Blaue Fachwerkhäuser (zum Anschaun)

25.02.2012 Jan



Unser Fachwerkhaus scheint ursprünglich (gebaut 1850, Sauerland) mal himmelblau gewesen zu sein und viele andere hier auch (sowohl aussen als auch innen), wie alte Farbschichten immer wieder zeigen. Wollte doch mal wissen, wie soetwas aussieht und habe dann folgendes Bild gefunden (Ort Weyersheim im Elsaß). Nebenbei bemerkt: interessanter Witterungsschutz - mal keine Verschalung, sondern viele kleine Dächlein. :-)
Hab ich so noch nie gesehen.

Hat jemand eine Ahnung, warum früher hier alles (himmel)blau war?
Und kennt jemand noch andere aktuell blaue Fachwerkhäuser. Ich finde bei diesem Exemplar die Farbkontraste noch nicht ganz gelungen, wüßte aber nicht, wie es besser geht.

Jan



Gibts auch in Hamburg



Hier im Freilichtmuseum am Kiekeberg

(weiteres Bild:
* http://www.flickr.com/photos/unicorn81/6346622865/in/photostream/
* http://www.flickr.com/photos/unicorn81/5729298115/in/set-72157626616550107)



Schleithal/Elsass



Doch noch ein schönes gefunden. Finde die hellen Holzfensterläden sind ein schöner Kontrast, sowie das Ziegelrot. Und natürlich die kleinen Dächlein.



Smalte?



Es wäre ja mal interessant, auf welcher Basis früher die Pigmente für diese Farbe hergestellt wurden bzw. was die blaue Farbe für besondere Materialeigenschaften hatte.



das kalkechte ultramarinblaue pigment



konnte man bis Anfang des 19.Jahrhunderts nur aus dem Halbedelstein Lapislazuli herstellen - eine Farbe für Könige. Es gab seit 1834 verschiedene Versuche es synthetisch herzustellen. Der Durchbruch war 1877 -
mit dem ersten deutschen Patent überhaupt. So kann man auch gut blaue Farbschichten zeitlich zuordnen. Im späten 19. Jahrhundert wollte jeder seinen Wohlstand durch das Verwenden der blauen Farbe beweisen - auf der sich keine
(oder weniger)Insekten niederlassen. Das Bild zeigt eine
ultramarinfarbige Kalkkaseinfarbe(Innenraum).
Grüße
Birger



Farbe



Ich kenne das unter dem Namen "Preußischblau".

Viele Grüße



Ultramarinblau im Außenbereich



Hier mal ein Zitat über die Pigmente von Kreidezeit:

Ultramarinblau ist kalkbeständig, an sich lichtecht, wetterbeständig, aber nicht säurefest. Da unsere Atmosphäre heute einen leicht säurehaltigen Charakter hat, ist ultramarinblau nur begrenzt im Außenbereich anwendbar (kann zu Schwarzverfärbungen, bzw. auch Entfärbung führen).

Grüße aus Frangn

Frank von Natural-Farben.de



Einfältig



Mir kam das blaue Fachwerkhaus gleich so bekannt vor. Jetzt weiss ich auch woher :-)



Insekten, …



… ja, das ist ein guter Grund.

Übrigens: Preussisch Blau, auch Berliner Blau oder Pariser Blau genannt, ist sowohl optisch als auch chemisch deutlich vom Ultramarinblau abweichend.



Insektenschutz



In Bauernhäusern wurden Schlafräume oftmals mit einer solchen leuchtend blauen Farbe gestrichen, da diese Insekten fernhalten soll. Vielleicht versprach man sich das ja auch vom Außenanstrich.

Anne...Pinsel



spinnen



scheint das blau aber nicht zu stören, wie ich bei
einfallendem sonnenlicht sehe...



dann



schau mal hier durch:
http://www.panoramio.com/group/28221

(ist leider erst im Aufbau, nur knappe 1000 Bilder)



Ultramarine vs. preussisch Blau



Wird "unser" Haus dann eher Ultra oder Preussisch Blau gewesen sein?

@ Christian Bisping - wurde preussisch Blau auch im Sauerland/Ruhrpott verwendet und wenn ja, wie ist da die zeitliche Einteilung.

@ Olaf - leider kein einziges blaues Haus dabei.

Nachtrag: Die Besitzerin meines Hausprojektes meinte, die älteste Farbschicht wäre Preussisch blau, darüber dann Ultramarineblau. Allerdings immer "gemischt mit weiss" - sagt SIE.
Ist das wirklich ursprünglich "gestreckt" bzw. gemischt worden oder ist die Farbe wohl eher ausgewaschen oder ausgebleicht?



Preussisch Blau, …



… wird ab ca. 1700 im großen Rahmen produziert. Es ist ein sehr intensives Pigment, als Künstler muss man beim Malen aufpassen, dass man sich beim Mischen nicht die Farben damit versaut.
Da Ultramarinblau früher nur unter Verwendung des teuren Halbedelsteins Lapislazuli gewonnen werden konnte, dürfte es m.E. für einfache Fachwerkhäuser viel zu teuer gewesen sein, bei Auftragsgemälden wurde früher für diese Farbe vom Künstler immer eine Extraunterschrift eingefordert, damit es nachher keinen Ärger mit der Rechnung gab. Ab Mitte 19 Jhd. wird auch ein synthetischer Farbstoff, der dem echten Ultramarin ziemlich nahe kommt, vermarktet.
Kultstatus hat das "Yves-Klein-Blau" erreicht, man sagt, der Künstler habe sich die Farbe patentieren lassen.

