Altbau 1936 hohe Energiekosten - realistische Einschätzung Maßnahmen/Einsparmöglichkeiten

12.04.2014 Famus



Hallo,

ein massiver Altbau von 1936 besitzt folgende Wände:
- im EG und 1.OG Wände aus 2x12cm plus 3cm Luftschicht, also gesamt 27cm plus Putz/Anstrich
- im EG und 1.OG sind befindet sich ein Erker; dieser ist mit einer 19cm Wand zzgl. Putz/Anstrich
- im 2. OG sind es nur 19cm plus Putz Anstrich.

Das Haus hat eine Wohnfläche von ca. 180qm. EG und 1.OG jeweils 70qm, 2.OG aufgrund Dachschrägen ca. 40qm.

Die Gaskosten für Heizung, Warmwasser vom noch-Besitzer sind für ein volles Jahr mit ca. 4700 €; also ca. 2,20 €/qm/Monat, sehr hoch angegeben. Haben wohl Großeltern sowie eine Familie mit zwei Kindern darin gewohnt. Wir würden als Familie mit zwei Kindern einziehen - wir mögen es zugegeben gerne warm, gehe deshalb davon aus, dass unser Gasbedarf nicht dramatisch weniger sein würde (selbst wenn er weniger wäre - würde sich das evtl. in Richtung Schimmel durch weniger Heizung negativ auswirken...?)

Aussage eines Architekten ist, dass die 27er Wände die unterste Grenze des verträglichen darstellt, um noch ohne Dämmung auszukommen; bei den 19er Wänden (Erker, 2.OG)würde er dämmen; dann wäre eine komplette Außenfassadendämmung nicht sinnvoll, sondern eine gut gemachte Innendämmung. Natürlich zzgl. Dachdämmung und Kellerdämmung.

Aussage eines anderen Sachverständigen ist, dass bei der Wandstärke eine komplette Außendämmung sinnvoll ist (zzg. Keller- und Dachdämmung.

Die Fenster sind zweifach verglast und i.O.; Baujahr ca. 1993/94. Würden beide so belassen.

Die Gasheizung ist ebenfalls von 1993 - würden beide auf eine neuen Gasbrennwert umsteigen.

Die extrem hohen Heizkosten sowie die noch anspruchsvollere Innendämmung lassen mich zu einer Komplettdämmung tendieren (Keller, Dach, Fassadendämmung) sowie Gasbrennwert und Fenster so belassen.

Ich bin wiederum aber auch aufgrund der vielen Berichte über die Probleme bei Außendämmungen ziemlich verunsichert (in der Siedlung, wo das Haus steht, haben einige Besitzer auch bereits wieder ihre Fassadendämmungen bei vergleichbaren Häusern aufgrund Schimmel runtergerissen), was denn sinnvoll ist - und welche Energiekosten überhaupt realistisch sind (bei welchen Maßnahmen) für so ein Haus.

Werde eine (hoffentlich aufschlussreiche) Energieberatung noch in Anspruch nehmen (dann wahrscheinlich noch mit einer dritten Meinung zu dem Thema...).

Da ich vor dem Hauserwerb aber bei jeglicher Beratung in Vorleistung gehe, wäge ich derzeit ab, ob eine Energieberatung bei so immensen Heizkosten überhaupt etwas bringt, oder die Heizkosten, trotz teurer möglicher Einmalinvestition, nie wirklich ein vertretbares Niveau erreichen können (sind für mich 1.500-2.000 € Gaskosten p.a.) und das Haus deshalb vielleicht doch nix ist für uns.

Gibt es hier (umgesetzte, keine theoretischen) Erfahrungen auf Basis von energetischen Maßnahmen, wieviel denn realistisch wirklich bei den Energiekosteneinsparungen machbar ist?

Vielen Dank für ein paar Infos, Tipps, Erfahrungsberichte usw.



Modellrechnungen



€ 4.700,- für Gaskosten bedeuten umgerechnet etwa 89.000 kWh (Umrechnungsfaktor 5,28Ct/kWh Raum Köln). Bezogen auf 180m2 Wohnfläche ist das ein Verbrauch von knapp 500kWh/m2a. Das Haus ist also ein gigantische Energieschleuder. "Normal" für ein Haus in dieser Altersklasse wäre ein Verbrauch von 250-350 kWh/m2a. Der hohe Verbrauch kann aber auch nutzerbedingt sein. Interessant sind die Energieverbrauchskosten, wenn sie einen Überblick über 3-5 Jahre geben, vorausgesetzt, das Haus ist durch eine gleichbleibende Zahl von Nutzern immer im gleichen Umfange bewohnt gewesen.

