Abbeizen und Konservieren eines alten Ölsockels, Gründerzeit

17.06.2016 anne



Hallo,

ich saniere zur Zeit den Hausflur eines mehrgeschossigen Gründerzeitaltbaus (BJ: 1898). Die alte Schahblonierung wurde im Laufe der Jahrzehnte zur Hälfte mit Ölfarbe überstrichen, die nun wieder ab soll, sodass die ursprüngliche Bemalung wieder hervortritt.

Bisher habe ich es mit "Lack ab"-Paste von molto probiert, einem Abbeizer aus dem Baumarkt. Das geht realtiv gut, die unterste Farbe bleibt zum Glück erhalten, aber es bedarf mehrerer Vorgänge bis die obere Ölfarbe ab ist. Teuer ist es mit 30€/m2 außerdem.

Gibt es andere Möglichkeiten wie z.B. Laugen, die in unserem Hausflur sinnvoller und vielleicht günstiger wären? Welche Produkte, welche Abbeizer benutzen Restauratoren vornehmlich? Bei Deffner & Johann finde ich Abbeizer und Entlacker - worin besteht der Unterschied? Und könnt ihr mir neben Spachtel und Ceranfeld-Rasierklingenschaber noch ein unverzichtbares Werkzeug empfehlen?

Schleifen und jede Form grober Gewalt fällt natürlich aus, weil die Schablonierungen das nicht überstehen würden.

Wie konserviere ich die freigelegten Flächen anschließend? Wir wollen auf neue Bemalung verzichten, weil der Charme unserer Meinung nach im Original steckt.

UND: Könnt ihr mir eine Quelle nennen, wo ich Schablonierungen der Zeit finde, unter denen ich vielleicht unsere finde? Gibt es online-archive?

Ich freue mich auf eure Antworten,

Anne



so sieht der Sockel vorm Abbeizen aus,...



..das runde Muster darüber ist wohl von ca. 1920.



Ach und, bevor ich gerügt werde...



Wir haben als Baugemeinschaft in den letzten zwei Jahren mit viel Feingefühl viele Dinge restauriert und repariert, alte Kastenfenster aufgearbeitet, Stuck freigelegt (wobei sogar die originalen Farben erhalten blieben), haben mit Sumpfkalkfarbe und Leinöl die Oberflächen gestrichen und trauriger Weise bei vielen Dingen mit mehr Bedacht agiert, als es mancher Fensterbauer oder Malermeister tat.

Restauratoren sowie das Denkmalamt waren hier und haben es begutachtet. Ergebnis: Wir dürfen selber Hand anlegen. Der Denkmalschutzbeauftragte war sehr angetan von unseren bisherigen Ergebnissen und meinte "wenn das nur auch die Bauträger annähernd so ernst nehmen würden wie Sie."

Uns liegt also der Erhalt der kostbaren Substanz sehr am Herzen und wir handeln mit großer Vorsicht.



also...



das sollte jetzt nicht pampig klingen.
Ich freu mich wirklich sehr, wenn mir jemand einen Rat geben kann und hab bisher immer wertvolle Tipps hier bekommen, wofür ich ehrlich dankbar bin!



Heissluft ?



Unsere Maler haben vorzugsweise mit einem Heissluftfön entlackt.



Halbe Schablonierung



Hallo Anne, so wie ich es auf den Fotos sehe ist die ursprüngliche Historismus/Jugendstilschablonierung nur zur Hälfte erhalten, durch späteren Ölsockel konserviert.
Reicht da nicht ein Zeitfenster zur Dokumentation des Urzustands? Es gab damals tausende Schablonen- von einem online Archiv weiß ich nichts. Fragen sie doch mal bei dem Österreicher Malerrestaurator unter www.dekorationsmalerei
an, der viele alte Schablonen besitzt.

viel Erfolg

Birger Jesch



Ja richtig,



der untere Teil der ersten Schablonierung wurde wohl ganz gut durch den Ölanstrich konserviert. wiederum gibt es andere Stellen, wo zum Teil gar nichts oder wiederum auch der obere Teil erhalten ist. Uns Eigentümern gefällt das erste Muster am Besten und wollen den Charme, den das unperfekte unserer Meinung nach hat, gern im ganzen Hausflur haben. Damit das nicht zu chaotisch wird, werden wir zum Schluss den Ölsockel bis zum Boden neu streichen.
Über die Österreichische Seite bin ich schon mal gestolpert; vielen Dank für den Hinweis, da werde ich mich mit denen mal in Kontakt setzen.
Mir wurde auch geflüstert, dass das Grassi-Museum in Leipzig eine Bibliothek zu dem Thema hat, da werde ich auch mal hingehen.

