Zwei Farbfragen

19.03.2013



Allmählich geht meine unerwartete Baustelle in die Phase der Endbehandlungen, unter anderem bin ich auf der Suche nach der besten Wandfarbe.

Frage 1: in einem Zimmer der Wohnung haben wir unter x Schichten Tapeten den originalen Anstrich von 1915 gefunden, ein unglaublich strahlendes kräftiges Himmelblau, ganz leicht grünlich und dunkler als heller Taghimmel ;-)
Möglicherweise hat die Farbe eine leicht kristallin-reflektierende Struktur, da bin ich mir aber nicht sicher. Leider ist dieser Fund schon bald 10 Jahre her, ich schreibe also mehr oder weniger aus der Erinnerung.

Klingelt es bei dieser Beschreibung, was das für ein Pigment das gewesen sein könnte bzw. gibt es irgendwo Literatur, der man damals für Wandfarben gebräuchliche Pigmente entnehmen könnte?

Zweitens, falls ich nicht beim Blau bleibe: es gab bis in die 60er doch häufig Walzmuster, entweder normale oder glitzernde. Ich nehme an, dass die damals mit einem Glimmerpigment und Zelluloseleim gemischt wurden (das Zeug kreidet ab wie nur was wenn man es heute hinter großen Möbelstücken oder in nie renovierten Zimmern vorfindet). Glimmerpigment kann ich auftreiben, aber wie mische ich daraus am besten eine nicht abkreidende Farbe?



Pigmentferndeutung



Die Beschreibung " kräftiges Himmelblau, ganz leicht grünlich" deutet für mich auf Kobaltblau hin, das zweite zu der Zeit oft verwendete Pigment Ultramarinblau hat im Vergleich dazu eher einen Violettstich.



Blau-Pigment



Vom Farbton her und wegen der Ergiebigkeit bei Verwendung auf Wandflächen würde ich eher auf Preussischblau (auch Pariserblau, Antwerpenerblau u.v.a. genannt) tippen.

Näheres würde sich aus dem Bindemittel, also Kalk, Leim, Öl oder ??? ergeben. Falls Du von der Farbe noch Reste abkratzen kannst und diese in heißem Wasser oder Terpentin löst, müsste bei Preussischblau im Gegensatz zu Ultramarin- oder Kobaltblau immer noch eine relativ stark durchgefärbte Lösung entstehen.


Auf Kalk, also als reine Wandfarbe, taugt Preussischblau nicht, da es alkalisch reagiert. Heutzutage nimmt man für solche Zwecke wohl Phtalocyanin, denn echtes Kobaltblau ist erheblich teurer. Ob man das allerdings schon vor 100 Jahren hatte, weiß ich nicht. Damals wurden viele unausgeteifte Farben verkauft, deren Dauerhaftigkeit nicht erprobt war, deshalb sehen viele berühmte Gemälde aus dieser Zeit farblich völlig anders aus, als bei ihrer Fertigstellung.


Lesetipp ist der Klassiker von Wehlte, vielleicht gibt es aber auch von KREMER-Pigmente Infos.


zu Frage 2: Die Mischung für die aufzurollende Ornamentfarbe hängt vom Bindemittel der Farbe des Untergrundes ab, also auch wieder die Frage, ob auf Kalk, womöglich Frescal oder Zelluloseleimfarbe oder ??? gerollt wird. Mein Tipp für solche Ornamente: Ölgebunde Farbe! (Lässt sich mit Balsamterpentin und anderen Mitteln aus dem Künsterbedarf auch matt hinbekommen, wenn einem der Glanz nicht zusagt, wird dann aber für große Flächen recht teuer.)



Also



die Farbe dürfte mit Zelluloseleim oder einem ähnlichen nicht wasserfesten Bindemittel gemischt worden sein, sie lässt sich jedenfalls rückstandsfrei von der Wand waschen. Untergrund war ein Kalk- oder Kalkzementfeinputz nehme ich an. Die Frage ist, ob es sich um eine Mischung mit weiß handelt oder um eine Reinfarbe.

Von diesen Pigmenten kommt auf meinem Monitor Spinellblau noch am besten hin:
http://kreidezeit.de/Farbkarten/Online_Farbkarten/Farbkarte_Wandf_Putze2012.pdf

Ultramarin würde ich ziemlich ausschließen, da habe ich schon ziemlich damit herumexperimentiert.

