Lehmsteine lösen sich auf

08.10.2011



Hallo!

Im Jahr 2009 wurde bei uns ein Turmobergeschoss aus Fachwerk bei einer Burgruine erneuert. Der Fachwerkaufbau stammt aus den 1980er Jahren und war damals aus Nadelholz und Ytongsteinen errichtet worden. Aufgrund eines Hausbock- Befalls musste die Vorderfront erneuert werden. Auf Anraten von Spezialisten und Denkmalschutz entschied man sich für eine neue Fachwerkfront aus Eichenholz. Die Gefache wurden mit Lehmsteinen ausgemäuert und anschließend verputzt und gestrichen. Schon im selben Jahr zeigten sich braune "Nasen" auf dem Putz nach kräftigem Regen. Das setzte sich so fort, sodass mehrmals nachgestrichen und nachgeputzt werden musste. Nun scheint ein Feld schon fast locker zu werden.

Ich wollte fragen, ob jemand schon ähnliche Erfahrungen gemacht hat oder weiß, was man tun kann. Es scheint so, als würde durch die unweigerlich zwischen Fachung und Holz entstehenden Ritzen und Spalten Wasser eindringen und das Lehmmauerwerk anlösen. Gestern haben wir einen Versuch gestattet und einen der beim Bau verwendeten Lehmsteine in einen Eimer mit etwas Wasser gelegt, und siehe da, heute ist der Stein schon fast aufgelöst!

Das Fachwerk befindet sich im 2. OG eines Turmbaus (Burgruine) in exponierter Westlage.



Sichtfachwerk



Es gibt nicht umsonst technische Regeln, die auch einen Erfahrungsschatz vieler Generationen darstellen, nicht nur Zwänge.
Sichtfachwerk sollte nun mal nicht in wetterexponierten Bereichen eingesetzt werden, dazu gehört auf jeden Fall die Westseite eines Turmes. Lehmsteine gehören bei einer solchen Lage garantiert nicht in das Fachwerk hinein. Der vorherige Schaden sollte doch klargemacht haben, das in dieser Lage, die wettermäßig und instandsetzungsmäßig denkbar ungünstig ist, nicht auch noch Trockenlehmsteine eingesetzt werden können.
Halten zu Gnaden aber das ist einfach bescheuert.
Was kann man tun?
Den Typ von der Denkmalpflege zur Abschreckung 3 Stunden mit dem Kopf nach unten am Turm aufhängen.
Dann die Gefache ausbauen, mit Vollziegeln neu aufmauern und putzen.
Sich Gedanken darüber machen, ob der Dachüberstand vergrößert werden kann.
Innen auch Sichtfachwerk belassen, damit der Wind durchpfeifen kann.
Halterungen für ein Wartungsgerüst mit einbauen, das von oben (Fensteröffnungen) montiert werden kann (oder einen Gerüstbauer glücklich machen).
Fachwerk und Gefache regelmäßig kontrollieren und pflegen.

Viele Grüße

p.s. Selbst bei Lehmsteinen gibt es Unterschiede. Grünlinge mit hohem Tonanteil aus der Presse einer Ziegelei sind viel wasserresistenter als mit Schluff abgemagerte Trockenlehmsteine für den Innenbereich, die möglichst viel Feuchte absorbieren sollen. Solche Steine sind stark hydrophil, saugen Wasser wie ein Schwamm und haben durch den Schluffanteil einen geringen Bildsamkeitsbereich. Ich schätze das so was bei Ihnen zum Einsatz kam.
Warum verdammt noch mal hat man keine Vollziegel genommen?



Bilder



Vielen Dank für die Antwort!

Ich habe hier noch einige Bilder:

Ausfachung des Fachwerks mit Lehmsteinen, Mai 2009



Verputz



Verputz der Lehmsteine, Juni 2009



Schäden



November 2010



Schäden



November 2010. Beide Bilder sind vom Innenraum.



Schäden außen



Februar 2011. Diese Aufnahme ist von außen. Man sieht, dass das Feld über dem Fenster schon schadhaft ist. Wie gesagt, diese Front wurde erst im Jahr 2009 komplett neu gemacht.



Gesamtansicht



Hier ist ein Bild von der gesamten Anlage. Das betreffende Gebäude ist das fast quadratische Häuslein links mit den Fensterläden. Die Giebelfront wurde nach einem Schädlingsbefall durch Eichenholz ersetzt und mit Lehmsteinen ausgemäuert.



