Barockes Portal - Wiederwendung, Lagerartikel oder Druckfehler




Bei der Beschreibung des im Bild erkennbaren Portals, habe ich aus dem Stadtführer von Duderstadt zitiert. Dabei ist mir aufgefallen, dass das Baujahr des Hauses mit 1725 angegeben und der untere Teil des Portals auf 1680 datiert wurde.

Ich sehe drei Möglichkeiten:

a) Druckfehler
b) Das Portal wurde auf Halde produziert und dann 1725 abverkauft ;-)
c) Das Portal wurde wiederverwendet

Was meint ihr?



Umbau?



Ich würde vermuten, dass das entweder ein Druckfehler ist oder aber dass vielleicht das Haus in zwei Etappen gebaut oder noch einmal umgebaut wurde, und 1725 eben in der heutigen Form fertig war.

Ich war noch nie in der Gegend, aber irgendwie sieht die Kombination von unverziertem Fachwerk mit diesem extrem aufwendigen Portal für mich falsch aus. Das passt nicht so recht zusammen. Hier bei uns haben die Häuser mit derartig verzierten Türen dann auch entsprechend beschnitzte Balken. Ist sicher, dass die Tür immer schon in dem Haus war? Falls ja würde ich wetten, dass das ursprünglich kein Sichtfachwerk war.

LG,
Tina



Portal



Ich vermute das die Fassade vorher verputzt war.
Ab dem 18.Jahrhundert haben viele Städte aus der schmerzvollen Erfahrung vieler Brände heraus die Verwendung brennbarer Materialen an straßenseitigen Fassaden und Dächern verboten. Bestehendes Fachwerk wurde dann mit Putz bekleidet. Außerdem verlangte die Mode im Barock nach verputzten Fassaden. Man orientierte sich an den großen Vorbildern, das waren Schlösser und Villen der damaligen Schönen und Reichen.
Fachwerk kam erst wieder im 19.Jahrhundert in Mode, einmal im Zuge der Romantik und dann im aufkeimenden Nationalismus als "teutsche Baukunst" um sich von den welschen Bauweisen des Barock und des Klassizismus abzusetzen. Da wurden die Bekleidungen alter Fachwerkfassaden manchmal wieder zurückgebaut.
Sicherlich hat das Haus seit seiner Entstehung einige Umbauphasen hinter sich wo es auch den modischen Bedürfnissen der Zeit immer wieder angepasst wurde.
Möglich das 1725 so eine erste große Umbauphase durchgeführt wurde die aus einem Fachwerkhaus von 1680 ein barockes Bürgerhaus machte.
Das vorhandene Eingangsportal wurde dann vileeicht nachträglich aufgehübscht und erweitert. Wer weiß wie es vorher aussah. Ob die jetzt sichtbare Jahreszahl 1680 nach diesem (vermuteten) Umbau noch sichtbar war- kann sein, vielleicht wurde sie auch in einer neuen Farbfassung übermalt und es stand 1725 drauf. Seitdem gab es eine Menge neuer Anstriche für das Portal, keine Ahnung was dann in die Kartusche reingeschrieben wurde.
Zu meiner Theorie des fachwerksichtigen Rückbaues im 19.Jahrhundert würde das Freilegen bzw. wieder eintragen der ursprünglichen gefundenen Jahreszahl passen.
1725: -je moderner, je besser.
19.Jahrhundert: Je älter, je besser.

Aber: das alles in meinem Beitrag ist reine Spekulation.



Verputzt ja, ist in der Bildbeschreibung erwähnt



"Dieses spätbarocke Bürgerhaus war, wie schon die schmucklos zusammengefügte Balkenstruktur und die außen liegenden Abbundzeichen anzeigen, nicht auf wohlgesetztes Sichtfachwerk hin angelegt.[...] Vom ästhetischen Gesichtspunkt her hatte die originale Verputzung vor allem den Effekt, das Portal - wesentliches Schmuckelement dieser Fassade - herauszuheben."
(Einfach mal auf das Bild klicken)

Umbau ist natürlich möglich, wobei die Beschreibung expliziet erwähnt, dass das Fachwerk eben genau dem Zeitgeist entsprechend so ausgelegt wurde. Wäre ein Umbau so umfassend gewesen?



Wiederverwendung und Nachhaltigkeit..



..sind auch früher schon praktiziert worden :
Das Portal könnte demnach schlicht bei der Neukonstruktion des Hauses erneut eingebasut worden sein .

Wir haben dies bei einem eignenen Bauprojekt so nachvollziehen können , da war die Auflage für den Naubau im Jahre 1928 eben die Wiederverwendung des alten Portals aus 1619 .



