Altbau mit Bruchsteinwänden - Außendämmung + Sockelzonentemperierung + Lüftung?

17.01.2009



Wir wollen einen Altbau aus dem 18. Jahrhundert mit Massiv-Bruchsteinwänden (ca. 60-80 cm) (energie-)sanieren. von unserem Architekten und Bauberater wurde uns eine Vakuum-Außendämmung empfohlen. Richtung Keller und Dachboden wird ebenfalls gedämmt. Innen soll zwecks Trockenhaltung des Mauerwerks eine Sockelzonentemperierung als Heizungsanlage dienen (pelletbetrieben/Solarkollektoren). Ferner war noch eine Lüftungsanlage im Gespräch, um überschüssige Feuchtigkeit abzuführen und verbrauchte Raumluft auszutauschen.

Außerdem habe ich folgende Meinungen dazu gelesen/eingeholt:

1. Bruchstein soll immer diffusionsoffen von außen gedämmt werden (spricht gegen Vakuumdämmung).

2. Sockelzonentemperierung kann man anscheinend nicht mit einer Lüftungsanlage kombinieren (was ist der Grund?)

3. Spezieller Putz, der Feuchtigkeit aufnehmen und abgeben kann, begünstigt insgesamt das Raumklima

4. Konrad Fischer sagt: Dämmung ist generell Unsinn


Ja was denn nun? Ist Baupyhsik schon zur Religion mutiert? Belegen Bauingenieure heutzutage Theologie im Nebenfach? ;)


Mein "Bauchgefühl" sagt mir folgende Maßnahmen seien sinnvoll:

Vakuumdämmung von außen, Sockelzonentemperierung, Innenputz feuchtigkeitsabsorbierend, Lüftungsanlage.

Laienhafte Begründung meinerseits:

Durch die Vakuumdämmung wird Feuchtigkeit von außen geblockt. Die im Sommer aufgeheizte Wand bleibt zum Winter durch die Außendämmung warm und wird durch die Sockelzonentemperierung von innen her auf Temperatur gehalten. Dadurch kann es auch keine Schimmelbildung mehr geben. Das Raumklima durch warme Innenwände ist angenehm, die Bruchsteinwand wird sicher trockener sein als ohne Dämmung. Der Innenputz saugt überschüssige Feuchtigkeit auf und kann sie auch wieder abgeben. Die Lüftungsanlage transportiert im Raum entstehende überschüssige Feuchtigkeit nach draußen und führt dem System Frischluft zu.

Das klingt doch irgendwie schlüssig und logisch, oder?


Nun meine Fragen zu den oberen 4 Meinungen (ich wills ja nur kapieren und nachvollziehen können):

zu 1: Aus welchem Grund sollte eine Bruchsteinwand in meinem Fall diffusionsoffen von außen gedämmt sein?

zu 2: Warum kann man eine Sockelzonentemperierung nicht mit einer Lüftungsanlage kombinieren? Die Lüftung ist doch nur dazu da, um die Raumluft frisch zu halten und Feuchtigkeit aus dem Raum abzuführen?!

zu 3: keine Fragen, leuchtet ein

zu 4: Ich finde auf den Seiten von Konrad Fischer nur seitenlange Abhandlungen über die Bauschäden, jedoch nirgends eine stichhaltige Begründung, warum es zu diesen Bauschäden kommt bzw. konkrete Lösungen, oder ich habe in dem ganzen Textwust was überlesen - die Seiten sind nicht gerade übersichtlich, was auch nicht gerade für den Autor spricht! Warum sollte Konrad Fischer recht haben?

BTW: Im haustechnikdialog.de-Forum klopfen sie sich schon wieder ganz wild ob dieser Thematik ;)



Komplexität eingrenzen!



Da ich mit Vakuumdämmung in keinster Weise etwas anfangen konnte, half mir Tante "Google".
Und da fand ich etwas darüber.
Man nannte es dann nur noch kurz VIP-System und dieses ist einm Metallummanteltes Dämmprodukt!

