Sanierung Umgebindehaus

Sanierung UmgebindehausHallo an alle im Fachwerkforum! Nach langer Zeit des stillen Mitlesens möchte ich mich nun auch mal kurz vorstellen bzw. mein Projekt. Zur Lagebeschreibung muss ich wohl etwas weiter ausholen, wer nicht so viel Zeit hat, einfach den letzten Abschnitt lesen***.

Ich bin 24 Jahre alt, absolvierte nach der Realschule eine Ausbildung als Elektroniker im Vogtland. Danach zog ich mit meiner Freundin nach Dresden, machte mein Fachabitur und studiere jetzt Elektrotechnik im 6. Semester. Da der Trend ja doch eher durch eine „Landflucht“ jüngerer Menschen aus ländlicher Gegend geprägt ist, bin ich froh, dass sich das in meinem Freundeskreis überwiegend nicht bemerkbar gemacht hat. Ausgenommen meiner „kurzen“ Abwesenheit zum Studium ;). Lange Rede kurzer Sinn, es hat sich ergeben, dass eine ältere Frau bei uns im Heimatdorf Ende 2014 ein Fachwerkhaus (Umgebindehaus) Verkaufen wollte, um altersbedingt in das nächstgelegene Städtchen zu ziehen. Zeit und Geldmäßig war es natürlich eher unpassend für uns, aber die Gelegenheiten bei uns im Dorf ein Einfamilienhaus zu bekommen, sind doch eher selten. So sind wir zu diesem Umgebindehaus gekommen. [Bild 1,2]

Zum Haus lag ein einfaches Wertgutachten von 2008 vor und ein befreundeter Architekt hatte das Haus auch noch einmal in Augenschein genommen. Es besteht kein Denkmalschutz. Laut alter Bauzeichnungen und Ortsplänen sind Teile des Hauses mindestens 150 Jahre (vermutlich noch älter, eventuell frühere Stallnutzung). Um 1925 kaufte ein reicher Fabrikant das einstöckige Haus und nutze es nur als Sommerhaus. Zwei Jahre später ließ er es um eine Etage aufstocken, mittels hier ortsunüblicher Umgebindebauweise. Den wahrscheinlichen Grund dafür fanden wir, als wir die Verkleidung der Wände im Erdgeschoss entfernten. Hier zeigte sich, dass der gesamte Schwellbalken inklusive des restlichen Fachwerks bis auf Höhe Unterkante der Fenster weggefault war. Die „Erstentdeckung“ dieses Schadens muss um 1927 gewesen sein, als man das Haus um eine Etage erweitern wollte und feststellen musste, dass die Wände im Erdgeschoss nicht mehr tragfähig sind. Daraufhin wurden die schadhaften Balken entfernt, in alle dadurch entstandenen Hohlräume Zement/Mörtel gefüllt und ein paar Ziegel rein gedrückt. Des Weiteren wurde eine einfache Horizontalsperre aus Bitumenpappe auf Erdniveau eingebracht und die Wand mit hinter lüfteten Holzpaneelen überdeckt. [Bild3,4] Im älteren Teil des Erdgeschosses gibt es gar kein Fachwerk mehr es wurde irgendwann komplett durch eine Ziegelwand ersetzt. [Bild 5] Da nun diese Wände aber nicht mehr belastbar waren, aber der Wunsch nach der zusätzlichen Etage scheinbar noch vorhanden, reihte man Ständer rund um das Haus auf Granitblöcke und trug die gesamte Last der neuen Etage und des Daches auf das Umgebinde ab. Somit ist das hier auch kein klassisches Umgebinde, zur mechanischen Entkopplung der Webstuhlvibrationen, sondern wohl eher aus der Not heraus. [Bild 6] Natürlich haben wir diese ganzen Dinge, wie sollte es anders sein, erst mit Beginn der Entkernung entdeckt. Das Haus war sehr verwinkelt, es hatte nur eine kleine Toilette im Erdgeschoss und eine einzelne Badewanne auf dem verkleideten Balkon! Es wurde auch zwischenzeitlich von zwei Familien bewohnt (~140 m²). Dach und Dachstuhl, sowie Wände (ausgenommen Erdgeschoss) sind in einem guten Zustand aber sehr dünn. In der 1. Etage handelt es sich um eine 12er Fachwerkwand ausgemauert mit Lochziegeln, von außen mit Holz beplankt und darüber eine Schieferfassade. Letzte „Sanierungsmaßnahme“ war 1995, es wurden alle Holzfenster durch Kunststofffenster ersetzt. Der Plan ist, das Haus innen komplett zu sanieren. Ich möchte möglichst viel in Eigenleistung gestalten, soweit es die Zeit zulässt (Studium/ Wohnung 150 Km entfernt etc.). Es sind aber auch noch zwei-drei Jahre Zeit bis zum potenziellen Einzug. Meine Eltern wohnen ganz in der Nähe, die mich unterstützen und bei denen ich wohnen kann, wenn ich auf der Baustelle bin (Wochenende, Semesterferien usw.) Wir haben auch einen befreundeten Bausachverständigen der uns bei der Planung und Durchführung unterstützt. Trotzdem würde ich mir gern noch andere Meinungen und Ideen zum Konzept holen und wollte mich deshalb hier bei euch mit meinem Projekt vorstellen. Entschuldigung für den vielen Text, aber ich dachte so kann ich eventuell die Zusammenhänge etwas besser darstellen.
Grob zur Idee: Entkernen, Bodenplatte, Leichtstrohlehmdämmung nach Franz Volhard und eventuell da wo nur wenig Aufbau möglich ist Schilfrohrmatten im Lehmbett, Elektrik, Sanitär neu, Fußbodenheizung, am liebsten mit Wärmepumpe.

