Wie lange gibt es schon Gipskarton?

07.04.2008



Hallo allerseits,

in unserem Fachwerkhaus, das wohl irgendwo aus dem 19. Jhd. stammt, gibt es zwei duenne Trockenbauwaende. Eine davon ist offensichtlich nachtraeglich eingebaut (Decke und Boden gehen durch), obwohl die Tuer darin zu den anderen im Hause passt - vielleicht Zweitverwertung. Gestern habe ich mir nun die zweite mal naeher angesehen, von der ich bislang glaubte, sie waere aus Brettern. Aber auch hier: Gips. Nun war an dieser Stelle aber mit ziemlicher Sicherheit immer schon eine Wand, denn es handelt sich um ein abgesetztes Zimmer mit eigenem Bodenniveau und Kaminanschluss. Nun bin ich etwas verwirrt.
In beiden Waenden sieht der Gips-"Karton" durchaus nicht modern aus. Die Platten sind recht dick (ca. 3cm), mit Stroh oder aehnlichen Fasern durchsetzt, und haben auf der Rueckseite ein Wellenmuster. Von wann koennte sowas sein?

Beste Gruesse,
Konrad



Wikipedia-Auszug:



"Die Gipskartonplatte wurde 1894 in den USA von Augustine Sackett zum Patent angemeldet, jedoch erst ab 1910 industriell gefertigt. Als Synonym für Gipskartonplatten wird im deutschsprachigen Raum auch oft der Name Rigips-Platte genutzt, da die ersten Gipskartonplatten auf dem europäischen Festland seit 1938 in Riga ("Rigaer Gips") hergestellt wurden. Bei dem daraus abgeleiteten Rigips handelt es sich jedoch genau genommen um einen Produkt- und Herstellernamen. Die RIGIPS-Platte war 1949 ein für den deutschen Baumarkt völlig neues Erzeugnis für den Innenausbau. Hergestellt wurde sie zu Beginn von den Vereinigten Baustoffwerken Bodenwerder GmbH (jetzt: Saint-Gobain Rigips GmbH)."
Hallo Konrad,
es wird sich also bei Ihnen eher um einen nachträglich eingebauten Baustoff handeln, als um Originalsubstanz.
Grüße
Martin Malangeri



Mack Gipsdiele !



Deiner Beschreibung nach handelt es sich vermutlich um die erste Generation der original Mack´schen Gipsdielen, als nicht um Gipskarton!





Nachtrag : Der erste Gipsdiel wurde 1886 auf den Markt gebracht, diese Ausführung wurde bis zum ersten Weltkrieg verwendet !
Scheint also bauhistorisch bedeutsam zu sein, Gipswerke Mack suchen im wieder gut erhaltene Exemplare aus dieser Zeit!



Gipskartonplatten



Noch einmal ergänzend zu Martin Malangeris Beitrag und zur Frage: "Wie lange gibt es schon Gipskartonplatten?"
Auszug aus Wikipedia:

Erfinder der Gipskartonplatten:
Augustine Sackett (* 1841 in Warren; † 1914) war ein US-amerikanischer Unternehmer und Erfinder.
Während des industriellen Aufschwungs in den USA zwischen 1870 und 1890 betätigte Sackett sich als Erfinder und Unternehmer. 1894 wurde ihm das Patent einer Wandbauplatte Inside Wall Covering, die aus mehreren Lagen Karton und Gips bestand, erteilt. Nach etlichen unternehmerischen Rückschlägen zeigte sich der Erfolg im Bau mehrerer Anlagen, in denen Produktionsstückzahlen der Gipskartonplatten mit den Abmessungen 32 x 36 inches von 225.000 im Jahr 1889 auf über 7 Millionen im Jahr 1909 gesteigert wurden.
Augustine Sackett wurde später Direktor bei der US-Gypsum, welche die Produktionsanlagen übernommen hatte.

Das Patentamt der Vereinigten Staaten von Amerika:
Erfinder: Augustine Sackett. Innenwand-Abdeckungen, Patent Nr. 520 123, Patentiert am 22. Mai 1894. Der Inhalt der Erfindung ist die Herstellung von Platten für das Abdecken von Haus-Innenwänden als Ersatz für die bisherige Anwendung von Holzbrettern mit aufgetragenem Gips. Der Gips ist ausgebreitet auf einer dünnen Lage Papier und zwar sind so viele Lagen übereinander angeordnet, dass eine Platte von der erforderlichen Dicke hergestellt werden kann.



Gipsdielen 1



So und jetzt noch einmal zu den Gipsdielen. Das mit den Mack´schen Gipsdielen wird durch die links abgebildeten Ausschnitte aus dem Fachbuch von Franz Stade (1907) bestätigt.

rechts Kopie Nr. 1



Gipsdielen 2



hier noch Kopie Nr. 2



Gipsdielen 3



Auch in einem Fachbuch von 1933 werden diese Gipsdielen erwähnt.



Chapeau! an Roland und Lutz.



Ich hätte ja auch mal in mein Regal schauen können, dort steht der "Stade". Aber wie es so ist, Google und Wiki waren vermeintlich mal wieder näher...
Grüße
Martin



Wow, danke!



Die Mack Gipsdiele koennte es sein. Seltsamerweise kann ich von der glatten Aussenseite her die Grenzen zwischen den Dielen nicht erkennen. Da im Hohlraum eine Menge Gipsbrocken rumliegen, vermute ich, dass die Dielen noch mit Gips "vermauert" worden sind.
Vielleicht sind die Gipswaende tatsaechlich original. Es haette mir zwar geschmeichelt, ein fast 200 Jahre altes Haus zu haben - wie die Nachbarn -, aber im Einfahrtpflaster ist durch eifriges Befahren gerade die Jahreszahl 1899 zum Vorschein gekommen. Dann haette man damals sozusagen Hightech verbaut. Zur hochherrschaftlichen Anmutung des Hauses wuerde das passen.

Danke nochmal,
Konrad

PS: Die Waende bleiben uebrigens.



1899



Hallo Konrad,

zwischen 1880 und 1914 wurde meiner Meinung nach die beste Qualität gebaut die es je in Deutschland bis Ende der 1980er gegeben hat. Warum?
Ab 1880 waren die deutschen Kriegsanleihen aus dem 70er Krieg zur Auszahlung fällig!. Da gabs auf einmal richtig Kapital zum investieren und so wurde in dieser Zeit solide und dauerhaft mit den zur Zeit modernsten Materialien gebaut. Gas(Zentralheizungen)Bäder mit fliesend Warmwasser, Stuck, Eichenparkett etc.

Also ich rate allen meinen Kunden und Freunden, wenn sie sich Eigentum zulegen wollen , immer zum Kauf von Wohnungen und Häusern aus dieser Zeitspanne!Was ich da in Brandenburg,Thüringen und Sachsen schon an Bestand gesehen habe fantastisch!!



Gipskartonplatten



Der Katalog der Verkaufsstelle Mitteldeutscher Gipswerke (Sitz Nordhausen am Harz) bietet um 1920 an:
Leifa-Platten / Neue 9 mm starke Gipsleichtplatten mit beiderseitigem besonders präparierten Pappeüberzug. Billig. / Zur Verkleidung von Decken und Wänden. Putz nicht erforderlich.
Leider ist der Katalog nicht datiert. Ausgestellt in der Ausstellung "Gips - mehr als weißes Pulver" beim Verein für Heimatgeschichte Walkenried/Bad Sachsa in Walkenried.