Sanierung Fachwerkfassade. Anschlussfugen?

10.07.2013 Anny



Hallo an alle!
Seit nun 4 Jahren sanieren wir ein Fachwerkhäuschen aus 1778. Im Inneren haben wir es mittlerweile kernsaniert. Nun kommt die Fassade dran. Die Schindeln haben wir entfernt, die Balken geschliffen, die Gefache mit Kalkputz frisch verputzt. Nun werden wir die Balken Ölen und mit Standöl streichen. Nun stellt sich uns eine Frage: Wie bekommt man es hin, dass zwischen Putz und Balken keine offene Fuge entsteht, in die Wasser eindringen kann? Von Nachbarn wurde uns Anschlussacryl für Holz empfohlen. Irgendwie klingeln da meine Alarmglocken. Ist Anschlussacryl empfehlenswert? Oder was könnte man alternativ machen? Wir brauchen eine dauerhafte Lösung, da das Haus sehr hoch ist und man nur mit Gerüst arbeiten kann.
Habt ihr einen Tipp für uns?
Danke.
LG Anny





Dauerhaft vollständig geschlossenen Fugen bekommt man nicht hin. Beim veputzen wird auch oft ein Kellenschnitt an der Fuge gemacht, der die Putzoberfläche vom Holz entkoppelt.
So ein bewitterter Eichenbalken hat ja auch selbst zahllose Risse.
Die Frage ist auch nicht ob Wasser eindrigen kann (das kann man nicht vermeiden), sondern ob es wieder abtrocknen kann. Da ist jede Art von Dichtung schädlich, eine Vorhang-Fassade ist dagegen nützlich.

Vielleicht waren an der Fassade die Schindeln ja nicht ohne Grund.

Gruß G



Fachwerkfassade



Bei mir klingeln da auch Alarmglocken.
Wenn eine Fachwerkfassade verkleidet war hatte das nicht nur modische Gründe.
Die Anschlußfuge zum Holz ist nämlich nicht dicht zu kriegen. Deshalb ist Sichtfachwerk nur bei bestimmten Wetterexpositionen anzuraten.
Sonst müssen Sie mit erhöhtem Instandhaltungs- und Instandsetzungsaufwand für so eine Fassade rechnen.

Viele Grüße



Fachwerkfassade = rissige Fasade



Liebe Anny

Ich kann meinen beiden Kollegen nur zustimmen. Auch erlaube ich mir trotz vieler gegenteiliger Meinungen zu ergänzen:

Wenn das zwangsweise in die Fachwerkfassade eingedrungene Wasser entweichen soll, kommt es entscheidend auf den Wasserdampfdiffusionswiderstand der Beschichtungen von Ausfachung und Fachwerkhölzern an.
Der Dampfwiderstand von Leinölfirniss ist entgegen vieler Meinungen leider doch extrem hoch, daher sollte die Art der Beschichtung genau geprüft werden.

Gruß
L. Parisek



Tabelle



Sind die Tabellenwerte noch aktuell?
Geht es bei der Tabelle nicht eher um reinen Holzschutz als solchen und nicht um kompletten Fassadenschutz als Einheit mit Schwerpunkt auf die Anschlüsse verputzte Gefache/Holz?

Sicherlich kommt es bei der schützenden Beschichtung von Holz auf mehr Faktoren als nur den Dampfdurchlässigkeitswert an, aber es verwundert ja schon ein wenig, denn insbesondere die Dampfdurchlässigkeit von leinölbasierten Farben wird ja nicht nur in diesem Forum bei den Empfehlungen rauf und runter gebetet.



Verunsicherung



Lieber Christian

Die Werte sind bis heute nicht durch neuere Untersuchungen widerlegt. Bei dieser Tabelle geht es nicht um "reinen Holzschutz" sondern um die beschriebenen Wasserdampfdiffusionswerte verschiedener Beschichtungsstoffe (übrigens: "Holzschutz" ist im wesentlichen Feuchteschutz).

Noch einmal zusammengefasst:
# Fachwerkfassade = rissige Fassade (was, wie die Historie zeigt, bei richtiger Handhabung trotzdem funktionieren kann. Bei falscher "Sanierung" allerdings zu massiven Schäden führt )
# Feuchte dringt im wesentlichen über die Anschlussfugen im Aggregatszustand "flüssig" ein und durchfeuchtet anliegendes Holz und Ausfachung.
# Anschlussfugen lassen sich nicht fachgerecht dauerhaft verschließen (Acryl, Silikon und Co). Daher sind diese nach den allgemein anerkannten Regeln der Technik, als offene Fuge (Kellenschnitt) auszubilden.
# Entscheidend für die Rücktrocknung ist, das Wasser "gasförmig" über Verdunstungsflächen wieder entweichen kann
# Verdunstungsflächen sind die Holz- und Gefacheoberflächen
# Wie schnell die Feuchtigkeit entweichen kann, hängt im wesentlichen von Wasserdampfdiffusionswiderstand der Holz- und Gefachebeschichtung ab. Faktoren wie Sonneneinstrahlung, Windbewegung, Oberflächenstruktur, Farbe etc. haben auch eine Bedeutung, wirken sich aber nur in direkter Abhängigkeit vom Verdunstungsvermögen aus.

