Was heißt ein bischen mehr?

3) Siehe hier.

6) Bitte, bitte Holzfenster. Es geht nicht nur um das Aussehen, sondern um das Material. In Dein "lebendiges" Haus, gehören lebendige Fenster. Linktipp: ProHolzfenster Sicherlich werden zu dem Thema auch noch Community Mitglieder Stellung nehmen.

9) Historische Baustoffe findest Du auf baurat.de oder Verband Historische Baustoffe

10) Ich würd die alten Dielen drin lassen. Abschleifen und neu lasieren.

11) Die schönsten Bücher zu dem Bereich sind heute als Reprint erhalten. Schau mal hier:
Reprints auf Fachwerk.de
(persönlich finde ich "Das Bauernhaus im Deutschen Reiche und in seinen Grenzgebieten" sehr empfehlenswert.
Bin gespannt, was noch für Antworten kommen.



Hallo-Anette- kann nur BINGO - rufen , weil ich fest daran glaube, daß Sie bei fachwerk.de gut aufge



-- endlich wieder einmal ein Mensch,der sich um ein altes Haus bemüht, um es zu erhalten , darin leben zu wollen und darauf hinzuweisen,was passieren würde , wenn alle anderen Menschen unsere alten Häuser einfach wegreißen würden, weil Industrievertreter darauf geschult sind,irgendwelche Kunststoffprodukte verkaufen zu müssen.
- Habe die Antwort von Herrn Stoepler schon gelesen und bin auch seiner Meinung - und zwar in allen Punkten.
Auf alle Fragen, die Sie gestellt haben, kann
ich Ihnen nicht antworten, aber ich werde I
hnen viele Fragen beantworten können.
- bitte etwas Geduld - m.f.G. a. Milling
www.tischlerei-milling.de



Hallo-Anette- kann nur BINGO - rufen , weil ich fest daran glaube, daß Sie bei fachwerk.de gut aufge



-- endlich wieder einmal ein Mensch,der sich um ein altes Haus bemüht, um es zu erhalten , darin leben zu wollen und darauf hinzuweisen,was passieren würde , wenn alle anderen Menschen unsere alten Häuser einfach wegreißen würden, weil Industrievertreter darauf geschult sind,irgendwelche Kunststoffprodukte verkaufen zu müssen.
- Habe die Antwort von Herrn Stoepler schon gelesen und bin auch seiner Meinung - und zwar in allen Punkten.
Auf alle Fragen, die Sie gestellt haben, kann
ich Ihnen nicht antworten, aber ich werde I
hnen viele Fragen beantworten können.
- bitte etwas Geduld - m.f.G. a. Milling
www.tischlerei-milling.de



alte Dielen



Hallo,

willkomemen im Club!

10) alte Dielen auf jeden Fall erhalten! Klar will man Euch neue Verkaufen! Aber die alten tun es bestimmt nochmal 200 Jahre. Wir haben sie nachgenagelt (d.h. die vorhandenen Nägel einzeln mit einem Duchschlag und Hammer bearbeitet. Die Ritzen lassen sich mit passend geschnittenen Keilen aus alten Dielen (neue sind zu hell) ausflicken. Dafür haben wir 5€ pro lfdm bezahlt, viel Geld, aber das Ergebnis ist perfekt! Nach dem schleifen, wachsen und Ölen haben wir nun einen Boden, um den uns jeder beneidet, der ein vielfaches in neue Holzböden investiert hat!

Aus eigener Erfahrung vielleicht noch ein Rat im Bezug auf die vielen Ratschläge, die man so bekommt: Erst mal einziehen, soweit das möglich ist und ein paar Monate drin leben. Handwerker viel fargen, aber nicht alles glauben. Der Zimmermann ist Partei, wenn es darum geht, den Zustand von Balken zu beurteilen (zumindest der Zimmermann, der schon mal vor Ort ist), dem Elektriker sind die Leitungen ein Graus, und der Architekt möchte Euch gerne eine gründliche Planung verkaufen. Das ist auch in Ordnung so. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß man schon nach wenigen Wochen VIEL besser einschätzen kann, was wirklich bald gemacht werden muß, und womit man erst mal leben kann. Wir haben in den ersten Tagen Wände freigelegt und ärgern uns jetzt darüber. Die EInstellung zu alter Bausubstanz ändert sich radikal, wenn man erst mal drin lebt.