Eine sehr lange Geschichte hat aber auch das Kobaltblau,
heute ein sehr preisgünstiges Pigment, dessen Leuchtkraft als angemischte Farbe aber nicht an Ultramarin heranreicht.
Das Fachwerkhaus im Elsaß scheint mir aber in einer auf kobaltblau basierenden farbe gestrichen worden zu sein.

Heutige blaue Farben, Lacke und industriell eingesetze Pigmente basieren meist auf Phtalocyanin weil es chemisch stabiler ist. Das Spektrum dieser Farbe ist allerdings erheblich eingeschränkter, es fehlt die Tiefe und "Magie", die Kobalt- und Ultramarinblau innehaben.

Im Süden Frankreichs wird ein an Lavendel erinnernder Blauton traditionell sehr gerne im Außenbereich eingesetzt.
Die Farbe scheint nach (vielen) Jahren in der Sonne zwar etwas auszukreiden, was aber nicht unbedingt als störend empfunden wird, sondern m.E. gut zu alten Häusern passt.
Leider weiß ich nicht, worauf dort die traditionell hergestellte Farbe chemisch basiert.



Riquewihr (F)



http://www.flickr.com/photos/ronile/4401270156/



@Jan:



"Wird "unser" Haus dann eher Ultra oder Preussisch Blau gewesen sein?"

Ultramarinblau geht von der Farbe her eher in Richtung lila, preussischblau tendiert her ins grünlich-schmutzige, ist aber alkaliempfindlich, von daher vermute ich nicht, dass es für (Kalk)Wandfarbe benutzt wurde.

Interessant in dieser Hinsicht ist das "Blaue Haus" von 1593 in Wertheim: Hier sind von je her die Fachwerkbalken blau gestrichen und wurden kürzlich mit historich getreuen Pigmenten restauriert.
Hier kam der Farbstoff Smalte zum Einsatz, ein altes Pigment aus gemahlenem Kobaltglas.

Für Wandfarben kommt historisch eigentlich nur Bremer Blau in Frage, es wird aber aus guten Gründen (chemisch instabil, giftig?) nicht mehr eingesetzt.
Wahrscheinlich gehörte aber auch früher ein regelmäßiges Nachstreichen zu den Basics der Hauserhaltung.

Interessant an den alten Farbrezepten ist nicht allein die Herstellung/chemische Zusammensetzung, sondern auch Art der Verarbeitung, z.B. Nasstechnik. Hier ist wahrscheinlich viel altes Wissen verloren gegangen; auch in der Malerei rätselt die heutige Wissenschaft teilweise vergebens darüber, wie die alten Meister damals ihre auch heute noch brillanten Farben anmischten und aufbrachten.

Wie dem auch sei, für heutige Zwecke bleibt nicht viel anderes übrig, als sich im Angebot der einschlägigen Anbieter wie Kreidezeit umzusehen, wenn man nicht auf die Produkte der chemischen Industrie zurückgreifen will.

Evtl. kann ein Kontakt mit dem Konservator des Freilichtmuseums in Hamburg weiterhelfen (dem Zustand des Gebäudes nach hätte ich da allerdings keine großen Hoffnungen), oder eine Recherche im Elsaß. Letztere lohnt sich immer, der schönen Städte und des guten Essens wegen.



ultramarin



Sieht denn das Blau auf meinem Bild "Richtung lila" aus, Christian?
Wir können hier gar nicht spekulieren was Jan auf seiner Fassade für ein Blau hatte, da es davon kein Foto zu sehen gab. Ultramarin als verwendetes Pignment wäre für mich das Typische.



Blautöne…



… lassen sich in der ganzen Komplexizität ihres Farbspektrums fotografisch kaum adäquat abbilden. Früher, per analoger Fotografie bekam man mit Filmen wie dem E100VS (ohne UV-Filter) und manueller Entwicklung im Fotofachlabor z.B. auf Cibachrome Ergebnisse hin, an die digitale Aufnahme- und Wiedergabetechnik bei weitem nicht heranreicht.

Somit wissen wir gar nicht einmal wirklich, was für Blautöne die hier abgebildeten Häuser in Natura haben.

Letztendlich wird nichts anderes übrig bleiben, als sich den Originalfächer eines Farbenherstellers zu besorgen und mit den geborgenen Mustern zu vergleichen. PDF-Datei ausdrucken oder gar Bildschirmvergleich können ziemlich nach hinten losgehen, wenn man kein sauber kalibriertes System hat.

Unterm Strich: Wer gibt sich schon bei solchen Nuancen wirklich diese bewundernswerte Mühe? Wenn man sieht, was der Denkmalschutz so alles durchwinkt…

Letztendlich muss dem Hausbesitzer der Farbton gefallen, was hat er davon, wenn er bei einem (wahrscheinlichen) Originalton von 1850 jeden Tag die Krise bekommt?

Vielleicht ist so eine moderne Farbe auf Kupfersulfatbasis, farblich irgendwo in Richtung kobaltblau verortet, ja schon passend, müsste zumindest nicht alle paar Jahre nachgestrichen werden. Vor 200 Jahren gab es nun mal auch noch nicht so viel Chemie in der Luft, welche die Farben angreift. Ich hatte mal für Auftrag für die kath. Kirche, es ging um Flaggendruck: Die Flaggen an Kirchen im Ruhrgebiet und der Düsseldorfer Innenstadt waren nach wenigen Monaten ausgeblichen, die aus der Eifel oder vom unteren Niederrhein hielten ein Vielfaches länger.