Verbreitung des Gulfhauses

Das GulfhausIm späten Mittelalter war auch im nördlichen Teil des Weser-Ems-Gebietes ein Wohnstallhaus in Fachwerkbauweise vorherrschend verbreitet, doch im 16. und 17. Jahrhundert wurde in den Marschen und dann in den anschließenden friesischen Geestgebieten das Landschaftsbild von einem neuartigen Bautyp eingenommen und geprägt, einem nur noch in Ziegelstein gekleideten, fachwerklosen Wohn-Stall-Speicherhaus.

Entlang dem Nordseeküstenraum von Westflandern über Holland und Ostfriesland erstreckt sich (mit Unterbrechung durch das vom niederdeutschen Hallenhaus eingenommenen Elbe-Weser-Dreieck) diese Hausform bis nach Schleswig-Holstein. 1936 wählte K. Junge für alle friesischen Bauten mit einem kubischen Erntestapelraum im Inneren, dem Gulf (Ostfriesland "gulf", niederländisch "golf"), die wissenschaftliche Bezeichnung: Gulfhäuser.

Konstruktion

Da das große Einfahrtstor des ostfriesischen Gulfhauses niemals in der Giebelmitte - wie beim Hallenhaus - angebracht, sondern stets zur Seite gerückt ist, wird hier erstmalig die diesem Haustyp eigentümliche Asymmetrie augenfällig; zu begreifen ist sie nur durch die Art der Erntestapelung im Inneren der Gulfscheune. Der Raum, der im niederdeutschen Hallenhaus von der langestreckten, weiträumigen Diele eingenommen wird, ist im Gulfhaus ausgefüllt von den aneinandergereihten Gulfen, den hohen kubischen Stapelräumen, die sich zwischen je vier im Rechteck stehenden mächtigen Ständern dehnen. Im Gegensatz zur Diele des Hallenhauses, die nur bis zum Dachboden reicht, ragen die einzelnen Gulfe vom Erdboden bis zum Dachfirst hinauf, so daß man ungehindert bis unmittelbar unter das Dach blicken kann, sofern die Ernte noch nicht in die Gulfräume eingelagert worden ist. Da die Getreide- und Heuernte im Friesenhaus innerhalb der Gulfe vom Erdboden bis in den Dachraum aufgestapelt wird, spricht man von einem erdlastigen Gulfhaus, aber von einem balkenlastigen Hallenhaus, da die Ernte dort auf die schweren, tragfähigen Balken gelagert wird. Während also das Gulfhaus nach eingefahrener Ernte ein "volles Haus" wird, bleibt das Hallenhaus mit Erntestapelung auf dem Dachboden ein "hohles Haus". Die erdlastige Erntestapelung im Gulfhaus ermöglicht es, trotz des weitaus schwächeren Bauholzes als im balkenlastigen Ständerreihenhaus, einen ungleich größeren Bergungsraum für die Ernte zu gewinnen. Die einander gegenüberstehenden Gulfständer sind unter sich gleichfalls durch Balken querverbunden wie im Hallenhaus, doch haben diese Hölzer niemals die Erntelast, sondern nur das Dach zu tragen und dienen ferner zur Verankerung und Verspannung des Gulfgerüstes.

Ställe

Sind in den Abseiten, den Seitenschiffen des niederdeutschen Hallenhauses, stets die Rindviehställe eingerichtet, so erfüllen im Gulfhaus die Seitenschiffe verschiedene Zwecke; das eine Seitenschiff ist als Durchfahrtsdiele, das andere hingegen zur Aufstallung des Rindviehs gestaltet. Die Kühe in den friesischen Häusern stehen nicht in den Tiefställen, sondern auf einem gemauerten Hochstand, der von einer Jaucherinne begrenzt wird; auch schaut das Rindvieh nicht wie im Hallenhaus mit dem Kopf zur Diele, sondern umgekehrt mit dem Kopf zur Wand. Hinter dem Wirtschaftsgiebel befindet sich der Pferdestall, der in mehrere Boxen gegliedert ist.

Wohnteil

Der Wohnteil des Gulfhauses, bei den Friesen als Vorderhaus bezeichnet, ist von der Gulfscheune durch eine gemauerte Ziegelsteinwand getrennt. Statt des bodengleichen, freiliegenden Herdes ohne Schornstein kennt das Gulfhaus von Anbeginn an den westeuropäisch beeinflußten, kaminartigen Herd mit Rauchabzug. Dieser mit geziegelten Bodenkacheln ausgelegte Wohn- und Wirtschaftsraum ist in der Regel auch mit den Alkoven, den Schrankbetten für die bäuerliche Familie, ausgestattet. Auffälliges Unterscheidungsmerkmal zum Hallenhaus ist auch die Fensterkonstruktion. Nicht die in Mitteleuropa gewöhnlich anzutreffenden Flügelfenster, sondern die nach oben hin zu öffnenden , für Westeuropa charakteristischen Schiebefenster sind in diesen Häusern bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts die Regel.