Für mich eindeutig:



Variante d:

Das Portal ist sehr reich dekoriert, das ist aber kein Widerspruch zur ansonsten schlichteren Anmutung des Hauses. Oft ist das Portal die aufwändigste Komponente des Baues (was gerne vergessen wird in einer Zeit, wo ein Plastebrett mit Zylinder Wind und Diebe draußen halten soll und im Übrigen gestalterisch gar nicht stattfindet). Ich gehe davon aus, daß das Portal an sich am ursprünglichen Ort verbaut wurde. Das passt auch stilistisch in die Zeit um 1680. Ich würde allenfalls noch einmal prüfen, ob möglicherweise im Bereich der Traverse oberhalb der Türflügel 1729 leicht umdekoriert wurde. Zu dieser Zeit soll der Zieraufsatz ergänzt worden sein und auch das ist für mich schlüssig und entspricht in den Formen der Zeit. So etwas ist nicht unüblich, und ja auch ohne weiteres möglich, da der Aufsatz nicht in die Konstruktion eingreift und lediglich dekorative Funktion hat. Da hat jemand einfach sein Haus preiswert stilistisch "aufgefrischt".

Hier mal ein sächsisches Portal um 1725, daß ich vor Jahren in der Werkstatt hatte. Heute steht es im Stadtmuseum Riesa.

Grüße

Thomas



Uppps,



das war nur ein Bild vom Vorzustand.

Jetzt kommts. Ursprünglicher Einbauort war Schloß Bobersen.



Spannende Sache,



erinnert mich an die immer wieder kommende Frage:

Frage: Wie alt ist Ihr Haus denn?
Antwort: Welchen Teil meinen Sie? ;-)

Ich danke erstmal allen! Wirklich klasse Beiträge. Aber wenn wir davon ausgehen, dass alles zeitgerecht ist, so bleibt doch die Frage, warum das Portal eine frühere Datierung aufweist. Denn es scheint ja in der Tat für dieses Haus angefertigt worden zu sein. So ganz schlüssig finde ich das noch nicht. Zumal wir ja nicht über ein/zwei Jahre sprechen.

@Thomas
Wow!



@Jürgen



Es wäre aber auch schade um das Portal gewesen. Sehr schön! Musste das aufgearbeitet werden?



Also ich...



...deute deute den letzten Satz Deines Zitates (" 1729...schönerte") so, daß das Haus älter ist und ggf. von 1680 oder noch älter.

Und der erste Satz etwas unpräzise ist und sich nur auf das Portal in seiner jetzigen Form bezieht.

Grüße

Thomas



Sandsteinportal aus 1619 ..



..war ok. , könnte mal aufgehübscht werden , aber :
Das Haus drumherum von 1928 hatte es nötig - jetzt aber wieder schön - Bild aus letzter Bauphase !



Möglichkeit C:



Quelle: Duderstädter Häuserbuch,Mecke Druck und Verlag Duderstadt 2007/ Beitrag: Maria Hauff
Seite 201 -220

-"Dass eine alte,d.h. zeitlich vor dem Neubau entstandene Tür eingesetzt wurde, beweist, dass man sich der künstlerischen Qualität der Tür bewusst war und diese auf ruhigem Hintergrund ( Fassade verputzt) zur Geltung bringen wollte."-

Weiterhin ist die Portalbekrönung (Bereich: 1 OG )
nachweislich 1729 aufgesetzt wurden. Das Haus war ursprünglich gelblich -grau verputz. Dieser wurde bei der Sanierung in den 1980iger Jahren entfernt.

Mit Grüßen
Danilo



Noch ein Bild



Quelle: Duderstädter Häuserbuch,Mecke Druck und Verlag Duderstadt 2007/ Beitrag: Maria Hauff
Seite 201 -220



In...



Sachbüchern historischer Thematik ist es üblich, daß einer vom anderen abschreibt, nicht ohne ihn zuweilen auch noch falsch auszulegen.

Was genau spricht denn nun dagegen, daß das Portal von 1680 ist und das Haus von 1680 (oder älter)? Aus meiner Sicht wurde die Tür für das Haus gebaut, die Proportionen stimmen einfach zum Baukörper. Das das Haus in seinen Gefachemaßen nach einer vorhandenen Tür geplant und errichtet wurde, ist so unwahrscheinlich, daß man diese Variante wohl außenvor lassen kann. Auch wenn Jürgens Beispiel aus dem 20.Jh. exakt das zeigt. Im 17.Jh. gab's weder Denkmalpflege noch Historisiererei.

Grüße

Thomas



Portal



Interessant!
Da wurde die Fassade also nicht (von mir geraten) um Achzehnhundertnochwas sondern 1980 von der Putzbekleidung befreit.
Womit wir wieder beim Thema wären welcher Bauzustand in welcher Epoche denn nun als authentisch gilt und denkmalgerecht zu sanieren ist.
Der Ursprungszustand oder ein späterer?
Was ist authentischer, dieser halbe Rohbauzustand (denn anscheinend wurde die Fassade nicht als Sichtfachwerk erstellt) oder die zum Barock passende verputzte Fassade?
Das stätdische Ensemble oder das Einzeldenkmal?



Verputze Fassade



Da würde mich die Begründung, warum die Fassade freigelegt wurde, auch mal interessieren. Zumal das Erscheinungsbild mit der Verputzen Fassade dem Portal wahrlich gut tut. So hat es etwas von einem Fremdkörper und verliert viel seiner Wirkung durch die Strukturen des Fachwerks.

@Danilo
Vielen Dank für den Auszug aus dem Buch! Das will ich auch haben, ist aber leider vergriffen. Solltest Du es los werden wollen, melde Dich bitte bei mir. Auszüge gibt es bei Google Books: Duderstädter Häuserbuch