Viel Spaß mit dem Haus1



Antwort



Hallo, Anette – wie versprochen, möchte ich Ihnen nun einige Fragen beantworten.
Frage 4 : Natürlich können Fensterbänke montiert werden . Im Fachwerkhaus
selbstverständlich aus Holz. Es müssen bei jeder Fensterbank lediglich 2 Knaggen
angebracht werden. Wie erkläre ich ohne Zeichnung den Begriff Knagge ?
-ev. Stützkonsole – im einfachsten Falle stellen Sie sich bitte ein gleichschenkliges
Dreieck mit der Schenkellänge von z.B. 10 x10 cm und einer Dicke von ca. 27 mm
vor, welches unter die Fensterbank geschraubt oder besser noch gedübelt wird und
somit die Last der Fensterbank und dem was draufsteht , gegen die Wand ableitet.
Die Knaggen könnten aber auch die Form eines Viertelkreises haben oder ein
Karniesprofil.
Frage 6 : Bitte, Bitte HOLZFENSTER – Kunststoffenster in einem Fachwerkhaus
sind ein Graus . Auch Holzfenster nach DIN – IV 68 sind genauso hässlich , weil
sie Rahmenquerschnitte aufweisen , die an junge Balken erinnern.
Die alten Tischler und Schreiner waren stets bestrebt, in möglichst filigrane Rahmen
eine möglichst große Glasfläche einzubauen um jeden Lichtstrahl ins Haus zu locken.
Auch die Sprossen hatten eine wichtige Aufgabe : Symbiose zwischen sehr ernsthaft
genommenen Gestaltungsgrundsätzen und der Tatsache, dass man seinerzeit nur
recht kleine Glasscheiben herstellen konnte. ( mundgeblasenes Glas )
Ein weiterer Gesichtspunkt war und ist es auch heute noch, dass eine kleine Reparatur-
verglasung preisgünstiger ist.
-
Zum Thema Pflege von Holzfenstern muß ich leider feststellen, dass die Kunstoff-
fensterindustrie es scheinbar geschafft hat, mit massiven Werbefeldzügen eine
Tätigkeit zu verteufeln, die man Fensterstreichen nennt. – Ist es eine Demütigung
oder die Freude daran, sein Eigentum zu erhalten ?
Es gibt heutzutage auch Anstrichstoffe, für Holz (nicht nur für Fenster ) die auch
halten, nicht abblättern oder abschuppen – die man ohne anschleifen der Oberfläche
einfach überstreichen kann . – Ein Fenster mit 4 Flügeln und Sprossen zu streichen,
dauert 15 Minuten –
Ein Auto kaputtzuputzen dauert jede Woche einen Tag.
Frage 10 :Die Fugen der Dielung auszuspänen , ist im Forum schon richtig beantwortet worden. – wer aber nicht gerade zwei linke Hände hat, kann pro lfd.m 4 € sparen.
-
Frage 11 : Ein Buch zum früheren Leben im Bauernhaus können Sie u.U. unter
www.igbauernhaus.de finden
-
Nun hoffe ich, Ihnen nützliche Ratschläge gegeben zu haben und kann es mir
aber nicht verkneifen, auf unsere Homepage hinzuweisen, mit der Bitte, alles
zu lesen und zu verstehen.
www.tischlerei-milling.de
- mit freundlichen Grüßen – A. Milling



Danke!



Herzlichen Dank für alle Antworten. Ich werde Euch auch mitteilen, wie wir uns entschieden haben :-).
Fenster: Ihr werdet mich hassen, aber wir machen Kunststoffenster rein. Auf jeden Fall Sprossenfenster, der Rest sieht nach nix aus. Wir haben große und viele Fenster, also ist es mit einer halben Stunde pro Fenster (streichen) wohl nicht getan. Dielen: Die Dielen werden wir wohl rausmachen und neu wieder einsetzen (ein Stückchen zusammengeschoben). N Haufen Arbeit, aber wohl am schönsten (und preisgünstigsten). Im Bad sind wir uns noch nicht sicher, vielleicht Bambus???. Wir können nicht erst das Haus von innen fertigstellen, einziehen und dann den Rest machen. Unser Zimmermann riet dazu, erst außen zu machen, weil wenn dann doch noch ein Balken getauscht werden muß, haben wir vielleicht ein Loch im Wohnzimmer??? Auch sollten wir erst gucken, daß das Haus von außen "dicht" ist, weil es wurde schon einige Zeit nix mehr dran gemacht! Aber da jetzt eh "Balkenstreichwetter" ist, ist das ja auch nicht schlimm :-). Die Decken sind hoch, die Wände innen verputzt. Wir wollen auf jeden Fall alles neu machen, bevor wir in 5 Jahren wieder alles aufreißen müssen. Lieber ein mal richtig und gut. Das Buch "Das Bauernhaus im Deutschen Reiche und in seinen Grenzgebieten" hab ich mir besorgt. Mann ist das ein fettes Teil :-). Nicht schlecht, aber eigentlich hab ich eher was gesucht, über die Menschen und warum sie was so oder so gebaut haben. Vielleicht hat noch jemand einen Tip?

Danke für die viiiiiiiiielen Tips und viele Grüße Annette