Die Ornamentfarbe soll auf Zelluloseleimfarbe gestrichen werden. Experimentell auf mich alleine gestellt hätte ich wohl Dispersionsbinder verwendet, hatte mal vor Jahren ein Zeug namens Glemadur Glanzlack oder so ähnlich, das wurde mir u.a. zum Verfestigen abkreidender Anstriche verkauft.



Farbgenauigkeit



Schön, wenn Du bei Kreidezeit eine Farbe gefunden hast, die dem historischen Anstrich nahekommt. Zur Sicherheit würde ich mir aber einen Originalabstrich oder ein Pröbchen besorgen. Wie ich kürzlich bereits an anderer Stelle schrieb, kann man insbesondere bei Blau- und Blaugrüntönen bezüglich der Bildschirmndarstellung gehörig Schiffbruch erleiden.

Für die Ornamente würde ich keine Dispersionsfarbe nehmen, da hätte ich Befürchtungen, dass mir dann die angelöste Leimfarbe in Batzen wieder abreißt. Ich kenn allerdings den "Glemadur Glanzlack" nicht, gibt's den nur in Österreich? Auf welcher Bindemittelbasis ist der?
Die Beschichtung von Künstlerleinwänden für Ölmalerei besteht auch größtenteils aus Leimfarbe, von daher dürfte den Glimmerpigmenten in Öl gebunden m.E. der größte Erfolg beschieden sein.

Naja, Experimentieren auf eine Probefläche ist wahrscheinlich aufschlussreicher als Vorab-Theorie, also viel Glück und Erfolg damit!



Klar,



die Farbdarstellung ist mehr als Glückssache. Der Link zur Farbkarte war mehr als ungefähre Vorstellung gedacht.

Der Glanzlack war meiner Erinnerung nach eine Kunstharzdispersion. Die hat mir ein alter Farbenhändler verkauft um einen verunglückten Leimfarbanstrich am Abkreiden zu hindern (ein Versuch, ohne jede Hintergrundinformation diese historischen Vollton-Leimanstriche nachzuempfinden, abkreidendes Ultramarinblau ist nicht unbedingt angenehm).

Dispersionsornamente auf einer gut geleimten und vor allem frischen Leimfarbe wären mir jedenfalls eine Probefläche wert. Bei einem alten Anstrich geht das natürlich auf keinen Fall, da reicht schon Wasser damit er sich von der Wand löst.



Bindemittel



Was spricht eigentlich gegen Leim als Bindemittel? Wenn der Untergrund ohnehin aus Leimfarbe besteht wäre das ja das naheliegendste, Anstriche die nicht abkreiden kriegt man da auch im Vollton hin.



Glimmer-Effektpigmente



Ja klar, für normale Farbpigmente in feinster Pulverform wäre Bindung in Leim entsprechend dem Leimfarb-Untergrund optimal, aber diese Glitzerpigmente sind da schon ein anderes Kaliber, die werden üblicherweise transparent gebunden oder in einen harten Oberputz eingearbeitet. Ob sie in Leim gebunden zufriedenstellend lange halten, vermag ich nicht zu sagen.

Wenn ich heutzutage gewalzte Glimmerornamente auf der Wand haben möchte, würde ich dafür keine Leimfarbe nehmen. Das muss aber keinesfalls heißen, dass es nicht möglich sei, lediglich dass mein Werkstoffverständnis eher skeptisch reagiert. Wasserhaltige Dispersionsfarbe würde ich allerdings erst recht nicht nehmen.



Da



muss ich wohl etwas weiter ausholen.
Ich wollte damals wie gesagt - jugendliche Experimentierfreude - die originalen Leimfarbenanstriche in teilweise sehr dunklen Farben rekonstruieren, reines Ultramarin, eine Art Tannengrün, etc.
Bei derart dunklen Farben war klar, dass keinerlei weiße Anteile vorhanden sein dürfen, daher habe ich Pigment und Glutolin Farbenleim gemischt, zunächst die Pigmentmenge analog zur Mischanweisung für Kreidepulver gewählt. Damit konnte man die Farbe trocken wieder von der Wand wischen. Stufenweise habe ich dann die Leimmenge immer mehr erhöht, bis auf die über dreifache Menge. Damit hielt die Farbe, kreidete aber immer noch so ab, dass jegliche Textilien blau wurden (Kleidung etc.) und bekam seltsame violette Schlieren. Zwischendurch habe ich auch mit Natur- und Kunstharzdispersion experimentiert, die muss aber mit der vorhandenen Leimfarbe (vermutlich der ursprünglichen braunen) reagiert haben und wurde seltsam hellgrau-fleckig, ebenso der erwähnte Glanzlack. Letztlich habe ich nach ungefähr 5 Anstrichen doch das geleimte Blau gut sein lassen und 7 Jahre mit den abfärbenden Wänden gelebt.