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Nun ist die Entkernung schon recht weit voran geschritten und es wäre nun ein tragfähiges Gesamtkonzept wünschenswert. Sinngemäß der Vorschlag des Bausachverständigen: Wenn die kaputte Außenwand im Erdgeschoss nichts trägt (Obergeschosse liegen auf dem Umgebinde) diese Wände ordentlich sperren, Bodenplatte und einfach die Strohlehmdämmung davor. Nun hat sich aber beim Entfernen der Dielen in der ersten Etage gezeigt, dass in einer Hälfte des Hauses die Fußbodenbalken nicht ans Umgebinde sondern auf den kaputten Erdgeschosswänden aufliegen. [Bild7,8,9] Somit müssten jetzt diese Balken entweder am Umgebinde angeschuht oder die Wände im Erdgeschoss komplett erneuert werden. Das letztere käme schon einem kleinen Albtraum nahe, da ursprünglich geplant war die Außenfassade nicht zu beeinträchtigen (da Augenscheinlich in einem guten Zustand). Was würdet Ihr mir empfehlen aus der Ferne? Ist jemand in der Nähe (08491), der sich gern mal ein Bild vor Ort machen würde? Oder könnt ihr Jemanden empfehlen, der konkrete Erfahrung hat mit Fachwerkssanierung? Mein Budget ist momentan noch sehr begrenzt, als Student, aber ich würde gern trotzdem noch einmal andere Meinungen hören.
Schon einmal vielen Dank für eure Hilfe und Entschuldigung für den vielen Text ;)

Bilder: https://www.dropbox.com/sh/r4iu52d0fm3wfxb/AACqWgYKZAXYsaQJiotQoKdka?dl=0

Mitglied der Fachwerk.de Community
| 16.05.16

Simplicate and add lightness


(Spruch aus dem Flugzeugbau)

Was soll die Geschichte mit dem Strohlehm ? Wenig Dämmung pro cm.

Ich würde beim Entkernen etwas weiter gehen. Was bringen oben die Ausfachungen aus Hochlochsteinen ? Würde ich rausnehmen und durch eine geeignete Dämmung ersetzen (z.B. Holzflex oder Zellulose). Innenseitig OSB als Versteifung und Dampfbremse, dazu eine gedämmte Installationsebene.