Beim zweischaligen MW macht eine Außendämmung keinen rechten Sinn. Die stehende Luftschicht ist nicht so zu bewerten, wie "gebundene" Luft in einem Dämmstoff.

Eine Vollsanierung, die neben der rein energetischen Sanierung auch die Gebäudesubstanz + die Hautechnik modernisiert, wird zwischen € 500,-m2 bis € 700-,/m2 kosten. Nicht eingerechnet die Kosten, die aus Um- und Ausbauvorhaben entstehen oder bei der Sanierung umfangreicher BAuschäden (Feuchtebelastungen, fehlende Abdichtungen etc.).

Bei Häusern dieser Baualtersklasse müssen Sie mit einer sehr sparsamen BAuweise rechnen: dünnen Wände und Stahlbetondecken, durchhängenden Balkendecken und gering dimensionierten Sparrenlagen, die kaum einen Dachausbau zulassen. Zudem Feuchte Keller und eventuell Bauschäden in/an sonstigen erdberührten BAuteilen wie nicht unterkellerten EG-Räumen oder Halbgeschossen in Hanglage. Das gilt es bei Kaufinteresse zu berücksichtigen.

Sie können selbst ausrechnen, das sich diese Investition erst nach mehreren Jahrzehnten rein betriebswirtschaftlich rechnen werden. Wenn das Haus aber in gutem Erhaltungszustand ist, ein interessantes Objekt und in seltener Lage etc. wäre eine Investition zu überlegen. Ungedämmt oder -bauphysikalisch schadensträchtig- nur teilgedämmt macht eine Nutzung keinen Sinn; der "Behaglichkeitsfaktor" ist zu gering. Es wird selbst bei aufgedrehter HZG unbehaglich in Wandnähe sein.

Sie sollten das Haus bei konkretem Interesse mit einem Architekten begehen, die Sanierungskosten detailliert schätzen lassen und sich dann überlegen, ob ein Neubau billiger kommt. Auch dazu kann Ihnen der Architekt einen KOstenrahmen nennen.



Innendämmung?



Können Sie noch kurz erläutern warum die Außendämmung bei einem zweischneidigen MW nicht sinnvoll ist? D.h. Sie halten bei diesen Gebäuden eine Innendämmung für erfolgversprechender?



2-schaliges MW



Hierbei wird nur die innere Schale für die Statik und die Wärmedämmung berücksichtigt. Die äußere Schale hat nur die Funktion des Wind- und des Schlagregenschutzes; wenn sie verputzt ist.

Die Konstruktion mit der 3cm Luftschicht ist ungewöhnlich. Es stellt sich die Frage, wie die äußere Schale mit der inneren statisch-konstruktiv verbunden worden ist, Hier sind früher Durchbindersteine verwendet worden, die Wärme- und Feuchtebrücken darstellen können.

Wenn Sie eine Außendämmung aufbringen, dämmen Sie die äußere MW-Schale, die aber nicht die Abschlußwände Ihrer Wohnräume bildet. Ihnen bleibt nur die Innendämmung. Wenn die MW-Konstruktion generell ok ist und sich keine feuchten Stellen zeigen (Durchbinder).

Suchen Sie sich als GEB und Gutachter für den Hauskauf nur einen Architekten oder Bauingenieur, der sich auf Altbauten versteht. GEB ohne Qualifikation als Architekt oder Ingenieur liefern Ihnen i.d.R. eine Energieberatung als reine Dämmungsmaximierung z.B. für die kfw-Kreditbeantragung ohne Bezug zur Baukonstruktion oder eventuelle Bauschäden. Damit ist Ihnen nicht gedient. Auch wenn Sie scheinbar "billiger" sind. Kurzfristig.



Wenn...



die Innenseiten der Außenwände sowieso angefasst werden und auch ein neuer Kessel kommt, ist eine Innendämmung mit Wandheizung eine Option. 5cm Holzweichfaserplatten, darauf die Heizleitung und Lehmputz. Das Ganze läuft in Niedertemperatur - gut für den Wirkungsgrad des Brennwertkessels und auch später 'mal unproblematisch über eine Wärmepumpe zu betreiben, wenn man das halt will.

