45 cm dicker Balken muss getauscht werden

26.01.2017 Sulzer



Wir haben frisch ein 300 Jahre altes Kniestock Fachwerkhaus erworben. Insgesamt ist es in einem sehr guten Zustand. Jedoch muss ein Eckbalken getauscht werden. Untypisch wurde in unserem Haus sehr geklotzt. Unsere eckbalken haben eine Kantenlänge von jeweils 45cm und sind 4 Meter hoch. Die Zimmerei meinte nun, dass es keine so dicken Balken mehr gibt und auch bei Abbruchgebäuden selten welche gefunden werden in der dicke. Nun wollen sie aus zwei Balken ein Winkel zusammen setzten und somit von außen die Form zu waren. Statisch würde dies wohl mehr als ausreichen.

Klingt das nach einem guten Plan oder sollte ich doch nach einem derart überdimensionalen Balken suchen?



sowas gibt es schon..



Bei der Firma M.Blöcher /Baustoffrecycling in Lemgo..
Die haben zumindest Laut Liste Deckenbalken bis 13 m Querschnitte bis 45cm..

gutes gelingen wünscht Flakes..



Fachwerksanierung



Das ist für einen Stockwerksbau sehr ungewöhnlich und passt eher zu einem Ständerbau.
Können Sie ein oder zwei Fotos von der Fassade einstellen?



Bild vom Haus



Hier sieht man ganz gut die Eckbalken.



Fachwerksanierung



Gebäude dieser Altersklasse gibt es nicht oft.
Leider ist nicht mehr viel vom Orginal übriggeblieben.
Was ich sehe ist ein wüst zusammengestoppeltes Fachwerk dessen einzelne Teile nach und nach im Laufe der Zeit mit dem ausgetauscht wurden was gerade zur Hand war.
Der Eckpfosten scheint auch in diese Kategorie zu fallen. Wenn die Denkmalpflege mitmacht gehen sicher auch kleinere Profile als Ersatz wobei ich nicht ganz mitkriege warum der Balken komplett getauscht werden muß und nicht repariert werden kann.
Bei der Gelegenheit sollte der Sockel mit überarbeitet/ausgetauscht werden dessen Vorsprung eine potentielle Schadensquelle für die Grundschwelle ist.



Eckbalken



Der linke Eckbalken, leider nicht sichtbar, ist komplett ausgehöhlt. Auch die Schwelle ist auf dieser Seite durchgemodert.

Gegenüber dem Denkmalschutz, diebessichre Haus als "außergewöhnlich gut erhaltenes Kniestockhau" bezeichneten, bin ich überrascht, dass sie wohl eher wenig Original übrig ist. Die Gefache sind alle samt mit handgeschnitzten Bretchen und Lehmwickel passgenau in die Zwischenräume gefasst.

In welchen Jahren wurde noch so nachträglich ausgebessert?



Fachwerksanierung



Es passt so einiges nicht.
Das Tragwerk eines Hauses wurde von Zimmerern auf dem Schnürboden (einem freien, ebenen Platz) von den Maßen her aufgerissen und die Tragwerksteile Wand für Wand, Decke für Decke zugeschnitten und probeweise zusammengefügt. Die Teile wurden mit einem speziellen Code versehen, auseinandergenommen und zur Baustelle transportiert wo sie wieder anhand der Markierungen zusammengesetzt wurden. Dabei gab es ein bestimmtes Muster. Senkrechte Stiele (Stöcke) standen übereinander, unten gab es eine Schwelle in die sie eingezapft wurden oben einen Rähm der sie zusammenhielt. Zur Aussteifung gab es schräge Bügen, waagerecht wurde die Wand durch brüstungsriegel und Stürze geteilt. Die senkrechten und waagerechten Hölzer hatten alle den gleichen Querschnitt, die Zapfenverbindungen wurden durch Holznägel gesichert. Auf dem Rähm lagen traufseitig die Deckenbalken, am Giebel manchmal kurze Stichbalken, manhmal auskragend. Dann kam das nächste "Stockwerk".
Es gab einen gewisse Standardisierung hinsichtlich der Maße.
Jetzt sehen Sie sich mal Ihr Tragwerk an.
Das wurde so garantiert nicht vom Zimmerer abgebunden. Wenn Sie es prüfen wollen können Sie das anhand der Abbundzeichen nachverfolgen.
Ich könnte jetzt noch ein paar Seiten über Abweichungen schreiben, sei es bei den verschiedenen Querschnitten der Sti, den vorgeblendeten Zier- bzw. Windbrettern, den fehlenden Holznägeln, den fehlenden Verbindungen zwischen den Wandscheiben, den nachträglich eingesetzten Fensteröffnungen usw. Von Hand zugerichtete Profile erkennt man an den Dexelspuren und den Fehlkanten, maschinengesägte Profile sind gerade und scharfkantig...
Es gab auch nicht solche vorspringenden Putzkissen, für mich ein Zeichen das der Giebel vor einigen Jahrzehnten neu aufgebaut wurde.



Fachwerksanierung



Ein Eckstiel dieser Dimension und bei der Bauepoche würde eher so aussehen wie auf dem Foto. Dabei spielt es keine Rolle ob er auf einem Sockel oder einem massiven Erdgeschoss steht.



Fachwerk



Vielen Dank für die umfangreiche Erklärung. Was mich dann nur wundert, weshalb das Denkmalamt dem Haus einen so bedeutenden kulturellen Wert zu gesprochenen hat. Anscheinend wurde diese vielfachen Veränderungen und Abänderungen nicht so deutlich wahrgenommen. Das die Lehmwickel so ursprünglich konstruiert wurden, hätte ich zumindest wesentlich älter eingeschätzt als ich es durch Ihre Erklärung nun vermuten lasse.



Fachwerksanierung



Ich habe in meinem Archiv zwei Beispiele gefunden wo solche Eckstiele an Häusern ähnlichen Typs verbaut worden.



Eckstiel



Die Stiele sind immer in den waagerechten Riegeln, Schwellen und den Rähmen eingebunden.



Teilweise ersetzen



Bei mir habe ich auch so ein Schätzchen gefunden. In dem Fall hat der Zimmermann den beschädigten Teil des Balkens herausgesägt und ein passendes Teil aus neuer Eiche eingefügt. Die Statik wurde dadurch wiederhergestellt. Der darüberliegende Rähmbalken wurde auf 1,5 m ersetzt.

Es geht also manchmal auch einiges zu reparieren.

Der Balken ist zwar nicht ganz so stark, sollte aber schon so 40 cm haben.



Ergebnis



Danach wurde dann der Rähmbalken wieder neu ins Fachwerk eingebunden. Inzwischen wurde das alles wieder gestrichen und das sieht von der Straße keiner mehr.



Fachwerk



Sieht gut aus. Bei uns ist leider nichts mehr zu retten. Wir haben uns nun für die Kombination aus zwei Balken entschieden, die im Winkel neben einander stehen werden und somit den Balken ersetzten.



Zusammengesetzt



Auch bei mir sieht man dass die Balken zusammengesetzt sind. Neben dem Eckstiel ist in Richtung Fachwerk noch ein weiterer Balken gesetzt worden. Wenn ich mal wieder im Lande bin werde ich mal nachmessen. Nach den Verwitterungsspuren auf den Balken sollte das schon alt sein. Damit sieht der Eckbalken breiter aus als er tatsächlich ist.