Als Kernmaterial setzen wir gefällte oder pyrogene Kieselsäure ein. Es können allerdings auch Faserplatten oder Schäume zu VIP-Elementen verarbeitet werden. Ständige Qualitätsüberwachung mit speziellen Vakuumprüfgeräten garantieren gleichbleibend gute Qualität. Gern beraten wir Sie bei Ihrem Anwendungsfall.

Da bekommt man ja Bauchschmerzen, wenn Euer Architekt Euch so etwas auf eine Bruchsteinwand empfiehlt.
Fragt Ihn dann bitte auch oder fixiert es bitte gleich mit im Bauvertrag, ob er für spätere Bauschäden mit dem Hersteller zusammen die Gewährleistungsforderungen übernimmt.
Er hat mit und für seine Leistung 30 Jahre Haftung zu übernehmen!!
In Ihrem Fall würde es vielleicht Sinn machen, eine präzise Wärmedurchgangsberechnung vorzunehmen und sich dann für ein kapillar leitfähiges System entscheiden.
Difussionsdicht ist tödlich!

Innenseitig macht eine Flächenheizung Sinn und diese ist dann auch für die geringen Feuchtestellen im Baukörper eher positiv anzusehen, da dieses System die kapillare Feuchte in den Sockelbereichen verdrängt.

Bei vernünftiger Gesamtkonzeption Ihrer angedachten Sanierung (leider erweckt die Herangehensweise Ihres Architekten den Eindruck, dass er seinen Schwerpunkt im dichten Ingenieurbau findet und hat!), der entsprechenden Material- und Heizsystemauswahl und den homogenen Ausbaulösungen im Detailbereich, kann man auf Lüftungssysteme komplett verzichten.
Sorptionsfähige Materialien sind hier Schlüsselfaktoren, ebenso die kapillare Leitfähigkeit von Wandkonstruktionen.

Lassen Sie sich von Ihrem Planer eine Referenzliste geben (diese sollte aber mind. 5 Jahre zurück weisen!) und sprechen dann mit den entsprechenden Besitzern. Lassen Sie sich Details erklären, Herangehensweisen erörtern und fragen nach der jetzigen Zufriedenheit. Außerdem Lösungskonzepte, Baustellenabläufe und eigene Entscheidungsfreiheiten sollten Sie mit abfragen.

Man kann viel tun und integrieren, wichtig sind Funktionalität, Anspruch und Nachhaltigkeit.
Also ist es möglich mit Naturdämmstoffen genau so zu arbeiten, wie die architektonische Integration von Highlights zu finden.

Für Ihre Dämmfragen hätte ich hier noch einen interessanten Kontakt:

http://www.haacke-cellco.info/natursteingebaeude.html


Ideenhafte und handwerkliche Grüße

Udo Mühle



Energieverbrauch?



Hallo Herr Mühle,

Wie sieht es mit dem Energieverbrauch aus? Wir wollen ca. 350-400 m² Nutzfläche bewohnen und heizen derzeit dann mit uns prognostizierten 414 kWh/m²a die Wärme zum Fenster hinaus!

Wie gut isoliert denn Ihre angesprochene Innendämmungsalternative?

Was ist mit Kältebrücken durch Innenwände, die auf Außenwände treffen? Kann man da vielleicht laienhaft gesprochen "innen etwas zwischen rein schieben" ? Die Innenwände sind allesamt Fachwerk, senkrechte Balken schließen ans Bruchsteinmauerwerk an, kommt drauf an, wie dicht...

Da Heizenergie immer teurer wird und sicher nicht alle Heizungen auf Pelletbetrieb umgestellt werden können (Rohstoff wird ebenfalls laufend teurer), bin ich da für Ideen dankbar.

Alles in allem finde ich Ihre Argumente viel sympathischer, ich hatte auch schon Bauchschmerzen, die jetzt schöne Aussenfassade mit Dämmmaterial bepacken zu müssen!

Ich will eine nachhaltige (auch energetisch gesehen) und ökologische Lösung und es im Winter einfach warm haben.



Innen-, wie Außendämmung...