Entstehung

Das Entstehen des Gulfhauses ist im Prinzip die Erfindung eines neuen Wirtschaftsteils, der sog. Gulfscheune, wohingegen der angefügte, zunächst kleine Wohnteil unverändert fortbestehen konnte. Der Niederländer Uilkema konnte im holländischen Friesland ein längsachsiges Wohn-Stallhaus für die alten Weidebetriebe der Marsch nachweisen, das keinen erntebergenden Dachraum kannte. Um das Heu als Winterfutter trocken zu stapeln, bediente man sich dort des sog. "Heubergs", auch "Vierrutenberg" genannt; er besteht aus einem Gerüst aus vier in den Boden gegrabenen senkrecht stehenden Stangen (Ruten), an denen ein pyramidenförmiges Dach auf und ab beweglich ist und je nach Erntemenge in einer bestimmten Lage festgestellt werden kann. Der Vierrutenberg umschließt also ähnlich wie der Gulf einen kubischen Erntestapelraum.

Im Übergang vom anspruchslosen Weidewirtschaftsbetrieb, für den die Stapelung im Heuberg ausreichen mochte, zum Ackerbaubetrieb mußte alsbald das Verlangen nach geschützter Bergung des wertvollen Getreides entstehen. Dem Grundgedanken nach stellt der Scheunenteil des Gulfhauses nichts anderes dar als die Einbeziehung dieses uralten Heubergprinzips in ein großes und festes Baugegüge unter einem feststehenden Dach. In Holland-Friesland existieren solche Stapelscheunen als "Blockschuur", hierzulande auch als Vierrutenbergscheune bekannt. Die in den Marschen des Küstensaumes also seit Jahrhunderten bekannte Erntestapelweise im Rutenberg war nicht ohne Wirkung auf die schnelle Übernahme des neuen Baugedankens einer Getreide-Gulfscheune; aber eine gradlinige Entstehung_des_Fachwerks.html TARGET=_self>Entwicklung vom Heuberg zur Gulfscheune ist deswegen nicht zu folgern; dazu bedurfte es neuer Impulse im Sinne einer schöpferischen Hausbauidee.

Diese landwirtschaftlichen Großbauten (Gulfscheunen) entstanden, als die sicher eingedeichten Marschen seit einiger Zeit getreidefähig und mit verbesserter Anbaumethode ergiebig geworden waren, als man mit Hilfe von Mühlenbauten besser entwässern konnte, als der städtische Getreidemarkt immer stärker anzog, als frühkapitalistische Unternehmer und frühkapitalistisches Denken von den damals führenden westeuropäischen Städten her in altbäuerliche Zustände der Marschen eingriffen und Großbetriebe sich auf Kosten zurückgebliebener Höfe durchsetzten" (J. Schepers).

Dieser neue Wohn-Stall-Scheunentyp konnte auf das im flandrisch-brabantisch-niederländisch-niederrheinischen Gebiet entwickelte Gefüge des Ankerbalkendaches in Jochbindung, das Hochrähmgefüge, zurückgreifen. Gänzlich neu war die erdlastige Getreidestapelung; statt der Mehrzweck-Wohnarbeitshalle war jetzt der Erntestapel Mittelpunkt des Hauses geworden; ein reiner Zweckbau bestimmte Wohnen und Wirtschaften.

Die Hausforschung verweist auch auf einen bestimmten Haustyp des Hochmittelalters in Westeuropa, der für die Erfindung und Ausgestaltung des Gulfhauses unmittelbarer Vorläufer und Vorbild gewesen sein könnte: die Kloster- und Zehntscheunen (Grangien). "Sie sind meist dreischiffig, wenn auch mehrschiffige Grangien nicht unbekannt sind. In Frankreich ist eine Toreinfahrt im Giebel häufig. Hier wurde die Ernte offenbar meist bodenlastig gestapelt; doch gibt es auch Hinweise, daß gelegentlich Vieh oder sogar Klosterbrüder darin untergebracht waren. Diese großen Hallen besitzen mehrere Voraussetzungen, die sie als Vorbilder prädestinieren; sie gehören dem bäuerlichen Arbeitskreis an; in ihnen wird die Ernte gestapelt und manchmal das Vieh eingestellt, das Giebeltor mit Einfahrt der Erntewagen ist hier vorgebildet" (H. Hinz).

Die Geschichte des ostfriesischen Gulfhauses unterstreicht einmal mehr, daß landwirtschaftliche Großbauten keine "urländliche", eigenständige Entwicklung aufweisen, sondern stets Anregungen aus den adeligen, mönchischen oder bürgerlichen Oberschichten und deren hochqualifizierten Berufshandwerkern aufnahmen, sie dann aber kreativ für die eigenen Bedürfnisse umformten. Auch das Gulfhaus schaut also auf eine verästelte Hausgenese zurück. Dem Rutenberg kommt in dieser Entstehungsgeschichte zwar eine Bedeutung, aber keine ursächliche Erfinderrolle bei der Ausformung der Gulfscheune zu.

Das ostfriesische Gulfhaus vermochte aufgrund seiner sparsamen Holzverwendung und seiner maximalen Erntestapelung zu Beginn des 19. Jahrhunderts auch tief in die angestammten Gebiete des niederdeutschen Hallenhauses einzudringen.