Balken am Auflager "ausgeklinkt"

19.04.2010



Hallo,

ich habe bemerkt dass bei meinem Haus einige (viele) Deckenbalken am Auflager eingeschnitten sind. Sowohl an dem Aussenmauern, wie auch in Zwischenwänden sind die Balken an den Stellen, wo sie aufliegen, mehrere cm tief eingekerbt.

Ist dass dann nicht so als ob der Balken nur den reduzierten Querschnitt hätte?



Ausklinkung



Guten Tag, grundsätzlich ja. Man muss bezüglich der Querschnittshöhe noch die Auswirkungen je nach statischem System unterscheiden. An den Endauflagern ist das Biegemoment 0, die Querkraft hat einen der hohen Werte über die Trägerlänge betrachtet. Um die Querkraft im Auflager weiterzuleiten, ist i.d.R. nur ein geringer Querschnitt erforderlich. Bei einem Durchlaufträger aus einem Holz mit Mittelstütze sieht es anders aus. Über der Mittelstütze entsteht ein Stützmoment. Übrigens mit Zugzone an der Trägeroberseite. Um diese Momentenspitze aufzunehmen wird rel. viel Querschnittshöhe gebraucht.
Das Gebäude scheint, wenn ich recht verstehe, jedoch schon lange zu stehen. Es hat seine Standfestigkeit bewiesen. Ob die Standsicherheit heutigen Anforderungen genügt ist fraglich. Das ist aber bei fast jedem historischen Gebäude so ohne dass es reihenweise zu einstürzen kommt. Also erst mal ruhig Blut.
Sehr interessant ist im Zusammenhang mit den Ausklinkungen der Aspekt von Kerbrissen in Faserrichtung. Mit senkrechtem Anschnitt darf man eigentlich nur sehr geringe Höhen ausklinken. Etwas mehr geht, wenn man den Träger schräg zur Ausklinkung verjüngt.
Wenn sie große Angst haben, kann nur ein Tragwerksplaner vor Ort die Situation bewerten. Wie gesagt, meist halten die Altbauen die bestehende Situation gut aus, wenn die Lasten nicht erhöht werden. Bezüglich der Einkerbrisikos helfen evtl. spezielle von unten vor der Ausklinkung eingeschraubte Vollgewindeschrauben als Verstärkung.
Wenn Sie einen Tragwerksplaner hinzuziehen, wählen Sie jemanden mit Altbauerfahrung, sonst kann es Ihnen passieren, dass Ihre Balkenlage ein "Stahlbau" wird.
Mit freundlichen Grüßen Ulrich Arnold



Vielen Dank



für die sehr ausführliche Antwort, auch wenn ich einiges nicht ganz verstanden habe (Zugzone an der Oberseite im Bereich der Mittelstütze, schräg zur Ausklinkung verjüngen).
Ich habe auch bemerkt dass ich nicht erwähnt habe, dass die Träger unten eingeschnitten sind.

In der Tat steht das Gebäude seit geschätzten 200 Jahren, und das soll auch so bleiben ;)
Wenn ich Sie richtig verstanden habe ist es an den Endauflagern nicht so tragisch wenn 10cm fehlen.
Das beruhigt mich dann doch, weil in dem Bereich sind die Einkerbungen am stärksten. An den Mittelstützen sind es zum Teil nur 1-2cm (Montagehilfen beim Aufbau??).



Zugzone



ist nicht so schwer zu verstehen, am besten einfach mal aufzeichnen. Wenn ein Balken belastet wird, biegt er sich durch. AN der Unterseite dehnt er sich daher, hier wirken Zugkräfte.
Setzt man jetzt in der Mitte eine Stütze darunter, biegt sich der Balken links und rechts von dieser nach unten, auf der Stütze hat er dagegen seine ursprüngliche Lage, er kann ja nicht weg. In der Praxis wird sich der Balken hier aber soga leicht nach oben biegen, dadurch entsteht an der Oberseite statt an der Unterseite Zug.

Ich hoffe das war jetzt halbwegs korrekt erklärt... meine Mechanik-Ausbildung war nur recht oberflächlich und ist 5 Jahre her.



stimmt



eigentlich total logisch...
war wohl noch nicht ganz wach ;-)



Fabulieren



geht über studieren.
Oder anders herum.

Ist es Ihnen möglich von einem Exemplar mal ein oder mehrere Fotos zu machen und diese zu veröffentlichen; oder eine Zeichnung möglichst exakt hierüber anzufertigen.

Einschnitte im Auflager könnten vom Zimmermanns mässigen Abbund stammen - wenn Sie aber schreiben 10 cm dann ist das etwas viel!

Allerdings hat das Ganze ja schon ein paar Jährchen auf dem Buckel ...

FK



Andererseits



können sich Schäden über die Jahrzehnte auch kumulieren... in Wien ist mal am 25. 12. einer Familie der Wohnzimmerfußboden unter dem Christbaum eingekracht - ein Tram war angesägt, dann kam noch ein Wasserschaden hinzu, durch den der Tram allmählich immer mehr vermorschte, und irgendwann war es dann aus.



Fazit:



Nach 200 Jahren besser das Wasser abdrehen und Weihnachten woanders feiern!

;-) Boris



Foto ging leider nicht



deshalb habe ich mal zwei Zeichnungen angefertigt.
Ausschlaggebend sind die Maße, die Zeichnung ist weder massstabsgerecht, noch stimmen die Proportionen.
Hier erstmal vom Endauflager Südseite.
An der Nordseite ist eine massiv gemauerte Wand, da liegen die Balken direkt im Mauerwerk, ansonsten sieht es fast gleich aus.





und die Mittelstütze



Diese Ausblattungen



stammen vom Abbund, so wie es Herr Kurz geschrieben hat.

Grüsse Thomas