Um das Raumklima wird man Euch jedenfalls beneiden.

Grüße

Thomas





Hallo,

zwei gebaute Beispiele aus meiner Praxis, beide Bj. 1936:

Das erste, mit 220 m Wohnfläche hat 1996 eine komplette Außendämmung bekommen, mit Silikatputz Körnung 6 mm, weil der Bauherr, ein Unternehmer der Dämmbranche, es so wollte.
Ersparnis wg. Eigentümerwechsel nicht zuverlässig ermittelbar. Jetziger Verbrauch 100 kWh/m².

Das zweite, eine Villa von Rudolf Schwarz mit 280 m² DIN-Wohnfläche , musste aus Denkmalschutzgründen 2012 mit einer 50 mm Innendämmung aus HWF ausgerüstet werden. Es ist sehr angenehm in dem Haus, auch weil eine bedarfsgeführte Lüftung geräuschlos ihren Dienst versieht. Die Ersparnis ist gegenüber den 9.000 Litern Heizöl vorher gewaltig, aber im Ergebnis ist der Verbrauch nicht so gering wie bei 1: 140 kWh/m"a über Fernwärme. Es könnte also besser sein.
Beide stehen frei im westlichen Ruhrgebiet.

Grundsätzlich ist die Außendämmung unproblematischer, bauphysikalisch gesehen und konstruktiv problemlos, was man von der Innendämmung nicht sagen kann. Es macht also Sinn, bei Ihrer zweischaligen Außenwand auch Außendämmung vorzusehen. Bitte lassen Sie die aber statich nachweisen, weil die Außenschale wenig Auflast hat und die Verankerung in der Innenschale unbekannt zu sein scheint. Hier muss sowohl mit dem Eigengewicht (insbesondere bei der Lamelle) als auch mit Windsog gerechnet werden.
Rechts: Winteraspekt Südseite Haus 1.

Viel Erfolg





Oder hier: Haus 2.
Der alte Putz hatte so hohe haptische Qualitäten, dass Bauherr, Architekt und Denkmalpflege sich entschieden haben, mit der Innendämmung zu arbeiten.



Nun,



die empfohlene Innendämmung MIT Wandheizung ist jedenfalls in jeder Hinsicht unproblematisch - und in Verbindung mit Lehmputz sollte eine Lüftungsanlage überflüssig sein.

Grüße

Thomas



Ich



hab grade unsere Daten spaßeshalber durch den Taschenrechner gejagt. Unser ungedämmter Altbau (50 cm Massivziegelmauerwerk einschalig) mit originalen Kastenfenstern hat sich im Zeitraum Nov. 2012 - Nov. 2013 ungefähr 100000 kWh gegönnt, für 8 Wohnungen mit insgesamt über 800 m2 Wohnfläche. Der Verbrauch ist geschätzt weil der Ablesezeitraum blöderweise November - Januar war und berücksichtigt nicht die Witterung, aber um die 120 kWh/m2a sind doch mal eine Ansage.





@Dietmar Beckmann
Können Sie noch ein paar Details zu den Häusern schreiben:
-Was für Fenster (1/2/3fach)
-Welche Art von Außendämmung, wie dick?
-Dach und Kellerwände gedämmt? Wie?
-Irgendwas in Richtung Lüftung gemacht?
-Sind die Mauern ebenfalls 2x12 plus Luft plus Putt/Farbe? Sind Ihnen mal 19er Wände untergekommen?
-Heizung?
-Heizkörper?
-Würde die energetische Sanierung jeweils zusammenhängend gemacht oder in Teilschritten, zB erst Dach und Keller

Vielen Dank!



Wandheizung



@Restauratio GmbH
Spricht etwas dagegen eine Wandheizung auch in den Dachschrägen eines auszubauenden Dachbodens (Nutzung als Schlafzimmer) zu verwenden?



50 cm MW



@Kellergassenkatze
50 cm ist natürlich auch ein Wort beim Mauerwerk...*neid*



@ Famus



WH geht auch an Dachschrägen. Da wäre mir aber als Putzträger eine Heraklit-Platte lieber. Ob HWPl oder Heraklit an dieser Stelle, dazu solltest Du mit dem Lehmputzer Deines Vertrauens 'mal in's Detail gehen.