Die Verwunderung über die doch sehr gravierenden Wasserdampfdiffusionswiderstandsunterschiede teile ich gerne mit dir. Allerdings sind die ermittelten Werte gut belegt (zur Wertermittlung siehe auch Bild rechts).

Mit besten Grüßen

L. Parisek





Danke für eure Antworten.
Die Schindeln waren nur dran, weil die Vorbestizer es hübsch fanden und der Besitzer sie damals selber von Hand hergestellt hat und stolz drauf war. Waren also rein optische Gründe vor sehr sehr vielen Jahren.
Es ist keine Wetterseite und bei den Nachbarhäusern gibts auch keine Probleme.
Ok gut zu wissen. Weg sollte das Wasser können. Ist alles diffussionsoffen. Auch von aussen solltes atmungsaktiv sein, mit Standölfarbe und Kalkputz.
Gut dann stimmte mein Gefühl also es bleibt wie es ist und es kommt kein Acryl rein.
Nochmal danke.



Die Zauberworte "diffusionsoffen, atmungsaktiv etc."



Liebe Anny

Wenn du meinen Beitrag wirklich aufmerksam gelesen hättest, wäre klar, dass die Beschichtung mit "Standöl" (nicht anders als eine Leinölmischung) mitnichten "diffusionsoffen" oder "atmungsaktiv" ist. (Das ist nur das blanke Holz)

Bauphysikalisch gibt es kein "diffusionsoffen" oder "dicht", es sind alles nur graduelle physikalische Unterschiede der Werte. Manche Firmen gehen mit Begriffen wie "atmungsaktiv" oder "diffusionsoffen" aus Verkaufsgründen leider reichlich leichtfertig und manchmal sogar betrügerisch um.

Gruß
L. Parisek



Leinöl / Standöl



Hallo Lutz, die Werte der Tabelle mögen theoretisch korrekt und belegt sein. Jedoch kommt es bei einem Anstrich für Fachwerkgebäude bei weitem nicht nur auf den Dampfwiederstand an.

1. Mir ist kein einziger Fall bekannt in dem ein korrekt ausgeführter Leinölanstrich nachweislich zu Schäden an einer Fachwerkkonstruktion geführt hat. Diese Art des Holzschutzes funktioniert seit Jahrhunderten...

2. Mir sind hingegen viele Schäden durch z.B. Acryl- oder Kunstharzanstriche bekannt. Diese Anstriche sind meist spröde und können rissig werden, dringen nicht tief in das Holz ein, bilden eine Schicht auf dem Holz, Wasser kann durch den abblätternden Anstrich eindringen und diesen hinterlaufen usw...

3. Leinöl/Standölanstriche können nicht reißen oder abblättern. Leinölmoleküle sind ca. 50 mal kleiner als Kunstharzmoleküle und ca. 10 mal kleiner als die engsten Passagen im Zellensystem des Holzes. Dadurch ist ein Leinölanstrich mit korrektem Schichtenaufbau im Eindringvermögen und der Elastizität und somit auch als Schutz vor Feuchtigkeit, jedem Kunstharzanstrich weit überlegen.

Viele Grüße, ebenfalls aus Nordhessen. Vielleicht regt es ja zum Nachdenken an...



Ich denke auch...



... dass hier ein Verständnisproblem, bzw. ein Missverständnis vorliegt...
Rein akademisch ergibt sich der sd-Wert einer beliebigen Schicht aus Multiplikation des Diffussionswiderstandswertes µ mit der Schichtdicke in Meter.
Da ja nun eine echte Oberflächenbeschichtung (z.B. Lack) durchaus auch im Mikrometerbereich und darunter messen lässt, kann man daraus auch auf einen sd-Wert schließen.
Bei einer in die Holzfaser eindringenden Behandlung ist das so ohne weiteres nicht möglich.
Der reine µ-Wert qualifiziert also noch lange keine Eignung oder Nicht-Eignung.

MfG,
sh



Diffusionswiderstandszahl auf welchem Träger gemessen?



@Lutz
Bei der Erklärung der Versuchsreihe wurde folgendes angegeben:

Die vorgelegten Meßwerte wurden von der WTA in Zusammenarbeit mit führenden Farbenherstellern basierend auf der DIN 55945 mit einer neuen Meßmethode zur Beurteilung der Wasserdampfdiffusion (WDD) von filmbildenden und nicht filmbildenden Beschichtungsstoffen auf inertem Trägermaterial ermittelt.
Als inertes Trägermaterial haben sich Glasfritten aus Borosilikatglas bewährt, da ihr Diffusionswiderstand unabhängig von der rel. Luftfeuchte konstant ist.


Könnte es nicht sein, dass sich das in die Holzfaser aufgenommene Leinöl ganz anders verhält? Klar ist, dass die Schicht auf der Holzoberfläche nicht zu dick sein darf. Viel hilft also nicht immer viel.

Grüße aus Frangn

Frank von Natural-Farben.de