Das Abföhnen habe ich schon probiert, beschädigt aber die Erstbemalung und stinkt leider noch viel mehr, als die Beize.

Vielen Dank für die bisherigen Tipps!



Abbeizer selbst herstellen



Das geht mit Schmierseife und Löschkalk zusammen. Hautkontakt vermeiden, weil ätzend.



das klingt ja spannend,



und natürlicher und günstiger als fertige Beize. Weil Chemie nie so mein Gebiet war, muss ich fragen: Kann ich da auch reinen Sumpfkalk (6-Jahre, gasgebrannt, aus Hundisburg) für verwenden? Davon hab ich nämlich noch genug stehen.
Das wäre ja toll.



Ja, das geht



Ich habe dieses Rezept selbst noch nicht ausprobiert, aber gute Ergebnisse dazu schon gesehen.
Hundisburger Kalk geht prima, weil sehr gute Qualität.
Schmierseife dürfte es in jedem größeren Drogeriemarkt geben.
Beim Mischungsverhältnis etwa 1 : 1 und der benötigten Zeit bitte etwas experimentieren.
Viel Erfolg und gutes Gelingen.!! Ich freue mich, daß Ihr das Alte, Originale in Eurem Haus möglichst optimal erhalten wollt. Aus der Gründerzeit ist inzwischen das meiste an originalem Stuck und Schablonierung verschwunden. Bei nötigen größeren Fehlstellenergänzungen können die fehlenden Schablonen auch abgepaust und nachgeschnitten werden.



Und Stichwort "Konservieren",



Könnte da evtl. Lithiumwasserglas eine Möglichkeit sein, oder greift das die Malerei an? Es scheint unter Umständen den Untergrund aufzuhellen, aber ich möchte ja eigentlich eine Intensivierung der Farbe erreichen und sicherstellen, dass nicht Salze und Luftfeuchte die freigelegten Muster in den nächsten Jahren/ Jahrzehnten zerstören.
Fällt da jemandem was ein?

Eine Schablone würde ich eh versuchen abzupausen aus den verschiedenen Fragmenten; für den Fall, dass wir doch noch was nachzeichnen wollen. Und auch einfach für die Dokumentation.

Wie kann ich mir die Konsistenz des Schmierseifen-Kalk-Gemischs vorstellen...soll das wässrig oder eher Joghurtartig oder pastös sein? Ich probier das morgen einfach mal.



Konservierung



Lithiumwasserglas dient eher dazu, Sandstein zu festigen. Bei normalem Kalkputz tut es das freilich auch. Viel hilft nicht unbedingt viel.
Es muß von allein einziehen. Wenn sich etwas aufhellt, liegt es daran, daß sich Spuren von Kalkpartikel an die Oberfläche absetzen. Ich würde deshalb nicht Streichen also nicht reiben, sondern nur das Festigungsmittel aufstupfen. Restauratorenregel: So wenig wie nötig.

Zur Schablonierung: Die Muster sind in der Regel immer gut handhabbare, wiederkehrende Formen, deren Größe sich recht gut erkennen läßt. In der Regel ist es eine Schablone pro Farbton.

Wenn das Original mehrfach oder mindestens einmal mit Ölfarbe überstrichen war, dann haben sich auch die Farbtöne der Schablonierung verändert und sind meistens dunkler geworden. Wenn Ihr Töne nachmischen und teilweise rekonstruieren wollt, dann sollte vielleicht doch ein Wandrestaurator einmal mit draufschauen.



Seife



Ich hab jetzt 2Kg Marseiller Seife geholt (im Bau-und Farbenkontor, der auch ein super Ansprechpartner bei all unseren Arbeiten ist) und probier das mal.
Ja, wenn wir Teile wiederherstellen wollen, holen wir uns einen Fachmann. Wir hatten auch schon zwei Leute da, aber eh da ein Angebot kam vergingen schon Wochen und wir wohnen jetzt seit Monaten mit dem dreckigen Teppich aus der Bauphase im Hausflur und fangen einfach mal an mit dem, was wir können.