Jetzt lässt sich die Farbe nur mehr mühselig abwaschen, sie verschmiert bei Kontakt mit Wasser sofort, die Reste haften aber recht gut auf dem Putz.

Das nur als Illustration, warum ich solchen Experimenten jetzt etwas abgeneigt bin oder zumindest nur mehr kleine Probeflächen machen würde.

Dispersion auf Leimfarbe ist allerdings auch ein riskantes Experiment, das ist völlig klar.

Wenn ich mich für diesen Weg entscheide, frage ich zuerst einfach den Farbenhändler, von dem ich das Glimmerpigment beziehe.



Glimmerpigment mit Kaseinbindemittel



war letztes Jahr das Mittel meiner Wahl um auf eine Kaseinfarbenoberfläche das Muster aufzurollen. Im Bild
zwei sich überlagernde Strukturen- einmal weiß und das andere
mit Silberglimmer + gelben Pigment auf gold getrimmt.

Das Gleiche funktioniert auch mit Pflanzenleimfarben.
Das genaue Mischungsverhältnis von eingesumpftem Pigment
und Leim muß vor Ort ausgetestet werden. Da gibt es kaum
Universalmischungen für alle Untergründe.



Glimmer...



... mit Kasein funktioniert auf Kasein, klar, aber wie verhält es sich angesichts des hohen Wasseranteils auf Leimfarbe?


Eigentlich müssten ausgebildete Restauratoren/Konservatoren die Tricks kennen, zu irgendwas muss so ein Museumsdiplom doch gut sein. Die ganzen historischen Gebäude werden doch bestimmmt nicht mit modernen Kunstharzdispersionsfarben wieder innen rekonstruiert.



Eigentlich



kann das Wasser auch wieder nicht so das Problem sein - Leimfarben muss man ja eigentlich immer mehrmals Streichen und im zweiten Anstrich ist ja auch wieder jede Menge Wasser!

Ablösungserscheinungen gibt es da erst, wenn der Leim irgendwie seinen Halt verliert, dann kommt die Farbe beim Nasswerden in Plachen runter und klebt am Pinsel oder der Rolle. Kenne ich aber nur von Anstrichen, die über 10 Jahre alt sind. Einen Leimfarbanstrich von Ende 2004 habe ich vor 2 Monaten erfolgreich wieder mit Leimfarbe überstrichen. Unter dem von 2004 war einer von 1991, der sich 2004 ebenfalls noch problemlos überstreichen ließ. Ist wohl auch Glückssache, Ende der 90er wollte ich mal einen Anstrich von 1988 überstreichen und das ging gar nicht.



Früher leimten die Maler vor,



wenn sie einen Leimfarbenanstrich nicht abwaschen wollten
oder wenn der letzte Anstrich nur grob abgewaschen war.
Mit dem Leimwasser, ein halber Gipsbecher Leim auf einen knappen Eimer Wasser,wenn ich recht erinnere, wurde "vorgestrichen". Das ging schneller als der Deckanstrich und egalisierte das Saugvermögen des Untergrunds.
Oft wurde auch eine Prise Kreide oder Pigment dazugegeben um
die Deckkraft des folgenden Anstrichs zu garantieren.

Das Ausbessern eines fehlerhaften Leimfarbenanstrichs ist oft sichtbar. Mit der Rolle geht bei Leimfarbe eigentlich gar nichts. Sie wird mit der Bürste aufgestrichen. Vor allem nicht auf alten Schichten.

Aber man kann vieles machen- und bei dem Material wird nichts auf ewig versiegelt. Also nur zu!



Anstrich, ...



... bzw. generelles Überstreichen mit Leimfarbe sollte m.E. geklärt sein. Es ging mir letztendlich nur noch um die Frage, ob die speziellen Glimmerpigmente zum Aufrollen der Ornamente in Leimfarbe hinreichend fest gebunden werden können, auf dass sie nicht vom "böse hingucken" schon wieder abkreiden.



Tja



das wird letztlich wohl nur der Versuch klären können!