Wenn die Mauern unten nichts taugen, würde ich mir überlegen, sie durch neue Wände aus Dämmziegeln oder Holzständer zu ersetzen. Oder man akzeptiert einfach dass der Fussboden auf maroden Wänden sitzt, es scheint ja schon eine Weile gehalten zu haben... Gibt es in eurer Gegend Erdbeben ?
Ich habe einen einfachen Geschmack - ich bin mit dem möglichen zufrieden. (frei nach Oscar Wilde)
Mitglied der Fachwerk.de Community
| 17.05.16

Günstige Dämmung in Eigenleistung


Vielen Dank für Ihre Antwort.

Zum Strohlehm: Ich kam letztes Jahr in die Verlegenheit eine LKW Ladung Lehm von einer alten Ziegelei mit angrenzender Lehmgrube zu bekommen. Der Lehm ist bereits aufgearbeitet (Geschämt/Gesiebt) und schneit mir gut geeignet (einfache Feldtests). Das Stroh kommt in eine Lehmschwämme, wird gemaukt, und wird dann in eine verlorene Schalung, vor der Wand, eingebracht. Je nach Verdichtung des Strohlehmgemisches ist die Dämmwirkung gar nicht so schlecht im Vergleich zu anderen Materialien. Überzeugt haben mich die einfache Handhabbarkeit und die Möglichkeit viele der Arbeiten selbst durchführen zu können. Des Weiteren der naturnahe Baustoff sowie die gute Interaktion mit der Bestehenden Wand und der Fähigkeit Feuchtigkeit gut aufzunehmen und wieder abzugeben. Auch die Unterbringung der Installationsebene im Leichtlehm schien mir Attraktiv. Auch ist es bei dieser "Diffusionsoffenen" Bauweise möglich auf diverse Dampfbremsen zu verzichten, wenn sich keine Hohlräume zwischen alter Wand und Strohlehmdämmung befinden.

Die intakten Wände in der 1. Etage würde ich nur ungern neu Ausfachen. Zumal ja dann wahrscheinlich auch die gesamte Schieferfassade daran glauben müsste!?

Es gibt sogenannte Schwarmbeben aber die sind in ihrer Intensivität, hinsichtlich der Statik, eher als ungefährlich einzustufen würde ich sagen. (Haus steht so auch schon 100 Jahre)

Mitglied der Fachwerk.de Community
| 17.05.16

Strohlemdämmung


Nicht mauken, das Stroh mit dünnflüssigem Lehm anmischen und sofort einbauen.
Das Material trocknet so schneller da hier der Wasseranteil des Strohs fehlt. Das trockene Stroh lagert einen Teil des überschüssigen Anmachwassers ein. Wichtig ist das der Strohzuschlag wirklich trocken ist.
Bei zuviel Wasser ergeben sich lange Trocknungszeiten die zum Schimmeln des Strohanteiles bzw. Pilzbefall führen können.
Immer vorher Gehirn einschalten
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Ingenieurbüro Georg Böttcher | | 17.05.16

Strohlemdämmung


Alles klar. Vielen Danke für den Hinweis!

Mitglied der Fachwerk.de Community
| 17.05.16

Strohlehm Dämmung


Ich muß Herrn Ing. Böttcher Recht geben!
Vorsicht mit zu viel Wasser, das Holz nimmt leichter Schaden als man vermutet.
Wir haben auch gerade ein Umgebindehaus saniert, das kann auch besichtigt werden. Wildenfels bei Zwickau Parkstraße 7. Viel Erfolg, wenn Hilfe gebraucht wird, einfach mal melden.
Gruß Heino
Altbausanierung, Lehmbau, Denkmalpflege, Holzbau
Mitglied der Fachwerk.de Community
Zimmerei & Lehmbau Langer | | 24.05.16

Umgebindehaus


Hallo Heino, danke für Ihren Kommentar. Das ist ja gleich um die Ecke, da komme ich gern mal vorbei! Danke für das Angebot.

Mitglied der Fachwerk.de Community
| 24.05.16

Wände-Bilder aus der Bilddatenbank: