Sachen gibts, die gibts einfach nicht

25.08.2003



Ich war gestern mit meiner Familie im Freilichmuseum in Hagen. Dort gibt es viele schöne alte Fachwerkhäuser. Bei einem ist mir aufgefallen, dass die Fugen zwischen Ständerwerk und Gefach mit Acryl abgedichtet wurden und das ganze dann übergestrichen wurde. Das kann doch wohl nicht wahr sein ?????



Acryl



Hallo Dieter, jedes zweite Wort unseres Nachbarn ist auch "mit Acryl ausspritzen". Wir reden ihm immer wieder gut zu, dass Plastik und Silikon an Fachwerkhäusern nix zu suchen hat :-) (außer vielleicht allerhöchstens im Bad bei der Dusche...). Also nicht aufregen, es gibt viele Unwissende ;-). Leider wurde bei Nachbarns letzte Woche die Schwelle ausgetauscht. Ich darf Euch garnicht sagen, wie! Alle Streben wurden abgeschnitten, die Schwelle (14 cm breit und das für ein 11 Meter hohes Haus) mit Winkeln oder Schrauben (wos mit Winkeln nicht ging), um genauer zu sein, EINE Schraube, festgeschraubt (und das in das total angeknabberte Holz - die Schraube hält sicher, aber das Holz???). Das kaputte Fachwerk oben dran wurde zum Teil weggemacht und mit ca. 7 cm dicken Eichenbrettern "verschönert" (also Blendfachwerk so zu sagen). Leider konnte unser Nachbar da nicht einschreiten, da der Hof seinem Vater gehört und der das alles auch bezahlt... Da sind die schönen Lehmsteine, zu dem wir ihn überredet haben, grade Perlen vor die Säue geworfen :-( Grüße Annette



Ja, Acryl bei den Hagenern...



ist mir dort auch schon aufgefallen. Ich habe dort mal einen der Techniker angesprochen und der meinte nur, das wäre eines der ersten Häusern gewesen, die dort aufgebaut wurden, es steht schon etwa 30 Jahre und damals hätte man es nicht besser gewußt. Ich frage mich allerdings warum dieser Blödsinn nicht schon lange ausgebessert wurde. Wenn Sie ein besseres Freilichtmuseum wollen, dann fahren Sie mal nach Lindlar. Das ist erst vor ein paar Jahren entstanden und steht restauratorisch auf höherem Niveau. Grüße von einem bergischen Exilanten





... sind auch in der Niederlausitz anzutreffen, wo man die sogenannten Schrotholzhäuser umgesetzt hat (Rietschen bei Bad Muskau) und gleich einmal sämtliche Fenster einschäumte, mit Gipskarton ausbaute, Zementestriche auf Baufolien einbrachte und so könnte man die Liste noch weiter fortsetzen! Und dort karrt man nun tagtäglich Busse von Menschen hin, den man diese alten Baustile näherbringen will! Ich habe mich da schon öfters gefragt, ob man nicht irgendwann die "antiken" Bauschaumwerke findet oder die uralten Gipskartonfundstätten bald ortet oder oder oder! Auch die angeblich nach historischen Funden wiedererbaute Slawenburg bei Raddusch (Nähe Cottbus), eine zu 100% geförderte Maßnahme, ist komplett in Stahlbeton errichtet und anschließend mit Perimeterdämmung abgedichtet worden. Innen komplett mit Kunststofffenstern ausgestattet (Fenster gabs nie in so einem Wall, auch war dieser früher nie hohl, weil's ein reiner Schutzwall war!!) und mit Gipskartonständerwänden innenwändig nutzbar gemacht. Aber ein riesiger Stab von Bodendenkmalspflegern, Historikern, Bauforschern und ähnlichen "Geldverschlingern", hat sich dort bestimmt eine goldene Nase verdiehnt, denn in den Gazetten stand mehrfach zu lesen, daß nach Originalbefunden wiederaufgebaut wird und wurde!!! Die Außen- und Innenflächen sind dann noch komplett mit Eichenholz verkleidet worden (aufgebolzt!!!). Kosten für das Eichenholz ca. 1 Mio DM! Bei einem meiner letzten Besuche vor der Fertigstellung, konnte ich auf der Bautafel noch folgenden Spruch lesen (aufgesprayt): Wer bezahlt solchen Schwachsinn!! Also was sagt uns dies, immer schön mit offenen Augen durch die Welt gehen. Somit eine gesegnete Nachtruhe allen anderen Mitgliedern, der Lausitzer Lehmbauer.





zur ehrenrettung dieser art von museen muss man sagen, dass sie in der regel ständig mit einem bein im finanziellen abgrund stehen und dass sie oft gar nicht so viele häuser retten können, wie gerettet werden müssten. deshalb wird dort bisweilen auch improvisiert. aber im fall solch gravierender "bausünden" sollten sich die betreiber zumindest verpflichtet sehen, mit einem kleinen schild auf die unzulänglichkeiten hinzuweisen (kostet ja nix). zwei schöne freilichtmuseen gibt es auch im fränkischen: fladungen/rhön und bad windsheim. dort gibt man sich auch sehr viel mühe, alte bau- und handwerkstechniken möglichst authentisch zu zeigen
gruß günter flegel



Acryl



@Martin Malangeri
gab es denn schon vor 30 Jahren dieses Teufelszeug?



Bin ich mir jetzt nicht furchtbar sicher, aber...



zu meiner Lehrzeit als Zimmermann vor 20 Jahren, gabs das schon! Mit Acryl und Schaum, kann man ganze Häuser baun, hieß es damals wie heute. ;-)) Und vor 30 Jahren stand das besagte Haus auch schon da, das weiß ich noch von meinen ersten Klassenausflügen dorthin. Allerdings habe ich als Grundschüler nicht auf diese Feinheiten geachtet, muß ich zu meiner Schande gestehen *verlegengrins*.



Silikon



Hallo, im Freilichtmuseum Detmold kenne ich auch zwei Häuser mit Silikonfugen in Holzrissen und an Gefachkanten (Stand Herbst 2002). Es ist wahrscheinlich wirklich zu teuer die alten Sünden alle auszubessern bzw. es gerät in Vergessenheit. Peinlich ist es aber trotzdem.