So gings auch



So honnte das nicht funktionieren, dafür müßte man den "Dabbes" vom Denkmalamt zur Verantwoetung ziehen und die Behörde in Regress nehmen.
Aber egal welche Ausmauerung:
Beidseitig sichtbares Fachwerk geht höchstens in der Scheune oder im Schuppen. Da kann man Luftzug gebrauchen.
Wenn Sie jetzt nicht die Ausmauerung austauschen und innen dämmen und Verputzen wollen, können Sie von außen mit einer Holzweichfaserplatte Dämmung und Winddichtigkeit erreichen und darauf eine Lattung und eine Stülp- oder Boden/Deckelschalung als Witterungsschutz anbringen.
Das wäre bei der exponierten Lage und intensiver Bewitterung mit hoher Windlast, die das Wasser zusätzlich in Fugen umd Risse drückt, auch für das Eichefachwerk zu empfehlen
In Ihrem Fall (Burgruine) wird das Denkmalamt ab OK Lattung aber wahrscheinlich nur Schalung plus Holzschindeln oder Schiefer (beste weil haltbarste Lösung) zulassen. Vieleicht spenden die dafür dann wenigstens ordentlich (kräftig nerven und pieksen), um ihren empfohlenen Pfusch zu entschuldigen.
Mit handwerklichen Grüßen
ollerich



Fragen über Fragen



Hallo

Welche Steine sind genau verwendet worden?

Welcher Mörtel?

Welcher Putz?

Gibt es eine Skizze oder Schnittzeichnung und oder detaillierte Fotos zum Baubalauf?

Wer hat das gemacht? Selbst oder Fachfirma?

Mit was wurde gestrichen?

Die sich im Wasser auflösenden Steine sind wohl nicht das Gelbe vom Ei gewesen - deshalb: Frage 1!

Beweissicherungsverfahren?

Dokumentation?


FK



Sichtfachwerk



Auf Grund Ihrer Frage bin ich davon ausgegangen das der Raum dahinter nicht beheizt bzw. als Aufenthaltsraum genutzt wird. Wie ist denn die jetzige Nutzung?

Viele Grüße



Nutzung



Der Raum wird auch nicht geheizt. Es ist ein kleiner Raum mit ein paar Schränken, Tischen und Stühlen und Bildern an den Wänden. Im Sommer kann man sich darinnen aufhalten. Es gibt aber keine Heizung. Das Fachwerk ist Sichtfachwerk auf beiden Seiten, auf beiden Seiten gestrichen und die Felder auf beiden Seiten verputzt. Dass der Wind durchpfeift kann man nicht gerade sagen und das soll er ja auch nicht.

Die Handwerksarbeiten wurden alle von Fachfirmen ausgeführt (Zimmerer, Maurer, Putzer).

Über Steine und Putz kann ich im Moment keine Aussagen machen.



Sichtfachwerk



Dann fällt Kondensatbildung als eine Ursache der Durchfeuchtung erst einmal weg.
Das eine Bild mit dem Fensterriegel der Spuren von Lehm trägt ist nämlich typisch für kondensierende warme Innenluft, die über dem Fenster durch Undichtigkeiten entweicht- daher meine Vermutung.
Da die Erosionsspuren anscheinend sehr unregelmäßig auftreten kann das mit der Aerodynamik eines solch hohen Bauwerkes zu tun haben. Es kann hier turbulente Strömungen geben, die Regen zum Teil waagerecht auf die Fassade lenken und Druckunterschiede erzeugen, die das Wasser regelrecht nach innen in die Konstruktion saugen.
Auf dem Foto mit dem innen eingespültem Lehm kann man erkennen, das er wahrscheinlich zum Steinmaterial gehört und nicht zum Mörtel. Es bestärkt meine Vermutung, das hier hoch abgemagerte, mit Schluff und nur einem geringen Tonanteil gebundene Trockenlehmsteine eingesetzt wurden.
Bei diesen Erosionsspuren kann man schließen, dass auch Wasser in nennenswerten Mengen mit herausgelaufen ist. Kann sein das sich dieses Wasser in der Deckenfüllung befindet, was zu weiteren Schäden führen kann.
Solche großen Wassermengen sind notwendig um dieses Schadensbild zu erzeugen. Hier läuft nicht nur durch kapillare Wasseraufnahme verflüssigter Lehm heraus, hier gab es wohl auch Erosion durch die Schleppkraft von reichlich fließendem Wasser.
Deshalb bestätige ich noch mal meine zuerst gefühlsmäßige Empfehlung, in das Turmzimmer Entlüftungsöffnungen zu setzen, die für einen Druckausgleich bei Wind sorgen.
Damit ist das eigentliche Problem, die untauglichen Steine, nicht aus der Welt geschafft. Das geht nur mit einem Neuaufbau oder einer nachträglichen Verbretterung des Obergeschosses einschließlich Giebel. Ich empfehle Letzteres.
Neben der Erosion durch Regen wird es bei den oberhalb der Ausgleichsfeuchte durchfeuchteten Steinpartien noch zu Frostschäden kommen. Das führt zur Gefügeauflockerung und zum Absprengen bzw. Abdrücken der Putzschalen. Aus dem Material der betroffenen Lehmsteine wird nach und nach lockere Erde.
Zum rechtlichen Problem:
Ich würde zuerst die Verträge und den Schriftverkehr mit dem Planungsbüro und den ausführenden Betrieben prüfen, ob hier Planungs- oder Ausführungsfehler vorliegen und ob es Bedenkenanmeldungen an den AG gibt.
Danach kann man eine Mängelanzeige schreiben und eine Stellungnahme einfordern.