Gäbe es eine Alternative zum Wasserglas?

Ich hätte mittlerweile Lust meinen Studiengang zu wechseln, das ist alles so interessant!

Vielen vielen Dank für die guten Tipps!



zur Konsistenz Abbeizer



Das Abbeizer-Gemisch sollte so eingestellt werden mit wenig oder kein Wasser, so daß es an Wand und Decke haftet, ohne zu laufen, wie ein Gel. Ruhig dicker auftragen und längere Zeit einwirken lassen. Mindestens eine Stunde. Es sollte aber keineswegs eintrocknen, also Vorsicht bei Zugluft.
Der Abbeizer muß immer auch gut wässrig nachgereinigt werden. Da gehört viel Übung dazu, auch um die Malerei + Schablonierung nicht zu beschädigen.

Wasserglas kann sehr hart werden. Deshalb wird empfohlen, es etwas zu verdünnen. Dann dauert es freilich auch länger bis es aushärtet, weil das Wasser erst vollständig verdunsten muß. Sanfte Luftbewegung hilft dabei.

Die Frage nach Alternativen: Freilich hilft eventuell auch ein Acrylat, stark verdünnt. Aber dann habt Ihr in einigen Bereichen, also partiell einen Kunststoff in der Wand und spätere Anstriche bewirken dann möglicherweise Flecken als unterschiedliche Hell-Dunkel-Reaktionen. Es kommt darauf an womit Ihr streien wollt.

Ungesehen lassen sich immer nur schwierige, ungenaue Aussagen treffen. Eine Acetatlösung kann auch helfen, PVAC. Aber das würde ich eher bei neuerem Putz einsetzen.



YES!



Es funktioniert!
Für die, die es ausprobieren wollen (denn es geht ausgesprochen gut): Ich habe nun 1 zu 1 Sumpfkalk und Marseiller Seife(mit kochendem Wasser verflüssigt) 20 min. zu einer homogenen Creme gerührt, die Fläche abgeklebt, mit dem Spachtel 2mm stark aufgetragen, Frischhaltefolie drüber und 2h einwirken lassen. Zwischendurch an manchen Stellen mit einer Sprühflasche befeuchtet und dann mit dem Spachtel wieder abgenommen. Die Malerei ist gut erhalten geblieben (nur in Fensternähe war der Putz so blöckelig, dass er z.T. abfiel).
Wenn man vorsichtig vorgeht und die letzte dünne Schicht mit einem Schwamm abwischt und tupft, hat man eine gute Kontrolle darüber, was geht und was bleiben soll. Lässt man die fertige Fläche dann trocknen, ist die Oberfläche wieder fest.

Nun werde ich als nächstes Wasserglas o.ä. zum Konservieren auftupfen.

Eine weitere Frage habe ich (Farbchemie): Die Farbe des unteren Sockels würde ich gern originalgetreu neu streichen. Dazu habe ich eine Stelle abgebeizt, die nun braun und blau erscheint. Aber kann es auch sein, dass durch die Behandlung mit Beize oder das Überstreichen mit neuer Ölfabe Farben sich so verändern, dass ein ursprüngliches grün dann blau erscheint? Denn die Ursprungs-Malerei ist eindeutig (oliv-)grün, die spätere dunkelbraun, das Holz der Treppen und des Handlaufs ebenfalls dunkelbraun. Da wirkt das blau auf mich ungewöhnlich (aber auch nicht unschön).

Und: Ist es ratsam den Ölsockel nun mit Acryllack zu streichen, der vielleicht diffusionsoffener ist als ein neuer Ölanstrich?
Ziel ist natürlich eine möglichst historische, aber auch langfristig "benutzerfreundliche" haltbare Oberfläche.

Und (wenn wir schon bei Chemie sind) noch eine ganz andere Frage: Wie färbe ich Lauge ein? Welche Pigmente kommen in Frage bzw. kann ich mich erinnern, dass manch chemische Reaktion mit Lauge pink und blau usw. zur Folge hat. Ich möchte damit Holz einfärben.

Ich danke allen, die sich hier im Forum beteiligen; die Expertise mit der hier manche Leute zum Erhalt historischer Bausubstanz beitragen ist beispiellos für mich.



Bild 2



(wie kann man denn mehrer Bilder gleichzeitig hochladen?)



Ölsockel nach Beizen



wirklich blau?