... ist möglich.
Verschiedene Systeme sind denkbar, doch sollten diese eben
kapillar leitfähig sein.
Bedeutet also, dass anfallende Feuchte (nicht Wasser!!) problemlos durch die Konstruktionen hindurchdifindieren kann und soll.
Die entsprechenden kW/m² sind hier eher von einem versierten Heizungsbaufachbetrieb zu beurteilen bzw. zu checken.
Könnte aber dazu sicherlich auch mit weiterhelfen, wenn's daran hapern sollte, diesen zu finden.

Grüße Udo Mühle



Verantwortung für Vergangenheit und Zukunft



Vielen Dank jetzt schon mal für die vielen Anregungen und Kommentare.

Es sieht so aus, als ob ich das Projekt noch einmal gründlich überdenken sollte!

Von der Industrie und einer Politik, die mir nur aus Eigennutz irgendwelche Dämmaterialien verkaufen will, will ich mich nach wie vor fern halten. Es geht immerhin um ein Haus, das noch vor der industriellen Revolution gebaut wurde, von einer Familie, die nachweislich mindestens seit der Zeit der Erfindung des Buchdrucks(!) auf dieser Scholle sitzt, auf der das jetzige Haus steht!



Baufortschritt



Wir haben den Baufortschritt mit vielen Bildern dokumentiert, Mai ist vorraussichtlich Einzugstermin.

http://www.gutedel.com



Wärmedämmung



Hallo Tachy,
bei diesem Thema besteht regelmäßig die Gefahr, das es hier im Forum zu einer Art virtuellem Glaubenskrieg mutiert.
Konkrete Antworten auf das genannte Problem sind m.E. nicht machbar, dazu sind die Informationen die wir haben zu mager.
Solche Fragen kann man immer nur individuell lösen, mehr wie ein paar Allgemeinplätze sind hier nicht möglich.
Wenn es Ihnen um allgemeine Informationen zur Wärmedämmung geht, schauen Sie mal auf meine Homepage.

Viele Grüße



Dämmung



Wir haben die Dämmmaßnamen bereits realisiert und sind mit dem Ergebnis sehr zufrieden:

- Dämmung der obersten Geschossdecke vom Dachboden aus mit 10-30 cm (Dicke varriert wegen unebenem Boden) eingeblasenem IsoFloc

- Einbau neuer Fenster (historische Eiche-Verbundfenster mit einer Scheibe Isolierglas)

- die historischen Bruchstein-Außenmauern (bis 60 cm) grenzen jetzt auch wieder überall den beheizten Raum nach außen ab, frühere ungedämmte 50er-Jahre Anbauten wurden entweder weggerissen bzw. gehören jetzt zum Außenbereich.

... mehr nicht.

Zum Glück haben wir das Dämmindustrie-Märchen nicht ernstgenommen, dass solches Bruchsteinmauerwerk nicht dämmen würde.

Es zieht nicht mehr, die Wärme bleibt perfekt in den Räumen, ein absoluter Unterschied zu früher. Wir können die Pelletheizung bei 0 Grad Außentemperatur locker auf 40 Grad Vorlauftemperatur laufen lassen, mit normalen, modernen Radiatoren.



@ Tachy



Sie haben ja auch einen Architekten an die Seite bekommen, der genau das Faible besitzt, solche Dinge auch nicht mit zu glauben und Ihnen, dem Gebäude entsprechend, sehr gute Lösungsumsetzungen plante.
Die Bilder sprechen für sich.
Und bald werden wir ja auch der historischen Decke zu Leibe rücken und daraus dann ein wahres Schmuckstück wieder machen.
Was passiert mit der historischen Fachwerkwand?

Grüße ins Freiburger Land,
Udo Mühle



@Udo Mühle



Die Fachwerkwand soll verputzt werden, die die andere auch, die schon verputzt ist...

An die Lehmdecke gehe ich die nächste Woche noch selbst dran und klopfe den natürlich schon lockeren Kalkputz runter, der da drauf gar nichts verloren hat. Die Balken werden alle mit der Bürstenmaschine behandelt.