Viele Grüße

p.s. Das was ich hier geschrieben habe sind mehr gefühlsmäßige Annahmen und Vermutungen auf der Grundlage einiger Fotos als schlüssige Beweise. Nehmen Sie es als Arbeitshypothese für den Anfang.
Ob das so ist kann man erst nach Überpüfung vor Ort sagen. Dazu gehören auch Probeentnahmen und Feuchtemessungen.



hier geht's weiter





---Forenreferenz-----------
Schaden am Putz der Ausmauerung -
Hallo Kollegen,

sitze gerade über eine Ausschreibung, bei der ein, mit Lehmsteinen ausgemauertes Fachwerk, bei dem der Putz versagt hat, neu hergestellt werden soll.

Es soll die Fachwerkwand mit OSB verkleidet werden, darauf die FW-Balken aufgedoppelt und die Felder - wie auch immer - ausgefacht werden (eigentlich völliger Quatsch).

Der FW-Bau gehört zum Wahrzeichen von Königsberg in Bayern,
es ist der Wächterturm des Schlosses (sehr exponierte Lage, der vollen Bewitterung ausgesetzt).

Nun zu meiner Frage:

Was hat der Verputzer falsch gemacht, dass der Putz sich teilweise vollflächig von der Lehmausmauerung gelöst hat?
Der Putz könnte ein Kalkputz sein.

Viele Grüße aus Unterfranken mehr ...
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Wo steht denn das Gebäude genau? Diese exponierte Lage ist für Sichtfachwerk wenig geeignet und kritisch zu sehen.

Das Fraunhofer-Institut für Bauphysik schreibt dazu:
"Der Schlagregenschutz ist ein wesentlicher Teil des Feuchteschutzes. Zur Beurteilung der Schlagregen- beanspruchung sind in DIN 4108-3 drei Beanspruchungsgruppen definiert, die im Einzelfall unter Berücksichtigung der regionalen klimatischen Bedingungen, der örtlichen Lage und der Gebäudeart festzulegen sind. Umfangreiche Untersuchungen haben gezeigt, dass Sichtfachwerk nur einer geringen Schlagregenbeanspruchung ausgesetzt werden darf, d.h. Beanspruchungsgruppe I mit Jahresniederschlagsmengen unter 600 mm oder geschützte Lage in Beanspruchungsgruppe II. Insgesamt sollte die jährliche Schlagregenmenge auf eine Fachwerkfassade den Wert von
150 Liter/m² nicht überschreiten. Ansonsten muss konstruktiver Regenschutz vorgenommen werden."

Dabei ist aber eher eine übliche Lage für ein Fachwerkhaus gemeint sein, Ihres wird ja sozusagen auf einem Silbertablett präsentiert.
Da sich für mich gefühlt die Art des Niederschlages mit der Zeit geändert hat, mehr Starkregen, würde ich das Ganze noch kritischer sehen.
Ihr Gebäude befindet sich mindestens in Beanspruchungsgruppe II, ist aber nicht geschützt.

Bernd Kibies