alte Schieferdeckung wiederverwenden

16.01.2014 Paul



Hallo,
unser gerade gekauftes Haus krönt eine Rechteck-Doppeldeckung aus Schiefer (sog. Englische Deckung). Um das Haus vor weiterem Verfall zu schützen, ist eine Sanierung des Dachs ganz oben auf der Agenda. Der Denkmalpfleger sähe genau wie wir gerne weiterhin Schiefer auf dem Dach, aber eine komplett neue Eindeckung mit großformatigen Schieferechteckplatten kostet ein kleines Vermögen (obwohl das noch die schlichteste Form der Schieferdeckung ist). Die mit je zwei Nägeln auf die Lattung genagelten Schieferplatten sind selbst noch in gutem Zustand, saniert werden müsste v.a. ein Teil des Tragwerks, Lattung, ein Schornstein, Kehlen, Regenrinnen usw. Bisher riet man uns von der Wiederverwendung der alten Platten ab (Dachdecker rundweg, der Architekt ist skeptisch), man bekomme sie kaum heil runter und/oder brauche dafür eine Ewigkeit. Umgekehrt hätten wir viele helfende Hände parat und wenn man so statt sechs nur zwei Paletten neue Platten bestellen müsste, sähe die Sache finanziell schon anders aus, zumal es dann auch etwas Fördergeld von der Denkmalschutzseite her gäbe, wenn wir im Originalmaterial blieben. Uns beschleicht das Gefühl, dass man uns lieber neue Eindeckungen in Schieferoptik verkaufen will, als sich mit der vorhandenen Substanz überhaupt erst eingehend zu befassen. Ein Problem dürfte auch die Lage sein, denn Nordwestmecklenburg ist keine Schieferregion und vermutlich haben nur wenige Handwerker hier Erfahrungen damit. Nichtsdestotrotz haben wir dieses Dach nun mal...
Hat jemand seine Schieferplatten schon mal ab- und wieder aufgedeckt und kann Erfahrungen beisteuern?



Schieferqualität



Wann ist das Haus gebaut worden ? bzw. ist es noch die Original-Schieferdeckung?

Die rechteckige, englische Deckung ist im 19. Jhdt. verwendet worden, um ziemlich dicken Schiefer aus England Verarbeiten zu können. Dieser Schiefer ist, nach Bericht eines alten Dachdeckermeisters, unter Kennern so sehr begehrt (gewesen), das Dachdecker angeboten haben, das Dach kostenlos neu, mit anderem Schiefer, einzudecken, wenn sie dafür den englischen Schiefer mitnehmen konnten.

Kann also sein, das Sie noch echte Qualität auf dem Dach verbaut haben, die sich zu bergen lohnt.



Dachforschung



Das Haus stammt aus der Zeit 1873-1878, ganz genau kann uns das niemand sagen, da es dazu keine Unterlagen mehr gibt. Dick sind die Schieferplatten allerdings nicht, ca. 5 mm schätze ich und sehr glatt.
Eine 90 jährige Nachbarin kennt das Dach nur so, wie es heute aussieht, aber es könnte durchaus die zweite Eindeckung sein oder noch eine erste Rechteck-Doppeldeckung aus deutschem Schiefer, der sich wohl feiner spalten lässt als der englische. In der Scheune haben wir unter Bergen von Schrott noch ziemlich viele Platten gefunden, die bereits gelocht sind, also eventuell schon mal auf dem Dach waren. Wir versuchen noch, eine historische Postkarte von etwa 1900 im Dorf aufzutreiben, auf der das Haus abgebildet sein soll: "Grüße aus...", so in der Art. Auf der sollen auch andere Dinge auf dem Hof zu erkennen sein, von denen heute nur noch Reste übrig sind.
"Englische Deckung" bezieht sich wohl auf die Form und nicht unbedingt das Material. Morgen bin ich wieder am Haus und kann danach Bilder vom Dach und den Platten einstellen.



Das würde ich...



...nicht machen. Die Schiefer sind nun schon lange Zeit der Witterung ausgesetzt, und manche Platten sind einfach nicht mehr brauchbar, aber nicht von den anderen unterscheidbar.

Sie bauen sich da für viel Geld ein Problem ein. Wenn die ersten Schiefer zwischen den Tomaten liegen, beginnt der Ärger und die Dauerbaustelle ist eröffnet. Und das sollte auch Ihr Denkmalpfleger wissen, wenn er nicht nur ästhetische Ambitionen hat. Ich habe mich vor Jahren zur Umdeckung meines Daches informiert und dann die Idee begraben. Bei Reparaturversuchen vorher hat sich gezeigt, daß jede Reparatur neue Schäden nach sich zieht, da die Schiefer halt an Festigkeit verlieren, und Bewegungen aller Art übelnehmen. Jetzt habe ich ein Zinkdach, klassisch mit Stehfälzen, inzwischen auch schon schön angegraut. Aufgrund des flachen Dachwinkels gab es kaum Alternativen im Bereich historischer Deckungsarten, und ich bin es zufrieden.

Wenn der Denkmalpfleger da gern Schiefer mag, soll er auch was dafür tun, finde ich.

Grüße

Thomas



Deutliche Unterschiede



Pauschal kann man die Schieferqualität nicht beurteilen. Wir sind ehemalige Schieferregion (Silberstein, Lehesten), deren Vorkommen mittlerweile leider erschöpft sind. Grad der Lehestener Schiefer war von sehr guter Qualität und hat z.T. 80 Jahre gehalten.
Inzwischen hat man nur noch die Möglichkeit, auf rheinischen oder spanischen Schiefer zurückzugreifen. Diese Qualität ist mit dem früher verbauten Schiefer in keinster Weise zu vergleichen. Selbst Denkmalschützer haben das schon erkannt und geben das inzwischen zu. Beurteilen, um was für eine Qualität es sich handelt, kann das nur ein Schieferdecker oder Schieferexperte. Dabei sollte man von dem Gedanken wegkommen, das stärkerer (dickerer) Schiefer auch zwangsläufig qualitativ besser ist. Wir haben in diesem Jahr zwei alte Schieferdächer abgedeckt und da sind uns z.T. 2,5 cm starke Anfangssteine in der Hand quasi zerbröselt.
Aber wie gesagt, das muß unbedingt vor Ort geklärt werden. In einem Forum kann man da keine verbindliche Aussage machen.
Wenn Ihre Dachdecker mit Schiefer wenig Erfahrung haben, dann holen sie sich doch eine Firma aus einer bekannten Schieferregion dazu...es gibt ein paar bundesweit operierende Firmen, die sich z.B. auf Kirchtürme spezialisiert haben und deshalb jede Menge Erfahrung mit dem Einbinden von Kehlen und Graten haben.

Gruß Andreas