Die von Dietmar erfragten Angaben sind ohne Zweifel interessant, lassen aber keine belastbaren Schlussfolgerungen hinsichtlich Effizienz / Energieeinsparung an Deinem Projekt zu.

Grüße

Thomas





@Famus

-Was für Fenster (1/2/3fach)
Bei Haus 1: Holzfenster, Kiefer, WS-Verglasung 2fach
Bei Haus 2: ALu-Fenster HEROAL, 3 2-WSG außen VSG, innen float wg. Minimierung der Ansichtsbreiten; vorher waren Stahlfenster eingebaut, deren Optik nachgebaut wurde.

-Welche Art von Außendämmung, wie dick?

Bei Haus 1: 12 cm Lamelle, Silikatputz
Bei Haus 2: Innendämmung mit Roth-Wandheizung, Kalkputz
von Weber

-Dach und Kellerwände gedämmt? Wie?
Haus 1: Dach 15 cm MiWo 035. Keller nein, "dauerfeucht belassen"
Haus 2: Kellerdecke unterseitig 10 cm Rockwool, verputzt
Flachdach, Nachdämmung mit bis zu 15 cm Austrotherm (038)
auf vorhandener geklebter Korkdämmung

-Irgendwas in Richtung Lüftung gemacht?
Haus 1: nein
Haus 2: ja, Aereco bedarfsgesteuerte Lüftung mit Zukluftelementen und 250er Abluftventilator, "intelligentes"
Dachlicht

-Sind die Mauern ebenfalls 2x12 plus Luft plus Putt/Farbe?
Haus 1: 25 + 12 (RF)mit mindestens 7 einbindenden Köpfen/m²
Haus 2: 40 cm MZ (RF) + Putz

Sind Ihnen mal 19er Wände untergekommen?
nein, kann mir aber vorstellen, dass es 11.5er sind + Sparverblender.

-Heizung?
Haus 1: Stadtgas
Haus 2: Ferwärme

-Heizkörper?
Haus 1: Standardradiatoren und "Design"-Heizkörper
Haus 2: Alu-Verbundrohr, eingeputzt von Roth

-Würde die energetische Sanierung jeweils zusammenhängend gemacht oder in Teilschritten, zB erst Dach und Keller
Bei beiden Objekten zusammenhängend, weil sie noch im
"Originalzustand" waren und alsbald genutzt werden sollten.

Grüße



Kippfensterheizer



waren da wohl im Einsatz. Anders lassen sich die Energiekosten kaum schlüssig erklären oder? Thermostat auf volle Pulle (oder gar keinen dran) und dann das Fenster ankippen weil ja frische Luft rein muss.



Klingt



irgendwie so. Ich kenne allerdings ein Haus mit ähnlichen Heizkosten, nur war das dort Tagstrom-Elektroheizung (überwiegend portable Ölradiatoren aus dem Baumarkt). Ebenerdiger, nicht unterkellerter Altbau mit fürchterlich zugigen Kastenfenstern (keine Dichtungen und zum Teil übel verzogene Flügel) und praktisch ungedämmter oberster Geschossdecke (teilweise gar nix, teilweise 30er-Styropor plus 25er-Heraklith). Die Hütte war praktisch nicht warm zu kriegen. Außenmauern waren ebenfalls 50er, diesmal Lehmziegel.

Wie sich das historisch ergeben hat weiß ich nicht, aber in Ostösterreich findet man in Altbauten praktisch durchgehend anderthalb-bis zweisteinige Außenmauern (letzteres meistens im Keller und EG). In einem ehemaligen Krankenhausgebäude von ca. 1850 gibt es überhaupt gleich bis ins 2. OG Schüttmauerwerk mit 1,2-2 m Dicke... teilweise auch zweischaliges Mauerwerk je halbsteinig mit einem Meter Luftschicht. Gesunken sind die Mauerstärken erst in den 50ern als von Massivziegel auf diverse Hohlblocksteine umgestellt wurde und dann noch einmal beim Übergang auf Hohlziegel und Stahlbeton. Bei Bauten ca. 1970-1990 findet man Wände mit unter 25 cm. Dann hat die Dämmung zugeschlagen und die Gesamtdicke steigt wieder stetig. Die Gemeinde Wien dämmt mittlerweile standardmäßig mit 18 cm Styropor (auf den erwähnten 50er-Vollziegelmauern).